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Zusammenhänge wie Vorhänge, «Made in China»
Medienkritik
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Zusammenhänge wie Vorhänge, «Made in China»

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Zum SRF-Beitrag «Nähern sich China und die USA wieder an?», 13. Mai 2026

Was berichtet wird

Trump reist nach China. Vorab-Delegationen treffen sich in Südkorea. Ralph Weber, China-Experte der Uni Basel, erklärt: China wolle ein stabileres Verhältnis, eine Verlängerung der einjährigen Pause im Handelskrieg sei möglich, bei Öl, Gas, Flugzeugen und Sojabohnen seien Beschlüsse zu erwarten. China wolle auf Augenhöhe mit den USA stehen — «und China ist vermutlich auch dort». Trump brauche einen Erfolg, den er wirtschaftlich eher als politisch erzielen könne. Zur Iran-Frage sagt Trump: «Wir brauchen im Iran überhaupt keine Hilfe.» Das US-Finanzministerium habe Sanktionen gegen chinesische Firmen verhängt, die unerlaubten Handel mit dem Iran trieben. China sei der grösste Abnehmer von iranischem Öl. Aus chinesischer Sicht wäre ein Erfolg, wenn das US-Waffengeschäft mit Taiwan über 11 Milliarden Dollar nicht zustande käme.

Der Krieg im Nebensatz

«Brauchen die USA Chinas Hilfe im Irankrieg?» So lautet eine Zwischenüberschrift. Die Antwort, die Trump gibt, steht im Text: Er brauche keine Hilfe. Das US-Finanzministerium habe Sanktionen gegen chinesische Firmen verhängt, die mit dem Iran handeln. China sei der grösste Abnehmer von iranischem Öl.

Das ist alles. Zum Iran-Krieg. Ein Krieg, der seit Februar 2026 andauert. Ein Krieg, der die geopolitische Lage fundamental verändert hat. Ein Krieg, der den Ölpreis, die Lieferketten, die Sicherheit in der Region, die Flüchtlingsströme und die europäische Sicherheitsarchitektur betrifft.

SRF erwähnt diesen Krieg als Kontext für ein Treffen. Der Krieg ist Kulisse. Das Treffen ist das Stück.

Was SRF weiss — und nicht sagt

Das Bemerkenswerte daran: SRF weiss sehr genau, was der Iran-Krieg für die Schweiz bedeutet. SRF hat darüber berichtet. Am 1. März 2026, als die Nahostchefin des EDA, Monika Schmutz Kirgöz, im Interview mit der «Sonntagszeitung» erklärte, dass vier Mitarbeitende der Schweizer Botschaft in Teheran im Flugzeug sassen und nicht abfliegen konnten, weil der Luftraum gesperrt war. Dass 180 Schweizerinnen und Schweizer im Iran leben, die allermeisten Doppelbürger. Dass es in Teheran keinen Bunker gibt, nur einen Keller mit Betten. Dass die Schweiz den Kommunikationskanal zwischen Teheran und Washington aufrechterhält — als Schutzmacht der USA im Iran.

Am 2. März 2026 berichtete SRF über 4'000 gestrandete Reisende aus der Schweiz, die wegen des Krieges die Region nicht verlassen konnten. Die Konsularische Direktion hatte eine Krisenzelle eingerichtet, der TCS rechnete mit 1'500 gestrandeten Schweizerinnen und Schweizern weltweit. Das EDA riet von Reisen in den Iran, nach Israel, in den Libanon, nach Bahrain, Jordanien, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate ab.

Am 4. März berichtete SRF über 5'200 Schweizer in den Golfstaaten, die heim wollten. Die Swiss flog einen Sonderflug aus Maskat — 120 Plätze, ausgebucht, kommerziell, ohne Kostenbeteiligung des Bundes. EDA-Direktorin Jenni verwies auf die Eigenverantwortung der Bürger und riet: «Bleiben Sie dort, wo Sie sind.»

Am 16. März 2026 berichtete SRF über die Flucht des Schweizer Botschafters Olivier Bangerter aus Teheran. Zehn Stunden im Auto, mit Plänen A bis D, aber Plan A habe gereicht. Bangerter beschrieb: «Dort, wo man früher spazieren ging, schlagen heute Bomben ein.» In den ersten Tagen seien täglich 150 bis 200 Explosionen in der Provinz Teheran verzeichnet worden. Die Schweiz stellte 7.5 Millionen Franken für humanitäre Hilfe bereit.

Dann — Stille. SRF berichtete nicht mehr darüber, wie die Geschichte der Gestrandeten endete. Ende März bestätigte das EDA auf Anfrage von Keystone-SDA, dass alle registrierten Reisenden die Heimreise antreten konnten. Der Luftraum wurde schrittweise wieder geöffnet, Linienflüge nahmen den Betrieb auf. Die akute Blockade war aufgelöst. Wer das verpasste, weil er nicht zufällig die Agenturmeldung las, konnte den Eindruck behalten, die Menschen sitzen noch immer fest.

Jetzt, im Kontext des US-China-Gipfels, wo der Iran-Krieg eine zentrale Rolle spielt, kommt keines davon vor. Kein Wort über die Schweizer Botschaft, die geschlossen wurde. Kein Wort über die 180 Doppelbürger im Iran — die im Gegensatz zu den Touristen nicht einfach einen Rückflug buchen können. Kein Wort über das Schutzmachtmandat, das die Schweiz für die USA im Iran innehat. Kein Wort über die humanitäre Hilfe. Kein Wort über Bangerter, der im Auto durch den Krieg fuhr.

Die Gedächtnislücke

Das ist keine fehlende Information an sich, aber es ist eine Gedächtnislücke. SRF hat die Fakten. SRF hat sie veröffentlicht, aber SRF hat sie nicht mit der aktuellen Berichterstattung verknüpft.

Das ist ein strukturelles Problem der Nachrichtenproduktion. Berichterstattung funktioniert ereignisorientiert: Etwas passiert, es wird berichtet, die nächste Meldung kommt. Der Zusammenhang zwischen Meldungen — die Kontinuität der Geschichte — wird nicht hergestellt. Der Hörer, der am 1. März die Berichte über die gestrandeten Schweizer im Iran gehört hat, soll sich am 13. Mai selbst daran erinnern, wenn Trump nach China reist und der Iran als Verhandlungsgegenstand auftaucht.

Diese Arbeitsweise hat Konsequenzen. Krisen werden abgedeckt, solange sie akut sind. Sobald sie sich lösen — die Gestrandeten fliegen heim, die Botschafterin kommt zurück —, verliert das Thema seinen Nachrichtenwert. Die Auflösung der Krise wird nicht mehr berichtet, oder nur noch am Rande. Und wenn die Ursache der Krise — der Krieg — in einem neuen Kontext auftaucht, werden die alten Geschichten nicht wieder aufgenommen. Der Bogen ist geschlossen. Die Touristen sind zurück. Die Geschichte ist zu Ende.

Nur: Der Krieg ist nicht zu Ende. Das Schutzmachtmandat gilt weiterhin. Die 180 Doppelbürger leben noch immer im Iran. Die Botschaft ist noch immer geschlossen. Die humanitäre Lage hat sich verschärft, nicht verbessert. Aber all das ist aus dem Nachrichtenrhythmus gefallen. Der Krieg verschwindet aus dem Bewusstsein, sobald er nicht mehr das Hauptereignis ist. Er wird zum Hintergrund, zur Kulisse, zum Kontext. Die Schweizer Bürger, die von ihm betroffen sind — die Doppelbürger im Iran, die Diplomaten, die Helfer — verschwinden mit ihm. SRF hat den Bogen geschlossen, als der letzte Tourist in Zürich landete. Seitdem ist der Iran-Krieg für die Schweizer Berichterstattung wieder das, was er im China-Beitrag ist: Kulisse.

Das Schutzmachtmandat

Ein Punkt wäre besonders relevant gewesen: das Schutzmachtmandat. Die Schweiz vertritt die Interessen der USA im Iran. Das ist eine diplomatische Aufgabe von historischer Tragweite. Sie bedeutet, dass die Schweiz in einem Krieg, in dem die USA Kriegspartei sind, die Kommunikation zwischen den Kriegsparteien aufrechterhält. Das ist eine Neutralitätsleistung, die Risiken birgt — für die Diplomaten, für die Botschaft, für die Schweizer Bürger im Land.

Wenn Trump nach China reist und der Iran-Krieg auf der Agenda steht, dann ist die Schweiz als Schutzmacht direkt betroffen. Jede Vereinbarung zwischen den USA und China, die den Iran betrifft — ob bei den Sanktionen, beim Ölhandel, bei den Waffenlieferungen — hat Konsequenzen für die Schweizer Rolle. Wenn die USA und China sich annähern, könnte der Druck auf den Iran steigen. Wenn sie sich nicht annähern, könnte der Krieg andauern. Beides betrifft die Schweiz direkt.

Weber erwähnt das Schutzmachtmandat nicht. SRF fragt nicht danach. Der Experte erklärt China. Die Redaktion fragt nicht nach der Schweiz.

Die Frageüberschrift

«Nähern sich China und die USA wieder an?» Das ist eine Frageüberschrift. Frageüberschriften sind ein journalistisches Standardinstrument: Sie erlauben Spekulation ohne Festlegung, suggerieren Offenheit, vermeiden Aussagen.

Die Antwort auf die Frage lautet: Vielleicht. Weber sagt, eine Verlängerung der Handelskrieg-Pause sei möglich, Beschlüsse bei Wirtschaftsfragen seien zu erwarten, ob sie umgesetzt werden, sei offen. Das ist keine Annäherung, sondern ein Waffenstillstand, der möglicherweise verlängert wird. Die Frageüberschrift suggeriert mehr, als der Beitrag liefert. Sie erzeugt Erwartung, die nicht eingelöst wird.

Der Experte

Ralph Weber von der Uni Basel ist der einzige Experte. Er wird viermal zitiert. Seine Einschätzungen sind plausibel, aber sie bleiben Einschätzungen — keine Analysen, keine Daten, keine Gegenpositionen. Was fehlt: Ein amerikanischer Experte, der die US-Perspektive erläutert. Ein chinesischer Experte, der die chinesische Position erklärt. Ein europäischer Experte, der die Konsequenzen für Europa benennt. Vor allem aber: Ein Schweizer Experte, der die Auswirkungen auf die Schweiz darstellt — auf das Schutzmachtmandat, auf die gestrandeten Bürger, auf die wirtschaftlichen Konsequenzen.

Weber ist ein China-Experte. Er erklärt China. Er erklärt nicht die Schweiz. Der Beitrag ist eine China-Erklärung, keine Analyse des Treffens in seinem Schweizer Kontext.

Die Augenhöhe

Weber sagt: China wolle auf Augenhöhe mit den USA stehen. «China will den USA ebenbürtig — wenn nicht mehr — sein, das möchte man dem Volk zeigen.» Das ist eine wichtige Beobachtung, die im Beitrag nicht vertieft wird. Was bedeutet «Augenhöhe» in der Praxis? Gleiche Stimme in internationalen Organisationen? Gleiche wirtschaftliche Macht? Gleiche militärische Kapazität? Gleiche technologische Souveränität?

Die Frage der Augenhöhe ist die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts. Sie bestimmt die Weltpolitik und sie bestimmt die Schweizer Aussenpolitik. Die Schweiz hat sich historisch an den Westen angelehnt — wirtschaftlich, politisch, kulturell. Wenn China auf Augenhöhe mit den USA kommt, muss die Schweiz sich positionieren. Das ist eine strategische Frage von grösster Tragweite, die SRF erwähnt, ohne sie zu erklären oder nach ihren Konsequenzen zu fragen.

Der Befund

Der Beitrag ist kurze Auslandberichterstattung, die Fakten nennt, einen Experten zitiert und Kontext andeutet. Er ist nicht falsch, aber er ist oberflächlich — und er verfehlt die eigentliche Geschichte.

Die eigentliche Geschichte lautet: Die USA und China verhandeln über den Iran, und die Schweiz ist als Schutzmacht direkt betroffen. Sie hat eine Botschaft, die geschlossen werden musste. Sie hat Bürger, die im Kriegsgebiet leben. Sie hat Diplomaten, die im Keller Schutz suchten. Sie hat 4'000 gestrandete Reisende. Sie hat ein Mandat, das sie in eine heikle Position zwischen den Kriegsparteien bringt.

All das hat SRF vor zehn Wochen berichtet. Jetzt, wo es relevant wäre, fehlt es. Der Krieg ist Kulisse geworden. Die Schweizer Bürger sind verschwunden. Das Schutzmachtmandat ist unsichtbar. Der Beitrag berichtet über ein Treffen, als fände es in einer Welt statt, in der die Schweiz nicht existiert.

Das ist nicht Zensur. Es ist wahrscheinlich auch nicht Absicht. Es ist das Ergebnis einer Arbeitsweise, die Ereignisse isoliert, Zusammenhänge nicht herstellt und die Perspektive der eigenen Bürger systematisch ausblendet. Die Leserin bzw der Hörer erfährt, was Trump sagt und was China will. Er erfährt nicht, was das für ihn bedeutet — für seine Sicherheit, seine Reisen, seine Wirtschaft, sein Land.

Der Iran-Krieg ist ein Krieg. SRF erwähnt ihn als Kontext für ein Treffen. Die Schweizer, die in ihm stecken, kommen nicht vor. Das ist das Problem. Nicht die Fakten, die fehlen. Sondern die Verbindung, die nicht hergestellt wird.

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