Der Bundesrat als Prophet
Wie der Tagesanzeiger Beat Jans eine ungetrübte Plattform für Apokalyptik bietet, den Brexit-Vergleich als Waffe zulässt, ohne ihn zu prüfen, die Gesundheitsgefährdung als rhetorisches Instrument deckt und die Frage nach den Grenzen des Wachstums nicht stellt – weil die Antwort lauten müsste: Es gibt keine Grenze
Zum Tagesanzeiger-Interview mit Bundesrat Beat Jans vom 21. Mai 2026
Es ist ein Interview über eine Initiative. Über die Frage, ob die Schweiz ihre Bevölkerung auf 10 Millionen begrenzen soll. Über die Folgen eines Ja und die Folgen eines Nein.
Es ist das Interview, das der Tagesanzeiger mit Bundesrat Beat Jans führt. Und es ist weniger ein Interview als eine Bühne. Eine Bühne für einen Bundesrat, der die Apokalypse predigt. Der den Brexit beschwört. Der die Gesundheit der Bevölkerung gefährdet sieht. Der von Isolation spricht, von Experimenten, von Personalmangel.
Und der Tagesanzeiger? Der Tagesanzeiger hört zu. Der Tagesanzeiger fragt nach. Aber der Tagesanzeiger hinterfragt nicht. Er lässt den Bundesrat reden, ohne seine Behauptungen zu prüfen. Ohne seine Rhetorik zu analysieren. Ohne seine Logik zu durchleuchten.
Das ist kein Interview. Das ist eine Plattform. Und die Plattform dient nicht der Information, sondern der Indoktrination.
Der Brexit-Vergleich, der keiner ist
Jans sagt: «Wir erleben am 14. Juni den Brexit-Moment der Schweiz.»
Das ist der zentrale Satz des Interviews. Und er ist falsch.
Der Brexit war der Austritt eines Landes aus der Europäischen Union. Aus dem Binnenmarkt. Aus dem Zollvertrag. Aus der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs. Aus der politischen Union. Das war ein fundamentaler Bruch mit dem europäischen Integrationsprojekt.
Die 10-Millionen-Initiative ist eine Bevölkerungsbegrenzung. Sie verlangt, dass die Schweiz Massnahmen ergreift, wenn die Bevölkerung 10 Millionen erreicht. Sie tangiert die Personenfreizügigkeit. Sie tangiert die Bilateralen. Aber sie ist nicht der Austritt aus der EU. Sie ist nicht der Brexit.
Der Vergleich ist rhetorisch. Er soll Angst erzeugen. Er soll Assoziationen wecken: Chaos, Wirtschaftseinbruch, Isolation. Er soll die Initiative in einen Kontext stellen, der nicht ihr Kontext ist.
Und Jans treibt den Vergleich weiter: «Im Gesundheitswesen führte das tatsächlich zu einer höheren Sterblichkeit der Patienten.» Nach dem Brexit. Also: Wenn Sie Ja stimmen, sterben Menschen.
Das ist keine Argumentation. Das ist Erpressung. Und der Tagesanzeiger lässt es stehen. Ohne Nachfrage. Ohne Widerspruch. Ohne die Frage: Ist der Vergleich zulässig? Sind die Situationen vergleichbar? Ist die höhere Sterblichkeit in England tatsächlich auf den Brexit zurückzuführen, oder auf die Corona-Pandemie, die zeitgleich stattfand? Auf die Unterfinanzierung des NHS, die schon vor dem Brexit bestand? Auf andere Faktoren, die Jans nicht nennt?
Der Tagesanzeiger fragt nicht. Er lässt den Bundesrat den Brexit-Vergleich ziehen, ohne ihn zu prüfen. Und damit wird der Vergleich zur Wahrheit. Nicht weil er stimmt. Sondern weil er nicht hinterfragt wird.
Die Gesundheitsgefährdung, die keine ist
Jans sagt: «Diese Initiative kann Ihre Gesundheit gefährden.»
Das ist ein bemerkenswerter Satz für einen Bundesrat. Ein Bundesrat, der sich an Kommunikationsrichtlinien halten soll. Ein Bundesrat, der Mass halten soll. Ein Bundesrat, der nicht übertreiben soll.
Aber Jans übertreibt. Und er weiss es. «Leider übertreibe ich inhaltlich nicht», sagt er. Das heisst: Er meint es ernst. Die Initiative gefährdet Ihre Gesundheit.
Wie? Weil das Unispital Basel 1000 neue Mitarbeitende pro Jahr braucht. Weil im Pflegebereich in den nächsten fünf Jahren 24 Prozent mehr Personal benötigt wird. Weil die Babyboomer in Rente gehen. Weil die Initiative das Personalangebot einschränkt.
Das ist die Logik: Weniger Zuwanderung = weniger Pflegepersonal = höhere Sterblichkeit = Ihre Gesundheit ist gefährdet.
Aber diese Logik hat Lücken.
Erstens: Die Initiative verbietet nicht die Anwerbung von Pflegepersonal. Sie verlangt eine Bevölkerungsbegrenzung. Wie diese erreicht wird, ist eine politische Entscheidung. Der Bund kann prioritär Fachkräfte im Gesundheitsbereich einladen und andere Bereiche drosseln. Er kann die Ausbildung im Inland fördern. Er kann Arbeitsbedingungen verbessern, damit mehr Menschen im Pflegebereich arbeiten wollen. Die Initiative zwingt nicht zum Personalmangel. Sie zwingt zur Priorisierung.
Zweitens: Der Personalmangel im Gesundheitswesen ist nicht nur ein Problem der Zuwanderung. Er ist ein Problem der Arbeitsbedingungen, der Löhne, der Wertschätzung, der Ausbildungsplätze. Wenn Pflegekräfte aus dem Ausland kommen, weil Schweizerinnen und Schweizer nicht im Pflegebereich arbeiten wollen, dann ist das ein Problem der Arbeitsbedingungen, nicht der Zuwanderung.
Drittens: Die Abhängigkeit vom ausländischen Personal ist eine politische Entscheidung. Kein Naturgesetz. Andere Länder haben andere Modelle. Finnland bildet mehr Pflegekräfte im Inland aus. Dänemark hat bessere Arbeitsbedingungen. Die Schweiz hat sich für das Modell der Importabhängigkeit entschieden. Die Initiative zwingt sie, dieses Modell zu überdenken. Das ist nicht gefährlich. Das ist notwendig.
Aber der Tagesanzeiger fragt nicht nach diesen Lücken. Er lässt Jans die Gesundheitsgefährdung behaupten, ohne sie zu prüfen. Er lässt ihn die Angst verbreiten, ohne die Fakten zu checken. Er lässt ihn die Initiative als tödliche Bedrohung darstellen, ohne die Alternative zu benennen: dass die Schweiz ihre Pflegeabhängigkeit von der Zuwanderung reduzieren könnte, wenn sie wollte.
Die Grenze, die nicht existiert
Die Interviewerin fragt: «Wo ist aus Ihrer Sicht die Grenze? Wie viele Millionen Einwohner verträgt unser Land?»
Und Jans antwortet: «Mir ist es wichtig, dass unser Land funktioniert.»
Das ist keine Antwort. Das ist eine Ausweichbewegung. Die Frage lautet: Gibt es eine Grenze? Und wenn ja, wo liegt sie? Und Jans sagt: Es gibt keine Grenze. Solange das Land funktioniert, gibt es keine Grenze.
Aber was heisst «funktioniert»? Funktioniert das Land mit 10 Millionen? Mit 11 Millionen? Mit 12 Millionen? Mit 15 Millionen? Wo hört das Funktionieren auf? Und wer entscheidet, was «funktionieren» heisst?
Jans gibt keine Antwort. Weil er keine Grenze will. Weil die Idee einer Grenze der Idee des Wachstums widerspricht. Weil die Anerkennung einer Grenze die Anerkennung wäre, dass Wachstum nicht immer gut ist.
Stattdessen sagt er: «Es wird wohl nie eine 12- oder 13-Millionen-Schweiz geben. Alle Demografen sind sich einig, dass die Schweiz wegen des Geburtenrückgangs irgendwann schrumpfen wird.»
«Irgendwann.» Das ist das Zauberwort. Irgendwann wird die Schweiz schrumpfen. Also müssen wir uns jetzt keine Sorgen machen. Also gibt es keine Grenze. Also können wir weiter wachsen. Bis «irgendwann».
Aber «irgendwann» ist keine Politik. «Irgendwann» ist eine Vertröstung. «Irgendwann» ist die Antwort desjenigen, der die Frage nicht beantworten will. Denn die Frage lautet nicht: Wird die Schweiz irgendwann schrumpfen? Die Frage lautet: Was passiert bis dahin? Wie viele Menschen kommen bis dahin? Wie viel Land wird versiegelt? Wie viel Energie wird verbraucht? Wie viel Infrastruktur wird benötigt? Wie viel Natur wird zerstört?
Jans nennt die 2040er Jahre als Zeitpunkt, wann der 10-Millionen-Deckel erreicht wird. Das sind weniger als 20 Jahre. In 20 Jahren wächst die Schweiz um eine Million Menschen. Das entspricht der Stadt Zürich, plus Basel, plus Bern. In 20 Jahren. Und Jans sagt: Keine Sorge, irgendwann schrumpfen wir.
Das ist keine Antwort. Das ist eine Verharmlosung.
Das Experiment, das keines ist
Jans sagt: «Es wäre ein Experiment, das noch nie ein Land gemacht hat.»
Die Bevölkerungsbegrenzung als Experiment. Als etwas Neues. Als etwas Unbewährtes. Als etwas Gefährliches.
Aber was ist das Gegenteil? Das Gegenteil ist das unbegrenzte Wachstum. Die stetige Zunahme der Bevölkerung. Die permanente Expansion. Das ist das Experiment, das die Schweiz seit Jahrzehnten macht. Und es ist ein Experiment, das nie hinterfragt wird.
Ein Land, das von 7 auf 9 Millionen wächst. Das in 20 Jahren zwei Millionen Menschen aufnimmt. Das seine Infrastruktur ständig erweitern muss. Das seine Siedlungsfläche ständig vergrössern muss. Das seinen Energieverbrauch ständig steigern muss. Das seine Natur ständig opfern muss.
Das ist das Experiment. Nicht die Begrenzung. Die Begrenzung ist die Rückkehr zur Normalität. Zur Erkenntnis, dass ein kleines Land nicht unendlich wachsen kann. Dass es eine Grenze gibt. Dass diese Grenze erreicht wird. Und dass es Zeit ist, Massnahmen zu ergreifen.
Aber Jans nennt die Begrenzung das Experiment. Nicht das Wachstum. Weil das Wachstum der Status quo ist. Und der Status quo wird nicht hinterfragt. Nur die Abweichung vom Status quo wird hinterfragt.
Der Tagesanzeiger fragt nicht: Ist das unbegrenzte Wachstum nicht das eigentliche Experiment? Ist die permanente Zuwanderung nicht das Unbewährte? Ist die Abhängigkeit vom ausländischen Personal nicht das Gefährliche?
Er lässt Jans die Initiative als Experiment bezeichnen, ohne die Alternative zu benennen. Und damit wird die Initiative zum Risiko, die Zuwanderung zur Sicherheit. Obwohl die Zuwanderung das Risiko ist, das die Schweiz seit Jahrzehnten eingeht. Ohne es jemals zu hinterfragen.
Die Demokratie, die nicht vorkommt
Jans sagt: «Ich habe Verständnis dafür, dass die Bevölkerung manchmal Zeichen setzen will gegenüber dem Bundesrat. Aber nicht mit dieser schädlichen Initiative.»
Das ist die Sprache des Paternalismus. Der Bundesrat weiss, was gut für die Bevölkerung ist. Die Bevölkerung weiss es nicht. Die Bevölkerung will ein Zeichen setzen. Aber das Zeichen ist falsch. Die Initiative ist schädlich. Der Bundesrat weiss es besser.
Und der Tagesanzeiger? Der Tagesanzeiger fragt nicht: Was, wenn das Zeichen richtig ist? Was, wenn die Bevölkerung weiss, was sie will? Was, wenn die Demokratie genau das tut, was sie tun soll: Den Willen der Mehrheit ausdrücken?
Der Tagesanzeiger lässt Jans die Initiative als schädlich bezeichnen, ohne die Demokratie zu verteidigen. Ohne die Frage zu stellen: Hat das Volk nicht das Recht, eine Grenze zu setzen? Hat es nicht das Recht, das Experiment des unbegrenzten Wachstums zu beenden?
Die Antwort lautet: Ja, es hat das Recht. Das ist die direkte Demokratie. Das ist die Schweiz. Aber für Jans – und für den Tagesanzeiger – ist die Demokratie nur dann legitim, wenn sie das Richtige tut. Und das Richtige ist, was der Bundesrat für richtig hält.
Die Frage, die der Tagesanzeiger nicht stellt
Die Frage lautet nicht: Ist die Initiative schädlich?
Die Frage lautet: Ist das unbegrenzte Wachstum schädlich? Ist die permanente Zuwanderung nachhaltig? Ist die Abhängigkeit vom ausländischen Personal wünschenswert?
Die Frage lautet: Warum weigert sich der Bundesrat, eine Grenze zu nennen? Warum gibt es keine Zahl, bei der das Wachstum aufhören soll? Warum ist die einzige Antwort: «Es ist wichtig, dass unser Land funktioniert» – als ob das Funktionieren keine Grenze hätte?
Die Frage lautet: Wenn «alle Demografen sich einig sind, dass die Schweiz irgendwann schrumpfen wird» – warum brauchen wir dann eine Initiative, die das Wachstum begrenzt? Weil das «irgendwann» nicht reicht? Weil die Demografie keine Politik ersetzt? Weil die Folgen des Wachstums bis dahin irreversibel sind?
Die Frage lautet: Ist der Brexit-Vergleich zulässig? Ist die Gesundheitsgefährdung belegt? Ist die Rhetorik des Bundesrats angemessen? Oder ist sie das, was sie zu sein scheint: Die Instrumentalisierung der Angst, um eine politische Position durchzusetzen, die das Volk nicht teilt?
Der Tagesanzeiger stellt keine dieser Fragen. Er lässt Jans reden. Er lässt ihn den Brexit beschwören. Er lässt ihn die Gesundheit gefährden. Er lässt ihn die Grenze verweigern. Er lässt ihn die Initiative als Experiment bezeichnen. Er lässt ihn die Demokratie übergehen. Und er nennt das ein Interview.
Das ist kein Interview. Das ist eine Plattform für einen Bundesrat, der die Apokalypse predigt, ohne die Fakten zu liefern. Und der Tagesanzeiger ist die Kanzel, von der er predigt.
Der Tagesanzeiger interviewt Bundesrat Beat Jans über die 10-Millionen-Initiative. Er lässt ihn den Brexit-Vergleich ziehen, ohne zu prüfen, ob er zulässig ist. Er lässt ihn die Gesundheitsgefährdung behaupten, ohne die Fakten zu checken. Er lässt ihn die Grenze verweigern, ohne nachzufragen. Er lässt ihn die Initiative als Experiment bezeichnen, ohne das unbegrenzte Wachstum als das eigentliche Experiment zu benennen. Er lässt ihn die Demokratie übergehen, ohne sie zu verteidigen. Und er nennt das ein Interview. Das ist kein Interview. Das ist eine Plattform für einen Bundesrat, der die Apokalypse predigt, ohne die Fakten zu liefern – und eine Zeitung, die ihm die Kanzel dafür zur Verfügung stellt.
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