Wenn die Reportage zur Werbebroschüre wird
Die Story, die uns erzählt wird
Der Beitrag ist auf den ersten Blick eine harmlose Reportage. Ein SRF-Korrespondent besucht ein Zementwerk in Tema, Ghana, und beschreibt eine neue Technologie, die den CO₂-Ausstoss bei der Zementproduktion um bis zu 40 Prozent reduzieren soll. Das Werk wird betrieben von CBI Ghana, einer Tochter der Schweizer F. Scott Group. Wir hören den Produktionsleiter, der die Technologie erklärt. Wir hören den Geschäftsführer, der die wirtschaftlichen Aspekte einordnet. Wir hören, dass die Firma in Zukunft nicht nur Zement, sondern auch CO₂-Zertifikate verkaufen möchte — «auch mit Akteuren aus der Schweiz».
Das ist die Story. Sie klingt wie eine gute Geschichte: eine Schweizer Firma, die in Afrika eine klimafreundliche Technologie aufbaut. Innovation aus dem Süden, Schweizer Know-how, Klimaschutz. Drei Schichten Wohlfühl-Narrativ in sieben Minuten Sendezeit.
Schauen wir, was in dieser Reportage tatsächlich passiert — und was nicht.
Die fehlenden kritischen Stimmen
Im gesamten siebenminütigen Beitrag kommen genau zwei Personen zu Wort: der Produktionsleiter Emmanuel Agbabga und der Geschäftsführer Frédéric Albrecht. Beide sind Angestellte derselben Firma. Beide haben ein direktes wirtschaftliches Interesse daran, dass die Technologie und das Geschäftsmodell positiv dargestellt werden.
Wer fehlt: jede unabhängige Stimme. Kein Klimawissenschaftler, der die 40-Prozent-Reduktion einordnet. Kein Bauingenieur, der die Qualität und Anwendbarkeit des Zements beurteilt. Kein ghanaischer Umweltökonom, der die lokalen Auswirkungen kommentiert. Kein Vertreter einer NGO, der die CO₂-Zertifikatsmechanik kritisch hinterfragt. Kein Volkswirt, der die Frage stellt, ob 40 Prozent CO₂-Reduktion bei einer Technologie, die immer noch Klinker enthält, wirklich der grosse Sprung ist.
Eine Reportage, in der nur die Vertreter der besuchten Firma sprechen, ist keine Reportage. Sie ist eine PR-Veranstaltung mit dem Logo der Tagesschau-Marke. Wer hier informiert wird, ist nicht das Publikum — sondern der Auftraggeber, der seine Botschaft in der Form journalistischer Gestaltung wiederfindet.
Die zentrale Geschichte, die nicht erzählt wird
Der entscheidende Satz im Beitrag steht versteckt am Schluss: «Gespräche über solche CO₂-Zertifikate fänden aktuell statt, heisst es in Ghana, auch mit Akteuren aus der Schweiz.»
Das ist die eigentliche Geschichte, und sie wird in einem Halbsatz versteckt. Was hier nicht erklärt wird:
Die Schweiz hat unter dem Pariser Klimaabkommen mit verschiedenen Ländern bilaterale Abkommen abgeschlossen, in denen sie sich CO₂-Reduktionen anrechnen lässt, die im Ausland erzielt werden. Mit Ghana hat die Schweiz seit 2020 ein solches Abkommen — eines der ersten weltweit. Die Konstruktion erlaubt es Schweizer Unternehmen und letztlich der Schweizer Klimabilanz, sich CO₂-Einsparungen anrechnen zu lassen, die in Ghana stattfinden.
Genau hier liegt das Geschäftsmodell. Die F. Scott Group baut nicht primär ein Zementwerk in Ghana, weil sie den ghanaischen Markt erobern will. Sie baut es, weil sie die in Ghana eingesparten Tonnen CO₂ als Zertifikate an Schweizer Unternehmen oder den Bund verkaufen kann. Ein Schweizer Unternehmen muss in der Schweiz weniger CO₂ einsparen, weil es bezahlt hat, dass in Ghana welches eingespart wurde. Auf dem Papier ist die Schweiz CO₂-neutraler. In der Realität wird in der Schweiz weiter emittiert, in Ghana wird auf eine etwas weniger schmutzige Technologie umgestellt — und die Differenz wird verkauft.
Das ist der zentrale Kontext. Er ist umstritten. Er wird im Beitrag nicht erklärt.
Die Kontroverse, die vermieden wird
Die schweizerische CO₂-Kompensation im Ausland ist seit Jahren Gegenstand intensiver fachlicher und politischer Auseinandersetzung. Die zentralen Kritikpunkte:
Erstens: Die Zusätzlichkeitsfrage. Damit ein Klimazertifikat etwas wert ist, muss die CO₂-Einsparung «zusätzlich» sein — sie darf nicht ohnehin stattgefunden haben. In der Praxis ist diese Prüfung extrem schwierig. Wenn ein Zementwerk in Ghana sowieso aus wirtschaftlichen Gründen auf günstigere Tontechnologie umgestellt hätte, dann ist die Zertifizierung als zusätzliche Einsparung problematisch. Der Geschäftsführer Albrecht sagt selbst im Beitrag: «Da der importierte Klinker nun teilweise durch lokal abgebauten Ton ersetzt wird, begünstigt das auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit.» Mit anderen Worten: Es lohnt sich auch ohne Klimazertifikate. Damit wäre die Zusätzlichkeit zumindest fragwürdig.
Zweitens: Die Verifikationsfrage. CO₂-Zertifikate aus Entwicklungsländern haben eine bewegte Geschichte. Eine grosse Studie in Nature aus dem Jahr 2023 hat gezeigt, dass über 90 Prozent der zertifizierten Waldschutz-Projekte in Tropenländern keine echten Einsparungen geliefert haben. Die Verifikationsmechanismen sind oft schwach, die Anreize für Über-Zertifizierung gross. Das gilt nicht nur für Wald, sondern auch für Industrie-Projekte.
Drittens: Die Gerechtigkeitsfrage. Wenn die Schweiz ihre CO₂-Reduktionen in Ghana «kauft», bedeutet das, dass die billigen Reduktionsoptionen — die Ghana später selbst brauchen würde, um die eigenen Klimaziele zu erreichen — heute von der Schweiz aufgekauft werden. Das hinterlässt Ghana mit den teureren Optionen für die Zukunft. Das ist ein klassisches Problem der internationalen Klimapolitik, das in der schweizerischen Öffentlichkeit kaum diskutiert wird.
Viertens: Die strukturelle Frage. CO₂-Kompensation im Ausland ist eine Methode, mit der reiche Länder ihre eigene Transformation hinauszögern können. Statt im Inland zu reduzieren — wo es politisch schwierig und teuer ist — kauft man Reduktionen im Ausland. Das hilft kurzfristig der Klimabilanz, schiebt aber die strukturelle Veränderung der eigenen Wirtschaft auf.
Keiner dieser vier Punkte kommt im SRF-Beitrag vor. Stattdessen wird die Mechanik als Selbstverständlichkeit präsentiert: Die Firma will Zertifikate verkaufen, die Schweiz wird sie kaufen, alle profitieren. Das ist nicht Berichterstattung. Das ist die Übernahme des Geschäftsmodells als Erzählrahmen.
Die Begünstigten der Geschichte
Schauen wir, wer von dieser Reportage profitiert.
Die F. Scott Group profitiert. Sie bekommt eine siebenminütige positive Darstellung ihres Geschäftsmodells in einer der reichweitenstärksten Sendungen des Schweizer Radios. Die Marke wird als Klimaschutz-Pionier positioniert. Das ist Werbung im Wert von hunderttausenden Franken — gratis, getarnt als Journalismus.
Die schweizerische Klimapolitik profitiert. Die Reportage normalisiert den Mechanismus der Auslandskompensation. Sie zeigt eine schöne Geschichte aus Ghana, in der alle gewinnen. Die Schweizer Hörer können beruhigt sein: Die schweizerische Klimapolitik funktioniert, sie hilft sogar Ghana, alles ist gut. Die schwierige Diskussion über inländische Reduktion, über Verzicht, über strukturelle Veränderungen wird vermieden.
Das Bundesamt für Umwelt profitiert. Die schweizerische Strategie der Auslandskompensation steht politisch unter Druck. Kritiker — von Klimawissenschaftlern bis zu Entwicklungsorganisationen — werfen ihr Greenwashing vor. Eine positive Reportage über ein Vorzeige-Projekt in Ghana ist für die offizielle Position Gold wert.
Wer nicht profitiert: der mündige Hörer, der wissen will, was wirklich vor sich geht. Er bekommt keine Einordnung, keine Kontroverse, keine kritischen Stimmen. Er bekommt eine Wohlfühl-Geschichte, die ihn in dem Glauben bestärkt, die Welt sei in Ordnung.
Die handwerkliche Schwäche der Quellenarbeit
Schauen wir den Beitrag noch einmal mit dem Auge des Handwerks.
«Um bis zu 40 Prozent soll der CO₂-Ausstoss durch den Einsatz der neuen Technologie reduziert werden.» Wer sagt das? Die Firma. Wer hat es überprüft? Niemand, jedenfalls nicht im Beitrag dokumentiert. «Bis zu 40 Prozent» ist auch eine vorsichtige Formulierung — sie kann auch bedeuten: in Realität 15 Prozent. Aber «bis zu 40» klingt nach 40.
«Das neue Werk in Tema ist die weltweit grösste Anlage, die den Ton so aufbereitet, dass er den Klinker im Zement teilweise ersetzen kann.» Wer hat das verifiziert? Welche Quelle? Die Firma sagt es. Ist es ein PR-Superlativ oder eine geprüfte Tatsache? Wir wissen es nicht.
«Auch die Tonverarbeitung verursacht Emissionen und auch der hier hergestellte Zement kommt nicht ganz ohne Klinker aus.» Das ist die einzige kritische Bemerkung im Beitrag. Sie wird in einem Nebensatz erwähnt, ohne Quantifizierung, ohne Einordnung. Wieviel Emissionen? Wieviel Klinker? Wir erfahren es nicht.
Eine seriöse Reportage hätte diese Punkte mit unabhängigen Quellen verifiziert. Sie hätte die 40 Prozent gegen die wissenschaftliche Literatur gehalten. Sie hätte die Emissionen der Tonverarbeitung quantifiziert. Sie hätte den Anteil des verbleibenden Klinkers benannt. Stattdessen werden die Aussagen der Firma als Tatsachen weitergereicht.
Die Frage, warum der Beitrag überhaupt entstanden ist
Bemerkenswert ist auch die Frage: Warum macht ein SRF-Korrespondent eine siebenminütige Reportage über ein einzelnes Zementwerk in Ghana? Das ist eine sehr spezifische, sehr enge Geschichte für eine reichweitenstarke Sendung wie das Echo der Zeit.
Die plausibelste Erklärung: Die Geschichte wurde angeboten. Die F. Scott Group oder eine mit ihr verbundene Kommunikationsagentur hat SRF auf das Werk hingewiesen, möglicherweise eine Pressereise organisiert oder mitfinanziert. Solche Recherchereisen sind in der Auslandsberichterstattung gängig — und sie werden in den Beiträgen typischerweise nicht offengelegt.
Wenn ein Korrespondent für eine Reise ins Ausland Unterstützung von dem Unternehmen erhält, über das er berichtet, hat das Auswirkungen auf den Beitrag. Es bedeutet nicht zwingend Korruption. Es bedeutet aber, dass der Zugang zum Thema durch das Unternehmen vermittelt wurde, dass die Gesprächspartner durch das Unternehmen ausgewählt wurden, dass die Gewichtung der Geschichte durch das Unternehmen mitgeprägt wurde. Das prägt das Ergebnis, auch wenn der Journalist sich um Distanz bemüht.
SRF müsste in solchen Fällen offenlegen, wie die Recherche zustande kam, wer den Aufenthalt finanziert hat, welche Gesprächspartner durch wen vermittelt wurden. Diese Offenlegung fehlt. Wir wissen nicht, ob der Beitrag eine unabhängige Recherche ist oder eine vermittelte Geschichte. Im Zweifel ist das Zweite zu vermuten.
Die strukturelle Funktion solcher Beiträge
Der Beitrag ist Teil einer Sendung, die sich «Echo der Zeit» nennt — also eine Reflektion der wichtigsten Themen der Zeit. Was reflektiert dieser Beitrag?
Er reflektiert nicht die schwierige Lage des globalen Klimaschutzes. Er reflektiert nicht die Kritik an der Auslandskompensation. Er reflektiert nicht die Frage, ob die schweizerische Klimapolitik tatsächlich funktioniert. Er reflektiert eine Wohlfühl-Geschichte, die seine Hörer in dem Glauben bestärkt, dass die Sache schon vorangeht — irgendwie, irgendwo, in Ghana.
Das ist eine wichtige Funktion. In einer Zeit, in der die schweizerische Klimapolitik unter Druck steht — wo das Volk im Juni 2023 einer Klima-Schutz-Vorlage zugestimmt hat, deren Umsetzung sich aber als schwierig erweist, wo die nächsten Klimaabstimmungen in Reihe stehen, wo die SVP den «Klima-Wahnsinn» zur Wahlkampfthema macht — braucht das progressive Establishment positive Geschichten. Die positiven Geschichten zeigen: Klimaschutz funktioniert, er ist machbar, er hilft sogar Entwicklungsländern. Die Hörer können sich beruhigt zurücklehnen.
Hätte der Beitrag die Kontroverse aufgegriffen — die Zusätzlichkeitsfrage, die Verifikationsprobleme, die Gerechtigkeitsfrage — wäre das Bild ungemütlich geworden. Es hätte gezeigt, dass die schweizerische Klimapolitik möglicherweise nicht das ist, was sie zu sein vorgibt. Dass die schönen Zahlen der CO₂-Reduktion möglicherweise auf Buchungstricks beruhen. Dass die Kompensation im Ausland möglicherweise eine Methode ist, die eigene Verantwortung zu externalisieren.
Solche Geschichten würde das Echo der Zeit nicht senden. Es ist nicht für Ungemütlichkeit gemacht. Es ist für die wohldosierte Bestätigung des progressiven Konsens gemacht. Und genau diese Funktion erfüllt der Zement-Beitrag perfekt.
Die historische Linie
Es lohnt sich, diesen Beitrag in die längere Linie der schweizerischen Auslandsberichterstattung zu setzen.
Die Schweiz hat eine besondere Beziehung zu Afrika — kolonial, ökonomisch, entwicklungspolitisch. Die schweizerische Berichterstattung über Afrika hat dabei oft das Muster der wohlmeinenden Aufklärung: Hier ist ein Problem, hier ist eine schweizerische oder europäische Lösung, alles ist gut. Das Eigeninteresse — wirtschaftlich, politisch, klimapolitisch — wird selten thematisiert.
Der Zement-Beitrag passt in diese Linie. Eine Schweizer Firma rettet das Klima in Ghana. Die ghanaische Perspektive — sind die Schweizer hier wirklich Wohltäter, oder profitieren sie von einem Mechanismus, der für Ghana suboptimal ist? — kommt nicht vor. Die Hauptfiguren der Geschichte sind ein ghanaischer Produktionsleiter (der die Technik erklärt) und ein Schweizer Geschäftsführer (der die Strategie erklärt). Die Geschichte wird strukturell aus Schweizer Perspektive erzählt.
Das ist nicht Rassismus. Es ist eine subtilere Form: die Selbstverständlichkeit der eigenen Position als Erzählzentrum. Das ist tief eingelassen in die schweizerische Auslandsberichterstattung, und es wird selten reflektiert.
Der Befund
Der Beitrag ist ein Lehrstück der gesponserten Anschein-Berichterstattung. Er hat die Form einer Reportage, die Funktion einer Werbung. Er liefert dem Hörer die Illusion einer kritischen Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema — und gibt ihm tatsächlich eine eindimensionale Erzählung mit zwei Sprechern derselben Firma.
Was er gut macht: Er beschreibt eine konkrete Technologie verständlich. Er holt das abstrakte Thema Klimapolitik in eine greifbare Geschichte. Er liefert Bilder und Stimmen aus einem Land, über das die schweizerische Öffentlichkeit selten etwas hört.
Was er schlecht macht: Er liefert keine kritische Einordnung. Er hinterfragt die Aussagen der Firma nicht. Er vermeidet die zentrale Kontroverse — die Mechanik der Auslandskompensation, die Zusätzlichkeitsfrage, die Verifikationsprobleme. Er erzählt eine Wohlfühl-Geschichte über einen umstrittenen Mechanismus, ohne die Kontroverse auch nur zu erwähnen.
Das Ergebnis ist eine Reportage, die wie Aufklärung aussieht, aber Beruhigung ist. Der Hörer bekommt das gute Gefühl, etwas Komplexes verstanden zu haben — und versteht in Wahrheit nur die Sicht eines einzigen Akteurs. Er wird nicht informiert. Er wird in seinem bestehenden Weltbild bestätigt.
Genau das ist die Funktion der modernen öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Bestätigung statt Aufklärung. Beruhigung statt Konfrontation. Konsens-Pflege statt kritische Distanz. Der Zement-Beitrag ist nicht ein Ausnahmefall — er ist ein Modellfall.
Eine kritische Variante derselben Geschichte hätte gefragt: Wer profitiert wirklich von diesem Werk? Was bedeutet die Auslandskompensation für die ghanaische Klimapolitik? Sind die 40 Prozent CO₂-Einsparung wissenschaftlich belegbar? Was sagen unabhängige Experten zur Verifikation? Wie viele Schweizer Klimaziele werden auf diese Weise nach Ghana ausgelagert? Welche realen Reduktionen geschehen in der Schweiz selbst?
Diese Fragen wurden nicht gestellt. Stattdessen bekommen wir Bildergalerien, Zementsäcke, Silos und einen freundlichen Geschäftsführer, der die Welt erklärt. Das ist nicht das «Echo der Zeit». Das ist das Echo des Kunden, gesendet auf der Frequenz des Service public, finanziert durch die Gebührenzahler, die dafür eine bessere Berichterstattung verdient hätten.
Der Zement bleibt grau. Der Beitrag ist es auch.
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