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Zur SRF-Berichterstattung «So viel Geld fliesst in die Abstimmungskampagnen», 7. Mai 2026

Was berichtet wird

SRF Data legt am 7. Mai 2026 die Kampagnenbudgets zur Abstimmung vom 14. Juni 2026 offen. Die Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10-Mio-Schweiz» ist mit deklarierten 15,3 Millionen Franken die teuerste Abstimmung seit Beginn der Offenlegungspflicht 2024. Die Gegner setzen 8,9 Millionen ein, die Befürworter 6,4 Millionen. Beim parallelen Referendum zum Zivildienstgesetz spielen die Geldsummen mit gut 600'000 Franken auf beiden Seiten eine deutlich kleinere Rolle.

Die Geberseiten werden aufgeschlüsselt. Auf der Ja-Seite der Initiative dominieren SVP (2,7 Mio.), SVP Zürich (1,2 Mio.) und die Stiftung für bürgerliche Politik (1,1 Mio.). Auf der Nein-Seite ragt Economiesuisse mit 4,7 Millionen heraus, gefolgt von 1,6 Millionen «Unbekannt an SP» — also Kleinspenden, die unter der Namensnennungsschwelle von 15'000 Franken liegen.

Das ist die Faktenlage. Sie ist transparent, sie ist gut aufbereitet, sie ist journalistisch korrekt.

Was die Zahlen zeigen, und was die Berichterstattung daraus macht, sind zwei verschiedene Dinge.

Asymmetrie bei der «Nachhaltigkeit»

Die Zahlen zeigen eine bemerkenswerte Konstellation: Die Nein-Seite verfügt über 39 Prozent mehr Geld als die Ja-Seite. Sie umfasst, in der Sprache des SRF-Berichts, eine «breite Allianz aus Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und linken bis bürgerlichen Parteien». Das ist nicht eine Allianz von Gleichgesinnten — es ist die organisierte Schweizer Verbandslandschaft gegen eine Volksinitiative, die von einer einzigen Partei und einem Gönnerverein getragen wird.

Diese Asymmetrie ist das politisch Auffällige an der Konstellation. Eine Initiative, die laut Umfragen erhebliche Zustimmung erfährt, sieht sich einer finanziellen Übermacht gegenüber, die aus dem grössten Wirtschaftsverband des Landes gespeist wird. Economiesuisse allein investiert mehr als die SVP.

Die SRF-Berichterstattung referiert diese Asymmetrie als neutralen Sachverhalt. Sie kontextualisiert sie nicht. Sie fragt nicht, was es bedeutet, wenn der wirtschaftliche Hauptverband mit 4,7 Millionen Franken in eine Abstimmung eingreift, in der es um die Frage geht, wie viele Menschen in der Schweiz leben sollen. Sie fragt nicht, ob die Personenfreizügigkeit, deren Aufrechterhaltung Economiesuisse mit dieser Summe verteidigt, vor allem ein wirtschaftliches Interesse der Verbandsmitglieder ist — Zugang zu billigeren Arbeitskräften, Druck auf das Lohnniveau, Skalierung der Geschäftsmodelle.

Diese Fragen sind nicht parteiisch. Sie sind die Fragen, die eine substantielle Berichterstattung über Kampagnenfinanzierung stellen müsste. Wer mit welchem Geld welches Interesse durchsetzen will — das ist die eigentliche Information, die in den Zahlen steckt. SRF zeigt die Zahlen und überlässt die Interpretation der Leserin.

Die Kleinspenden-Lücke

Die zweitgrösste Position auf der Nein-Seite ist «Unbekannt an SP» mit 1,6 Millionen Franken. Das sind, laut Erläuterung, «v.a. Kleinspenden» — Spenden unter der Namensnennungsschwelle von 15'000 Franken. Auch beim Zivildienstgesetz erscheint mit 237'000 Franken eine «Unbekannt an SP»-Position als grösster Posten der Nein-Seite.

Diese Konstruktion verdient Beachtung. Die Offenlegungspflicht seit 2024 sollte Transparenz schaffen. Sie hat eine Schwelle eingebaut, unter der Spender anonym bleiben. Diese Schwelle ist in der gegenwärtigen Praxis ein wesentliches Schlupfloch: Eine Partei, die viele Spenden knapp unter 15'000 Franken erhält, kann erhebliche Summen mobilisieren, ohne ihre Geldgeber offenlegen zu müssen.

1,6 Millionen Franken «Kleinspenden» an die SP sind viele Kleinspenden. Selbst wenn man eine durchschnittliche Spende von 1000 Franken annimmt, wären das 1600 Spender. Bei realistischeren 100 Franken sind es 16'000. Die SP hat keine 16'000 Grossspender. Die wahrscheinlichere Erklärung: Es handelt sich um eine Mischung aus echten Kleinspenden und gezielt unter der Schwelle gehaltenen Beträgen aus organisierten Quellen — Gewerkschaften, NGOs, einzelnen vermögenden Sympathisanten.

Diese Konstruktion ist im SVP-Lager schwerer möglich, weil die SVP weniger Strukturen hat, die solche Aufteilungen organisieren können. Die Stiftung für bürgerliche Politik mit ihren 1,1 Millionen Franken erscheint als geschlossener Posten — die Geldgeber dahinter sind ihrerseits intransparent, weil die Stiftung als juristische Person die Schwelle einhält.

SRF erläutert die Schwelle in einer Methodenbox am Ende des Artikels. SRF problematisiert sie nicht. Eine Berichterstattung, die einerseits «Transparenz» feiert und andererseits 1,6 Millionen Franken anonymer Spenden referiert, ohne die Mechanik der Anonymisierung zu thematisieren, leistet einen begrenzten Beitrag zur tatsächlichen Transparenz.

Das Sprachdetail

Die Sprache der Initiativ-Beschreibung verdient Aufmerksamkeit. SRF formuliert: Die Befürworter «sehen die bisherige Zuwanderung als Auslöser für Wohnungsnot, zubetonierte Landschaft und steigende Kriminalität». Das «sehen» macht die Aussage zur subjektiven Position. Auf der Gegenseite: Die Initiative «ist aus ihrer Sicht eine Gefahr für die Schweizer Wirtschaft». Auch hier «aus ihrer Sicht» — sprachlich symmetrisch.

Aber die referierten Inhalte sind asymmetrisch. Die Ja-Seite wird mit drei umstrittenen Behauptungen zitiert (Wohnungsnot, zubetonierte Landschaft, steigende Kriminalität), die in der öffentlichen Wahrnehmung als rechts-populistisch markiert sind. Die Nein-Seite wird mit drei staatstragenden Werten zitiert (Wirtschaft, Rentensystem, bilateraler Weg), die als wirtschaftlich-vernünftig gelten.

Diese Auswahl ist nicht zufällig. Sie spiegelt die mediale Konvention, mit der die SVP und ihre Anliegen üblicherweise dargestellt werden. Die «steigende Kriminalität» ist faktisch umstritten, die «Wohnungsnot» ist real, die «zubetonierte Landschaft» ist eine Wertung. Hätte SRF auch die Ja-Seite mit ihren staatstragenden Argumenten zitiert — etwa Erhalt der Lebensqualität, Schutz der Infrastruktur, Begrenzung der Sozialsysteme —, wäre die Symmetrie eine andere.

Was der Artikel nicht macht

Der Artikel präsentiert die Zahlen. Er verzichtet auf vier mögliche Operationen.

Er fragt nicht, ob 4,7 Millionen Franken eines einzelnen Wirtschaftsverbandes für eine Abstimmungskampagne ein verhältnismässiger Eingriff in die demokratische Willensbildung sind.

Er fragt nicht, was es bedeutet, wenn die wirtschaftlich Begünstigten der Personenfreizügigkeit die Kampagne gegen ihre Begrenzung finanzieren, während die Auswirkungen auf Wohnungsmarkt, Lohndruck und Infrastruktur primär die nicht-vermögenden Bevölkerungsschichten treffen.

Er fragt nicht, ob die Schwelle von 15'000 Franken die Offenlegungspflicht systematisch unterläuft.

Er fragt nicht, ob die mediale Berichterstattung selbst — die in der Schweiz mehrheitlich der Nein-Position zur Initiative zuneigt — Teil einer Kampagnen-Asymmetrie ist, die in den Geldzahlen nicht erscheint.

Diese Fragen wären nicht alle gleich gewichtig. Aber dass keine von ihnen gestellt wird, sagt etwas über die Form der Berichterstattung. Die Zahlen werden gezeigt; die Schlüsse werden anderen überlassen. Das ist eine bestimmte journalistische Haltung — die Haltung der Datenneutralität. Sie wirkt objektiv und überlässt damit das politische Urteil den Akteuren, die ohnehin schon dominieren.

Der Befund

15,3 Millionen Franken für eine Abstimmung. 8,9 davon gegen, 6,4 dafür. Eine Wirtschaftsallianz, die deutlich mehr Geld einsetzt als die initiierende Partei. Eine Kleinspenden-Position bei der SP, deren Herkunft im Dunkeln bleibt. Drei suggestiv ausgewählte Argumente pro Seite, die das übliche Schema der Schweizer Politik-Berichterstattung wiederholen.

Das ist die Geschichte, die SRF erzählt. Es ist eine korrekte Geschichte. Es ist eine harmlose Geschichte. Es ist nicht die Geschichte, die in den Zahlen steht.

In den Zahlen steht: Eine Volksinitiative, die nach Umfragen ernsthafte Erfolgsaussichten hat, sieht sich der konzentrierten finanziellen Gegenwehr derjenigen gegenüber, deren wirtschaftliche Interessen durch ihre Annahme tangiert würden. Diese Gegenwehr operiert mit einem Geldvolumen, das die initiierende Seite um 39 Prozent übertrifft, und mit einer Anonymisierungsschicht, die einen siebenstelligen Betrag dem öffentlichen Blick entzieht.

In einer direktdemokratischen Ordnung ist diese Konstellation nicht trivial. Geld in Abstimmungskämpfen ist nicht neutral; es kauft Werbeflächen, Plakate, Inserate, Influencer-Kampagnen, Veranstaltungen. Wer mehr Geld hat, hat mehr Stimme. Wer mehr Stimme hat, hat bessere Chancen. Die schweizerische Antwort auf dieses Strukturproblem war 2024 die Offenlegungspflicht — ein Mindestschritt, der mit der 15'000-Franken-Schwelle bewusst weich gestaltet wurde.

Eine substantielle Berichterstattung würde diese Strukturfrage stellen. Sie würde die Zahlen nicht nur zeigen, sondern in den politischen Zusammenhang stellen, in dem sie wirken. Sie würde Economiesuisse nicht nur als Posten in einer Tabelle, sondern als politischen Akteur thematisieren, der mit einem Bruchteil seines Verbandsbudgets eine Volksabstimmung beeinflusst.

SRF macht das nicht. SRF zeigt die Zahlen. Die Aufbereitung ist sauber, die Visualisierung ist sorgfältig, die Methodenbox ist transparent. Was fehlt, ist die journalistische Operation, die aus Daten Information macht — die Frage, was die Zahlen bedeuten, wem sie nutzen, was sie über die schweizerische Demokratie sagen.

Die Antwort auf diese Frage wäre vermutlich nicht im Sinne der dominanten politischen Mehrheit gewesen, die in der Berichterstattung wie in der Finanzierung der Nein-Kampagne sichtbar wird. Vielleicht ist das der Grund, warum die Frage nicht gestellt wird. Wer Zahlen zeigt, ohne zu fragen, was sie bedeuten, hält sich für neutral. Tatsächlich überlässt er die Bedeutung denjenigen, die die Zahlen produziert haben.

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