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Peanut, das Eichhörnchen, und die schweizerischen Schwärzungen
Medienkritik
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Peanut, das Eichhörnchen, und die schweizerischen Schwärzungen

SRF/SRGDemokratieGesellschaft
schwerwiegend
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Ein Gedankenexperiment. Wir nehmen den folgenden SRF-Beitrag und streichen, Satz für Satz, jede Information, die für eine Entscheidung eines Schweizer Bürgers relevant ist.

Was bleibt übrig? Ziemlich genau: Nichts.

Das Stück heisst «Die weibliche Trump: Verkehrte Welt in Down Under». Es porträtiert Gina Rinehart, eine australische Bergbauunternehmerin. Sie ist reich. Sie unterstützt Trump. Sie zählt sich zu den «Trumpettes». Sie besitzt angeblich eine silberne Skulptur von «Peanut», einem verstorbenen New Yorker Eichhörnchen, das in den USA zum Symbol einer libertären Bewegung wurde. Sie leugnet den Klimawandel (wirklich, @SRF? – nein, sie sagt der Klimawandel ist nicht ausschliesslich Menschengemacht). Sie verlor einen Erbstreit gegen ihre eigenen Kinder.

Sechs Minuten zweiunddreissig. Gesendet auf SRF 4 News aktuell, 17. April 2026. Kein einziges Wort über die Schweiz.

Die Frage, die sich jeder Redaktionsleiter eines öffentlichen Senders stellen müsste: Warum erfahren wir das?

Schauen wir zuerst, was wir dieselbe Woche nicht erfuhren.

Wir erfuhren nicht, was in den weiterhin geschwärzten Impfstoffverträgen mit Pfizer, Janssen, AstraZeneca und CureVac steht.

Wir erfuhren nicht, wie viele Impfschadensfälle in der Schweiz bisher anerkannt wurden und aus welchem Budget die Entschädigungen fliessen.

Wir erfuhren nicht, warum die Finanzplatz-Initiative so breit aufgestellt ist, dass sie von der SP bis zur FDP getragen wird.

Wir erfuhren nicht, welche konkreten Bundesaufgaben in den letzten fünfzehn Jahren dazugekommen sind und welche davon gestrichen werden könnten.

Wir erfuhren nicht, warum die Haftungsklauseln in späteren Nachbestellungen von Impfstoffen nicht nachverhandelt wurden, als die initiale Knappheit längst vorbei war.

Wir erfuhren aber, dass Gina Rinehart eine silberne Peanut-Skulptur besitzen soll.

Sechs Minuten zweiunddreissig ist keine Randbemerkung. Das sind bei SRF 4 News aktuell annähernd drei Haupt-Beiträge. Mehr Sendezeit, als die Einreichung der Finanzplatz-Initiative am selben Tag mit 145'000 Unterschriften bekommen hat. In derselben Dimension wie der Podcast über die Impfstoff-Milliarde. Doppelt so lang wie jede einzelne Agenturmeldung über die BAG-Verträge.

Diese Zeit wurde einem Thema zugewiesen, bei dem sich die Relevanzfrage «Warum soll ein Schweizer Bürger das wissen?» nur durch kräftiges Um-die-Ecke-Denken beantworten lässt.

Der Beitrag ist dennoch nicht harmlos. Er tut etwas.

Er tut dasselbe, was der Artikel «Wenn Transparenz im Sport fehlt» getan hat: Er füllt unsere Aufmerksamkeit mit moralisch eindeutigem Material, das keinerlei Risiko für die eigene institutionelle Umgebung birgt. Rinehart ist fern. Rinehart ist bequem. Rinehart ist reich, rechts, klimaskeptisch und verhält sich familiär schlecht. Sie ist ein ideales Ziel, weil sie gleichzeitig skandalös genug ist, um ein Publikum zu binden, und weit genug weg, um niemandem in der Schweiz wehzutun.

Man kann sich über Rinehart empören. Man kann über sie lachen. Man kann die Absurdität der Peanut-Geschichte geniessen. Man verlässt den Beitrag mit einem Gefühl moralischer Klärung und einem Lebenszeit-Guthaben, das um sechs Minuten dreissig reduziert ist. Zeit, in der man sich nicht mit der BAG-Haftungsklausel, der Finanzplatz-Initiative oder den geschwärzten Pfizer-Verträgen beschäftigt hat.

Das ist institutionelle Ablenkung in ihrer charmantesten Form. Kein Zwang. Kein Verbot. Keine Lüge. Nur eine Sendeplatzvergabe, die Woche für Woche dafür sorgt, dass die fernen, folgenlosen, moralisch eindeutigen Geschichten mehr Raum bekommen als die nahen, folgenreichen, strittigen.

Die nahen Geschichten erfordern vom Bürger eigenes Denken. Sie haben zwei Seiten. Sie haben Zielkonflikte. Sie sind journalistische Schwerarbeit für die Redaktion und geistige Arbeit für den Hörer.

Die fernen Geschichten sind vorformatiert. Die moralische Einordnung ist Teil des Pakets. Der Hörer muss nichts selbst leisten. Er konsumiert. Er empört sich kurz. Er fühlt sich informiert.

In der Logik eines kommerziellen Senders wäre das verständlich. Einschaltquoten belohnen Peanut mehr als Pfizer. Die SRG ist aber kein kommerzieller Sender. Sie wird durch Zwangsgebühren finanziert, rechtfertigt diese Finanzierung durch einen Service-public-Auftrag, und dieser Auftrag lautet ausdrücklich: die Bürger einer direkten Demokratie mit dem Material auszustatten, das sie für ihre Entscheidungen brauchen.

Wenn ein Sender, der sich durch diesen Auftrag finanziert, in derselben Woche sechs Minuten dreissig für ein australisches Bergbau-Porträt aufwendet und zwölf Minuten für die einzige inhaltliche Auseinandersetzung mit einer Milliarde Franken Steuergeld und einer Haftungsklausel, die den Steuerzahler zum Sekundärversicherer der globalen Pharmaindustrie gemacht hat, dann ist das nicht nur eine redaktionelle Entscheidung. Das ist eine Aussage darüber, wofür der Sender sich zuständig hält.

Die Antwort lautet, zumindest in dieser Woche: für das Unterhaltsame. Für das Ferne. Für das, was man zeigen kann, ohne dass jemand in der Schweiz zurückruft und eine Gegendarstellung verlangt.

Wäre Rinehart Hauptaktionärin einer Schweizer Bank, die am McDonald's-Klimaantrag mit Nein gestimmt hat, wäre sie eine Schweizer Geschichte. Hätte sie Verbindungen zu einem Schweizer Steueroptimierungsmodell, wäre sie eine Schweizer Geschichte. Wäre sie an einem Hersteller beteiligt, mit dem der Bund Impfstoffverträge geschlossen hat, wäre sie eine Schweizer Geschichte.

Nichts davon ist der Fall. Sie ist eine australische Bergbauunternehmerin mit Trump-Sympathien und einem Eichhörnchen-Kult. Für diese Information hat SRF diese Woche sechs Minuten dreissig gefunden.

Für die Frage, warum der Steuerzahler nun auch noch für Schäden aufkommt, die normalerweise Moderna tragen müsste: zwölf Minuten, davon ein Gutteil Entschärfung.

Für die Frage, wer in den vier geschwärzten Verträgen was geregelt hat und warum das Bundesamt diese Verträge auch nach einem Gerichtsurteil nicht freigibt: null.

Das ist kein Einzelfall. Es ist der Grundzustand. Und dieser Grundzustand hat eine einfache Logik.

Das Fremde ist ungefährlich. Das Nahe ist politisch. Also sendet man mehr Fremdes. Wir erhalten genug Weltwissen, um uns informiert zu fühlen, und zu wenig Schweizwissen, um die eigenen Institutionen ernsthaft zu befragen. Das ist nicht Zensur. Es ist eine Verschiebung des journalistischen Schwergewichts — weg vom Auftrag, hin zur Komfortzone.

Der Celio-Standard verlangte, dem Souverän zu dienen. Der Souverän ist in diesem Artikel abwesend. Er ist abwesend als Subjekt, und er ist abwesend als Adressat. Peanut hingegen ist präsent.

Ein öffentlicher Sender, der regelmässig Eichhörnchen-Skulpturen ferner Milliardärinnen wichtiger findet als die vertraglichen Haftungsregelungen im eigenen Land, hat eine Entscheidung getroffen. Er hat entschieden, was wir als Bürger einer direkten Demokratie wissen müssen.

Und er hat sich, nicht zum ersten Mal in dieser Woche, gegen die direkte Demokratie entschieden.

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