Spartipps für die Ausgepressten
Zum SRF-Beitrag «Sparen im Alltag: Diese Tipps entlasten das Haushaltsbudget», 12. Mai 2026
Was berichtet wird
Jenny Bargetzi berichtet über die finanzielle Lage des Schweizer Mittelstands. Neue Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Jede vierte Person der unteren Mittelschicht kann eine unerwartete Rechnung über 2'500 Franken nicht bezahlen. Auch in der oberen Mittelschicht fehlen oft Rücklagen. Über die Hälfte der Schweizer Gesamtbevölkerung — 4.7 Millionen Menschen — zählt zum Mittelstand.
Daraufhin liefert SRF sieben Spartipps von Sara Koller, Schuldenberaterin bei Caritas Zürich: ein Budget erstellen, Versicherungen prüfen, Fixkosten zuerst bezahlen, Steuern monatlich aufteilen, Kredite vermeiden, Ansprüche prüfen, früh Hilfe holen. Garniert mit Empfehlungen für Budget-Apps und Beratungsstellen.
Die Reihenfolge der Beiträge
Es ist der dritte SRF-Beitrag desselben Tages mit Bezug zu Kosten und Belastungen. Erstens: Die EFK kritisiert die Asylgesundheitskosten, ohne dass die Pro-Kopf-Belastung der Steuerzahler offengelegt würde. Dann prognostiziert Comparis weitere Prämienerhöhungen für 2027 und spricht von «Bewegung in Richtung Kostenwahrheit». Jetzt: SRF empfiehlt der Bevölkerung, die diese Lasten trägt, Budget-Apps herunterzuladen und die Krankenkasse zu wechseln.
Diese Trilogie ist nicht zufällig. Sie bildet ein Muster, das in der Schweizer Berichterstattung über Jahre eingeübt ist. Erst wird das Problem beschrieben, dann wird es kommentiert, dann wird der Bevölkerung erklärt, was sie tun soll. Die strukturellen Ursachen bleiben unangetastet. Die Verantwortung wird beim Individuum abgelegt. «Reagier früh. Hol dir Hilfe. Lade Apps herunter.»
Die Botschaft an die Mittelschicht
4.7 Millionen Schweizer gehören zum Mittelstand. Eine Mehrheit der Bevölkerung. Jeder vierte in der unteren Mittelschicht hat keine 2'500 Franken Reserve. Die Krankenkasse wird teurer. Die Miete bleibt hoch. Der Alltag kostet mehr. Das schreibt SRF im Einleitungstext — und folgt dem Befund nicht mit der Frage nach den Ursachen, sondern mit Tipps.
Die Tipps selbst sind nicht falsch. Ein Budget erstellen ist sinnvoll. Versicherungen zu prüfen ist vernünftig. Steuern monatlich beiseite zu legen ist klug. Kredite zu vermeiden ist offensichtlich. Doch der Gesamtton ist bemerkenswert: Eine Bevölkerungsmehrheit, die auch bei ordentlichem Bruttoeinkommen finanziell auf Kante näht, soll mit App-Empfehlungen und Lebensführungstipps zurechtkommen.
Die Spannweite, die SRF dem Mittelstand zuschreibt, ist gewaltig. Alleinlebende mit Bruttoeinkommen zwischen 4'229 und 9'061 Franken. Paare mit zwei Kindern zwischen 8'880 und 19'028 Franken. Die Untergrenze und die Obergrenze unterscheiden sich um Faktor 2.1. Wer 4'229 Franken brutto verdient, lebt finanziell in einer anderen Welt als jemand, der 9'061 Franken brutto verdient. Beide werden zum Mittelstand gezählt. Beide bekommen dieselben Spartipps.
Was die Tipps unterschlagen
Die Tipps sind individuell ausgerichtet. Sie behandeln den Haushalt als isolierten Akteur, der seine Ausgaben optimieren kann. Sie behandeln die Rahmenbedingungen — Mietniveau, Prämienentwicklung, Steuerlast, Energiepreise — als unveränderliche Naturgegebenheiten.
«Die Miete bleibt hoch.» Das ist ein Satz aus dem Einleitungstext, der wie eine Wettervorhersage formuliert ist. Die Miete bleibt nicht hoch, weil sie es nicht anders kann. Die Miete bleibt hoch, weil bestimmte politische Entscheidungen so getroffen wurden: Eigentumsstrukturen, Mietrecht, Bauvorschriften, Bodenpolitik, Zinsen. Jede dieser Entscheidungen wäre veränderbar. SRF stellt sie nicht zur Diskussion. SRF empfiehlt eine Budget-App.
«Die Krankenkasse wird teurer.» Im selben SRF-Newsfeed steht ein paar Stunden zuvor die Comparis-Meldung. Die Krankenkasse wird teurer, weil die Spitäler ihre Defizite reduzieren müssen, weil die Pflegeinitiative umgesetzt wird, weil die Tarifverhandlungen so verlaufen, wie sie verlaufen, weil die Pharmaindustrie Preise setzt, weil Reserven gehalten werden, weil bestimmte Versicherungsmodelle bevorzugt werden. Diese Strukturentscheidungen sind politisch. SRF empfiehlt einen Krankenkassenvergleich.
«Der Alltag kostet mehr.» Der Alltag kostet mehr, weil die Energiepreise gestiegen sind (politische Entscheidung), weil Lebensmittel teurer wurden (auch eine Folge von Importpolitik und Subventionen), weil die Inflation auf bestimmte Warengruppen unterschiedlich wirkt. Jede dieser Entwicklungen hat Verantwortliche. SRF rät zur Daueraufträge nach Lohneingang.
Die ausgelassenen Empfehlungen
In einem Land, in dem 55 Prozent der Bevölkerung Mühe haben, eine Rücklage von 2'500 Franken zu bilden, wäre eine andere Art von Empfehlung möglich gewesen. Zum Beispiel: Die Hilfsorganisationen zu unterstützen, die Druck auf die Politik machen, damit die Prämien gesenkt werden. Oder: Die direktdemokratischen Instrumente zu nutzen, um über strukturelle Veränderungen abzustimmen. Oder: Sich politisch zu organisieren, in Gewerkschaften, in Mieterverbänden, in Konsumentenschutzorganisationen.
Diese Empfehlungen kommen nicht vor. SRF empfiehlt App-Downloads. Money Manager, Money Control, iScan, Expensify, Wallet. Fünf Apps, gegen die im Mittelstand grassierende Geldnot. Wer fünf Apps zur Budgetverwaltung braucht, hat kein App-Problem. Er hat ein Einkommensproblem oder ein Kostenproblem.
Die Empfehlung der Caritas-Beraterin, sich bei einer Schuldenberatungsstelle Hilfe zu holen, ist gut gemeint. Aber sie verschiebt den Lösungsansatz vom Strukturellen zum Individuellen. Die Schuldenberatung kann einer einzelnen Familie helfen, ihre Rechnungen besser zu sortieren. Sie kann nicht verhindern, dass die Rechnungen jedes Jahr höher werden.
Die Sprache der Selbstverantwortung
«Wer sparen will, braucht einen Überblick.» «Wir empfehlen, Miete, Krankenkasse, Strom und Handy immer als Erstes zu bezahlen.» «Je früher man reagiert, desto besser.»
Das ist die Sprache, mit der individuelle Verantwortung etabliert wird. Wer in finanzielle Schwierigkeiten gerät, hat nicht gut genug gespart, nicht früh genug reagiert, nicht den richtigen Überblick gehabt. Die strukturelle Ursache — dass die Belastung schneller wächst als das Einkommen — wird zur individuellen Versagensfrage umkonstruiert.
Diese Operation ist nicht spezifisch schweizerisch. Sie ist ein internationales Muster der Sozialberichterstattung. In den USA wird sie seit Jahrzehnten praktiziert: Wenn die Ungleichheit wächst, sind die Armen selbst schuld, weil sie nicht genug sparen. In der Schweiz erscheint sie freundlicher verpackt — als Tipps der Caritas-Beraterin, als App-Empfehlung, als wohlwollender Rat — aber die Grundlogik ist dieselbe.
Wer profitiert von dieser Berichterstattung?
Die Krankenkassen profitieren. Wenn die Bevölkerung lernt, dass die Lösung im Kassenwechsel liegt, statt im politischen Druck auf das Prämiensystem, bleibt das System stabil. Comparis profitiert. Jeder Tipp, die Krankenkasse zu wechseln, ist Werbung für Comparis. Die Politik profitiert. Solange die Bevölkerung sich selber als Problem versteht — nicht spart, nicht plant, nicht überblickt —, steht das System nicht zur Disposition.
Die Spartipps sind eine kostenlose Dienstleistung an alle Akteure, die ein Interesse daran haben, dass die strukturelle Frage nicht gestellt wird. SRF leistet diese Dienstleistung, ohne sie als solche zu erkennen. Die Redaktion hat sich vermutlich gedacht, sie helfe der Mittelschicht. Tatsächlich hilft sie dem System, das die Mittelschicht auspresst.
Die wirkliche Geschichte
Die Geschichte, die SRF nicht erzählt, lautet: Eine Bevölkerungsmehrheit gerät unter ökonomischen Druck, der nicht durch persönliches Fehlverhalten verursacht wird, sondern durch eine Akkumulation politischer Entscheidungen über zwei Jahrzehnte. Die Krankenkassenprämien sind seit 2000 mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Löhne. Die Bodenpreise haben sich in vielen Regionen verdreifacht. Die Mieten in den Agglomerationen sind explodiert. Die Energiepreise sind nach 2022 nicht auf das Vorniveau zurückgekehrt. Die Steuerlast ist für den Mittelstand effektiv gestiegen — durch kalte Progression, durch Sozialabgaben, durch indirekte Steuern.
In derselben Zeit sind die öffentlichen Ausgaben für Asyl, Sozialhilfe und Integration von Nichtbeitragspflichtigen gewachsen. Die Bilanz ist nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis von politischen Mehrheiten, von administrativen Entscheidungen, von Lobbyeinflüssen, von Strukturwandeln in der Wirtschaft. Diese Geschichte zu erzählen wäre aufwändig. Es wäre politisch heikel. Es würde zu Reaktionen führen.
SRF erzählt sie nicht. SRF empfiehlt Money Control für iPhone und Android.
Der pädagogische Ton
Bemerkenswert ist auch der pädagogische Ton des Beitrags. Die Bevölkerung wird angeleitet wie ein Kind, das den Umgang mit Geld noch lernen muss. Daueraufträge einrichten. Lastschriftverfahren nutzen. Die Serafe-Rechnung quartalsweise bezahlen. Kleinere Beträge monatlich zur Seite legen.
Diese Tipps unterstellen, dass die Empfänger sie noch nicht kennen. Tatsächlich kennt jeder Erwachsene in der Schweiz das Konzept eines Dauerauftrags. Wer 4'229 Franken brutto verdient und Mühe hat, eine 2'500-Franken-Rechnung zu bezahlen, hat nicht Mühe, weil er den Dauerauftrag noch nicht entdeckt hat. Er hat Mühe, weil sein Einkommen nach Abzug der Pflichtausgaben nicht reicht, um Reserven zu bilden.
Der pädagogische Ton verfehlt deshalb seine Adressaten. Er trifft Menschen, die längst alles tun, was die Tipps empfehlen — und denen es trotzdem nicht reicht. Diese Menschen werden durch den Beitrag in ein Bild gesetzt, in dem sie selbst noch etwas falsch machen müssten. Wer mit dem Geld nicht auskommt, hat noch nicht alle Apps installiert. Wer keine Rücklagen bildet, hat den Lohneingang noch nicht in Daueraufträge umgewandelt. Wer nach acht Tipps immer noch leidet, hat eben nicht früh genug reagiert.
Der Befund
Der Beitrag liest sich wie eine wohlmeinende Ratgeber-Beilage in einer Sonntagszeitung. Er ist es aber nicht. Er ist Teil einer publizistischen Operation, die der Bevölkerung beibringt, ihre eigene strukturelle Benachteiligung als individuelle Optimierungsaufgabe zu verstehen.
Die EFK-Meldung des Morgens hatte gezeigt, dass die öffentliche Hand bei den Asylgesundheitskosten Hunderttausende verschwendet hat. Die Comparis-Meldung des Mittags hatte gezeigt, dass die Prämien für alle 2027 weiter steigen werden. Der Spartipp-Beitrag des Nachmittags zieht den Schluss aus diesen beiden Meldungen nicht. Er empfiehlt Apps.
Diese Reihenfolge ist die eigentliche Pointe. SRF berichtet über die Verschwendung. SRF berichtet über die Belastung. SRF rät zur individuellen Anpassung. Die Verbindung zwischen den drei Beiträgen — dass die einen verschwenden, was die anderen erarbeiten — wird nicht gezogen. Der Zuschauer wird mit drei Meldungen konfrontiert, deren logischer Zusammenhang ihm selbst überlassen bleibt.
Wer alle drei Beiträge liest und nachdenkt, kommt zu einem klaren Schluss: Das System pressed den Mittelstand, das System verschwendet die Steuergelder, das System empfiehlt dem gepressten Mittelstand, eine Budget-App zu installieren. Wer nur einen Beitrag liest, bekommt drei verschiedene Geschichten. Eine über Verwaltungsineffizienz. Eine über Prämienprognosen. Eine über Sparmöglichkeiten. Drei abgekapselte Welten, die zusammen die Realität ergeben — aber nie als Realität präsentiert werden.
Das ist die Funktion dieser Berichterstattung. Sie atomisiert die Wahrnehmung. Sie macht aus einer strukturellen Frage eine Reihe von Einzelthemen. Sie überlässt es dem Bürger, die Verbindungen herzustellen — und tut so, als sei das die Freiheit der mündigen Leserschaft. Tatsächlich ist es die Verlagerung der analytischen Arbeit von der Redaktion zum Publikum. Eine Redaktion, die diese Arbeit leistete, würde nicht Spartipps publizieren. Sie würde Strukturfragen stellen.
SRF wählt die Spartipps. Das ist eine Entscheidung. Sie hat eine Funktion. Die Funktion ist nicht, der Mittelschicht zu helfen. Die Funktion ist, das System zu schonen, das die Mittelschicht belastet. Diese Funktion erfüllt SRF effizient. Money Manager, Money Control, iScan, Expensify, Wallet. Das ist die Antwort auf vier Millionen Menschen, die mit dem Geld nicht mehr auskommen. Eine Antwort, die niemanden stört — ausser denen, die sie bekommen.
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