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Ostervilm und der Elch: Eine Frage an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (SRF)
Medienkritik
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Ostervilm und der Elch: Eine Frage an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (SRF)

SRF/SRGBillag/GebührenDemokratie
schwerwiegend
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Schauen wir, was SRF heute, am 3. Mai 2026, an Schweizer Gebührenzahler liefert.

Geschichte eins: Eine marode DDR-Militärplattform vor Rügen wird versteigert. Vogelkot, Setzungsrisse, zerstörte Fenster. Beschrieben in 200 Wörtern, illustriert mit einem Stockfoto, ergänzt durch ein Archivvideo «Nationale Volksarmee». Eine deutsche Lokalmeldung, von deutschen Medien zuerst gebracht, übernommen vom schweizerischen Service public.

Geschichte zwei: Zwei Männer retten in Estland einen Elch, der sich in einem Zaun verfangen hat. Eingebettetes Instagram-Video von Postimees, einer estnischen Tageszeitung. Ergänzt durch ein Archivvideo «Elchwanderung in Schweden». Eine baltische Tiergeschichte, übernommen aus sozialen Medien.

Beide Beiträge sind heute, am gleichen Tag, auf der Nachrichtenseite von SRF zu lesen. Beide sind handwerklich nicht anstössig. Beide sind in Sekunden konsumiert. Und beide sind, wenn man genau hinschaut, nicht das eigentliche Problem.

Die falsche Frage, die richtige Frage

Es ist verführerisch, an Beiträgen wie diesen die Kritik festzumachen. Estnischer Elch, deutsche Auktion, was hat das mit dem Service public der Schweiz zu tun? Die Antwort scheint einfach: nichts. Also weg damit, mehr Schweiz, mehr Substanz.

Diese Kritik ist nicht falsch, aber sie ist oberflächlich. Sie greift dort an, wo der Sender am leichtesten zu treffen ist, ohne den Kern des Problems zu benennen. Sie führt zur Diskussion über Sparmassnahmen, über Reichweite, über das Verhältnis von leichter und schwerer Kost. Das ist die Diskussion, die der Sender selbst gerne führt, weil sie sich gewinnen lässt.

Die Halbierungsinitiative der SVP, die im März 2026 zur Abstimmung kam, hat exakt diesen Fehler gemacht. Sie hat das Problem auf die Gebühr reduziert. Sie hat gefragt: Sind 335 Franken zu viel? Eine knappe Mehrheit der Schweizer Stimmbürger hat geantwortet: Nein, das passt schon. SRF hat den Ausgang als Sieg gefeiert. Volksvertrauen, Auftragsbestätigung, alles im Lot.

Es war der falsche Sieg, weil es die falsche Frage war. Die Bevölkerung hat im März nicht entschieden, dass SRF ihre Aufgabe gut erfüllt. Sie hat entschieden, dass eine drastische Budgetkürzung nicht der richtige Hebel ist. Das sind zwei verschiedene Aussagen, und der Sender hat sich entschieden, sie als eine zu lesen. Diese Selbstinterpretation ist gefährlich.

Die richtige Frage wäre: Erfüllt SRF seinen Verfassungsauftrag in einer Form, die die Demokratie stärkt? Informiert der Sender so gründlich, ehrlich und symmetrisch, wie es ein öffentlich-rechtliches Medium leisten muss? Auf diese Frage hat die Bevölkerung im März nicht geantwortet, weil sie nicht gestellt wurde. Und auf diese Frage wäre die Antwort eine andere gewesen.

Konsenssender statt Feindsender

Hier liegt der Kern. Ein guter öffentlich-rechtlicher Sender ist im besten Sinne ein Feindsender, ein Sender, der allen Mächtigen lästig ist, weil er ihnen die unbequemen Fragen stellt. Bundesrat, Parlament, Kantonsregierungen, grosse Unternehmen, Gewerkschaften, Verbände, Parteien aller Couleur. Ein guter Service public reibt an allen, weil seine Loyalität nicht der Macht gilt, sondern dem Bürger.

SRF ist das nicht. SRF ist ein Konsenssender. Ein Sender, der die etablierten politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Konsense reproduziert und Abweichungen davon misstrauisch beäugt. Ein Sender, der sich als Hüter der gesellschaftlichen Mitte versteht, wobei diese Mitte nicht neutral definiert ist, sondern aus der Perspektive der urbanen, gebildeten, sozialliberalen Schichten, in denen die Redaktionen sich rekrutieren.

Diese Schlagseite zeigt sich nicht in plumper Parteinahme. Sie zeigt sich in subtileren Mustern.

Sie zeigt sich darin, welche Themen als selbstverständlich behandelt werden und welche als kontrovers. Klimapolitik ist selbstverständlich, Klimaskepsis kontrovers. Migrationsfreundlichkeit ist normal, Migrationsskepsis erklärungsbedürftig. EU-Annäherung ist staatstragend, EU-Distanz populistisch. Genderfragen sind progressiv, traditionelle Familienbilder gestrig. Diese Hierarchie der Selbstverständlichkeiten ist nicht das Resultat journalistischer Neutralität. Sie ist das Resultat einer redaktionellen Sozialisation, die bestimmte Positionen verinnerlicht hat.

Sie zeigt sich darin, wer als seriöser Experte gilt und wer als Aussenseiter. Ein Klimaforscher des ETH-Mainstreams kommt zu Wort, ein heterodoxer Klimaforscher nicht. Ein Migrationsforscher mit liberaler Position kommt zu Wort, ein Migrationsforscher mit kritischer Position nicht. Ein Ökonom des Mainstreams kommt zu Wort, ein heterodoxer Ökonom nicht. Diese Auswahl ist keine Verschwörung, sie ist die Reproduktion eines Wissenschaftskonsens, der selbst politisch geprägt ist.

Sie zeigt sich darin, wie kritische Fragen verteilt werden. Bundesrätin Baume-Schneider wird mit anderer Schärfe befragt als Bundesrat Rösti. Berset wurde mit anderer Schärfe befragt als Maurer. Eine SP-Forderung wird referiert, eine SVP-Forderung in Frage gestellt. Eine Grünen-Position wird kontextualisiert, eine FDP-Position konfrontiert. Wer die Sendungen über Monate hinweg beobachtet, sieht das Muster. Es ist nicht in jedem einzelnen Beitrag erkennbar, aber in der Summe ist es eindeutig.

Sie zeigt sich darin, welche Kritik im Sender stattfindet und welche nicht. Kritik an der Hamas, am iranischen Regime, an Trump, an Putin, an der Klimaskepsis, an der SVP, all das findet täglich statt und ist berechtigt. Kritik an der EU, an der UNO, am Bundesrat in der Coronazeit, an der NGO-Landschaft, an der eigenen Redaktion, all das findet selten statt und ist oft unberechtigt zaghaft. Die Asymmetrie der kritischen Funktion ist das Markenzeichen des Konsenssenders.

Die Beat-Jans-Probe

Die letzten Wochen haben einen Testfall geliefert. Bundesrat Beat Jans, Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements, ist in eine ernste Auseinandersetzung über die Grenzen amtlicher Kommunikation geraten. Es geht um Fragen, die jeden Bürger angehen: Wie weit darf ein Bundesrat seine Behörden für persönliche oder parteipolitische Botschaften nutzen? Welche Grundprinzipien der Verwaltungsführung gelten in seinem Departement? Wie geht die Bundesversammlung mit Verfehlungen um?

Wer diese Geschichte auf SRF verfolgt hat, hat sie nur in Bruchstücken erlebt. Einzelne Meldungen, kurze Erwähnungen, keine systematische Aufarbeitung. Die NZZ hat investigativ recherchiert. Die Weltwoche hat polemisiert. Tamedia hat berichtet. SRF hat sich auf das absolute Minimum beschränkt.

Wäre es ein FDP-Bundesrat oder SVP-Bundesrat gewesen, wäre die Berichterstattung intensiver gewesen. Das ist nicht beweisbar in dem Sinne, dass jemand es zugeben würde. Es ist erkennbar im Vergleich mit ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit. Die unterschiedliche Behandlung der Bundesräte je nach Parteizugehörigkeit ist ein durchgehendes Muster, kein einzelner Ausrutscher.

Das ist die eigentliche Anomalie. Nicht der estnische Elch. Nicht die Auktion vor Rügen. Sondern die systematisch unterschiedliche Behandlung politischer Akteure je nachdem, ob sie der redaktionellen Disposition entsprechen oder ihr widersprechen.

Was Konsenssender bedeutet

Der Konsenssender ist gefährlicher als der parteiische Sender, weil er sich selbst nicht als parteiisch erkennt. Ein Sender, der offen eine Linie vertritt, ist transparent. Der Bürger weiss, was er bekommt, und kann seine Information ergänzen. Ein Konsenssender behauptet Neutralität, während er einen bestimmten gesellschaftlichen Konsens reproduziert. Das ist intransparent und damit demokratietheoretisch problematischer.

Der Konsenssender behandelt seine eigene Position nicht als eine unter mehreren, sondern als die vernünftige Mitte. Wer von dieser Mitte abweicht, wird als Extremist gerahmt. Die SVP wird nicht als legitime Volkspartei behandelt, die ein Drittel der Wählerschaft repräsentiert, sondern als problematische Aussenseiterin, deren Positionen erklärungsbedürftig sind. Die Klimaskeptiker werden nicht als Mitbürger behandelt, deren Bedenken hörenswert sind, sondern als irrationale Verweigerer. Die Coronakritiker werden nicht als Demokraten behandelt, die legitime Fragen stellen, sondern als Verschwörungstheoretiker.

Dieses Framing ist nicht unbedingt falsch in jedem einzelnen Fall. Aber sie ist systematisch asymmetrisch. Linke Aussenseiter werden anders behandelt als rechte Aussenseiter. Progressive Positionen werden anders behandelt als konservative. Diese Asymmetrie ist die operative Definition des Konsenssenders.

Der Konsenssender produziert eine Öffentlichkeit, die sich für aufgeklärt hält, ohne es zu sein. Sie konsumiert die Sendungen, die ihre Vorurteile bestätigen, und verwechselt diese Bestätigung mit Wissen. Sie sieht in der Halbierungsinitiative einen populistischen Angriff statt einen Indikator dafür, dass eine erhebliche Minderheit der Bevölkerung sich vom eigenen Sender nicht fair behandelt sieht. Sie feiert das Abstimmungsergebnis als Bestätigung statt als Warnung.

Die verlorene Chance

Die Halbierungsinitiative hatte einen produktiven Kern, den die Initianten selbst nicht gut artikuliert haben und den der Sender bewusst nicht aufgegriffen hat. Es ging nicht primär um die Gebühr. Es ging um das Misstrauen einer erheblichen Minderheit der Bevölkerung gegen einen Sender, der sich nicht mehr als ihr Sender fühlte. Diese Minderheit hat 2026 weniger als die Mehrheit gestellt, aber sie hat genug gestellt, um die Frage ernst zu nehmen.

Die richtige Reaktion auf das Abstimmungsergebnis wäre eine ehrliche Selbstbefragung gewesen. Warum stimmen mehr als 40 Prozent der Bevölkerung dafür, dass der eigene Sender deutlich kleiner werden soll? Was sehen sie, was wir nicht sehen? Welche Beschwerden sind berechtigt, welche nicht? Wie können wir die berechtigten Beschwerden adressieren, ohne unsere journalistische Substanz aufzugeben?

Diese Selbstbefragung hat nicht stattgefunden. Stattdessen hat der Sender Sieg gefeiert. Stattdessen wurde die Initiative als Angriff geframed, der abgewehrt sei. Stattdessen wird die Berichterstattung weitergehen wie bisher, mit dem zusätzlichen Selbstvertrauen, das der knappe Sieg verleiht.

Das ist die eigentliche Tragödie der März-Abstimmung. Nicht das Ergebnis, sondern die Unfähigkeit des Senders, das Ergebnis als das zu lesen, was es ist: eine letzte Chance, sich zu reformieren, bevor die nächste Initiative kommt. Und die nächste wird kommen, weil das Misstrauen nicht durch eine knappe Abstimmungsniederlage verschwindet. Es vertieft sich, wenn der Sender die Kritik nicht ernst nimmt.

Was nötig wäre

Eine ernsthafte Reform würde nicht beim Budget ansetzen, sondern bei der redaktionellen Disposition.

Sie würde die Asymmetrie der politischen Berichterstattung systematisch korrigieren. Nicht durch Quoten, sondern durch eine bewusste Praxis, die SVP- und FDP-Positionen mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt wie SP- und Grünen-Positionen. Mit denselben kritischen Fragen, mit denselben Recherchen, mit derselben Bereitschaft, eigene Vorurteile zu überprüfen.

Sie würde den Expertenpool diversifizieren. Nicht nur ETH und Universität Zürich, sondern auch heterodoxe Stimmen. Nicht nur die etablierten Stiftungen, sondern auch die kritischen. Nicht nur die NGO-Vertreter, sondern auch deren Kritiker. Vielfalt der Perspektiven, nicht nur Vielfalt der Themen.

Sie würde sich öffentlich rechenschaftspflichtig machen. Wie funktioniert die Themenauswahl? Wer entscheidet, welcher Experte eingeladen wird? Welche Themen wurden verworfen und warum? Diese Transparenz fehlt fast vollständig.

Sie würde sich von der digitalen Reichweitenökonomie distanzieren. Estnischer Elch, deutsche Auktion, das gehört nicht in den Service public. Nicht weil es uninteressant wäre, sondern weil andere Anbieter es ohnehin liefern und die SRG ihre Ressourcen für das einsetzen sollte, was nur sie leisten kann.

Sie würde, kurz gesagt, vom Konsenssender zum Feindsender werden. Zum Sender, der allen Mächtigen lästig ist. Zum Sender, der die Schweizer Bevölkerung nicht in eine Konsensblase einsperrt, sondern ihr die Werkzeuge gibt, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Der Befund

Schweizer Bürger zahlen 335 Franken pro Jahr für einen Sender, der seinen Verfassungsauftrag teilweise erfüllt und teilweise verfehlt. Wir bekommen etwas Substanz, etwas Tiefe, etwas kulturelle Leistung, die kein privater Anbieter liefern würde. Wir bekommen aber auch eine asymmetrische politische Berichterstattung, einen schmalen Expertenpool, eine reflexhafte Reichweitenoptimierung und einen Konsenscharakter, der die Demokratie verarmt statt sie zu nähren.

Die März-Abstimmung war ein Warnschuss, den der Sender als Festschuss missverstanden hat. Wer das Ergebnis als Bestätigung liest, statt als Warnung, hat die Botschaft nicht verstanden. Fast 40 Prozent der Bevölkerung haben für einen drastischen Eingriff gestimmt. Das ist ein Ausdruck strukturellen Misstrauens, das durch relativ knappe Abstimmungssiege nicht beseitigt wird.

Beiträge wie die heutigen sind Symptom, nicht Ursache. Das eigentliche Problem ist die redaktionelle Disposition, die diese Beiträge produziert. Ein Sender, der seinen Verfassungsauftrag wirklich ernst nimmt, würde sich heute nicht mit estnischen Elchen beschäftigen, sondern mit der Frage, warum Beat Jans nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die seine Verfehlungen verdienen. Warum die SVP-Wähler sich nicht repräsentiert fühlen. Warum die Halbierungsinitiative knapp 40 Prozent erreichen konnte.

Diese Fragen werden nicht gestellt, weil die Antworten unbequem wären. Sie würden eine Selbstkritik erfordern, die der Sender bislang verweigert. Solange diese Verweigerung anhält, wird das Misstrauen wachsen. Die nächste Initiative kommt. Und sie wird härter sein als die letzte, weil das Vertrauen nicht durch Sitzfleisch wiederhergestellt wird, sondern durch ehrliche Reform.

Ostervilm wird im Juni versteigert. Der Elch ist gerettet. Die schweizerische Demokratie wartet derweil auf einen Service public, der ihr gerecht wird. Sie hat ihn im März knapp behalten. Sie verdient mehr.

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