Transparenz — aber nur im Sport
Der SRF-Folgeartikel heisst: «Nach Fall Fischer: Wenn Transparenz im Sport fehlt.»
Man lese das zweimal. Im Sport.
Die Redaktion hat einen Fall, in dem es um ein gefälschtes Covid-Dokument geht. Sie entscheidet sich, daraus einen Panorama-Artikel über fehlende Transparenz zu machen. Und sie wählt als Rahmen: den Sport. Embolo, Anfang, Rodgers, das Rio-Dopingprogramm. Vier Fälle aus der Welt der Athleten und Trainer. Als wäre das Problem auf diese Welt begrenzt. Als wäre die Lektion eine sportsoziologische.
Das ist keine Einordnung. Das ist eine Einhegung.
Denn wenn die Frage tatsächlich «Wenn Transparenz fehlt» lauten würde, ohne den einschränkenden Zusatz, dann läge die Antwort diese Woche direkt vor der Tür des SRF-Redaktionsgebäudes.
Transparenz in der Politik? Das BAG hat drei Jahre lang mit allen juristischen Mitteln verhindert, dass die Covid-Impfstoffverträge ungeschwärzt erscheinen. Bis vor Bundesverwaltungsgericht. Die Offenlegung musste von Privatpersonen erklagt werden. Knapp eine Milliarde Dollar Steuergeld, unter Verschluss gehalten, bis ein Gericht den Deckel abnahm. Fehlende Transparenz? Lehrbuchhaft.
Transparenz in den Behörden? Die RKI-Protokolle in Deutschland dokumentieren systematische Diskrepanzen zwischen internen Einschätzungen und öffentlicher Kommunikation während der Pandemie. Auch hier musste Transparenz erklagt werden, und auch hier betrifft es unmittelbar Massnahmen, die Schweizer Bürgern auferlegt wurden. Kein SRF-Panorama dazu.
Transparenz in den Medien selbst? Der Redaktor, der den Fischer-Artikel produziert hat, tritt im eigenen Studio auf und wird vom eigenen Moderator über die eigene Recherche befragt. SRF berichtet über die eigene Intervention als wäre es ein externes Ereignis. Zu welchem Zeitpunkt wurde intern entschieden, den Strafbefehl anzufordern? Welche interne Redaktionsdebatte gab es über die Verhältnismässigkeit einer Recherche gegen einen vier Jahre alten, rechtskräftig erledigten Fall? Wurden andere Fälle geprüft und verworfen? Wer hat was entschieden? Kein Wort. Das ist keine Lüge. Das ist eine Lücke. Eine Institution, die im Namen der Transparenz handelt, zeigt keinerlei Transparenz über ihre eigenen Entscheidungsprozesse.
Transparenz bei Pharmaunternehmen? Moderna, Pfizer, Novavax, Janssen, AstraZeneca, CureVac. Sechs Unternehmen, mit denen der Bund Verträge in Milliardenhöhe geschlossen hat, von denen einige bis zuletzt gegen die Offenlegung kämpften. Haftungsausschlüsse, Nachverhandlungsklauseln, Preisstaffeln. SRF berichtet einmal über die Entsperrung und dann gar nicht mehr über den Inhalt. Kein Panorama. Keine Vergleichsfälle. Kein Rodgers-Äquivalent aus der Pharmaindustrie.
Transparenz in den internationalen Institutionen? Die EU hat bei ihren eigenen Impfstoffverträgen, insbesondere bei den berüchtigten Textnachrichten zwischen Ursula von der Leyen und dem Pfizer-CEO, bis heute keine vollständige Transparenz hergestellt. Die Europäische Bürgerbeauftragte hat das mehrfach gerügt. Der Europäische Rechnungshof hat kritisiert. SRF-Panorama dazu: keines.
All diese Fälle fehlender Transparenz existieren. Alle sind dokumentiert. Alle sind relevanter für das Leben Schweizer Bürger als eine alte Partygeschichte um Breel Embolo oder Aaron Rodgers' rhetorische Finten in NFL-Pressekonferenzen.
Aber keiner davon taucht im SRF-Artikel auf. Weil der Artikel nicht «Wenn Transparenz fehlt» heisst, sondern «Wenn Transparenz im Sport fehlt». Die zwei Wörter machen die gesamte Arbeit.
Das ist der Mechanismus. Man nimmt ein echtes Thema — Transparenzversagen — und sperrt es in einen Bereich, in dem es politisch nicht weh tut. Der Sport ist ideal. Athleten und Trainer sind öffentliche Figuren, die sich ihre Bühne ausgesucht haben. Moralische Verurteilungen gegen sie haben keine institutionellen Konsequenzen. Die Behörden können zufrieden zusehen, wie ein Redaktionsteam Empörung produziert, die nirgendwo hin zeigt, wo es zählt.
Was wäre der ehrliche Artikel gewesen? «Wenn Transparenz fehlt» — und dann Fischer, Embolo, Anfang neben dem BAG, den Impfstoffverträgen, den RKI-Protokollen, den von-der-Leyen-SMS. Das Covid-Zertifikatssystem in seiner Gesamtheit: oben wie unten. Die Asymmetrie, dass ein Eishockeytrainer für ein gefälschtes Dokument vier Jahre später noch seine Karriere verliert, während die Behörden, die das Dokument konzipiert und die Verträge dahinter geschlossen haben, bis heute minimal Rechenschaft ablegen müssen. Das wäre ein Panorama gewesen, das den Namen verdient.
Stattdessen: Sport. Nur Sport. Immer Sport.
Der Celio-Standard verlangt, beide Seiten aufzunehmen. Nicht beide Sportler. Beide Seiten der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Wenn das Thema Transparenzversagen ist, dann gehören jene dazu, von denen Transparenz am meisten erwartet werden darf: die Behörden, die mit Steuergeld Milliardenverträge schliessen, und die Medien, die im Namen der Öffentlichkeit Entscheidungen treffen.
Im SRF-Panorama fehlen beide. Die Behörden fehlen, weil die Geschichte sonst politisch würde. Die Medien fehlen, weil SRF über SRF nicht in dieser Form berichtet.
Fischer, Embolo, Anfang, Rodgers. Der Kreis ist gezogen, und er ist klein. Innerhalb des Kreises: Moralprüfung. Ausserhalb: Höflichkeit.
So sieht Einordnung aus, wenn Einordnung nicht gewollt ist.
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