SRF: «C’est de la saucisse pour moi»
Die NZZ am Sonntag interviewt SRG-Chefin Susanne Wille und rahmt sie als Verteidigerin der Schweizer Demokratie gegen Big Tech. KI, Datenabfluss, ETH-Kooperation. Der Beitrag blendet systematisch aus, ob ein steuerfinanziertes Medienhaus private Plattformen gesetzlich zwingen darf, ob die ETH-Kooperation eine staatliche Marktverzerrung ist und warum 300 Mitarbeiter gegen den Umbau protestieren. Das Interview ist ein PR-Dialog, der eine Monopolistin als Heldin inszeniert.
Zum NZZ-am-Sonntag-Interview «‘Wir müssen uns verteidigen’: Susanne Wille verbündet sich mit der ETH gegen Big Tech», 08.08.2026
Das Framing steht im Titel: «Wir müssen uns verteidigen.» Die SRG ist das Opfer, Big Tech ist der Angreifer. Wille positioniert die SRG als digitale Festung, die die demokratische Öffentlichkeit vor den globalen Tech-Giganten rettet. Der Interviewer, Linus Schöpfer, spielt mit. Er stellt Weichen stellende Fragen, aber keine kritischen Nachfragen. Die Prämisse steht fest: Die SRG muss sich verteidigen. Die Frage, ob ein staatsfinanziertes Medienhaus mit Zwangsgebühren überhaupt verteidigungsbedürftig ist, wird nicht gestellt.
Die Must-be-found-Regel; Zwangsdemokratie
Die verräterische Stelle des Interviews ist Willes Forderung nach einer «Must-be-found-Regel» nach französischem Vorbild. Sie verlangt, dass private Plattformen gesetzlich dazu verpflichtet werden, öffentlich-rechtliche Angebote prominent sichtbar zu machen. Der Interviewer fragt nicht, was das bedeutet. Das bedeutet staatliche Zwangssichtbarkeit. Das bedeutet, dass private Unternehmen gezwungen werden, den Inhalt eines staatlichen Medienhauses zu bewerben.
Wille nutzt die «Must-be-found-Regel», um den privaten Markt gesetzlich zu zwingen, das staatliche Angebot zu pushen. Dass dies ein direkter Eingriff in die Algorithmusgestaltung privater Unternehmen ist, bleibt unerwähnt. Die Frage, ob ein Staat, der private Plattformen zwingt, staatliche Inhalte zu bewerben, noch eine freie Meinungsäusserung hat, wird nicht gestellt. Der Interviewer nickt und geht zum nächsten Punkt.
Die ETH-Kooperation als patriotischer Akt
Wille kündigt an, das SRG-Archiv dem Schweizer KI-Modell Apertus der ETH zur Verfügung zu stellen. Der Interviewer zitiert zwei Professoren, die das «clever» finden. Die Frage, ob es legitim ist, dass ein steuerfinanziertes Medienhaus seine exklusiven Daten einer staatsfinanzierten Universität gibt, um gegen private Unternehmen zu konkurrieren, wird nicht gestellt. Das ist kein Markt. Das ist ein staatliches Konglomerat.
Die SRG nutzt Steuergelder, um ein staatliches KI-Modell zu füttern, das dann gegen private Modelle wie ChatGPT antreten soll. Die Frage, ob dies die Subsidiarität verletzt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob private Medienunternehmen in der Schweiz Zugang zu denselben Daten erhalten, wird nicht gestellt. Die ETH-Kooperation wird als patriotischer Akt der «Technologiesouveränität» gerahmt, nicht als staatliche Marktverzerrung.
Der feel-good Stellenabbau
Wille spricht von 900 Stellen, die abgebaut werden müssen. Sie sagt, das geschehe «sorgfältig und sozialverträglich». Der Interviewer erwähnt die Entlassung von vier Sprechtrainern und einen Protestbrief von über 300 Mitarbeitern. Er fragt: «Gehen Sie zu forsch vor?» Das ist eine Frage nach dem Stil, nicht nach der Substanz.
Dass der Protest inhaltlich begründet sein könnte, bleibt unerwähnt. Die Frage, ob die Entlassungen ideologisch motiviert waren, wie bei den Sprechtrainern oft vermutet, wird nicht gestellt. Die Frage, ob ein Umbau, der 900 Stellen kostet und 300 Mitarbeiter auf die Barikaden treibt, tatsächlich «sorgfältig» ist, wird nicht gestellt. Wille darf den Konflikt als unvermeidliche Nebenerscheinung eines «politischen Sparauftrags» abtun. Der Interviewer fragt nicht, ob der Sparauftrag als Vorwand für einen ideologischen Umbau genutzt wird.
Die **«**Waffenisierung» gegen den ÖRR
Der Interviewer liefert Wille die Vorlage. Er zitiert den früheren BBC-Direktor Tim Davie, der eine «Weaponization» von Fehlern beklagt: Politische Gegner würden journalistische Fehler aufbauschen, um Medienhäuser langfristig zu delegitimieren. Der Interviewer fragt: «Passiert das auch bei uns?» Die Frage ist eine Falle — und das BBC-Beispiel ist ein schlechtes. Die BBC, die den Interviewer als Referenz nennt, hat selbst einen Skandal nach dem anderen produziert. Die BBC hat ein Video von Donald Trump manipuliert, um ihn falsch darzustellen. Die BBC hat in der Berichterstattung über Brexit systematisch einseitig agiert. Die BBC ist kein Vorbild für journalistische Unfehlbarkeit. Die BBC ist ein Beispiel für ein Medienhaus, das Fehler macht und sie nicht eingesteht.
Wille nutzt die Vorlage und antwortet: Die SRG gehöre allen, also dürften alle kritisieren. In der Schweiz werde intensiv diskutiert, über einzelne Sendungen und «ja, auch über Fehler — unbeabsichtigte, handwerkliche Fehler». Das ist die Kernauslassung. Wille rahmt alle Kritik als Kritik an «handwerklichen Fehlern». Die Kritik an der SRG ist nicht handwerklich. Die Kritik lautet: Die SRG ist einseitig. Die SRG ist ideologisch. Die SRG berichtet selektiv. Die SRG ignoriert Themen, die nicht ins Narrativ passen.
Die Frage, ob die Kritik berechtigt ist, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die SRG vor Gericht steht — etwa wegen der RKI-Protokolle, die sie nicht berichtet —, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die SRG die Uniproteste ignoriert, die sie nicht ins Bild rückt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob eine Berichterstattung, die systematisch eine Seite bevorzugt, ein «handwerklicher Fehler» oder ein strukturelles Problem ist, wird nicht gestellt. Wille darf die Opferrolle einnehmen. Die Kritiker werden zu Tätern gemacht, die «Waffen» einsetzen. Der Interviewer liefert das Framing, Wille bestätigt es.
Die Anerkennung des Gelungenen
Der Interviewer fragt nach der Textlängen-Beschränkung, die die SRG den privaten Medien versprochen hat. Er zeigt auf, dass die SRG auf ihren Webseiten noch immer lange Texte publiziert. Er fragt: «Sind Sie nicht ehrlich?» Das ist eine kritische Nachfrage. Wille weicht aus und sagt, die Wettbewerbskommission habe die Vereinbarung beanstandet. Der Interviewer lässt das stehen. Das ist mehr Kritik als in vielen SRF-Interviews. Aber es bleibt eine Ausnahme. Die grosse Frage nach dem staatlichen Monopol, das die SRG im digitalen Raum anstrebt, wird nicht gestellt.
So funktioniert dieses Interview: Es lässt eine Monopolistin über Wettbewerb sprechen, ohne den Wettbewerb zu fragen. Die Forderung nach einer Must-be-found-Regel wird als Demokratie gerahmt, nicht als Zensur. Die ETH-Kooperation wird als patriotischer Akt gerahmt, nicht als staatliche Marktverzerrung. Der Stellenabbau wird als sozialverträglich gerahmt, nicht als ideologischer Umbau. Die Kritik an der SRG wird als «Weaponization» delegitimiert, während das BBC-Beispiel, das diese These stützen soll, selbst ein Beispiel für journalistisches Fehlverhalten ist. Wer das Interview liest, weiss, dass Wille Big Tech fürchtet und die ETH liebt. Wer wissen will, ob die SRG den Markt verzerrt, ob die ETH-Kooperation wettbewerbsrechtlich problematisch ist, ob die Sprechtrainer politisch aussortiert wurden, ob die SRG vor Gericht steht und ob die Kritik an der SRG berechtigt ist, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist kein Interview, das ist eine Pressemitteilung in Dialogform.
Ähnliche Beiträge
Kein Artikel verpassen.
