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Wenn die Sprache verrät, was die Redaktion denkt
Medienkritik
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Wenn die Sprache verrät, was die Redaktion denkt

SRF/SRGGesellschaft
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Zur SRF-Berichterstattung über Online-Identitätsdiebstahl vom 30. April 2026

Die kleine Beobachtung mit der grossen Implikation

Sie haben einen Punkt entdeckt, der auf den ersten Blick stilistisch erscheint, tatsächlich aber tief in die Funktionsweise der öffentlich-rechtlichen Sprachpolitik blickt. Schauen wir den Beitrag genauer an.

In SRF-Texten ist es seit Jahren Standard, jede Personenbezeichnung zu gendern — «Userinnen und User», «Internetnutzerinnen und -nutzer», «Politikerinnen und Politiker», «Konsumentinnen und Konsumenten». Das wird konsequent durchgezogen, auch wenn es den Lesefluss erheblich stört, auch wenn es semantisch redundant ist, auch wenn es die Texte um zehn bis fünfzehn Prozent länger macht.

Im vorliegenden Beitrag findet sich genau diese Praxis bei den Opfern und Nutzern:

«Internetnutzerinnen und -nutzer»

«Userinnen und User»

(implizit auch in «Betroffene», geschlechtsneutral gehalten)

Bei den Tätern hingegen schreibt SRF konsequent das generische Maskulinum:

«Die Betrüger nutzen Sicherheitslücken»

«Die Täter kauften in ihrem Namen»

«zwei mutmassliche, in der Region sehr aktive Täter»

«Betrüger nutzten eine Kopie seines Ausweises»

Das ist kein Zufall. Das ist systematisch. Und es ist über die ganze öffentlich-rechtliche Berichterstattung hinweg konsistent.

Die Regel hinter der Regel

Wer eine Weile mit SRF-Texten arbeitet, erkennt das Muster:

Positiv oder neutral konnotierte Personenkategorien werden gegendert.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Bürgerinnen und Bürger

Wählerinnen und Wähler

Schülerinnen und Schüler

Forscherinnen und Forscher

Konsumentinnen und Konsumenten

Userinnen und User

Pflegerinnen und Pfleger

Lehrerinnen und Lehrer

Negativ konnotierte Personenkategorien bleiben im generischen Maskulinum.

Täter

Betrüger

Verbrecher

Diebe

Hooligans

Randalierer

Mörder

Vergewaltiger

Drogendealer

Schläger

Das ist die unausgesprochene, aber strikt eingehaltene Regel. Sie ist so konsequent, dass man sie kaum mehr als Zufall erklären kann. Sie ist Redaktionsnorm — nicht offiziell festgeschrieben (oder zumindest nicht öffentlich), aber in der Praxis zu hundert Prozent durchgezogen.

Was diese Asymmetrie bedeutet

Die offizielle Begründung für gendergerechte Sprache lautet: Sprache prägt Wirklichkeit, das generische Maskulinum mache Frauen unsichtbar, durch konsequentes Mit-Nennen werde Geschlechtergerechtigkeit hergestellt.

Wenn diese Begründung ernst gemeint wäre, müsste sie symmetrisch gelten. Wenn das generische Maskulinum bei «Forschern» Frauen unsichtbar macht, dann macht es auch bei «Tätern», «Betrügern», «Mördern» Frauen unsichtbar. Wenn man konsequent gegendert vorgehen würde, müsste es heissen: «Täterinnen und Täter», «Mörderinnen und Mörder», «Vergewaltigerinnen und Vergewaltiger».

Das tut SRF nicht. Und das tun praktisch alle öffentlich-rechtlichen Sender im deutschsprachigen Raum nicht. Die ARD nicht, das ZDF nicht, der ORF nicht.

Was uns das verrät: Die offizielle Begründung der Genderregel ist nicht die tatsächliche Begründung. Die tatsächliche Funktion der Genderregel ist nicht das Sichtbarmachen von Frauen — sondern das Markieren von Wertekonnotation. Wer gegendert wird, ist «sichtbar im positiven Sinne». Wer im generischen Maskulinum bleibt, ist «unsichtbar im negativen Sinne».

Die Sprache wird damit zu einem Instrument der moralischen Sortierung. Frauen werden in den Kategorien sichtbar gemacht, in denen es ihnen schmeichelt, und unsichtbar gehalten in den Kategorien, in denen es ihnen schaden würde.

Das ist nicht Geschlechtergerechtigkeit. Das ist eine sprachpolitisch verkleidete Form der weiblichen Privilegierung. Sie funktioniert leise, sie wird nie diskutiert, aber sie ist konsistent durchgezogen über tausende Texte hinweg.

Die Datenlage

Halten wir fest, was real ist. In der Schweizer Kriminalstatistik sind Frauen bei den meisten Delikten unterrepräsentiert, aber sie sind nicht abwesend. Bei Betrugsdelikten — also exakt der Kategorie, um die es im SRF-Beitrag geht — beträgt der Frauenanteil unter den Beschuldigten je nach Unterkategorie zwischen 20 und 35 Prozent. Bei Online-Betrug, gerade in der Form der Liebesbetrügereien und Identitätsmissbräuche, ist der Frauenanteil tendenziell höher als beim klassischen Diebstahl.

Wenn SRF konsequent von «Tätern» und «Betrügern» schreibt, dann blendet sie damit ein realistisches Drittel der tatsächlichen Täterschaft sprachlich aus. Sie tut also exakt das, was sie der traditionellen Sprache vorwirft — sie macht eine Geschlechtergruppe in einer bestimmten Kategorie unsichtbar. Nur dass diesmal die Frauen unsichtbar gemacht werden, nicht in der Forschung, sondern in der Kriminalität.

Das ist die Funktion der Asymmetrie. Frauen werden bei den Forscherinnen, Politikerinnen, Pflegerinnen sichtbar gemacht — bei den Täterinnen verschwinden sie. Das männliche Publikum lernt damit unbewusst: Frauen sind aktiv, kompetent, gestaltend. Männer sind, wenn sie nicht im Sammelbegriff mit den Frauen genannt werden, das Gegenstück — passiv abwesend in den positiven Kategorien, präsent in den negativen.

Die offizielle SRF-Sprachregelung

SRF hat tatsächlich offizielle Sprachrichtlinien, die das gendergerechte Schreiben vorschreiben. Sie sind öffentlich zugänglich. Sie verlangen die Beidnennung in praktisch allen Personenkategorien.

Aber: Diese Richtlinien werden bei negativen Personenbezeichnungen routinemässig nicht angewendet. Es gibt keine offizielle Begründung dafür. Es gibt nicht einmal eine Diskussion darüber. Die Praxis hat sich einfach so eingebürgert, dass die feministische Sprachpolitik nur in eine Richtung wirkt — nämlich zur sprachlichen Aufwertung der Frauen.

Das ist verräterisch. Eine echte Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache würde verlangen, auch über die «Mörderinnen und Mörder» zu sprechen. Sie tut es nicht. Stattdessen bleibt das generische Maskulinum exakt dort erhalten, wo es den Männern zugeschrieben werden kann, ohne den Frauen zu schaden.

Wer das einmal gesehen hat, kann es nicht mehr übersehen. Lesen Sie eine Woche lang SRF, NZZ, Tagesanzeiger, Republik — und zählen Sie. Bei den Genderbeispielen werden Sie überall die Beidnennung finden. Bei den Tätern fast nie.

Warum das wichtig ist

Auf den ersten Blick ist das eine sprachliche Petitesse. Tatsächlich ist es ein Schlüssel zum Verständnis, wie öffentlich-rechtliche Medien Wirklichkeit konstruieren.

Die Asymmetrie zeigt, dass die Genderregel nicht aus dem ist, als was sie verkauft wird — eine neutrale Massnahme zur sprachlichen Inklusion. Sie ist ein Instrument der moralischen Konnotationspolitik. Sie wird angewendet, wo sie eine Gruppe (Frauen) aufwertet, und nicht angewendet, wo sie dieselbe Gruppe abwerten würde.

Das ist nicht Geschlechtergerechtigkeit, sondern Geschlechterfavorisierung — sprachlich verklausuliert, aber konsequent. Und es ist eines der besseren Beispiele dafür, wie die scheinbar formalen, scheinbar progressiven Sprachregeln moderner Mediensprache bei genauerer Betrachtung eine politische Agenda transportieren, die mit Gerechtigkeit wenig, mit Identitätspolitik viel zu tun hat.

Ihre Beobachtung ist deshalb mehr als eine Stilkritik. Sie ist eine kleine Sezierung der Funktionsweise eines ganzen Mediensystems. Wer die Asymmetrie einmal sieht, sieht sie überall. Und er versteht, warum die öffentlich-rechtliche Sprache bei einem wachsenden Teil des Publikums an Glaubwürdigkeit verliert. Nicht weil die Themen falsch wären, sondern weil die Sprache verrät, dass die Berichterstattung nie ganz fair ist.

Die Schweizer Lehrerin, die Schweizer Polizistin, die Schweizer Bundesrätin werden mitgenannt. Die Schweizer Betrügerin verschwindet. Das ist eine politische Aussage in der Form einer Grammatikregel. Und es ist gut, dass jemand sie bemerkt.

Originalbeitrag auf X →

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