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Wenn der Sieg brennt
Medienkritik
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Wenn der Sieg brennt

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Nach dem Champions-League-Triumph von Paris Saint-Germain brannten in Frankreich die Strassen: rund 900 Festnahmen, 178 verletzte Sicherheitskräfte, geplünderte Geschäfte in einem Dutzend Städten. SRF tut diesmal etwas, das man loben muss — und das in der ersten, knappen Agenturmeldung noch gefehlt hatte: Der Sender fragt nach den Ursachen. Frankreich-Korrespondentin Mirjam Mathis stellt sich genau den Fragen, die zählen: Wer randaliert da? Warum gerade nach einem Sieg? Sind es tiefere gesellschaftliche Probleme? Das ist guter Korrespondentenjournalismus. Und doch endet er an einer Tür, die er nicht ganz aufstösst — an einem geografischen Codewort, das eine ganze Wahrheit verschweigt, indem es sie höflich umschreibt.

Zum SRF-Beitrag «Warum es in Paris eskaliert – und was das mit Fussball zu tun hat», 01.06.2026


Was SRF richtig macht

Beginnen wir mit dem Verdienst, denn es ist substanziell. Mathis benennt den entscheidenden, oft verschwiegenen Befund klar:

«Solche Krawalle entstehen oft nicht aus Frust über eine Niederlage, sondern aus der Dynamik eines Massenereignisses. […] Der Fussball ist also nicht der Grund, sondern bietet die Gelegenheit für solche Ausschreitungen.»

Das ist der Schlüsselgedanke, und er ist richtig. PSG hat gewonnen — den grössten Titel der Vereinsgeschichte. Trotzdem brennen die Autos, werden Läden geplündert, fliegen Wurfgeschosse. Man muss die Absurdität voll auskosten: Normalerweise erzählt man sich, Fussballgewalt entstehe aus dem Frust der Niederlage. Hier produziert der Triumph dieselbe Verwüstung. Das beweist, dass es mit Fussball im Kern nichts zu tun hat. Der Sport ist nur der Funke; das Brennmaterial lag längst bereit. Mathis sieht das und sagt es.

Sie geht weiter. Auf die Frage, wer randaliert, kommt diesmal eine Antwort statt eines Achselzuckens: «eine Mischung aus einzelnen gewaltbereiten Ultra-Gruppen, Jugendlichen ohne direkten Fussballbezug und opportunistischen Gruppen, die bewusst Krawalle suchen». Die Gewalttäter seien «nur zum Teil echte Fans». Und auf die wichtigste Frage — tiefere gesellschaftliche Probleme? — weicht sie nicht aus:

«Besonders in den Banlieues rund um Paris ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch, die Jugendlichen haben wenig Perspektiven und ein zwiespältiges Verhältnis zum Staat, von dem sie finanziell abhängig sind.»

Das ist, gemessen am üblichen Ton, eine erstaunlich offene Passage. «Zwiespältiges Verhältnis zum Staat, von dem sie finanziell abhängig sind» — das benennt die Spannung zwischen Alimentierung und Aggression gegen genau jenen Staat. Der Schlusssatz über die «Gewöhnung», die «Normalität» der Ausschreitungen, die «die Hemmschwelle senkt», beschreibt präzise das jährlich wiederkehrende Ritual.

Die eine Tür, die nicht aufgeht: das Codewort «Banlieue»

Und doch — gerade weil so viel aufgeschlossen wurde — fällt umso mehr auf, wo die Ehrlichkeit haltmacht. «Banlieue» heisst wörtlich nur «Vorstadt». Aber niemand versteht das Wort geografisch. Wenn von «den Banlieues» die Rede ist, meint niemand die bürgerlichen Villenvororte von Neuilly oder Versailles — die sind ebenfalls Banlieue, kommen aber nie vor. Gemeint sind die Cités von Seine-Saint-Denis, von Clichy-sous-Bois, von Aulnay, Grigny. Und deren Bevölkerung ist zu einem überwiegenden Teil maghrebinischer und subsaharischer Herkunft: Nachkommen von Einwanderern aus Algerien, Marokko, Tunesien, aus Mali, Senegal, der Elfenbeinküste.

Das ist keine Polemik, sondern demografische Realität, dokumentiert in jeder ernsthaften französischen Sozialstudie, vom INSEE bis zum Institut Montaigne. In manchen dieser Gemeinden hat über die Hälfte der unter 18-Jährigen mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil, weit überwiegend aus dem Maghreb und Westafrika. Das ist der Ort, den SRF meint, wenn die Korrespondentin «Banlieue» sagt. Und weil jeder es weiss, kann das Wort die Sache bezeichnen, ohne sie zu nennen. Es ist die perfekte Chiffre: präzise genug, dass der Eingeweihte versteht, vage genug, dass niemand es aussprechen muss. «Banlieue» ist keine Herkunft, sondern eine Postleitzahl — und genau das macht es sicher.

Warum das Verschweigen die Erklärung verfälscht

Man könnte einwenden: Spielt die Herkunft überhaupt eine Rolle? Ist nicht die Armut die Ursache, gleich wer arm ist? Genau das suggeriert das sozioökonomische Modell, das SRF anbietet — und es ist halb wahr und halb irreführend.

Halb wahr, weil materielle Not, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit real sind und real Gewalt begünstigen. Das bestreitet niemand.

Aber irreführend, weil es eine entscheidende Frage abwürgt: Warum brennen ausgerechnet diese Vorstädte, und nicht die ebenso armen Regionen anderswo? In den abgehängten Industriestädten Ostfrankreichs, in den verarmten ländlichen Departements, unter den «Gilets jaunes» der weissen Provinz gibt es bittere Armut, Arbeitslosigkeit, Staatsferne — und trotzdem nicht dieses jährliche Ritual brennender Autos nach jedem beliebigen Anlass. Wenn reine Armut die Ursache wäre, müsste die Gewalt der Armut folgen, überallhin. Sie tut es nicht. Sie konzentriert sich auf ein bestimmtes Milieu mit einer bestimmten Herkunft und einem bestimmten, gestörten Verhältnis zur französischen Nation, zu ihrer Polizei, zu ihren Institutionen.

Hier müsste die ehrliche Analyse beginnen — und hier hört SRF auf. Es geht nicht nur um Geld. Es geht um Identität, um Integration, die misslang, um eine zweite und dritte Generation, die sich weder als Franzosen fühlt noch eine andere Heimat hat, um Parallelstrukturen, in denen der Staat als fremde, feindliche Macht erlebt wird. Die landesweiten Krawalle nach dem Tod Nahels 2023 — eines Jugendlichen algerischer Herkunft, erschossen von der Polizei — entzündeten sich an exakt dieser Bruchlinie und verliefen entlang derselben demografischen Geografie. Der Fussball ist nur der jüngste Anlass in einer langen Reihe.

Der Beweis durch das Gegenteil

Mathis liefert selbst das stärkste Argument, ohne es zu Ende zu denken: Der Sieg löst dieselbe Gewalt aus wie eine Niederlage. Also liegt es weder am Sport noch am Resultat. Woran dann? An einer dauerhaft vorhandenen Gewaltbereitschaft, die nur auf einen Vorwand wartet. Und diese Bereitschaft hat einen Ort, ein Alter, ein Geschlecht und, ja, eine kulturelle Prägung: junge Männer, überwiegend maghrebinischer und afrikanischer Herkunft, aus den Cités. Das ist die Beschreibung, die jede französische Sicherheitsbehörde intern verwendet — und die in der öffentlichen Berichterstattung zu «vermummten Personen» und «Jugendlichen» verflüssigt wird. Bezeichnend: Im Fliesstext der Korrespondentin wird differenziert, in der Faktenbox des Beitrags aber steht wieder die alte Formel «vermummte Personen und Einsatzkräfte gerieten aneinander», als hätten zwei Hände am selben Text gearbeitet.

Der zweite Beweis liegt in SRFs eigenem Archiv. Der Sender verlinkt selbst drei Artikel aus den Vorjahren: «Zwei Tote bei Feierlichkeiten» (2025), «Warum eskaliert in Frankreich immer wieder die Gewalt?» (2025), «Die Probleme in den Vororten werden nur gehört, wenn es brennt» (2023). Jahr um Jahr dieselbe Schlagzeile, dieselbe halbe Erklärung, dieselbe Ratlosigkeit. Diese Wiederholung ist das eigentliche Eingeständnis: Eine Gesellschaft, die ein Problem zwei Jahrzehnte lang mit denselben Worten beschreibt und sich nicht bewegt, hat sich entschieden, die Ursache nicht zu benennen — weil das Benennen unbequemer wäre als das Brennen.

Warum kein Sender das Wort sagt

Es lohnt zu fragen, warum die Chiffre «Banlieue» so beharrlich die Wörter «Maghreb», «Migration», «muslimisch geprägt» ersetzt. Die Antwort ist nicht Dummheit, sondern Furcht — vor einem ganz bestimmten Etikett. Wer den Zusammenhang zwischen Herkunft und Krawall ausspricht, riskiert, sofort als «Rassist», «rechts», «pauschalisierend» abgestempelt zu werden. Das ist dieselbe Mechanik der Sprach-Waffe, die andernorts «Schwurbler» oder «Putinversteher» heisst: Wie jene den Zweifel pathologisieren, so pathologisiert der Vorwurf der «Stigmatisierung» die blosse Benennung einer demografischen Tatsache. Das Etikett ersetzt das Argument und bricht die Debatte ab, bevor sie beginnt.

Deshalb flüchtet sich der gut gemeinte Journalismus in den geografischen Code. «Banlieue» ist sicher. Man kann darüber reden, ohne das Etikett zu riskieren. Der Preis dieser Sicherheit aber ist die Wahrheit: Eine Erklärung, die den entscheidenden Faktor systematisch ausblendet, kann das Problem nie verstehen — und folglich nie lösen. Daher dieselbe Schlagzeile, Jahr um Jahr.

Die nötige Differenzierung

Hier ist Redlichkeit gefragt: Wer benennt, muss auch unterscheiden. Es randaliert nicht «der Maghrebiner». Es randaliert eine kleine, gewaltbereite Minderheit junger Männer aus einem bestimmten Milieu. Die übergrosse Mehrheit der Bewohner dieser Vorstädte — auch der maghrebinischen, auch der muslimischen — feierte friedlich, ging arbeiten, blieb zu Hause, verabscheut die Krawalle so sehr wie jeder andere. Die Plünderer sind eine Randgruppe, nicht nur eine Ethnie.

Aber die Tatsache, dass es eine Minderheit ist, hebt den Zusammenhang nicht auf. Diese gewaltbereite Minderheit rekrutiert sich eben überproportional aus einem bestimmten Herkunfts- und Integrationsmilieu, und das ist analytisch relevant, ob es gefällt oder nicht. Die Wahrheit liegt zwischen zwei Lügen: der einen, die pauschal eine ganze Bevölkerungsgruppe verurteilt, und der anderen, die jeden Zusammenhang mit der Herkunft leugnet und alles in «soziale Faktoren» auflöst. SRF begeht die zweite Lüge. Sie ist die anständigere von beiden — aber es bleibt eine Verkürzung der Wirklichkeit.


*SRF hat diesmal weiter gefragt als je zuvor, und das verdient Anerkennung: Die Korrespondentin benennt die Banlieues, die Jugendarbeitslosigkeit, das zwiespältige Verhältnis zu einem Staat, von dem man lebt und den man bekämpft. Sie sieht den entscheidenden Befund — dass der Sieg dieselben Krawalle auslöst wie eine Niederlage und es also mit Fussball nichts zu tun hat. Aber «Banlieue» ist die letzte Tarnung vor der Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst. Es ist eine Postleitzahl, die als Erklärung für eine Herkunft einspringt, die niemand aussprechen will: maghrebinisch, subsaharisch, eine zweite und dritte Generation, deren Integration in weiten Teilen scheiterte und die den französischen Staat als Feind erlebt. Der Beweis liegt offen: Wäre es bloss die Armut, würde es überall brennen, wo Menschen arm sind — in der weissen Provinz, im abgehängten Osten. Es brennt aber dort nicht. Es brennt in den Cités, jedes Jahr, bei Sieg wie bei Niederlage, beim Tod eines Jugendlichen wie beim Pokalgewinn — weil der Anlass beliebig ist und nur die Bereitschaft konstant, und diese Bereitschaft hat einen Ort, ein Alter, ein Geschlecht und eine Herkunft. Das auszusprechen ist nicht Rassismus, sondern die Voraussetzung dafür, das Problem überhaupt zu verstehen — wobei dieselbe Redlichkeit gebietet, die friedliche Mehrheit nicht mit der gewalttätigen Minderheit zu verwechseln. Doch genau diese Benennung wagt kein Sender, aus Furcht vor dem Etikett, das jede Debatte abbricht. «Stigmatisierung» ist zur Banlieue-Frage, was «Schwurbler» zur Corona-Frage ist: die Sprach-Waffe, die das Benennen verbietet und damit das Denken stilllegt. So zahlt der französische Staat seit zwanzig Jahren denselben Preis, und SRF schreibt seit zwanzig Jahren dieselbe Schlagzeile — dokumentiert im eigenen Archiv, drei Jahre, drei fast identische Titel. Man hat sich entschieden, lieber jedes Jahr die Autos brennen zu sehen, als ein einziges Mal das Wort zu sagen, das den Brand erklärt. Die anständige Lüge — alles sei nur sozial — ist bequemer als die unbequeme Wahrheit. Aber eine Lüge, die brennt, bleibt eine Lüge. Und solange «Banlieue» das letzte Wort ist, das man zu sagen wagt, bleibt das vorletzte — Migration, Maghreb, gescheiterte Integration — das Einzige, worauf es ankäme. *🔥🔥🔥

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