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SRF und das Accountability Laundering
Medienkritik
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SRF und das Accountability Laundering

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Warum die Strafe für den Kleinen die Schuld des Grossen reinwäscht

Es gibt ein Muster in der Art, wie moderne Institutionen Rechenschaft ablegen. Es funktioniert nach oben nicht, nach unten zuverlässig, und es wird von den Medien, deren eigentliche Aufgabe das Gegenteil wäre, nicht nur geduldet, sondern aktiv bedient.

Der Fall Patrick Fischer ist eine Fallstudie. Aber er ist nur deshalb eine, weil er sich in eine ganze Reihe paralleler Vorgänge einordnet, die dasselbe Prinzip offenbaren: Rechenschaft wird nicht dort eingefordert, wo Entscheidungen getroffen wurden, sondern dort, wo ihre Kosten auf einzelne Menschen fallen und ein medial verwertbares Bild ergeben.

In der Moralphilosophie heisst das accountability laundering: die Institution führt Rechenschaftstheater an Personen niederen Status auf, um sich selbst die Legitimation der Rechenschaftlichkeit zu sichern, ohne sich jemals jener Rechenschaft aussetzen zu müssen, die nach oben zeigen würde. Das Theater ist nicht der Ausfall der Rechenschaft. Es ist ihr Ersatz.

Die Asymmetrie

Man lege nebeneinander, was zwischen 2020 und 2023 geschah, und was seither mit den Akteuren geschah.

Die Bundesräte, die Ausgangssperren verfügten, Geschäfte schlossen, medizinische Interventionen als Bedingung für Reisen und Arbeit vorschrieben: im Amt geblieben, in Ehren zurückgetreten, in Aufsichtsräten. Keine parlamentarische Anhörung, die systematisch die Entscheidungsgrundlagen überprüft hätte.

Das BAG, das Milliardenverträge mit Pharmakonzernen unter Ausschluss der Öffentlichkeit abschloss, dessen Transparenzverweigerung erst durch Bundesverwaltungsgerichtsentscheid vom 17. Februar 2026 durchbrochen werden musste, dessen vier weitere Verträge bis heute geschwärzt sind: keine Rücktritte, keine disziplinarischen Folgen. SRF berichtete zweimal, ohne Anschlussfragen.

Die Pharmaunternehmen, die auf Milliardenumsätzen mit Haftungsausschlüssen sassen, deren Transmissionsversprechen sich als nicht haltbar herausstellten: keine Sanktionen, keine Rückabwicklungen, keine öffentlichen Hearings.

Die Medien, die jede abweichende Stimme mit den Etiketten Verschwörungstheoretiker oder Schwurbler versahen, die Ärzte mit kritischer Fachmeinung aus der Öffentlichkeit drängten: dieselben Redaktionen, dieselben Köpfe. Keine Selbstkritik, keine Entschuldigungen bei den Diffamierten.

Die internationalen Amtsträger: Johnson bei eigenen Lockdown-Partys gefilmt, Sturgeon in Parallelverhalten, von der Leyen, deren SMS-Verkehr mit dem Pfizer-CEO bis heute der europäischen Öffentlichkeit vorenthalten wird. Kleine Skandale. Kein echter Preis.

Und Patrick Fischer, Eishockeytrainer, fälscht ein Papier, um seinen Beruf unter einem Zertifikatsregime auszuüben, dessen Verhältnismässigkeit heute selbst vom IOC als übermässig eingestuft wird. Er zahlt seine Strafe. Die Justiz erklärt die Sache für erledigt. Vier Jahre später beendet der staatliche Sender seine Karriere mit neun Artikeln in 89 Stunden.

Das ist das Tableau. Man muss es ganz sehen, um zu verstehen, warum der Fischer-Fall nicht über Fischer ist.

Warum dieser Mann

Weil er der ideale Kandidat für das Theater ist.

Berühmt genug für Klicks. Nicht mächtig genug, um sich zu wehren. Keine politische Maschine, die schützt. Ein «sauberer» Fall mit Dokumenten, geringes journalistisches Risiko. Sympathisch genug, dass der Absturz dramaturgisch trägt.

Der Pharma-CEO hat Anwälte. Der Bundesrat hat Kommunikationsstäbe und politische Deckung. Von der Leyen hat Brüssel. Der Eishockeytrainer hat eine Presseerklärung und ein Video.

Wer, glauben wir, bekommt die volle Behandlung?

Neun Artikel über Fischer. Zwei über Milliardenverträge des BAG. Null über die strukturelle Frage, warum das eine das andere verdrängt.

Was wirklich gebrochen ist

Für viele Menschen brach in diesen drei Jahren etwas, das nicht mit dem Virus zu tun hatte, sondern mit der institutionellen Reaktion. Die Bereitschaft, Grundrechte mit minimaler parlamentarischer Debatte zu suspendieren. Medizinische Interventionen durch sozialen Ausschluss faktisch zu erzwingen. Ärzte und Wissenschaftler mit abweichenden Einschätzungen aus der Öffentlichkeit zu drängen.

Und dann, nach dem Ende der Massnahmen: einfach weitergehen. Keine Aufarbeitung, keine Entschuldigung, kein «wir lagen in Teilen falsch». Kein Bundesrat, keine Redaktion, keine Behörde.

Der Apparat, der Compliance verlangte, hat keine einzige Sekunde damit verbracht, sich selbst der Rechenschaft zu stellen, die er allen anderen abforderte.

Und jetzt, Jahre später, macht derselbe Apparat Jagd auf einen Mann, der nicht gehorcht hat, während die Architekten des Zwangs in Ruhe gelassen werden.

Eine gesunde Gesellschaft hätte zuerst die Rechenschaft der Mächtigen eingefordert. Erst nach einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Entscheidungsträgern hätte sie moralisch das Standing gehabt, die Regelbrecher zu verurteilen. Wir haben Schritt eins übersprungen und sind direkt zu Schritt zwei gegangen.

Die Mechanik

Accountability laundering funktioniert präzise.

Der Sender führt an einem niederen Ziel eine sichtbare Rechenschaftshandlung durch. Recherche, Konfrontation, Konsequenz. Der Apparat performt Rechenschaftsjournalismus. Die Performance wird selbstreferenziell verstärkt: Der Redaktor interviewt den Redaktor, die Reichweite der Recherche wird zur Bestätigung ihrer Relevanz.

Durch diese Sichtbarkeit erscheint die Institution als rechenschaftsfähig. Wer so ernsthaft gegen einen Eishockeytrainer ermittelt, so die stille Suggestion, würde ja erst recht gegen grössere Fische ermitteln, wenn es welche gäbe.

Genau diese Suggestion erspart der Institution die tatsächliche Ermittlung nach oben. Die Performance ersetzt die Substanz. Ein Sender, der neun Artikel gegen Fischer publiziert hat, fühlt sich nicht mehr verpflichtet, einen zehnten zu den geschwärzten BAG-Verträgen zu publizieren. Er hat ja seine Wachsamkeit bereits demonstriert.

Das Publikum internalisiert die Logik. Das Schweigen über die Architekten wird zum Normalzustand. Die Jagd auf die Kleinen zur Rechenschaft.

Der Celio-Standard

1940 schrieb Bundesrat Enrico Celio in die Richtlinien für den schweizerischen Rundfunk: «Vorwiegend registrierender Natur.» Nicht urteilen, registrieren. Nicht dramatisieren, einordnen. Beide Seiten aufnehmen.

Das war der Massstab unter existenzieller Bedrohung. Er wäre eine Zumutung für das heutige SRF, weil das heutige SRF ihn in keinem einzigen Punkt erfüllt.

Registrierend hätte geheissen: den Strafbefehl als das nehmen, was er ist, eine justizielle Erledigung eines minderschweren Delikts. Nicht als Ausgangspunkt einer medialen Zweitverhandlung.

Beide Seiten hätte geheissen: neben der Empörung der Sponsoren auch einen Rechtswissenschaftler einholen, der die Verhältnismässigkeit der medialen Rekapitulation einordnet. Einen Sozialwissenschaftler, der den Resozialisierungsgedanken erklärt.

Keine voreiligen Meinungsäusserungen hätte geheissen: die Eskalation nicht durch Sponsorenkontakt selbst auslösen, das eigene Handeln nicht als neutrale Beobachtung inszenieren.

Nichts davon ist geschehen. Stattdessen die exakte Umkehrung: drängen statt registrieren, eine Seite aufbauen statt beide aufnehmen, Meinung ausüben statt Meinung ermöglichen.

Die Verfassungsfrage

Die Schweiz ist eine direkte Demokratie. Bürger stimmen mehrmals im Jahr über konkrete Fragen ab, die ihr Leben unmittelbar betreffen. Dafür brauchen sie Informationen, die ihnen erlauben, selbst zu denken.

Accountability laundering ist in einer direkten Demokratie eine tiefere Verletzung als in einer repräsentativen. Wenn der Informationsraum systematisch so kuratiert wird, dass die Kleinen sichtbar bestraft werden und die Grossen unsichtbar bleiben, stimmt der Bürger nicht mehr auf Grundlage der Wirklichkeit, sondern auf Grundlage einer Inszenierung.

Das ist der Punkt, an dem die Gebührenfrage keine Gebührenfrage mehr ist. Sie ist eine Verfassungsfrage. Das RTVG verlangt Ausgewogenheit als Bedingung dafür, dass dieser Sender aus obligatorischen Abgaben aller Haushalte finanziert werden darf. Eine Berichterstattung, die neun Artikel auf einen Trainer verwendet und zwei auf Milliardenverträge, erfüllt diese Bedingung nicht, selbst wenn jeder einzelne Artikel in sich faktisch korrekt ist.

Faktische Richtigkeit ist nicht genug. Sie ist die Untergrenze, nicht die Obergrenze.

Der eigentliche Skandal

Fischers Fälschung eines Zertifikats war das Symptom eines Regimes, dessen Legitimität nie ehrlich geprüft wurde. Ihn zu bestrafen, während man die Architekten dieses Regimes in Ruhe lässt, ist die Umkehrung von Gerechtigkeit.

Es ist auch die Umkehrung des Auftrags eines öffentlichen Senders. Dieser Sender wurde geschaffen, um die Mächtigen zu kontrollieren, nicht um ihre Fussabdrücke wegzuwischen, indem er die Ohnmächtigen in die Scheinwerfer zerrt.

Ein gesundes Medium hätte 2026 nicht gefragt, ob Fischer gehen muss. Ein gesundes Medium hätte gefragt, warum die vier BAG-Verträge immer noch geschwärzt sind. Ob die damaligen Bundesräte jemals in einer parlamentarischen Anhörung die Entscheidungsgrundlagen ihrer Massnahmen erklären werden. Warum die Medien, die Dissens als Verschwörung abgetan haben, diese Kategorisierung nie zurückgenommen haben.

Diese Fragen sind nicht gestellt worden. Der Platz ist durch neun Fischer-Artikel belegt.

«Gegen die Richtigkeit der Information, gegen die sachliche Berichterstattung, gegen eine sinnvolle Analyse der Ereignisse wurde in Bern nichts eingewendet.»

Von Salis, 1966. Er beschrieb, was ein Sender unter Zensur leisten kann, wenn er will.

Siebzig Jahre später, in völliger Freiheit, beschreibt sein Erbe das Gegenteil: eine sinnvolle Analyse, die nicht stattfindet, weil die Institution, die sie leisten müsste, ihre Aufmerksamkeit an anderer Stelle eingesetzt hat.

An Patrick Fischer. Neun Mal.

Originalbeitrag auf X →

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