Vom Goldesel zum Opfer
Zu zwei SRF-Beiträgen derselben Woche: «Impfstoffe: vom Goldesel zum Verlustgeschäft» (17.4.2026) und «1 Milliarde: Hat die Schweiz zu viel für Covid-Impfungen bezahlt?» (News Plus, 17.4.2026)
Es gibt eine Kunstform, die nur öffentliche Sender wirklich beherrschen: die nachträgliche Rahmenverschiebung. Eine Geschichte, die gestern noch so aussah, wird heute so erzählt, dass sie morgen ganz anders dasteht. Keine Korrektur. Keine Richtigstellung. Einfach ein neuer Rahmen, in den die alten Fakten hineinrutschen, bis sie einen anderen Sinn ergeben.
Schauen wir, wie das geht.
Die Rehabilitation
Am Freitag veröffentlicht SRF einen Beitrag mit dem Titel «Impfstoffe: vom Goldesel zum Verlustgeschäft». Die erste Hälfte erinnert daran, dass Moderna und Biontech in den Jahren 2021 und 2022 je rund 20 Milliarden an Gewinn einfuhren. Beeindruckende Zahlen. Die zweite Hälfte erklärt uns, dass die Firmen heute «tief in den roten Zahlen» stehen. Die Moderna-Aktie hat 90 Prozent verloren. Biontech kämpft mit Problemen. Und Robert F. Kennedy Jr., der neue US-Gesundheitsminister, hat den Geldhahn für mRNA-Forschung zugedreht.
Das ist formal korrekt. Die Zahlen stimmen. Was fehlt, ist die Anschlussfrage.
Wer hat die 20 Milliarden bezahlt?
Wir. Die Steuerzahler der westlichen Welt. Die Schweiz mit einer Milliarde allein an Moderna. Deutschland, die USA, die EU mit zweistelligen Milliardenbeträgen pro Vertragspartner. Die Gewinne sind nicht aus dem Nichts gekommen. Sie sind aus dem öffentlichen Haushalt geflossen — bei einem Produkt, dessen Grundlagenforschung jahrzehntelang ebenfalls aus öffentlichen Mitteln finanziert wurde, dessen Entwicklung während der Pandemie von der US-Regierung milliardenschwer subventioniert wurde, und dessen Produktion — wie der Beitrag selbst stolz vermerkt — «von der öffentlichen Hand unterstützt» wurde.
Ein Geschäftsmodell, bei dem der Staat die Forschung finanziert, der Staat die Entwicklung subventioniert, der Staat die Produktion fördert und der Staat am Schluss das Produkt zurückkauft, sollte man eigentlich nicht Goldesel nennen. Man sollte es eine geschlossene Wertschöpfungskette mit Steuergeld nennen.
Der Beitrag tut das nicht. Er stellt die 20 Milliarden Gewinn neben die heutigen Verluste und erzeugt ein Bild zyklischer Geschäftsnormalität: mal gewinnt man, mal verliert man, so ist das Leben einer Pharmafirma. Die Information, dass Gewinn und Verlust aus derselben Quelle kommen — dem öffentlichen Haushalt — wird nicht gezogen.
Der Lonza-Ausgleich
Besonders elegant ist der Einschub zu Lonza. Der Schweizer Zulieferer hat «mit Erfolg» neue Produktionslinien gebaut und seinen Gewinn 2022 «fast verdoppelt, auf 1.2 Milliarden Dollar». Seit der Pandemie ist der Auftrag weg. Aber während der Pandemie wurde gut verdient.
Das ist ebenfalls korrekt. Und es dient, in der Dramaturgie des Beitrags, als Ausgleich. Nicht nur die bösen amerikanischen Pharmakonzerne haben profitiert, sondern auch ein Schweizer Unternehmen. Der Hörer versteht: Es war nicht nur Ausbeutung, es war auch Wertschöpfung. Auch bei uns. Die moralische Bilanz entspannt sich.
Was in diesem Absatz nicht steht: Lonza wurde mit öffentlichen Geldern beim Ausbau unterstützt. Die Investition wurde sozialisiert, der Gewinn privatisiert, und als die Nachfrage einbrach, blieb die Infrastruktur als stranded asset zurück. Der Beitrag erwähnt die öffentliche Unterstützung in einem Halbsatz und geht weiter.
Der RFK-Junior-Haken
Das Schlusskapitel ist dramaturgisch fast zu perfekt. Nachdem der Beitrag die Pharma-Firmen rehabilitiert hat — sie gewinnen, sie verlieren, sie sind normale Unternehmen —, tritt am Ende der Bösewicht auf. «Impfskeptiker und Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat den Geldhahn zugedreht.» 500 Millionen Dollar an Forschungsgeldern gestoppt. 20 Projekte betroffen.
Plötzlich haben wir eine Geschichte. Nicht mehr: Pharmafirmen machen während einer Pandemie zweistellige Milliardengewinne aus Steuergeldern. Sondern: ein irrlichternder Impfskeptiker in Washington gefährdet die Zukunftstechnologie.
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Der legitime kritische Ansatzpunkt — warum zahlt der Schweizer Bürger so viel, warum sind die Verträge geheim, warum haftet der Staat für Schäden — wird ersetzt durch eine transatlantische Empörungsgeschichte, in der Kennedy die Rolle des Problems einnimmt und Moderna und Biontech die Rolle der bedrohten Innovatoren. Wer sich über die Impfstoffpolitik Gedanken macht, wird sich nach diesem Beitrag darüber Gedanken machen, dass ein Kennedy der mRNA-Forschung schadet — nicht darüber, dass ein Bundesamt in Bern Verträge jahrelang geheim hielt.
Was im neuen Beitrag fehlt
Ein einziges Wort fehlt in dem ganzen Beitrag: Haftung.
Das ist insofern bemerkenswert, als am Vortag, am 17. April, ein anderer SRF-Podcast genau diese Haftung thematisiert hatte. «News Plus» widmete zwölf Minuten der Frage, ob die Schweiz zu viel bezahlt habe. Im Zentrum: die Tatsache, dass die Hersteller «im Wesentlichen nur bei Vorsatz, Fahrlässigkeit oder bei Produktionsfehlern» haften. Für alles andere — insbesondere seltene Nebenwirkungen — übernimmt der Steuerzahler.
Das ist die entscheidende Information. Moderna hat 20 Milliarden verdient und trägt kein nennenswertes Produktrisiko. Das Risiko liegt beim Bund. Bei uns. Und genau diese Information wird im neuen Beitrag über die «verlustreiche» Pharmabranche mit keiner Silbe erwähnt. Die Rehabilitation der Firmen läuft, ohne dass die eigentlich belastende Tatsache aufgerufen wird.
Wie der Podcast selbst entschärft
Auch der Podcast, der die Haftungsfrage wenigstens benennt, entschärft sie in drei sauber hintereinandergeschalteten Manövern.
Erstes Manöver: die Wissenschaftsredaktorin. Irène Dietschi versichert uns, dass Nebenwirkungen «im ähnlichen Rahmen wie bei anderen Impfungen» liegen. Eine Person unter 50'000 oder 100'000. Der Vergleich minimiert das Spezifische: einen neuartigen Impfstoff, zugelassen im Notverfahren, mit einer Technologie, die vorher nie breit eingesetzt worden war. Dann fällt beiläufig der Satz, der eigentlich eine eigene Geschichte wäre: Die Behörden hätten das Risiko «womöglich zu wenig herausgestrichen», weil «ihr Ziel war, dass sich so viele Menschen so rasch wie möglich impfen».
In Klartext: Zulassungskommunikation mit strategisch unterbelichteten Unsicherheiten, um Impfbereitschaft zu maximieren. Eine Nebenbemerkung. Nicht nachgefragt.
Zweites Manöver: der Wirtschaftsredaktor. Sven Zaugg bestätigt: Die Haftungsübernahme ist «aussergewöhnlich». Bei normalen Impfstoffen haften die Hersteller deutlich stärker. Dann sofort der Ausgleich: «Während einer Pandemie gelten international andere Regeln. Die Schweiz lag damit im internationalen Mainstream der Krisenbeschaffung. Das betont im Übrigen auch das BAG.»
Die Quelle stützt die Quelle. Das BAG validiert seine eigene Einordnung via SRF. «Mainstream» ist dabei ein Wort, das alles und nichts bedeutet. Israel hat Impfstoffe gegen Daten getauscht. Die EU hat in späteren Verträgen nachverhandelt. Grossbritannien hat eigene Entschädigungsregelungen. Das Spektrum ist breit. Mainstream erzeugt nur das Gefühl: alle machen das, keine Sorge.
Drittes Manöver: die BAG-Begründung unkommentiert. Die Freistellung erlaube es, «in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben». Kein Gegenexperte. Kein Jurist. Kein Vertreter von Impfgeschädigten. Kein Hinweis darauf, dass die Schweiz die Konditionen auch in zweiter, dritter, vierter Bestellung beibehielt, als die Knappheit längst vorbei war.
Die beiden Beiträge zusammengelesen
Wenn man die beiden Produktionen nebeneinanderlegt, ergibt sich die vollständige Konstruktion.
Der Freitag-Beitrag rehabilitiert die Firmen: Sie haben viel verdient, sie verlieren jetzt, das gleicht sich aus, ein böser Impfskeptiker gefährdet die Zukunft. Der Podcast erklärt die Haftungsklausel mit 'seltenen' Nebenwirkungen.
Zusammengenommen erhalten wir eine Erzählung, in der erstens die Gewinne normal sind, zweitens die Haftungsübernahme unvermeidbar war, drittens der Staat richtig gehandelt hat, und viertens die eigentliche Bedrohung von einem Impfskeptiker in Washington kommt.
Was nicht vorkommt: Der Schweizer Steuerzahler hat in derselben Transaktion doppelt bezahlt. Einmal die Milliarde für den Impfstoff. Ein zweites Mal trägt er das Risiko, das normalerweise der Hersteller tragen müsste. Und bei Dauer-Nachbestellungen wurden dieselben Bedingungen verlängert, obwohl die Marktlage sich längst geändert hatte.
Die konkreten Zahlen, die nirgends auftauchen
Ein öffentlicher Sender, der seinen Auftrag ernst nähme, hätte diese Woche zwei Fragen beantwortet.
Erstens: Wie viele Impfschadensfälle hat Swissmedic bisher anerkannt, wie viele abgelehnt, wie viele sind hängig? Aus welchem Budget fliessen die Entschädigungen? In welcher Höhe? Das sind konkrete, beantwortbare Zahlen. Ohne sie ist jede Diskussion der Haftungsklausel eine abstrakte Debatte.
Zweitens: Warum wurde die Haftungsklausel in den Nachbestellungen 2021, 2022, 2023 beibehalten? Hat der Bund Nachverhandlungen versucht? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wer hat sie geführt und wie endeten sie?
Beide Fragen bleiben unbeantwortet. Beide wären mit einer Nachfrage beim BAG oder einer Datenanfrage bei Swissmedic zu klären gewesen. Es wurde nicht gefragt.
Die Attraktivität des neuen Rahmens
Die «Goldesel-zum-Verlustgeschäft»-Geschichte hat für die Redaktion einen klaren Vorteil. Sie erzählt das Geschehen der letzten fünf Jahre neu, ohne die heikelsten Tatsachen aufzurufen. Sie setzt die Pharmafirmen in den Zyklus eines normalen Geschäftsrisikos. Sie platziert einen externen Schurken am Schluss. Und sie lässt den Schweizer Bürger mit dem Eindruck zurück, die ganze Episode sei ausgewogen gewesen: Gewinne und Verluste, Chancen und Risiken, hier ein Aufbau, dort ein Abbau, Lonza auch mal dabei.
Was dieser Rahmen nicht zulässt: die nüchterne Buchhaltung.
Dem Schweizer Steuerzahler ist eine Milliarde für Moderna in Rechnung gestellt worden, zu Konditionen, die jahrelang unter Verschluss blieben. Die Hersteller wurden von wesentlichen Haftungsrisiken freigestellt. Der Staat trägt die Schäden. Die Produktion wurde in der Schweiz öffentlich subventioniert und ist heute stillgelegt. Vier von sechs Verträgen sind weiterhin geschwärzt. Und zwei Tage nach der erzwungenen Teilveröffentlichung dieser Verträge produziert der öffentliche Sender einen Beitrag, der die Pharmafirmen als Opfer eines bevorstehenden Niedergangs präsentiert.
Die Umkehr, die der Bürger nicht merken soll
Das ist die Operation, die in dieser Woche abgeschlossen wurde. Vor zwei Jahren hätte ein Beitrag mit dem Titel «Vom Goldesel zum Verlustgeschäft» wahrscheinlich ein Bericht über ausbeuterische Pandemiegewinne gewesen, mit einem kritischen Blick auf die Margen. Diese Woche ist es ein Bericht über die Verletzlichkeit der Pharmabranche, mit einer impliziten Verteidigung der hohen Preise: Schaut, die Firmen brauchen die Überschüsse der guten Jahre, um die schlechten zu überleben.
Die Argumentation ist nicht falsch. Unternehmen brauchen Rücklagen. Aber sie ist hier deplatziert — nicht in einem freien Markt mit privaten Investoren, sondern in einer Situation, in der die öffentliche Hand nahezu alle Risiken trug: Forschungsrisiko, Entwicklungsrisiko, Produktionsrisiko, Abnahmerisiko, Haftungsrisiko. Wenn der Staat alle Risiken trägt, ist die Frage, warum die Firmen trotzdem Preise und Margen verlangen, als trügen sie Risiken, nicht beantwortet. Sie wird nicht einmal gestellt.
Der Celio-Standard verlangte, dem Souverän das Material für sein Urteil zu liefern. Das Material wäre diese Woche reichlich vorhanden gewesen: veröffentlichte Verträge, Haftungsklauseln, Preisvergleiche, historische Gewinnzahlen, öffentliche Subventionen, Swissmedic-Statistiken.
Was der Souverän stattdessen bekam: eine Rehabilitation der Hersteller, eine Normalisierung der Haftungsübernahme, eine externe Ablenkung in Richtung RFK Junior, und das fertige Urteil, dass alles eigentlich in Ordnung gewesen sei.
Immer dasselbe Muster. Unerbittlich nach unten. Einordnend nach oben. Und wenn die Einordnung zu auffällig würde, verschiebt man den Rahmen so lange, bis die eigentliche Frage gar nicht mehr sichtbar ist.
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