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Warum SRF nicht aufhören kann, über Jimmy Kimmel zu berichten
Medienkritik
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Warum SRF nicht aufhören kann, über Jimmy Kimmel zu berichten

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Zum SRF-Beitrag «Nach Witwen-Witz: Trump fordert Entlassung von Jimmy Kimmel» vom 28. April 2026

Es ist nicht der erste Bericht. Es ist nicht der zweite. Es ist mindestens der fünfte oder sechste in sieben Monaten. Im September 2025 wurde Kimmel nach einer Äusserung über Charlie Kirk vorübergehend abgesetzt, mit drei eigenen Begleitberichten bei SRF. Im selben Monat seine Rückkehr, wieder ein Beitrag. Dazwischen Erklärstücke, Reaktionen, Einordnungen. Jetzt der Witwen-Witz, der nach einem Anschlagsversuch in einen anderen Kontext rückt, und die erneute Trump-Forderung nach Entlassung.

Die Frage, die der Beitrag nicht beantwortet, ist die, warum er überhaupt geschrieben wurde. Warum berichtet ein Schweizer Sender mit beträchtlicher Regelmässigkeit über die Querelen einer amerikanischen Late-Night-Show, deren Inhalte und Personal in der Schweiz für die allermeisten Hörer Fremdwährung sind?

Die Bedeutungslosigkeit des Anlasses

Die amerikanische Late-Night-Tradition ist seit Jahrzehnten ein medienkulturelles Phänomen mit schmaler Reichweite ausserhalb der USA. Carson, Letterman, Leno, Conan, Stewart, Colbert, Fallon, Kimmel: Diese Namen haben in Europa Erinnerungswert für eine kleine, in der Regel akademisch geprägte Schicht, die amerikanische Popkultur konsumiert. Für den durchschnittlichen Schweizer Hörer einer SRF-Nachricht sind sie fern.

Die Quoten der amerikanischen Late-Night-Shows sind seit zehn Jahren rückläufig. Die jüngere Generation schaut die Formate nicht mehr im Linearfernsehen, sondern als YouTube-Clips am nächsten Tag, oft ausschnittweise, ohne den Erzählzusammenhang einer ganzen Sendung. Das Genre selbst befindet sich in einer existenziellen Krise. Stephen Colbert wurde 2025 abgesetzt, weil seine Show finanziell nicht mehr trug. Jimmy Fallon kämpft um seine Position bei NBC. Kimmel selbst ist bei ABC mehrfach in Frage gestellt worden, nicht nur wegen politischer Kontroversen, sondern auch wegen sinkender Werbeeinnahmen.

In dieses sterbende Format hinein produziert SRF Schweiz einen Beitrag nach dem anderen. Der Eindruck, der dadurch entsteht, ist verzerrt. Der Hörer könnte annehmen, Late-Night-Shows seien zentrale Foren amerikanischer politischer Auseinandersetzung. Tatsächlich sind sie Nischenprodukte einer absteigenden Medienform, deren Zuschauerschaft sich in den letzten zehn Jahren halbiert hat.

Die Erzählstruktur

Was die Berichte gemeinsam haben, ist nicht der konkrete Inhalt, sondern die Erzählstruktur. Trump greift einen Moderator an. Der Moderator antwortet mit einem Witz oder einer pathetischen Pressefreiheits-Erklärung. Die Pressefreiheit wird als bedroht dargestellt. Disney oder ABC werden in eine schwierige Lage gebracht. Der Moderator erscheint als Held einer Auseinandersetzung, die grösser ist als seine eigene Person.

Diese Erzählstruktur ist eingeübt. Sie wiederholt sich, weil sie eine bestimmte Funktion erfüllt. Sie liefert eine moralisch klare Geschichte, in der die Rollen verteilt sind und der Konflikt vorhersehbar verläuft. Trump ist der Aggressor, der Moderator das Opfer, die Demokratie der gefährdete dritte Akteur. Wer den Beitrag liest, weiss am Ende, was er denken soll.

Solche Geschichten sind journalistisch bequem. Sie schreiben sich fast von selbst. Die Recherche ist minimal, weil die Akteure ihre Positionen über soziale Medien kommunizieren. Die Einordnung ist standardisiert, weil sie in jedem ähnlichen Fall dieselbe ist. Das Endprodukt ist ein Beitrag, der den eingeübten Reflex der Hörerschaft bestätigt: Trump ist gefährlich, die amerikanische Demokratie ist bedroht, freie Medien stehen unter Druck.

Was die Geschichte verbirgt

Der konkrete Vorfall ist in seiner Substanz weniger eindeutig, als die Berichterstattung nahelegt. Kimmel hat einen Witz gemacht, der den Altersunterschied zwischen Donald und Melania Trump aufgriff. «Sie haben das Leuchten einer werdenden Witwe.» Zwei Tage später wird auf der Veranstaltung, für die der Witz aufgenommen wurde, ein Anschlagsversuch verübt. Trump überlebt. Der Witz wird, im Lichte des Anschlags, zu einer schwer verdaulichen Pointe.

Trump nutzt diese Konstellation, um Kimmels Entlassung zu fordern. Das ist politisches Theater. Es ist auch eine durchaus diskutable Frage, ob ein Witz über die nahende Witwenschaft einer First Lady, der zwei Tage vor einem Attentat aufgenommen wird, in einer normalen redaktionellen Abwägung publiziert worden wäre, oder ob er nicht im Studio oder im Schnitt hängengeblieben wäre.

Diese Frage stellt der Beitrag nicht. Er behandelt Kimmels Ausspruch implizit als unproblematischen Witz, der nur durch Trumps Reaktion problematisch wird. Das ist eine bestimmte Lesart. Eine andere Lesart wäre: Kimmel hat sich, im Wettlauf um Pointen gegen einen ungeliebten Präsidenten, in eine Formulierung getrieben, die im nüchternen Rückblick schwer zu verteidigen ist. Beide Lesarten sind möglich. Die Berichterstattung wählt nur eine.

Der pädagogische Subtext

Wer regelmässig solche Beiträge liest, bemerkt einen pädagogischen Subtext. Es geht nicht primär um Information über amerikanische Verhältnisse. Es geht um eine Lektion, die der europäischen Hörerschaft eingeprägt werden soll. Die Lektion lautet: Sehen Sie, was passiert, wenn Populisten an die Macht kommen. Sie attackieren die Presse. Sie fordern Entlassungen von Kritikern. Sie unterminieren demokratische Normen.

Diese Lektion mag zutreffen oder nicht. Sie ist in jedem Fall eine politische Botschaft, kein neutraler Befund. Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender wiederholt amerikanische Episoden auswählt, um diese Botschaft zu transportieren, betreibt er eine Form von politischer Erziehung. Das ist nicht per se illegitim, aber es sollte als das benannt werden, was es ist.

Der pädagogische Subtext erklärt auch die Auswahl der Themen. SRF berichtet sehr ausführlich über amerikanische Pressefreiheits-Konflikte. Es berichtet sehr viel weniger über vergleichbare Konflikte anderswo. In Frankreich kämpft die Regierung mit kritischen Medien um ihre Lizenzen. In Grossbritannien hat die BBC unter politischem Druck redaktionelle Linien angepasst. In Deutschland gibt es seit Jahren Auseinandersetzungen um die Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender. In Österreich werden die ORF-Beiträge regelmässig politisch bewertet. In Italien hat die Meloni-Regierung Personalentscheidungen bei der RAI getroffen, die Pressefreiheits-Implikationen haben. Über keines dieser Themen wird mit der gleichen Regelmässigkeit berichtet.

Die Auswahl ist nicht zufällig. Sie folgt der Erzählstruktur, die in den USA besonders gut funktioniert: Trump als der eindeutige Antagonist. In den anderen Fällen wären die Rollen unklarer, die Bewertungen heikler, die Botschaft weniger geradlinig. Der amerikanische Fall liefert moralische Klarheit, die andere Fälle nicht bieten.

Die Schweizer Auslassung

Was bei alledem nicht stattfindet, ist eine Berichterstattung über die Pressefreiheit in der Schweiz selbst. Das ist eine merkwürdige Lücke. Die Schweiz hat in den letzten Jahren eine Reihe von Themen, die journalistisch interessant wären. Die Beziehung zwischen SRG und Bundesrat. Die finanzielle Lage privater Medien. Die Konsolidierung der Verlagshäuser. Die Rolle der Tamedia-Zentralredaktion. Die fortschreitende Schliessung lokaler Zeitungen. Die Frage, wie die SNB ihre Kommunikation steuert und wie kritische Wirtschaftsberichterstattung in der Schweiz möglich ist.

Diese Themen finden statt, aber sie haben nie die Frequenz und Intensität der Trump-Kimmel-Berichte. Die mediale Aufmerksamkeit wird nach aussen gelenkt, in ein Feld, in dem die Rollen sicher verteilt sind und keine eigenen institutionellen Empfindlichkeiten berührt werden.

Das ist die ehrlichste Erklärung für die Frequenz der Kimmel-Berichte. Sie sind nicht relevant für das Schweizer Publikum, aber sie sind sicher. Sie produzieren keine Konflikte mit Werbekunden, mit Aufsichtsgremien, mit politischen Akteuren in Bern. Sie liefern moralische Klarheit zu geringen Kosten. Sie erfüllen eine pädagogische Funktion, ohne unbequem zu sein.

Was bleibt

Ein Bericht, der ein amerikanisches Mediendrama in den Schweizer Nachrichtenstrom einspeist, mit Methoden, die seit zehn Jahren eingeübt sind. Trump greift an, Kimmel verteidigt sich, die Pressefreiheit ist bedroht, der Hörer weiss, was er denken soll.

Das Problem ist nicht, dass über solche Vorfälle berichtet wird. Das Problem ist die Frequenz, die Auswahl, die immer gleiche Erzählstruktur. Wer den Schweizer Hörer ernst nähme, würde ihm gelegentlich vermitteln, dass er mit der amerikanischen Late-Night-Tradition vermutlich wenig zu tun hat, dass die geschilderten Vorgänge in einem fremden Mediensystem stattfinden, das sich grundlegend von dem schweizerischen unterscheidet, und dass die Ableitung daraus für die eigene politische Kultur weder einfach noch zwingend ist.

Stattdessen wird der Eindruck erzeugt, dass das amerikanische Drama eine universelle Lehre transportiere, die der europäische Hörer aufmerksam zu studieren habe. Das ist eine Form von journalistischer Bevormundung, die sich nicht zugibt, was sie tut.

Jimmy Kimmel wird seine Show wahrscheinlich behalten. Trump wird sie nicht abschaffen können. Die nächste Folge der Auseinandersetzung wird in zwei Wochen stattfinden, und SRF wird wieder darüber berichten. Und der Schweizer Hörer wird wieder lernen, was er ohnehin schon zu wissen glaubt.

Das ist nicht Journalismus, der seine Leser informiert. Das ist Journalismus, der seine Leser bestätigt. Der Unterschied ist nicht klein.

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