SRF fehlt der Wille
Zum NZZ-Gastkommentar von SRG-Generaldirektorin Susanne Wille «Mehr Phantasie für den Medienplatz Schweiz», 7. Mai 2026
Was der Text sagt
Susanne Wille, seit November 2024 Generaldirektorin der SRG, beschreibt in der NZZ die Lage des schweizerischen Mediensystems und die Antwort der SRG darauf. Vier von fünf digitalen Werbefranken flössen zu globalen Plattformen. Fast die Hälfte der Bevölkerung informiere sich gar nicht oder nur über Social Media. KI verwerte journalistische Inhalte ohne Vergütung. Die Lage sei ernst, aber nicht aussichtslos.
Wille nennt drei Aufgaben: «Mediale Heimat bieten», «Informationssouveränität sichern», «Stärken teilen». Sie verweist auf die Ablehnung der Halbierungsinitiative im März 2026 als Vertrauensbeweis. Sie kündigt einen Stellenabbau von 900 und Einsparungen von 270 Millionen Franken an. Sie ruft die Branche zur Kooperation auf. Die SRG könne Vorbild sein.
Der Text ist gut geschrieben. Er ist auch ein Lehrstück darüber, wie eine Institution sich selbst zur Lösung jener Probleme erklärt, die sie wesentlich mitverursacht hat.
Die Halbierungsinitiative als Mandat
Wille beginnt mit einem politischen Argument: Die Stimmbevölkerung habe die Halbierungsinitiative am 8. März 2026 mit 62 Prozent abgelehnt. «Ein Vertrauensbeweis, der verpflichtet.» Diese Lesart ist nicht falsch, aber sie ist tendenziös.
Eine Ablehnung der Halbierungsinitiative ist nicht identisch mit einer Zustimmung zur SRG in ihrer aktuellen Form. Die Initiative hätte die Gebühr von 335 auf 200 Franken gesenkt — eine drastische Massnahme. Wer dagegen stimmte, kann eine Vielzahl von Gründen gehabt haben: Bewahrung kultureller Vielfalt in den Sprachregionen, Skepsis gegenüber radikalen Gebührensenkungen, Loyalität zu einzelnen SRG-Programmen wie Sport, Unterhaltung, Filmförderung. Diese 62 Prozent sind kein Blankoscheck für die SRG-Programmgestaltung, für die SRG-Berichterstattung, für die SRG-Strukturen.
Wille interpretiert die Abstimmung dennoch als Mandat. «Die Menschen wollen einen starken, modernen Service public — eine SRG, die ihren Auftrag ernst nimmt.» Das ist eine Zuschreibung, die die Komplexität des Wahlverhaltens einseitig auflöst. Tatsächlich zeigte dieselbe Abstimmung, dass 38 Prozent der Stimmberechtigten die Gebühr drastisch senken wollten — eine substantielle Minderheit. In den ländlichen Regionen, in den westlichen Kantonen, in der jüngeren Wählerschaft war die Zustimmung zur Initiative höher als der Schnitt. Die Botschaft war differenzierter, als Wille sie referiert.
Die Diagnose, die Wille nicht stellt
Wille beschreibt die Medienkrise korrekt — Werbeflucht zu Google und Meta, sinkendes Newskonsum-Verhalten, KI-Verwertung. Was sie nicht beschreibt, ist die Rolle der SRG selbst in dieser Krise.
Die SRG ist mit einem Jahresbudget von rund 1,5 Milliarden Franken die mit Abstand grösste Medieninstitution der Schweiz. Sie konkurrenziert mit ihrem Online-Angebot — SRF.ch, RTS.ch, RSI.ch — direkt mit den privaten Medienhäusern. Sie produziert journalistische Inhalte, die kostenlos abrufbar sind, finanziert durch Zwangsgebühren. Diese Konstellation ist für die privaten Medien nicht ein neutraler Hintergrund, sondern ein zentrales Strukturproblem: Wer mit kostenlos verfügbaren, gebührenfinanzierten Inhalten konkurrieren muss, hat es schwer, Bezahl-Modelle aufzubauen.
Wille erwähnt diesen Strukturkonflikt nicht. Sie behauptet im Gegenteil: «Die SRG ist keine Konkurrenz für die privaten Medien. Wir ergänzen einander.» Das ist die Position der SRG seit Jahren. Es ist auch eine Position, die in der Realität des schweizerischen Medienmarktes keinen Bestand hat. Die NZZ, die Tamedia-Titel, die Ringier-Publikationen, die Regionalzeitungen — sie alle konkurrieren um dieselbe Aufmerksamkeit, dieselbe Werbung (soweit noch vorhanden), dieselben Abonnenten. Wenn die SRG ihr digitales Angebot ausbaut («Play+»), nimmt sie den privaten Anbietern Reichweite weg, nicht weil sie es will, sondern weil sie strukturell auf demselben Markt operiert.
Die NZZ selbst ist auf NZZ.ch ein direkter Wettbewerber von SRF.ch. Beide bieten Politiknachrichten, Hintergrundberichte, Kommentare. Der eine Anbieter finanziert sich durch Abonnemente, der andere durch Gebühren. Wer als Leser zwischen beiden wählen kann und der eine ist gratis, weiss, wie diese Wahl strukturell ausfällt. Dass Wille ausgerechnet in der NZZ behauptet, die SRG sei keine Konkurrenz, hat eine eigene Ironie.
Die «Vereinbarung» mit dem Verband
Wille verweist auf «die Vereinbarung der SRG mit dem Verband Schweizer Medien und Médias Suisses» als «Anfang». Diese Vereinbarung wurde im Sommer 2024 abgeschlossen und enthält unter anderem Beschränkungen der SRG bei Online-Texten — sie darf bestimmte Textlängen nicht überschreiten, soll auf Werbung verzichten, soll Material teilen.
Die Geschichte dieser Vereinbarung ist anders, als Wille sie erzählt. Sie war nicht ein Akt freiwilliger Zusammenarbeit, sondern eine politisch erzwungene Konzession. Die Verlegerverbände hatten jahrelang gegen die Online-Expansion der SRG protestiert. Die Halbierungsinitiative drohte. Der Druck im Parlament wuchs. Die SRG akzeptierte schliesslich Beschränkungen, weil sie sonst grössere riskiert hätte.
Wille präsentiert diese erzwungene Konzession nun als grosszügige Geste der SRG. «Die SRG ist bereit, Reichweiten konsequenter zu teilen, Plattformen zu öffnen.» Das ist die Sprache des Schenkens. Tatsächlich ist es die Sprache des Verteidigens dessen, was unter politischem Druck nicht weiter ausgebaut werden konnte.
Die Studienlage
Wille zitiert «eine Studie der Universität Zürich und die Erfahrung skandinavischer Länder», wonach starker Service public auch private Medien stärke. Diese Behauptung ist seit Jahren ein zentrales Argument der SRG-Verteidigung. Sie ist auch wissenschaftlich umstrittener, als der Verweis auf «eine Studie» suggeriert.
Die zitierte UZH-Studie kommt vermutlich aus dem Forschungsbereich Medienwissenschaft, der seinerseits eng mit dem schweizerischen Mediensystem verflochten ist. Forscher, die sich mit dem Schweizer Mediensystem beschäftigen, haben oft methodische und finanzielle Beziehungen zu jenen Institutionen, über die sie forschen. Das macht ihre Forschung nicht falsch, aber es macht die Behauptung «eine Studie zeigt» weniger eindeutig, als sie klingt.
Die skandinavischen Länder sind zudem nur bedingt vergleichbar. Schweden, Dänemark und Norwegen haben kleinere Medienmärkte, andere Sprachstrukturen, andere historische Pfade. Wer aus skandinavischen Erfahrungen für die Schweiz Schlüsse zieht, muss die Übertragbarkeit prüfen. Wille tut das nicht — sie behauptet die Geltung pauschal.
Andere Studien, etwa aus Deutschland oder Grossbritannien, zeigen ein gemischteres Bild. Der dominante öffentlich-rechtliche Anbieter (ARD/ZDF, BBC) ist in beiden Ländern auch ein Faktor, der private Medien strukturell unter Druck setzt. Die behauptete Win-win-Situation ist eine Lesart unter mehreren.
Die Gebühren als Infrastruktur
Eine zentrale rhetorische Operation Willes: «Vertrauenswürdige Information darf kein Luxus sein. Sie ist Infrastruktur, wie Wasser- und Energieversorgung.» Diese Analogie ist verbreitet und wird oft als Selbstverständlichkeit präsentiert. Sie verdient eine zweite Lektüre.
Wasser und Energie sind physische Güter mit ausschliessbarer Nutzung und natürlichem Monopolcharakter. Information ist ein nicht-rivales Gut, das in einer pluralistischen Gesellschaft von vielen unterschiedlichen Akteuren produziert wird und werden soll. Eine staatliche Wasserversorgung sichert die Grundversorgung; eine staatlich-gebührenfinanzierte Informationsversorgung ist nicht analog, sondern strukturell etwas anderes — sie konkurriert mit privater Information und prägt durch ihre Marktmacht, was als legitime Information gilt.
Die Analogie hat eine politische Funktion: Sie naturalisiert die Gebührenfinanzierung. Wer gegen die Wasserversorgung wäre, müsste extreme Positionen vertreten. Wer gegen eine bestimmte Form der Medienfinanzierung ist, vertritt eine politische Meinung, die diskutierbar ist. Indem die SRG die Information als Infrastruktur darstellt, schiebt sie ihre eigene Existenz in den Bereich des Selbstverständlichen, der Naturgesetzlichkeit.
Die fehlende Selbstkritik
Was an Willes Text auffällt, ist das vollständige Ausbleiben einer inhaltlichen Selbstkritik. Sie spricht von «schmerzhaften» Einsparungen, von 900 Stellen, von Strukturreformen — aber alle diese Punkte betreffen die Form, nicht die Substanz der Berichterstattung.
Die SRG hat in den letzten Jahren wiederholt Kritik einstecken müssen für eine Berichterstattung, die in zentralen politischen Fragen einseitig wahrgenommen wird. Die Berichterstattung über die Coronapandemie, über den Ukraine-Krieg, über die Migrationsthematik, über die Klimapolitik — sie folgt regelmässig einem erkennbaren Muster, das in der Bevölkerung Skepsis erzeugt. Die Halbierungsinitiative wäre nie auf 38 Prozent Zustimmung gekommen, wenn nicht ein erheblicher Teil der Stimmberechtigten die SRG inhaltlich problematisch finden würde.
Wille thematisiert das nicht. Sie spricht von «Vertrauen», das gestärkt werden müsse, ohne zu fragen, warum dieses Vertrauen erodiert ist. Sie lobt die Pluralität der SRG-Inhalte, ohne die wiederkehrende Kritik an der politischen Schlagseite einzelner Programme zur Kenntnis zu nehmen. Sie ruft zur Kooperation auf, ohne die strukturellen Asymmetrien zu thematisieren, die ihr eigenes Haus gegenüber den Wettbewerbern hat.
Eine echte Reform müsste hier ansetzen. Sie müsste fragen: Welche Berichterstattung produziert die SRG, und ist diese Berichterstattung jenem Pluralismus verpflichtet, der die Stimmbürger einer demokratischen Gesellschaft auszuzeichnen vorgibt? Welche Stimmen kommen in den Programmen vor, welche nicht? Wie wird eine Bundesrats-Position dargestellt, wie eine kritische Gegenposition? Wille stellt diese Fragen nicht.
Die Zahlen der Reform
Willes Text nennt Zahlen: 270 Millionen Franken Einsparungen, 900 Stellen Abbau. Diese Zahlen klingen substantiell. Sie sind im Verhältnis zum Gesamtbudget weniger dramatisch, als sie wirken.
Die SRG hat ein Jahresbudget von rund 1,5 Milliarden Franken. 270 Millionen entsprechen rund 18 Prozent. Das ist erheblich, aber nicht existenziell. Sie hat rund 6'500 Mitarbeitende; 900 Stellen sind 14 Prozent. Auch das ist erheblich, lässt aber das Gros der Belegschaft unberührt.
Was diese Reformen bedeuten, hängt davon ab, wo sie ansetzen. Werden Programme verschlankt, die ohnehin niemand sieht? Wird das Verwaltungsbudget gekürzt? Werden teure Sportrechte aufgegeben? Oder treffen die Kürzungen jene investigativen, regionalen, mehrsprachigen Inhalte, die als Begründung des öffentlichen Auftrags dienen? Wille gibt darauf keine Antwort. Sie nennt die Zahlen ohne Kontext und überlässt die Interpretation der Leserschaft.
Erfahrungsgemäss treffen solche Reformen die produktiven Kerne stärker als die administrativen Strukturen. Das Verwaltungsapparat einer Institution dieser Grösse hat erhebliche Selbsterhaltungstendenzen. Wenn die SRG am Ende der Reform 270 Millionen weniger ausgibt, ist nicht ausgemacht, dass die journalistische Qualität bewahrt bleibt.
Die Zukunftsphantasie
Wille fordert «mehr Phantasie für den Medienplatz Schweiz». Das ist ein eingängiger Appell. Er ist auch leer. Was konkret soll diese Phantasie produzieren?
Die SRG soll «Reichweiten teilen», «Plattformen öffnen», «Kooperationen systematisch denken». Diese Formulierungen klingen progressiv. Sie sind im operativen Sinne unbestimmt. Welche Reichweiten genau? Mit welchen Partnern? Auf welcher Vertragsbasis? Mit welchen wirtschaftlichen Konsequenzen für beide Seiten? Diese Fragen werden nicht beantwortet.
Was Wille tatsächlich anbietet, ist Rhetorik in Reformverpackung. Die SRG bleibt erhalten. Die Gebühren bleiben erhalten. Die Strukturen werden modernisiert, die Substanz bleibt. Die privaten Medien sollen sich freuen, dass sie kooperieren dürfen. Die Stimmbürger sollen Vertrauen haben, dass die Reformen die Probleme lösen, die das System produziert hat.
Das eigentliche Problem
Was in Willes Text nicht vorkommt: Die Möglichkeit, dass das Problem der schweizerischen Medienlandschaft nicht eine Krise des Service public ist, sondern dessen strukturelle Marktdominanz. Wenn 1,5 Milliarden Franken Gebührengeld in eine einzige Institution fliessen, die mit ihren Online-Angeboten direkt mit allen privaten Wettbewerbern konkurriert, dann hat das Konsequenzen für den gesamten Markt.
Die privaten Medien können auf diesem Markt schwerer Bezahl-Modelle etablieren, weil die Gratis-Konkurrenz immer da ist. Sie können schwerer Werbung akquirieren, weil die SRG selbst auf bestimmten Kanälen Werbung schaltet. Sie können schwerer Talente halten, weil die SRG bessere Konditionen bieten kann.
Eine echte Reform würde diese Frage stellen: Soll der Service public auf jenen Bereich beschränkt werden, in dem das Marktversagen tatsächlich vorliegt — Regional-Information in kleinen Sprachregionen, Kulturberichterstattung jenseits des Kommerziellen, Bildungsinhalte, demokratierelevante Information für unterversorgte Gruppen? Oder soll er weiterhin auf allen Feldern aktiv sein, von Unterhaltung über Sport bis zur klassischen Tagesaktualität — und dort die privaten Medien strukturell verdrängen?
Die NZZ hat in den vergangenen Jahren wiederholt diese Frage gestellt. Wille beantwortet sie nicht. Sie umarmt die privaten Medien rhetorisch, ohne die strukturelle Frage zu adressieren.
Der Befund
Willes Text ist ein gut komponierter PR-Beitrag. Er erkennt die Krise an, beansprucht ein politisches Mandat zu ihrer Bewältigung und stellt die SRG als Lösung jener Probleme dar, an deren Entstehung sie selbst beteiligt ist. Er operiert mit Bildern (Heimat, Infrastruktur, Vorbild), mit Zahlen ohne Kontext, mit Studienverweisen ohne Diskussion, mit Appellen ohne Konkretion.
Was er nicht leistet: Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob die gegenwärtige Form des Service public — eine 1,5-Milliarden-Institution mit Vollprogramm-Anspruch und expansiver Online-Strategie — überhaupt mit einem freien, vielfältigen Mediensystem vereinbar ist. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der inhaltlichen Kritik an der SRG-Berichterstattung. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass 38 Prozent der Stimmberechtigten die Gebühren drastisch senken wollten — und dass dieser Wert in den nächsten Jahren wachsen kann, wenn die strukturellen Probleme nicht adressiert werden.
Die Halbierungsinitiative kommt wieder. Vielleicht nicht in derselben Form, vielleicht in einer veränderten. Die unzufriedene Hälfte der Stimmbürger — diejenige, die der Initiative zustimmte oder knapp dagegen stimmte — wird nicht verschwinden, weil Wille einen guten NZZ-Text schreibt. Sie wird verschwinden oder bleiben, je nachdem, ob die SRG ihre Berichterstattung tatsächlich reformiert oder ob sie nur ihre Strukturen kosmetisch anpasst.
«Mehr Phantasie» fordert Wille. Genauer wäre: Mehr Substanz, mehr Selbstkritik, mehr Bereitschaft, die strukturellen Folgen der eigenen Existenz zu bedenken. Diese Operationen sind in Willes Text nicht zu finden. Was zu finden ist, ist die professionell gemachte Selbstdarstellung einer Institution, die ihre eigene Reform als Wohltat für alle anderen verkauft. Die NZZ, die diesen Text publiziert, hätte Anlass gehabt, eine Replik daneben zu stellen. Sie hat darauf verzichtet. Auch das ist Teil des Befundes.
SRF hat Susanne Wille, aber SRF fehlt der Wille zur Verbesserung.
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