Wenn die Erklärung zur Anklage wird
Dieser SRF-Beitrag von Alexandra Gubser will erklären, warum die AfD in Deutschland im Umfragehoch verharrt. Das ist ein legitimes und wichtiges Thema. Doch die Erklärung eines politischen Phänomens ist journalistisch eine Gratwanderung: Sie kann analysieren, warum Menschen eine Partei wählen — oder sie kann unter dem Deckmantel der Analyse erklären, warum diese Wähler sich irren. Der Beitrag wählt streckenweise das Zweite. Sehen wir genau hin, denn hier verschwimmt die Grenze zwischen Befund und Urteil so durchgängig, dass sie kaum mehr zu erkennen ist.
Zum SRF-Beitrag «AfD geht mit Empathie auf Wählerfang», 03.06.2026
Was der Beitrag gut macht
Zunächst das Verdienst, und es ist real. Der Beitrag liefert harte, konkrete Zahlen: 41 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt gegenüber 26 Prozent für die CDU, auf Bundesebene 27 zu 22 Prozent. Er benennt das bevorstehende Datum, den 6. September, und die konkrete Person, Ulrich Siegmund. Das ist faktenreich und einordnend.
Vor allem aber wagt der Beitrag eine unbequeme und ehrliche Diagnose, die ihm hoch anzurechnen ist: Die Strategie von CDU/CSU, die AfD durch eigene Verschärfung «rechts zu überholen», funktioniert «nachweislich nicht». Der zitierte Parteienforscher Krause liefert dazu die schlüssige Erklärung: Wer die Problemdiagnose und den Lösungsansatz der Konkurrenz übernimmt, normalisiert sie und macht sie erst wählbar. Das ist eine analytisch starke, parteiübergreifend interessante Einsicht — und sie widerspricht sogar dem Reflex vieler etablierter Akteure. Dass der Beitrag diese Pointe klar herausarbeitet, ist sein bestes Stück.
Auch der zentrale empirische Befund ist bemerkenswert offen benannt: Die Asylzahlen sind «markant gesunken», und trotzdem schadet das der AfD nicht. Das ist eine ehrliche Konfrontation mit einer Tatsache, die der gängigen Erwartung widerspricht.
Die Sprache, die das Urteil schon enthält
Und doch verrät sich die Haltung des Beitrags in fast jeder Formulierung. Beginnen wir beim Titel: «AfD geht mit Empathie auf Wählerfang». Das Wort «Wählerfang» ist kein neutraler Begriff — es ist die Sprache des Fallenstellens, des Köderns. Wähler werden hier nicht überzeugt, sie werden gefangen. Und die «Empathie» steht in einem Kontext, der sie sofort als blosse Masche entlarvt: Die Partei zeige sie nur, um Emotionen zu «mobilisieren» und «Ressentiments» zu schüren.
Diese Doppelbewegung durchzieht den ganzen Text. Das, was die AfD tut, wird zunächst neutral, ja positiv beschrieben — «präsent sein, auf die Menschen zugehen, ihnen zuhören und sie ernst nehmen» —, und im selben Atemzug wieder entwertet: «Sie kanalisiert Unsicherheiten und Ängste, mobilisiert Emotionen und vor allem Ressentiments.» Der Leser soll die Anerkennung sofort wieder zurücknehmen. Die AfD ist gut in etwas — aber das, worin sie gut ist, ist Manipulation. Damit wird die Frage, die ein erklärender Beitrag eigentlich stellen müsste, gar nicht erst zugelassen: Was, wenn das «Zuhören und Ernstnehmen» tatsächlich ein realer Mangel der anderen Parteien ist und kein blosser Trick? Der Beitrag schliesst diese Lesart durch seine Wortwahl aus, bevor sie gedacht werden kann.
Das entscheidende Wort: «Ressentiment»
Der Schlüsselbegriff des ganzen Beitrags ist «Ressentiment», und er trägt die ganze Last der Wertung. Die Kernpassage lautet:
«Dass die Asylzahlen in Deutschland markant gesunken sind […], schmälert die Wählergunst nicht. ‹Ressentiments lassen sich durch Statistiken nur schwer aus der Welt räumen›, erklärt Parteienforscher Werner Krause. […] Längst hätten sich messbare Migrationszahlen von einer gefühlten Bedrohung entkoppelt.»
Hier wird eine weitreichende Behauptung als wissenschaftlicher Befund verkauft: Die Sorge der AfD-Wähler sei ein «Ressentiment» — also eine irrationale, durch Fakten nicht korrigierbare Gehässigkeit —, das sich von der «messbaren» Realität «entkoppelt» habe. Das ist eine elegante, aber folgenschwere rhetorische Operation. Sie erklärt die Wahrnehmung der Wähler für faktenresistent und damit für unzugänglich jeder rationalen Debatte. Wer ein «Ressentiment» hat, mit dem muss man nicht argumentieren — man kann ihn nur diagnostizieren.
Doch die sinkenden Asylzahlen eines Jahres widerlegen die Migrationssorge keineswegs so eindeutig, wie der Beitrag suggeriert. Die Bestände — die kumulierten Folgen der Zuwanderung der letzten zehn Jahre in Schulen, Wohnungsmärkten, Sozialsystemen und bei der inneren Sicherheit — verschwinden nicht, nur weil die Zuflussrate eines Stichmonats sinkt. Ein Wähler, der die Integrationsprobleme in seiner Stadt täglich erlebt, hat sich nicht von der Realität «entkoppelt»; er nimmt nur eine andere Dimension der Realität wahr als die eine Statistik, die der Beitrag herauszieht. Indem der Text die «gefühlte Bedrohung» gegen die «messbaren Zahlen» ausspielt, behauptet er, die Wähler sässen einer blossen Illusion auf. Das ist genau jene Etiketten-Mechanik, die in dieser Serie wiederkehrt: «Ressentiment» funktioniert wie «Schwurbler» oder «Putinversteher» — es ersetzt die Auseinandersetzung mit dem Anliegen durch dessen Pathologisierung. Bemerkenswert ist immerhin, dass der Beitrag eine Hintertür offenlässt: Er nennt steigende Sprit- und Lebensmittelkosten und die Unzufriedenheit mit der Regierung als reale Quellen. Das ist ehrlich — aber es steht neben, nicht statt der Ressentiment-These.
Die selektive Bebilderung des Wahlprogramms
Auffällig ist die Auswahl im letzten Drittel. Der Beitrag zitiert aus dem 150-seitigen AfD-Programm für Sachsen-Anhalt ausschliesslich die drastischsten Punkte: «Bürgerwachten», Abschaffung von «Schulpflicht und Inklusion», «patriotische Kunst», Austausch Hunderter Beamter. Das sind tatsächlich alarmierende Positionen, und es ist legitim, sie zu benennen.
Aber die Auswahl ist erkennbar auf maximale Abschreckung kuratiert. Von 150 Seiten werden genau jene vier, fünf Punkte herausgegriffen, die am autoritärsten klingen, eingeleitet mit der wertenden Überschrift «Autoritäre Verschärfungen». Was die Partei zu jenen Alltagsthemen sagt, die der Beitrag selbst als Wahlmotive identifiziert hat — Sprit- und Lebensmittelkosten, Wirtschaft, Energie —, kommt nicht vor. Der Beitrag diagnostiziert also einerseits, die AfD werde wegen Alltagssorgen gewählt, illustriert ihr Programm andererseits aber ausschliesslich mit den kulturkämpferischen Schreckenspunkten. Damit entsteht ein Widerspruch: Der Text kann nicht erklären, warum Wähler, die wegen Spritpreisen wählen, ein Programm gut finden sollen, das angeblich nur aus Bürgerwachten und Kunst-Dirigismus besteht. Die Lücke zwischen Wahlmotiv und Programmdarstellung wird nicht geschlossen, weil eine vollständige Programmdarstellung das Abschreckungsbild stören würde.
Die Position der Erzählstimme
Das eigentlich Strukturelle aber ist die Erzählperspektive. Der Beitrag schreibt durchgängig aus der Sicht derer, die das «AfD-Problem» lösen wollen. Ganze Passagen sind als strategische Beratung der etablierten Parteien formuliert: «Dieses Protestwählerpotenzial zu dämpfen, läge auch in der Hand der Regierung. Einer Koalition, die sich nicht in Dauerstreitereien verliert, die verständlich kommuniziert…»
Hier ist die Stimme des Berichts keine beobachtende mehr, sondern eine teilnehmende. Sie fragt nicht: Was wollen diese 41 Prozent, und haben sie womöglich recht? Sondern: Wie bekommt man sie wieder eingefangen? Der Wähler erscheint nicht als Bürger mit einem legitimen Anliegen, sondern als «Potenzial», das zu «dämpfen» ist — als verirrte Herde, die zurückzuholen wäre. Das ist die Grundhaltung des ganzen Stücks: Die AfD-Stärke ist kein demokratisch zu respektierendes Votum, sondern ein Betriebsunfall, den die vernünftigen Kräfte beheben müssen. Dass über zwei Fünftel der Wähler eines Bundeslandes mit dieser Haltung implizit für getäuscht oder ressentimentgeleitet erklärt werden, fällt dem Beitrag nicht als Problem auf.
Die korrekten, aber einseitig gesetzten Etiketten
Schliesslich die Etiketten: «extreme Rechte», «vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextrem eingestuft», «von allen anderen Parteien geächtet». Diese Bezeichnungen sind nicht erfunden — die Einstufung des Verfassungsschutzes existiert, die Ächtung ist real. Der Beitrag hat das Recht, sie zu nennen. Aber sie werden als feststehende Wesensbestimmung gesetzt, nicht als umstrittene Zuschreibung. Dass die Einstufung «in Teilen als rechtsextrem» selbst Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen ist und dass eine vom Staatsschutz beobachtete, zugleich von über einem Viertel der Bürger gewählte Partei ein demokratisches Spannungsverhältnis aufwirft, das der Erörterung wert wäre — all das bleibt unausgeleuchtet. Das Etikett steht, die Spannung dahinter ruht.
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