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Die Geschichte als Fluchtweg
Medienkritik
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Die Geschichte als Fluchtweg

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schwerwiegend
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Dieser SRF-Beitrag ist ein Erklärstück aus dem Podcast-Format «News Plus»: Die Krawalle von Belfast werden mit der Historikerin und Friedensforscherin Corinna Hauswedell durch die Brille des Nordirlandkonflikts betrachtet — «The Troubles», Peace Walls, Power Sharing. Als historische Vertiefung ist das stellenweise erhellend. Aber die Rahmung hat System: Sie verschiebt ein Ereignis von 2026 in die Kulisse von 1972 — und entlastet damit die Gegenwart. Das Bemerkenswerteste daran: Die Expertin selbst sagt in der Podcast-Beschreibung ausdrücklich, die aktuellen Zustände hätten mit dem Nordirland-Konflikt «nichts zu tun» — und die Redaktion baut die Troubles-Kulisse trotzdem um sie herum. Denn was sich in Belfast entlädt, wurde nicht vom Bürgerkrieg geboren, sondern von zwanzig Jahren Politik gegen den erklärten Willen der Bevölkerung. Es wurde sogar vorhergesagt — wortwörtlich, vor einem Vierteljahrhundert.

Zum SRF-Beitrag «Stadt von ‹The Troubles›: Belfast und die Gewalt», News Plus / SRF 4 News, 11.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Das Handwerkliche zuerst, denn einiges gelingt. Die historische Grundierung ist sauber: Der Nordirlandkonflikt wird kompakt und korrekt erklärt, die Bildergalerie mit Omagh, Manchester und Canary Wharf gibt der abstrakten Zahl von fast 4000 Toten konkrete Gestalt. Die Expertin ist transparent ausgewiesen — Personen-Box, Werdegang, langjährige Belfast-Erfahrung. Die «Power sharing»-Box erklärt das fragile Regierungssystem. Und Hauswedells Beobachtung der «besonderen Ironie», dass ausgerechnet das um den Status «City of Sanctuary» bemühte Belfast nun Schauplatz dieser Gewalt ist, ist eine echte, eigenständige Pointe. Auch wird die Gewalt klar benannt; die Bildlegende zur Evakuierung von Bewohnern holt immerhin teilweise nach, was der Vortags-Artikel verschwieg — dass Menschen aus brennenden Häusern fliehen mussten.

Das Kernproblem: Die Schablone, die die eigene Expertin dementiert

Und doch stimmt die Grundanlage nicht — und das sagt nicht nur die Kritik, das sagt die Expertin selbst. «The Troubles» waren ein politisch-konfessioneller Konflikt zwischen Unionisten und Nationalisten um die staatliche Zugehörigkeit Nordirlands. Die aktuellen Krawalle sind kategorial etwas anderes: Gewalt nach einem Verbrechen, die sich gegen Migranten richtet — und die zeitgleich in Southampton und anderen englischen Städten stattfindet, wo es nie Troubles gab.

Im Artikeltext wird das in einem Halbsatz eingeräumt («auch wenn die Ausschreitungen einen anderen Ursprung haben»). In der Beschreibung der Podcast-Episode geht Hauswedell aber deutlich weiter: Die aktuellen Zustände hätten mit dem Nordirland-Konflikt der vergangenen Jahrzehnte «nichts zu tun». Das ist der entscheidende Befund — und er verschärft die Kritik erheblich. Die Expertin hängt das Warnschild eigenhändig auf, und die Redaktion rollt die Bürgerkriegskulisse trotzdem davor: Der Titel lautet «Stadt von ‹The Troubles›», der Lead behauptet, die Szenen «erinnern an den Bürgerkrieg vor 30 Jahren», dazu zwei Bildergalerien mit IRA-Anschlägen und drei Boxen Konfliktgeschichte — alles über einem Kernzitat, das die Analogie selbst dementiert. Das ist keine Unschärfe mehr, das ist eine redaktionelle Rahmung gegen die eigene Quelle: Die Verpackung verkauft, was der Inhalt verneint.

Diese Rahmung erfüllt eine Funktion, ob beabsichtigt oder nicht: Sie historisiert und regionalisiert, was aktuell und gesamtbritisch ist. Wenn die Gewalt aus «alten Familienemotionen» und dem «noch fruchtbaren Boden» des Bürgerkriegs erwächst, liegt die Ursache in Belfasts Vergangenheit — und niemand muss über die Gegenwart reden: nicht über die Tat (eine fast gelungene Enthauptung auf offener Strasse, die der Beitrag erneut zum blassen «Messerangriff» schrumpft), nicht über den Asylweg des Täters, nicht über die zweite Krawallnacht mit Wasserwerfereinsatz, die zum Publikationszeitpunkt längst bekannt war. Die Geschichte wird zum Fluchtweg: Man redet über 1972, um nicht über 2026 reden zu müssen.

Was die Troubles-Brille unsichtbar macht: die Vorgeschichte, die keine Bürgerkriegsgeschichte ist

Die eigentliche Vorgeschichte dieser Nacht ist nicht dreissig Jahre Bürgerkrieg, sondern zwanzig Jahre Politik gegen den Souverän. Die britische Bevölkerung verlangte über jeden legitimen Kanal — Wahlen, Umfragen, das Brexit-Votum selbst — weniger Einwanderung. Jede Regierung versprach Reduktion und lieferte das Gegenteil: Camerons «tens of thousands»-Versprechen, jedes Jahr gebrochen; der Brexit, verkauft als Grenzkontrolle, gefolgt von der grössten Einwanderungswelle der britischen Geschichte mit Netto-Zuzügen von über 900'000 pro Jahr — unter einer konservativen Regierung, gewählt mit dem Auftrag zur Begrenzung. Abgelehnte Asylbewerber, die nicht abgeschoben werden; Menschen ohne Aufenthaltsrecht in Hotels auf Staatskosten, während die zahlende Bevölkerung als bigott etikettiert wurde, wenn sie Fragen stellte. Wenn jedes legitime Ventil zwanzig Jahre lang verschweisst bleibt, verschwindet der Druck nicht — er akkumuliert. Belfast ist, was die Entladung aussieht. Dass dasselbe Muster — Gewalttat, Video, Krawall — sich von Southampton über den Fall Nowak bis Belfast quer durchs Königreich wiederholt, bestätigt: Es ist kein nordirisches Phänomen, es ist ein britisches.

Und das Bemerkenswerteste: Nichts davon war unvorhersehbar. Es wurde vorhergesagt — präzise, schriftlich, von einer staatstragenden Regierungspartei. Im Zuwanderungs-Beschluss der deutschen CDU aus dem Jahr 2002 heisst es wörtlich:

«Wir erteilen einer Ausweitung der Zuwanderung aus Drittstaaten eine klare Absage, denn sie würde die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft überfordern. Verstärkte Zuwanderung würde den inneren Frieden gefährden und radikalen Kräften Vorschub leisten.»

Ein Vierteljahrhundert später brennt der innere Frieden in Belfast, und radikale Kräfte haben europaweit Zulauf wie nie — exakt entlang der prognostizierten Kausalkette: Überforderung der Integrationsfähigkeit → Gefährdung des inneren Friedens → Vorschub für Radikale. Das war keine Hetzschrift, das war die nüchterne Lageeinschätzung einer Volkspartei der Mitte, die ihre eigene Prognose in den Folgejahren selbst ignorierte. Wer 2002 so schrieb, wurde toleriert; wer 2015 dasselbe sagte, war ein Nazi; wer es 2026 sagt, stellt nur noch fest. Diese Vorhersagbarkeit ist die eigentliche Anklage — denn vorhersehbares Versagen ist kein Schicksal, sondern Verantwortung. Ein Beitrag, der die Belfaster Gewalt erklären will, müsste genau hier ansetzen: bei der Frage, warum eine seit 2002 dokumentierte Warnung von der gesamten westeuropäischen Politik in den Wind geschlagen wurde. Stattdessen: Peace Walls und Pub-Kultur.

Zur Vollständigkeit gehört auch hier die Gegenkante, die der Beitrag ebenso schuldig bleibt: Die Vermummten zündeten gezielt die Häuser unbeteiligter Migrantenfamilien an — Menschen, die nach Herkunft gewählt wurden, nicht nach Schuld. Das ist Kollektivbestrafung, und sie ist zugleich das perfekte Alibi für genau die Politik, deren Versagen am Anfang der Kette steht: Solange Häuser brennen, darf jeder Minister über Rassismus reden statt über die Frage, wie der Täter ins Land kam und warum er blieb. Eine ehrliche Berichterstattung hätte beide Härten gebracht. Diese hier bringt keine.

Zwei Stimmen, eine Brennweite

Hier ist die ursprüngliche Kritik zu präzisieren: Es trägt nicht eine einzige Stimme den Beitrag — die Podcast-Episode führt mit Peter Stäuber, freiem Journalisten in Grossbritannien, eine zweite. Nur ändert das am Befund weniger, als es sollte. Stäuber liefert die soziologische Lesart — prekäre soziale Zustände, besorgte Eltern, nicht alle Randalierer seien organisierte Rechte — und bestätigt immerhin das Muster wiederkehrender Krawalle nach Gewalttaten durch Migranten. Damit ergänzt er Hauswedells Historisierung um die Sozialdiagnose: Die Wütenden sind die Abgehängten, ihre Wut ein Sozial- und Identitätsproblem. Zwei Stimmen also, aber dieselbe Brennweite — beide erklären die Reaktion aus den Verhältnissen der Reagierenden, keine aus dem Ereignis und seiner politischen Vorgeschichte. Was weiterhin fehlt: die migrationspolitische Perspektive, die Stimme der bedrohten Anwohner, die Polizei — und jeder, der die Frage stellt: Wurde das nicht alles vorhergesagt? Eine Historikerin und ein Sozialreporter machen aus einem politischen Konflikt zwangsläufig Geschichte und Milieu — und beides hat den Vorzug, dass niemand mehr dafür zurücktreten muss.

Handwerkliches

Die redaktionelle Sorgfalt lässt erneut nach: «Einwohnerinnen und Eiwohner», der bestätigte, entgleiste Satz «die versucht aus die Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg aufzuarbeiten», die Bildlegende mit «Wasserwerfen» statt Wasserwerfern. In der Power-sharing-Box heisst der irische Premierminister «Michael Martin» (korrekt: Micheál Martin), und die Klammer-Regie ist verunglückt — O'Neill und Martin stehen beide «(rechts)». Einzeln Petitessen, in der Summe das inzwischen vertraute Bild hastig publizierter Stücke.

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