Wenn die Sympathie die Prüfung ersetzt
Dieser SRF-Beitrag schildert das Vorhaben des neuen ungarischen Premiers Peter Magyar, eine Vermögenssteuer einzuführen, mit der die unter Viktor Orbán reich gewordene Elite zur Kasse gebeten werden soll. Das Thema ist legitim. Doch der Beitrag trägt eine durchgehende Sympathie — für den Machtwechsel, für Magyar, für die Steuer als «Symbol der Gerechtigkeit» —, und diese Sympathie ersetzt die kritische Prüfung, die ein Service public auch dem populären Akteur schuldet. Tiefer noch: Der Beitrag verwechselt das Symptom mit der Ursache und lässt damit die eigentlich interessante Frage ungestellt — warum es diese Ungleichheit überhaupt gibt. Und am Ende steht eine grössere Frage, die über diesen einen Beitrag hinausreicht: Warum erzählt SRF diese Geschichte mit solcher Wärme — und schweigt zugleich zu anderen?
Zum SRF-Beitrag «Ungarns Reiche sollen bezahlen: Magyar plant Vermögenssteuer», 03.06.2026
Was der Beitrag gut macht
Zunächst der Verdienst. Der Beitrag ist sauber strukturiert und konkret in den Zahlen: ein Prozent Steuersatz, Freigrenze von 2.5 Millionen Franken, die diskutierte Anhebung auf 12.5 Millionen, das Rechenbeispiel mit 20 Millionen und 75'000 Franken Jahreslast. Die Mechanik wird verständlich.
Vorbildlich ist die Darstellung des Orbán'schen Oligarchensystems, weil sie belegt statt behauptet: Der Beitrag stützt sich auf das «renommierte Corruption Research Center in Budapest» mit seinem identifizierten Kern von 13 Oligarchen und nennt überprüfbare Fälle — Lőrinc Mészáros, der Schulfreund, der vom Heizungsmonteur zum Fünf-Milliarden-Mann aufstieg; Tiborcz, der Schwiegersohn. Dass diese Bereicherungsstruktur ein reales, dokumentiertes Problem war, lässt sich kaum bestreiten. So weit ist der Beitrag solide.
Die eine Stimme, die alles sagt
Die auffälligste strukturelle Schwäche ist die fast vollständige Abhängigkeit von einer einzigen Quelle. Praktisch jede Einordnung stammt von Osteuropa-Korrespondent Peter Balzli. Er erklärt die Steuer, das Ziel, die Kritik, die Volksstimmung und die wirtschaftlichen Folgen. Es gibt keine zweite Stimme — keinen ungarischen Ökonomen, keinen Steuerrechtler, keinen Vertreter der nun oppositionellen Seite. Die «Ausgewogenheit» ist eine Ausgewogenheit innerhalb eines einzigen, erkennbar wohlwollenden Kopfes. Die Gegenposition kommt nie als eigene Stimme vor, sondern nur so, wie der Berichterstatter sie nacherzählt — und prompt wieder einfängt.
Die Kritik, die im selben Atemzug entschärft wird — und ihr eigentlicher Kern
Der einzige genannte Einwand — Steuer statt Strafrecht — wird im selben Absatz dreifach abgeräumt: Magyar betone, Verdachtsfälle würden «selbstverständlich auch per Strafrecht verfolgt»; «das hat er immer wieder so gesagt»; und der Strafrechtsweg sei ohnehin «komplizierter und langwieriger». Aus einer Kritik wird so eine Verteidigung.
Was der Beitrag nicht zulässt, ist die eigentliche Schärfe: Eine pauschale Vermögenssteuer trifft eben nicht die Korrupten, sondern alle Vermögenden. Sie unterscheidet nicht zwischen dem Oligarchen, der sich an Staatsaufträgen bereichert hat, und dem Unternehmer, der legal aufgebaut hat. Wenn das erklärte Ziel ist, «durch Korruption gestohlene Staatsgelder zurückzuholen», dann ist eine Steuer auf alle Reichen das denkbar unschärfste Instrument — Kollektivbelastung statt Rückforderung. Diese Lücke zwischen Ziel (Korruptionsbekämpfung) und Mittel (allgemeine Vermögenssteuer) ist der wunde Punkt des Vorhabens. Der Beitrag berührt ihn nicht.
Die Milliardäre, die einfach verschwinden
Am offensten kippt der Beitrag im Wirtschaftsteil ins Werbende. Balzli räumt ein, eine Steuer wirke «fast immer negativ», relativiert aber sofort: niedriger Satz, der Staat habe mehr Geld, «diese neue Binnennachfrage kurbelt natürlich die Wirtschaft an. Also dürften sich die negativen Auswirkungen in engen Grenzen halten.»
Das ist keine Einordnung, das ist eine bestreitbare keynesianische Position, präsentiert als gesicherter Befund. Und sie ignoriert das eine Phänomen, das jede Vermögenssteuer der Welt begleitet: Die Reichen verschwinden. Nicht physisch — ihr Geld verschwindet. Mobile Vermögen sind genau das: mobil. Der Beitrag nennt selbst «Vermögen im Ausland», «Yachten», Auslandsimmobilien — also exakt jene Werte, die sich einer nationalen Steuer am leichtesten entziehen. Ein Oligarch mit fünf Milliarden Euro hat Anwälte, Stiftungen, Briefkastenfirmen und Pässe; er wartet die Steuer nicht ab, er strukturiert sie weg oder zieht weiter. Was bleibt, ist der mittelständische Unternehmer mit der Villa und dem Familienbetrieb, der nicht so beweglich ist — also genau der Falsche.
Das ist kein theoretischer Einwand. Es ist der Grund, warum eine grosse Mehrheit der europäischen Länder ihre Vermögenssteuern wieder abgeschafft hat — Frankreich, Deutschland, Schweden, Österreich, Dänemark, die Niederlande. Nicht aus Mitleid mit Reichen, sondern weil Ertrag und volkswirtschaftlicher Schaden in schlechtem Verhältnis standen: Die Mobilen flohen, die Immobilen blieben, die Bewertung von Villen, Firmenanteilen und Kunst verschlang Verwaltungskosten. Frankreich verlor unter seiner ISF schätzungsweise Zehntausende Vermögende und mit ihnen mehr Substanz, als die Abgabe je einbrachte. Nichts davon kommt im Beitrag vor — weil es die optimistische Erzählung zerstört hätte.
Das eigentlich Verschwiegene: Warum gibt es diese Ungleichheit überhaupt?
Hier aber liegt die tiefste Auslassung, und sie betrifft nicht das Mittel, sondern die Diagnose selbst. Der ganze Beitrag — und mit ihm die ganze Magyar'sche Erzählung — setzt stillschweigend voraus, die krasse Vermögenskonzentration sei ein Auswuchs des Marktes, des «Kapitalismus», dem man mit dem Korrektiv einer Steuer beikommen müsse. Genau diese Grundannahme ist falsch, und ihre Unhinterfragtheit ist der eigentliche blinde Fleck.
Denn die Schere zwischen oben und unten geht nicht erst seit Orbán auf, nicht nur in Ungarn, sondern überall in der westlichen Welt gleichzeitig und gleichsinnig — und zwar seit ziemlich genau dem Zeitpunkt, an dem das Geld vollständig vom Goldanker gelöst und zum reinen staatlichen Schöpfungsakt wurde. Das ist kein Zufall, sondern Mechanik. Wer neues, aus dem Nichts geschöpftes Geld als Erster in die Hände bekommt — die Banken, die staatsnahen Akteure, die Besitzer von Vermögenswerten —, kauft damit zu noch alten Preisen ein. Wer es als Letzter erreicht — der Lohnabhängige, der Sparer —, findet die Preise bereits gestiegen vor. Diesen Verteilungseffekt der Geldschöpfung hat schon Richard Cantillon im 18. Jahrhundert beschrieben; die Österreichische Schule der Nationalökonomie hat ihn zum Kern ihrer Geldtheorie gemacht. Die Folge ist eine permanente, lautlose Umverteilung von unten nach oben — nicht trotz, sondern durch das staatliche Geldmonopol. Geldvermehrung — und wer profitiert? Wer Vermögenswerte hält. Immobilien, Aktien, Beteiligungen blähen sich auf, während der Lohn der unteren Hälfte real stagniert. Die Milliardärsvermögen der letzten fünfzehn Jahre sind zu einem erheblichen Teil nicht das Ergebnis überlegener Wertschöpfung, sondern der Asset-Inflation, die das billige Zentralbankgeld erzeugt hat.
Der deutsche Ökonom und Publizist Roland Baader hat für das, was daraus entstanden ist, einen treffenden Begriff geprägt: Kapitalsozialismus. Was wir haben, ist nicht der freie Markt, den seine Kritiker «Kapitalismus» schimpfen, und auch nicht der reine Sozialismus, den seine Anhänger fordern — sondern eine Verschmelzung beider zum Schlechtesten: ein System, in dem die Gewinne privat und die Verluste staatlich sozialisiert sind, in dem Grossbanken «too big to fail» gerettet, Vermögenspreise von der Notenbank gestützt und die staatsnahe Elite über den Geldhahn alimentiert wird. Und genau hier schliesst sich der Kreis zu Ungarn: Orbáns Oligarchen sind keine Marktsieger, sie sind Geschöpfe des Staates — über manipulierte Ausschreibungen, EU-Fördergelder und politisch zugeteilte Aufträge gemästet. Der Beitrag sagt das sogar selbst («nur Freunde der Regierung kamen zum Zug»), zieht aber nicht den naheliegenden Schluss: Das ist nicht Kapitalismus, der besteuert werden müsste, sondern Staatsklientelismus, der abgestellt werden müsste. Mészáros ist nicht reich geworden, weil der Markt zu frei war, sondern weil er nicht frei war.
Damit wird das ganze Vorhaben fragwürdig. Eine Vermögenssteuer behandelt das Symptom — die entstandene Konzentration — und lässt die Ursache unberührt: das Geld- und Vergabesystem, das diese Konzentration erst erzeugt. Schlimmer noch, sie verschiebt die Macht über das Vermögen vom privaten zum staatlichen Akteur — also zu genau jener Instanz, deren Geld- und Klientelmonopol das Problem überhaupt geschaffen hat. Man bekämpft den Kapitalsozialismus nicht mit mehr Staat im Vermögen, sondern mit weniger Staat im Geld. Diese ganze Denkrichtung — die naheliegendste, wenn man die Ursache statt des Effekts sucht — kommt im Beitrag nicht einmal als Möglichkeit vor. Die Schere wird beklagt, aber die Hand, die sie öffnet, wird nicht benannt.
Die rechtsstaatliche Frage, die nicht gestellt wird
Der Beitrag erzählt durchweg die Geschichte einer «Gerechtigkeit», die nun «Einzug halten muss» — die Sprache der moralischen Vergeltung, unkritisch aus der Wählerstimmung übernommen. Doch eine Regierung, die ein Steuerinstrument einsetzt, um gezielt die Profiteure ihres Vorgängers zu treffen, bewegt sich auf heiklem Terrain. Steuern sind ein generelles, abstraktes Instrument; werden sie zur politischen Abrechnung mit einer bestimmten Gruppe, entsteht dasselbe Problem, das man Orbán vorwirft — die Instrumentalisierung staatlicher Macht gegen den politischen Gegner, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Pikanterweise verweist der Beitrag in den verwandten Artikeln selbst auf eine geplante Absetzung des Präsidenten «per Verfassungsänderung» — ein Hinweis auf Machtkonzentration der neuen Regierung, der mit der Steuerfrage nicht verknüpft wird. Dass hier ein autoritäres Muster fortgeschrieben statt überwunden werden könnte, kommt nicht vor.
Die Frage, die in keinem SRF-Beitrag über Ungarn vorkommt: Wer steht hinter Magyar?
Sechzehn Jahre lang hat SRF — zu Recht — gefragt, wer hinter Orbán steht: welche Oligarchen, welche Netzwerke, welches Geld. Beim neuen Premier wird diese Frage nicht gestellt. Magyar erscheint als reine Verkörperung des Volkswillens, als unbeflecktes Gegenmodell. Aber jeder politische Aufsteiger hat Financiers, Netzwerke und Interessen im Rücken, und gerade ein pro-europäischer Hoffnungsträger, der gegen Orbán antritt, steht in einem Geflecht westlicher, EU-naher und NGO-finanzierter Interessen.
Orbáns gesamte Politik war von der Erzählung des «Soros-Netzwerks» geprägt: jener von George Soros' Open Society Foundations finanzierten Zivilgesellschafts- und Medienstrukturen, die in Osteuropa erheblichen Einfluss ausüben. Man muss die Orbán-Version nicht teilen, um die nüchterne journalistische Frage zu stellen: Welche westlichen Stiftungen, EU-Fördertöpfe und NGO-Netzwerke haben Magyars Aufstieg begleitet? Wer hat seine Kampagne, seine Medienpräsenz, seine zivilgesellschaftliche Infrastruktur mitfinanziert? Brüssel hatte ein offenkundiges Interesse am Sturz Orbáns — fliesst dieses Interesse auch in Geld? Das sind keine Verschwörungsfragen, das sind Standardfragen des politischen Journalismus, die SRF bei jedem anderen Machtwechsel stellen würde. Beim sympathischen Magyar werden sie nicht gestellt. Die Recherche, die man dem alten Regime widmete, entfällt beim neuen — weil das neue auf der richtigen Seite steht.
Das grössere Muster: Was SRF erzählt — und worüber es schweigt
Damit sind wir beim eigentlichen Befund, der über diesen Beitrag hinausweist. Dieser Ungarn-Beitrag ist eine freundliche Geschichte: ein linkskonnotiertes Anliegen — Reiche besteuern, Oligarchen zur Kasse bitten —, mit Wärme grundiert, Kritiker nacherzählt statt befragt, ökonomische und rechtsstaatliche Einwände unter dem Wort «Gerechtigkeit» begraben. SRF findet dafür Sendezeit, Korrespondenten-Einordnung und mehrere Folgebeiträge.
Aufschlussreich wird das erst im Kontrast zu dem, worüber derselbe Sender schweigt. Zwei der grössten gesellschaftspolitischen Geschichten des europäischen Auslands haben bei SRF kaum oder gar keine Spur hinterlassen:
Der Fall Henry Nowak. Der 18-jährige Finanzstudent wurde am 3. Dezember 2025 in Southampton von Vickrum Digwa erstochen — fünf Stiche, einer ins Herz. Das eigentlich Erschütternde war die Polizeireaktion: Der Täter behauptete, er sei rassistisch angegriffen worden, man habe ihm den Turban heruntergeschlagen. Die Beamten glaubten ihm sofort. Der sterbende, verblutende Nowak flehte neunmal «I can't breathe», bekam zur Antwort «I don't think you have, mate» — und wurde, statt versorgt zu werden, über den Kies gezogen und in Handschellen gelegt, verhaftet wegen «Angriffs». Der tatsächliche Mörder wurde am Tatort nie gefesselt. Die Bodycam-Aufnahmen lösten landesweite Empörung aus, Premierminister Starmer nannte sie «harrowing», es gab Proteste mit elf verletzten Polizisten, eine IOPC-Untersuchung läuft. Eine Geschichte über tödliche institutionelle Voreingenommenheit, über eine Polizei, die einer erfundenen Rassismus-Behauptung mehr glaubte als einem sterbenden Menschen. SRF hat dazu seit Dezember nichts Substanzielles berichtet.
Die Grooming-Gang-Anhörungen. Im April 2026 startete die statutarische unabhängige Untersuchung zu den britischen Grooming Gangs, mit 65 Millionen Pfund Budget, im Mai folgte ein 100-Millionen-Paket und die Operation Beaconport zur Wiederaufnahme Tausender eingestellter Fälle. In Parlamentsanhörungen im Juni 2026 wurden Aussagen verlesen, die das Ausmass zeigen: eine Überlebende, ab dem 13. Lebensjahr von 600 bis 700 Männern vergewaltigt; Vorwürfe, dass Polizei und Spitalpersonal die Zeichen ignorierten; und der Kern, den keine Statistik wegerklärt — überwiegend Täter pakistanischer Herkunft, die gezielt weisse, christliche Mädchen ins Visier nahmen. Auch hierzu von SRF seit Monaten Funkstille.
Man muss diese beiden Fälle nicht zur einzigen Wahrheit über Grossbritannien erklären, um die Selektion zu erkennen. Beide Geschichten haben eines gemeinsam: Sie passen nicht ins bevorzugte Erzählraster. Sie handeln von Tätern mit Migrations- oder Minderheitenhintergrund und von Opfern der Mehrheitsgesellschaft — also von der Konstellation, die im gängigen Framing nicht vorgesehen ist. Eine ungarische Reichensteuer dagegen passt perfekt: gute Linke, böse Oligarchen, der Markt ist überschaubar. Genau das ist das Muster, das diese ganze Serie durchzieht — nicht die plumpe Lüge, sondern die Auswahl: Welche Geschichte bekommt Wärme und Sendezeit, und welche bekommt Schweigen.
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