Patrick Fischer und die selektive Unerbittlichkeit
SRF hat Patrick Fischer erledigt. Nicht mit einer Lüge. Mit einer Recherche. Und genau das macht den Fall interessant.
Die Fakten sind unbestritten. Fischer hat 2021 ein Covid-Zertifikat fälschen lassen, um als Nationaltrainer an die Olympischen Spiele in Peking zu reisen. Er wurde rechtskräftig verurteilt: Strafbefehl, Geldstrafe. Das Instrument, das die Justiz für Delikte am unteren Ende der Skala vorsieht. Die Sache war erledigt.
Vier Jahre später erzählt Fischer die Geschichte bei einem Mittagessen mit SRF-Journalisten. Ungefragt, wie SRF betont. Die Redaktion fordert den Strafbefehl bei der Staatsanwaltschaft an, macht «überwiegendes öffentliches Interesse» geltend, konfrontiert Fischer, kontaktiert die sechs grössten Sponsoren des Verbands. Ford sagt «inakzeptabel». Der internationale Verband kündigt eine Untersuchung an. Am Mittwochabend ist Fischer freigestellt. Dann geht SRF auf Sendung und erklärt, wie die eigene Recherche zur Freistellung geführt hat. Der eigene Redaktor interviewt über die eigene Arbeit. Der Berichterstatter ist der Akteur. Niemand bei SRF scheint das für erklärungsbedürftig zu halten.
Jetzt die Fragen, die SRF nicht stellt.
Proportionalität. Fischer hat ein Dokument gefälscht, das es nicht mehr gibt. Das Covid-Zertifikat wurde abgeschafft. Die Impfpflicht, die es durchsetzte, wird weltweit als Überreaktion diskutiert. Die Justiz hat geurteilt: Geldstrafe, fertig. SRF urteilt vier Jahre später noch einmal, und das Urteil lautet: Karriereende. Welches Gericht hat das gesprochen?
Die Rolle. SRF hat nicht berichtet. SRF hat gehandelt. Den Strafbefehl angefordert, die Sponsoren kontaktiert, die Druckkaskade ausgelöst. Dann über die Folgen der eigenen Handlung berichtet, als wäre man Beobachterin. Das ist keine Recherche. Das ist Intervention mit anschliessender Berichterstattung über die eigene Intervention.
Die selektive Unerbittlichkeit. Hier wird es grundsätzlich.
SRF macht «überwiegendes öffentliches Interesse» geltend für den Strafbefehl eines Eishockeytrainers. Einverstanden. Öffentliche Person, öffentliches Amt. Das Argument ist vertretbar.
Aber am 17. Februar 2026 entschied das Bundesverwaltungsgericht, das BAG müsse seine Verträge zur Beschaffung von Covid-Impfstoffen offenlegen. Verträge im Wert von Hunderten Millionen Franken Steuergeld, abgeschlossen mit Moderna, Pfizer und vier weiteren Herstellern. Am 9. März meldete SRF, das BAG akzeptiere den Entscheid. Die Frist verstrich. Die Verträge blieben unter Verschluss. Ein Folgebericht von SRF? Keiner. Ein Gesuch um Akteneinsicht? Keines.
Fischer fälscht ein Zertifikat: SRF fordert den Strafbefehl an. Das BAG verweigert gerichtlich angeordnete Transparenz über Milliardenverträge: SRF wartet höflich.
Das Covid-Zertifikat, das Fischer gefälscht hat, wurde von Behörden konzipiert, deren Entscheidungsgrundlagen in genau diesen Akten liegen. SRF jagt den Mann, der das Zertifikat umging, und ignoriert die Institutionen, die es schufen.
Das Muster ist immer dasselbe. Unerbittlich nach unten, höflich nach oben. Investigativer Aufwand gegen einen Sportler. Stenographie gegenüber einem Bundesamt.
Würde irgendein Machtzentrum diese Geschichte lieber nicht sehen? Nein. Die Politik ist zufrieden: Das Zertifikatsregime wird retrospektiv legitimiert, indem jemand bestraft wird, der es umgangen hat, statt dass man fragt, ob es verhältnismässig war. Die einzige Instanz, die leidet, ist ein einzelner Mensch, der bereits bestraft wurde.
Wenn ein gefälschtes Covid-Zertifikat vier Jahre nach der Tat «überwiegendes öffentliches Interesse» rechtfertigt, welches öffentliche Interesse rechtfertigen dann die Verträge, die das ganze Regime ermöglicht haben?
Fischer hat seine Antwort erhalten. Die Öffentlichkeit wartet noch auf ihre.
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