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Die Regel, die zum Paradox wird
Medienkritik
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Die Regel, die zum Paradox wird

SRF/SRGAbstimmungenDemokratie
schwerwiegend

Kritisierter Beitrag (SRF News) →

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Der Beitrag legt ein einziges Wort über alles: Polarisierung. Parteiwerte, Bundesratsbeurteilung und Wählerbewegungen erscheinen als Symptome desselben Befunds. Die These, die ihn trägt, steht in einem Satz: «Hier zeigt sich ein Paradoxon der Polarisierung: Abstimmungserfolge führen nicht zwingend zu Wahlerfolgen, oft sogar ins Gegenteil.» Als Beleg dienen drei verlorene Volksinitiativen. Der Beitrag verschweigt, dass Volksinitiativen in der Schweiz in der grossen Mehrheit scheitern. Er nennt weder einen einzigen Ja-Anteil noch den Fehlerbereich der Umfrage, und er markiert nicht, dass die erste Niederlage auf seiner Liste die Finanzierung der SRG betraf.

Zum SRF-Beitrag «Die politische Polarisierung in der Schweiz verschärft sich», SRF 4 News, 16.10.2026


Die Zahlen, die der Beitrag nennt, sind sauber gerechnet. Referenz sind durchgehend die Wahlen 2023, angegeben in Prozentpunkten: Aus 27,9 Prozent SVP werden mit zwei Punkten «knapp 30», aus 18,3 Prozent SP mit einem Punkt 19,3. Auch die Feinheit stimmt. Mitte und FDP lagen 2023 nur 0,2 Punkte auseinander, nach den gemeldeten Verlusten sind es 0,7. Die Mitte rangiert also tatsächlich «etwas deutlicher hinter der FDP». Der Autor bietet zwei Lesarten statt einer an und stellt die Markenprofil-These neben die Paradox-These. Den Pandemiekontext des Vergleichswerts von 2021 versteckt er nicht, sondern nennt ihn. Und er nimmt die Wertung zurück: «Polarisierung ist nicht per se gut oder schlecht.» Die Personen-Box weist den Text als Analyse eines namentlich genannten Redaktionsleiters aus und macht damit seine Rolle erkennbar.

Die Basisrate, die das Paradox auflöst

Die SVP, so der Beitrag, habe «mit der Halbierungsinitiative, der Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz und der Neutralitätsinitiative ihre grossen Vorhaben allesamt deutlich verloren». Es handelt sich um von der SVP lancierte oder getragene Vorlagen. Schon die Bezeichnung als «ihre» Vorhaben ist eine Zuspitzung. Gewichtiger ist allerdings das Wort «deutlich». Die Halbierungsinitiative erreichte 38,1 Prozent Ja und gewann keinen Kanton. Die Neutralitätsinitiative kam auf 29,8 Prozent Ja. Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» dagegen erzielte 45,2 Prozent Ja und gewann zehn Kantone. Das liegt rund 15 Punkte über dem Wähleranteil, den das Barometer der SVP zuschreibt. Eine Vorlage, die zehn Kantone gewinnt und weit über die eigene Wählerschaft hinaus mobilisiert, belegt kein Wahlparadox. Sie belegt Reichweite.

Die grössere Lücke ist jedoch die Basisrate. Die grosse Mehrheit der Volksinitiativen scheitert. Eine Partei, die dieses Instrument intensiv nutzt, verliert deshalb regelmässig Abstimmungen, ohne dass daraus etwas über ihre Wahlchancen folgt. Ohne diesen Hinweis beschreibt der Satz «Die Parteien, die bei den Abstimmungen meistens verlieren, gewinnen bei den Wahlen» einen Widerspruch. Mit ihm beschreibt er den Normalfall jeder Initiativpartei.

Geprüft wird die These zudem nur an der SVP. Die SP, ebenfalls zum Gewinner erklärt, verlor im Juni 2024 ihre Prämienentlastungsinitiative. Dass beide Polparteien mit eigenen Initiativen scheitern, spricht für die Regel und nicht für ein Paradox. Auch die Gegenprobe unterbleibt. Dass Mitte und FDP jene Abstimmungsgewinner sind, deren «mehrheitsfähige Lösungen» bei Wahlen «eher nicht belohnt» werden, behauptet der Schlusssatz der Passage. Gezeigt wird es nirgends.

Schliesslich die Wahlen selbst. Der Beitrag spricht davon, dass Parteien «bei den Wahlen» gewinnen. Gemessen wurde aber eine Umfrage, ein Jahr vor den Nationalratswahlen im Oktober 2027. Das Paradox verbindet reale Abstimmungsresultate mit den Absichtserklärungen von Befragten.

Die erste Niederlage auf der Liste

An erster Stelle der verlorenen Vorhaben steht die Halbierungsinitiative. Sie wollte die Medienabgabe von 335 auf 200 Franken senken und betraf damit die Finanzierung der SRG. Die SRG ist das Haus, das das Wahlbarometer trägt, und das Unternehmen, zu dem die Redaktion gehört, die der Autor leitet. Der Fakt ist korrekt wiedergegeben, das Resultat von 61,9 Prozent Nein ist eindeutig. Der Einwand betrifft also keine falsche Zahl, sondern die Stelle, an der sie steht.

Die Abstimmung dient als Beweisstück für eine These über die Partei, die die Vorlage getragen hat. Sie dient dazu ohne jeden Hinweis auf das Interesse des Absenders. Die Personen-Box zählt Funktionen auf, von der «Arena» bis zur «Tagesschau», stellt aber keinen Bezug zur Vorlage her. Ein Satz hätte genügt. Ohne ihn liest sich die Niederlage einer Initiative zur SRG-Finanzierung in einem SRG-Produkt als neutraler Datenpunkt.

«Die Gewinner des Wahlbarometers»

So bezeichnet der Beitrag SP und SVP, als Verlierer gelten Mitte und FDP. Über die Messung erfährt das Publikum nichts. Das Barometer ist eine Opt-in-Online-Umfrage von Sotomo mit 25'092 Befragten, erhoben vom 10. bis 23. September 2026. SRF gibt den Fehlerbereich mit ±1,2 Prozentpunkten für einen Anteil von 50 Prozent an. Rechnet man diese Angabe auf einen Anteil von rund 19 Prozent um, ergeben sich nach eigener Rechnung etwa ±0,9 Punkte. Für FDP und Mitte mit ihren kleineren Anteilen ist der Wert etwas tiefer. Der Vergleichswert, das Wahlresultat 2023, ist dagegen fix. Der Zuwachs der SP um einen Punkt und der Verlust der FDP um einen Punkt liegen damit knapp am Rand dessen, was die Umfrage überhaupt auflösen kann. Die Bewegung der SP wird dennoch zum bestätigten «Aufwärtstrend».

Ein Beitrag derselben Redaktion vom selben Tag wendet den Fehlerbereich durchaus an. Er wertet die Veränderung der GLP von minus 0,5 Punkten «mit Blick auf den Fehlerbereich» als Stabilisierung. Die Unschärfe ist in der Redaktion also bekannt. Sie erscheint dort, wo sie eine Bewegung neutralisiert, und fehlt dort, wo eine Bewegung die These trägt.

Grüne und GLP kommen in diesem Beitrag zudem nicht vor. Für eine Polarisierungsthese ist das keine Nebensache. Ob der linke Pol als Ganzes wächst oder ob sich nur Anteile innerhalb der Linken verschieben, lässt sich aus dem Text nicht ablesen. Der Pol wird an einer einzigen Partei gemessen.

Gemessen am Ausnahmejahr

Beim Bundesrat arbeitet der Beitrag mit zwei Zahlen. Heute finden «nur noch 27 Prozent» die Positionierung der Regierung gerade richtig, «der tiefste Wert seit 2019». Zum Vergleich dient der Herbst 2021, als «mitten in der Corona-Pandemie» 45 Prozent so urteilten. Der Beitrag nennt den Krisenkontext selbst, zieht aber keine Folgerung daraus. In Krisen sammeln sich Bevölkerungen erfahrungsgemäss hinter ihrer Regierung. Ein Pandemiewert ist deshalb als Referenz für einen Rückgang in normalen Jahren ein Ausreisser nach oben. Der Wert von 2019, an dem sich «tiefster Wert seit» bemisst, wird nicht genannt. Ob 27 Prozent eine Verschärfung anzeigen oder eine Rückkehr in die Nähe des Vorkrisenniveaus, lässt sich so nicht entscheiden.

Das ist keine Weglassung, denn die entscheidende Information steht im Text. Es ist eine verpasste Auswertung: Der Beitrag liefert den Einwand gegen seinen eigenen Vergleich gleich mit und lässt ihn liegen. Der Befund, dass jeweils mehr als ein Drittel die Regierung für zu rechts oder zu links hält, stützt die Polarisierungsthese durchaus. Die Dramaturgie des Absturzes von 45 auf 27 Prozent trägt sie nicht.

Die Regel als Paradox

Das Muster ist ein statistischer Normalfall, der ohne Basisrate gemeldet wird und dadurch zur erklärungsbedürftigen Anomalie gerät. Wer verschweigt, wie oft ein Ereignis gewöhnlich eintritt, kann jedes Eintreten als Befund präsentieren: das Scheitern einer Initiative, den Rückgang nach einem Krisenhoch, eine Bewegung am Rand der Messunschärfe. Aus der Anomalie lässt sich dann eine These ableiten, die ohne sie nicht stünde. Hier ist es die These, dass Mehrheitsfähigkeit an der Urne bestraft wird.

Dazu tritt ein bekannter Mechanismus: der interne Zeuge. Eine Abstimmung, die das eigene Haus unmittelbar betraf, wird ohne Interessenmarkierung als neutrales Beweisstück verwendet. Beide Mechanismen verstärken sich gegenseitig. Je selbstverständlicher die Niederlage als Anomalie erscheint, desto weniger fällt auf, wessen Sache dabei verhandelt wurde.

Die halbe Bilanz

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet Verschiebungen am Rand der Messunschärfe und drei verlorene Initiativen und rahmt sie als Paradoxon der Polarisierung. Seine Liste zählt Niederlagen, nicht Ja-Anteile. Sie misst Umfragewerte an Wahlresultaten, ohne die Bandbreite der Umfrage zu nennen. An erster Stelle der verlorenen Vorhaben steht eine Abstimmung über die Finanzierung jenes Hauses, für das der Autor die Bundeshausredaktion leitet.

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