9min
Warum Aaron Rodgers plötzlich in Zürich auftaucht
Medienkritik
3 Minuten

Warum Aaron Rodgers plötzlich in Zürich auftaucht

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
Teilen

Zwei Tage nach der Freistellung legt SRF nach. Ein Folgeartikel, der den Fall Fischer in einen grösseren Kontext stellt. Eine Chronik der «fehlenden Transparenz im Sport». Vier Vergleichsfälle: Breel Embolo, Markus Anfang, Aaron Rodgers, das Rio-Dopingprogramm.

Es lohnt sich, kurz darüber nachzudenken, was hier passiert.

Fischer hat ein Covid-Zertifikat gefälscht. Eine Ordnungswidrigkeit, Strafbefehl, Geldstrafe, rechtskräftig abgeschlossen. Zwei Tage nach der Freistellung ist aus dieser Episode in der SRF-Darstellung eine Station in einer Ahnenreihe internationaler Sport-Transparenzversagen geworden. Neben einem Schweizer Fussballer mit einer unklaren Partynacht. Neben einem deutschen Bundesliga-Trainer. Neben Aaron Rodgers. Neben dem gesamten Anti-Doping-Programm einer Olympiade.

Das ist keine Einordnung. Das ist Elevation durch Assoziation.

Besonders die Rodgers-Erwähnung ist bemerkenswert. Rodgers ist in der amerikanischen Medienlandschaft das Archetyp-Beispiel des «Impfskeptiker-Sportlers», eine Figur, die seit Jahren als Warnung verwendet wird. Wenn ein Schweizer Sender einen Schweizer Fall neben Rodgers stellt, importiert er eine ganze Bedeutungsschicht, die mit dem Schweizer Fall ursprünglich nichts zu tun hat. Fischer hat kein Interview gegeben, in dem er sich «immunisiert» nannte. Er hat keine alternativen Heilmethoden propagiert. Er hat versucht, an ein Sportereignis zu reisen, dessen Teilnahmebedingungen er umgehen wollte. Das ist etwas anderes. Es wird in diesem Artikel zu etwas Gleichem gemacht.

Und dann der Schlusssatz des Artikels: «Im Vordergrund stand nicht die rechtliche Zulässigkeit, sondern der Umgang mit bekannten Schwächen und deren Kommunikation nach aussen.» Das ist der entscheidende Satz. Er formuliert exakt, was SRF nicht fragen will. Die rechtliche Zulässigkeit soll nicht zur Debatte stehen. Die Angemessenheit der Covid-Zertifikatspflicht soll nicht zur Debatte stehen. Die Verhältnismässigkeit soll nicht zur Debatte stehen. Debattiert werden darf nur die Kommunikation. Transparenz. Vertrauen. Image.

Was sich perfekt in ein Muster fügt, das diese Woche ohnehin überdeutlich geworden ist.


Am Mittwoch gab das BAG die ungeschwärzten Verträge zur Impfstoffbeschaffung frei. Knapp eine Milliarde Dollar allein an Moderna. 31 Millionen Dosen für 8,8 Millionen Einwohner. Verträge, die das BAG jahrelang unter Verschluss hielt und deren Offenlegung gerichtlich erzwungen werden musste.

SRF-Nachfolgeartikel über die Verträge: keiner.

SRF-Vergleichseinordnung in internationale Beschaffungspraxis: keine.

SRF-Panorama-Übersicht über weitere intransparente Beschaffungsvorgänge im Gesundheitswesen: nicht existent.

Dafür einen Panorama-Artikel über Transparenzversagen im Sport, mit Aaron Rodgers als Gaststar.

Die Redaktion, die bei einem Eishockeytrainer zwei Tage nach der Freistellung noch immer das nächste Follow-up liefert, berichtet bei einem Bundesamt, das Milliardenverträge freigegeben hat, einmal und dann nie wieder. Die Recherche gegen den Einzelnen hat eine zweite Welle. Die Recherche gegen die Institution hat nicht einmal eine erste.


Das ist der Mechanismus. Nicht die Lüge. Nicht die Zensur. Die Verteilung der Aufmerksamkeit.

Welche Geschichte bekommt einen Folgeartikel mit Panorama und internationalen Vergleichen? Die Geschichte, die das Zertifikatsregime legitimiert, indem sie jemanden moralisch einordnet, der es umgangen hat.

Welche Geschichte bekommt eine Agenturmeldung und dann Stille? Die Geschichte, die das Zertifikatsregime und die dahinterstehende Beschaffungspraxis in Frage stellen könnte.

Fischer wird zum Lehrstück gemacht. Die Milliardenverträge werden zur Fussnote gemacht. Beide Entscheidungen sind redaktionell. Beide sind bewusst. Beide zeigen dieselbe Richtung.

Unerbittlich nach unten. Höflich nach oben. Und wenn die Stille nach oben zu laut wird, liefert man unten einfach nach.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.