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Zwei Demos, eine Methode
Medienkritik
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Zwei Demos, eine Methode

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Zu zwei Reportagen von Ladina Triaca: «Wir tragen oben Dunkel, Regenhose und dunkle Schuhe» (NZZaS, 18. Oktober 2025) und «Rimoldi rief — und seine rechten Freunde kamen» (NZZaS, 10. Mai 2026)

Zwei Veranstaltungen

Am 11. Oktober 2025 versammelten sich in Bern über 5000 Personen zu einer unbewilligten Demonstration unter dem Motto «2 Jahre Genozid, 100 Jahre Widerstand». Ein grosser schwarzer Block lief vorneweg. Es kam zu Sachbeschädigungen, Brandstiftung und Angriffen auf Polizisten. Achtzehn Beamte wurden verletzt. Auf dem Bahnhofplatz stand mit Kreide geschrieben: «Kill your local Zionist.» Antisemitische Parolen wurden an Wände gesprüht. Die Veranstalter — darunter der Revolutionäre Aufbau, die Bewegung für den Sozialismus, «Zäme stah international», der Klimastreik — hatten die «Al-Aksa-Flut» der Hamas in ihren Aufrufen positiv erwähnt.

Am 9. Mai 2026 versammelten sich in Luzern mehrere hundert Personen zu einer Demonstration gegen das EU-Vertragspaket. Nicolas Rimoldi (Mass-voll) hatte eingeladen. Auf der Bühne sprach Oskar Freysinger, früherer SVP-Nationalrat und Walliser Regierungsrat, sowie Petar Petrov, Vizepräsident der bulgarischen Partei Vazrazhdane. In der Menge waren Mitglieder der Jungen Tat. Eine Gegendemonstration der Linken fand auf der anderen Seeseite statt. Beide Kundgebungen verliefen laut Polizei «ohne grössere Zwischenfälle».

Über beide Veranstaltungen schrieb Ladina Triaca eine Reportage in der NZZ am Sonntag. Die Reportagen verwenden dieselbe Methode. Die Methode produziert in einem Fall eine substanzielle journalistische Leistung, im anderen ein abstimmungspolitisches Stück. Der Unterschied liegt nicht in der Methode, sondern in der Faktenlage.

Die Methode

Beide Artikel folgen demselben Schema. Sie beschreiben nicht, wogegen oder wofür protestiert wird. Sie beschreiben, wer protestiert. Die zentrale journalistische Operation ist die Vernetzungsanalyse: Welche Gruppen treten gemeinsam auf, welche Personen mit welcher Vorgeschichte stehen auf welcher Bühne, welche Symbole, Embleme und Selbstbezeichnungen verbinden die Akteure?

Im Oktober-Artikel werden so der Revolutionäre Aufbau (mit der Gründerin Andrea Stauffacher und ihrem Verweis auf die RAF als Vorbild), «Zäme stah international» (mit ihrer Verherrlichung der Al-Aksa-Flut), die Bewegung für den Sozialismus, die «Watermelon University» (mit ihrem Hamas-Seminar) und der Klimastreik (mit dem Jihad-Lied) zu einem Netzwerk verbunden. Im Mai-Artikel werden Mass-voll, Oskar Freysinger (mit der Reichskriegsflagge aus 2010), Petar Petrov (mit dem Sturm auf das EU-Gebäude in Sofia) und die Junge Tat zu einem Netzwerk verbunden.

Die Inhalte der Reden werden in beiden Fällen kaum referiert. Im Oktober erfährt man, dass die «zionistische Kolonie» angeprangert wird — was die Demonstranten gegen den Krieg in Gaza inhaltlich vorbringen, kommt nicht vor. Im Mai erfährt man, dass Freysinger «Unterwerfungsvertrag» und «pharmageile Euro-Eliten» sagte — was er inhaltlich gegen das Vertragspaket vorbrachte, kommt nicht vor. In beiden Fällen wird die Polemik zitiert und das Argument übersprungen.

Auch die Sprache der Inszenierung folgt parallelen Mustern. Stauffacher heisst «Krawall-Grosi», ist 75, eine Karikatur in altlinker Pose. Rimoldi steht «in einem knallroten Anzug», die Haare «nach hinten gegelt», eine Zigarre in der Hand, eine Karikatur in rechter Verkleidung. Die jeweiligen Mengen «johlen» und rufen Parolen. Die Reporterin bleibt distanziert, sie beschreibt, sie ordnet ein, sie verbindet.

Der entscheidende Unterschied

So weit das Schema. Was die beiden Artikel dann unterscheidet, ist die Faktenlage, auf die die Methode angewendet wird — und dieser Unterschied ist gewaltig.

Der Oktober-Artikel berichtet über eine Demonstration, an der Sachbeschädigung in erheblichem Umfang stattfand, Polizisten verletzt wurden, antisemitische Botschaften an Wänden landeten. Die Veranstalter erwähnten in ihren Aufrufen das schwerste antijüdische Massaker seit dem Holocaust positiv. Die Gründerin der grössten linksradikalen Gruppe der Schweiz nennt im eigenen Radioformat die Rote-Armee-Fraktion als revolutionäres Vorbild — eine Gruppe, die Sprengstoffattentate verübte und Menschen tötete. Eine andere Gruppe organisiert ein Seminar zur Hamas-Charta, wobei die Hamas in der Schweiz verboten ist. Die Anhänger werden in Kleidervorschriften, Demoverhalten und Polizeikontakt instruiert.

Diese Befunde sind nicht erfunden. Sie stammen aus den Eigenpublikationen der Gruppen — Radiosendung, Instagram, Telegram. Triaca und ihr Co-Autor Hannes Boos haben sie recherchiert, dokumentiert, einer Selbsthilfegruppen-ähnlichen Vorstellungsrunde der Bewegung für den Sozialismus beigewohnt, das Radioarchiv durchforstet, die Social-Media-Kanäle ausgewertet. Das ist substanzielle Recherche zu einem realen Phänomen. Wer die Verbindung zwischen Schweizer Linksradikalismus, Hamas-Sympathie und Gewaltbereitschaft an Demonstrationen dokumentieren will, hat hier ein Material, das die Behauptungen trägt.

Der Mai-Artikel berichtet über eine Demonstration, die laut Polizei ohne grössere Zwischenfälle verlief. Keine Sachbeschädigung, keine Polizeiverletzungen, keine antisemitischen Graffiti. Die problematischen Punkte: Freysinger hatte 2010 — vor 16 Jahren — eine Reichskriegsflagge im Keller. Petrovs Partei hat in Sofia einmal ein EU-Gebäude attackiert. Die Junge Tat ist eine «rechtsextreme Gruppe», deren Mitglieder in der Menge standen. Rimoldi hat 2023 eine «Budapester Erklärung» unterzeichnet, die «wokeism» und Migration kritisiert.

Das ist alles dokumentierbar und richtig. Es ist auch wesentlich dünner als das Oktober-Material. Niemand auf der Luzerner Bühne nannte die RAF als Vorbild. Niemand verherrlichte ein Massaker. Niemand veranstaltete ein Seminar zu einer verbotenen Organisation. Die Reden waren polemisch und politisch unangenehm — aber sie waren Reden gegen ein politisches Projekt, nicht Verherrlichung von Terror.

Die Asymmetrie der Substanz

Diese Asymmetrie ist der eigentliche Punkt. Die Methode der Vernetzungsanalyse funktioniert gut, wenn die Vernetzung etwas Substanzielles offenbart. Im Oktober-Fall offenbart sie etwas Substanzielles: eine Schweizer Linksradikalität, die sich offen mit terroristischen Bewegungen identifiziert, deren Sprachgebrauch antisemitische Codes verwendet, deren Aktivitäten in Gewalttätigkeiten kulminierten. Wer das nicht skandalös findet, hat ein Verständnisproblem.

Im Mai-Fall offenbart die Methode etwas dünneres: dass am rechten Rand der Schweizer Politik Menschen mit problematischen Vergangenheiten unterwegs sind und transnationale Verbindungen pflegen. Das ist wahr und notierenswert. Es ist aber kein Vergleich zur Materialdichte des Oktober-Stücks. Die Reichskriegsflagge im Keller — vor 16 Jahren — trägt nicht das gleiche Gewicht wie der RAF-Verweis im aktuellen Radioformat. Der Sturm auf das EU-Gebäude in Sofia (durch Anhänger, nicht durch Petrov persönlich) trägt nicht das gleiche Gewicht wie ein Hamas-Seminar in Zürich.

Triaca behandelt die beiden Materiallagen, als hätten sie ähnliches Gewicht. Sie behandelt sie nicht so. Die journalistische Tugend besteht darin, Proportionen zu wahren. Wenn eine 5000-Personen-Demo mit Schwerverletzten und antisemitischen Parolen die gleiche Aufmerksamkeit erhält wie eine wenige hundert Personen umfassende Demo ohne Vorfälle, ist die Proportion gestört. Sie ist nicht gestört, weil die rechte Demo gleich problematisch wäre. Sie ist gestört, weil die journalistische Aufmerksamkeit Aufmerksamkeit verleiht und damit Realität konstituiert.

Die fehlende Sache

Beide Artikel teilen ein Strukturmerkmal: die politische Sache, gegen oder für die demonstriert wurde, kommt nicht vor.

Im Oktober ist die Sache der Krieg in Gaza. Über die Frage, ob das, was dort geschieht, ein Genozid ist, ob die israelische Kriegsführung völkerrechtskonform ist, ob die humanitären Konsequenzen Protest legitimieren — über all das schweigt der Artikel. Er berichtet ausschliesslich über die Protestierenden, ihre Ideologie, ihre Symbolik, ihre Verbindungen. Die Möglichkeit, dass jemand aus moralischen Gründen gegen den Krieg in Gaza demonstriert, ohne deshalb mit der Hamas zu sympathisieren, kommt im Artikel nicht vor. Wer demonstriert, ist im Bild des Artikels Teil eines Milieus, das «gegen Staat, Kapital und Israel aufbegehrt». Differenzierungen sind ausgeblendet.

Im Mai ist die Sache das EU-Vertragspaket. Über die Frage, ob es die direkte Demokratie beschneidet, ob es föderale Kompetenzen aushöhlt, ob es ökonomische Vor- oder Nachteile bringt, ob die Streitbeilegung problematisch ist — über all das schweigt der Artikel. Er berichtet ausschliesslich über die Protestierenden, ihre Aufmachung, ihre Verbindungen, ihre Vergangenheit. Die Möglichkeit, dass jemand aus verfassungsrechtlichen, ökonomischen oder demokratietheoretischen Gründen gegen das Vertragspaket ist, ohne deshalb mit Freysinger oder der Jungen Tat zu sympathisieren, kommt im Artikel nicht vor.

Diese parallele Auslassung ist die eigentliche Signatur der Autorin. Triaca interessiert sich nicht für die politische Frage. Sie interessiert sich für das Milieu der Protestierenden. Das ist eine legitime journalistische Spezialisierung. Es ist nur nicht das, was eine demokratische Öffentlichkeit braucht, wenn sie über politische Sachfragen entscheiden soll.

Die unterschiedliche Funktion

Was die beiden Artikel trotz gleicher Methode unterscheidet, ist ihre politische Funktion.

Das Oktober-Stück dokumentiert ein Phänomen, das ohne die Recherche wahrscheinlich nicht so präzise dokumentiert worden wäre. Wer den Artikel liest, weiss am Ende, dass es in der Schweiz linksradikale Gruppen gibt, die explizit Terrororganisationen verherrlichen, antisemitische Codes verwenden und Demonstrationen mit Gewaltbereitschaft organisieren. Diese Information ist relevant für die öffentliche Auseinandersetzung. Sie ist auch für Sicherheitsbehörden, Politik und kritische Öffentlichkeit verwertbar. Der Artikel leistet aufklärerische Arbeit.

Das Mai-Stück erscheint fünf Wochen vor einer Volksabstimmung über das EU-Vertragspaket. Es nimmt eine Randveranstaltung am rechten politischen Rand und behandelt sie so, als wäre sie repräsentativ für den Widerstand gegen das Vertragspaket. Die wichtigsten Akteure dieses Widerstands — die SVP, Wirtschaftsverbände, kantonale Bedenkenträger, Verfassungsrechtsexperten — kommen nicht vor. Im Gegenteil: dass die SVP der Demo fernblieb, wird im Schlussabsatz erwähnt und nicht weiter ausgeführt. Der Artikel suggeriert durch Konstruktion, was er nicht ausspricht: dass Widerstand gegen das Vertragspaket im Dunstkreis der gezeigten Figuren steht. Diese Suggestion hat eine Funktion in der Abstimmungsdebatte.

Die Oktober-Recherche wäre auch in einem anderen politischen Moment gerechtfertigt. Sie braucht keine Abstimmung, um relevant zu sein — sie ist es durch ihre Substanz. Die Mai-Recherche bezieht ihre Wirkung aus dem Zeitpunkt. Eine Reportage über die transnationale Vernetzung rechtspopulistischer Bewegungen in Europa wäre legitim. Eine Reportage über diese Vernetzung fünf Wochen vor einer Abstimmung, in der diese Vernetzung als Stellvertreterargument gegen die Sachposition fungiert, ist es weniger.

Was beide Texte verbindet

Die beiden Artikel verbinden sich also in einem doppelten Sinn. Methodisch sind sie Geschwister: dieselbe Autorin, dasselbe Schema, dieselbe Konzentration auf Personen statt Sachen, dieselbe Vermeidung der politischen Substanz, dieselbe Inszenierung über Bilder und Sprache. Faktisch sind sie ungleich: das eine Stück bearbeitet eine reale, dokumentierte und gefährliche Strömung; das andere Stück bearbeitet eine politische Randveranstaltung, die im Wesentlichen aus Reden und Aufmärschen besteht.

Und beide Artikel offenbaren etwas über die NZZ am Sonntag selbst. Eine Zeitung, die ihre politische Position kennt und durchsetzt, kann mit derselben Methode unterschiedlich arbeiten. Im Oktober produziert sie ein Stück, das durch die Substanz der Befunde trägt. Im Mai produziert sie ein Stück, das durch die Inszenierung trägt, weil die Substanz dünner ist. Beide Stücke dienen einer kohärenten redaktionellen Linie: gegen Linksradikalismus, gegen Mass-voll, gegen das, was sich am Rand des etablierten politischen Spektrums sammelt.

Das ist eine legitime journalistische Linie. Sie ist nur nicht journalistisch neutral. Sie ist Positionsjournalismus mit Recherche-Anteilen. Wenn die Recherche-Anteile substanziell sind, ist das gute Positionspresse. Wenn sie dünn sind, ist es Wahlkampf mit journalistischen Mitteln.

Der Befund

Die Methode Triaca funktioniert nach einem konstanten Prinzip: Sie interessiert sich für das Milieu der Protestierenden, nicht für die Sache des Protests. Sie analysiert Vernetzungen, Symboliken, Vorgeschichten. Sie überlässt die politische Sachfrage anderen.

Diese Methode produziert journalistisch unterschiedliche Resultate, je nachdem, was die Recherche zutage fördert. Im Oktober 2025 förderte sie eine erschreckende, durch Selbstzeugnisse belegte Materiallage: linksradikale Gruppen, die offen mit Terrorbewegungen sympathisieren, antisemitische Codes verwenden und Gewaltdemonstrationen organisieren. Im Mai 2026 förderte sie eine dünnere Materiallage: rechte Figuren mit problematischen Vergangenheiten, die eine friedliche Demonstration veranstalteten.

Wer beide Artikel nebeneinanderlegt, sieht das Werkzeug klar: dieselbe Schablone, zwei verschiedene Wirklichkeiten. Im einen Fall passt die Schablone auf einen Skandal. Im anderen Fall wird die Schablone zum Skandal — weil sie ein Ereignis, das durch sich selbst keinen Skandal hergibt, durch ihre blosse Anwendung zu einem macht.

Die deutlichste Pointe liegt nicht in den Artikeln, sondern zwischen ihnen. Im Oktober erschien Triacas Recherche neben einem Interview, in dem ein Berner Sicherheitsdirektor «ein Verbot der Antifa und des schwarzen Blocks» forderte. Im Mai erschien Triacas Recherche ohne Forderung nach einem Verbot von Mass-voll oder der Jungen Tat. Wenn die journalistische Aufgabe die gleiche wäre — Dokumentation extremistischer Gruppen im Vorfeld politischer Debatten —, wäre die politische Konsequenz parallel zu führen. Sie wird nicht parallel geführt. Das eine Milieu soll verboten werden. Das andere Milieu soll wegfotografiert werden. Die Methode ist gleich. Die Konsequenz ist asymmetrisch. Und die Asymmetrie ist nicht Folge der Methode — sie ist Voraussetzung der Auswahl.

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