Operation Gratis Werbung als «News»
Dieser SRF-Beitrag berichtet über eine PR-Aktion der Organisation Operation Libero: Zum «Vatertag» wurden über Nacht zahlreiche Männer-Denkmäler — darunter die Einstein-Statue in Bern — mit pinkfarbenen Babytragetüchern und Puppen versehen, um ein «Zeichen für mehr Verantwortung von Vätern» zu setzen. Es ist eine kurze Meldung über einen Werbe-Coup, und als solche scheint sie harmlos. Aber gerade die scheinbare Harmlosigkeit lohnt einen zweiten Blick, denn der Beitrag tut etwas, das man leicht übersieht: Er übernimmt eine politische Kampagne fast vollständig in deren eigener Sprache — samt einer Selbstetikettierung, die er nicht prüft, und unter Auslassung eines Kontexts, der zur Einordnung des Absenders gehört.
Zum SRF-Beitrag «Schweizer Statuen mit Babys im Tragetuch», Vatertag-Aktion der Operation Libero
Was der Beitrag richtig macht
Für eine kurze Meldung ist das Wesentliche da. Wer die Aktion durchführte, wird klar benannt — die Operation Libero —, und ein Verantwortlicher kommt mit Namen zu Wort (Co-Geschäftsführer Simon Städeli). Die rechtliche Frage — handelt es sich um Sachbeschädigung? — wird immerhin gestellt, wenn auch nur durch die beruhigende Selbstauskunft der Organisation beantwortet. Und dass die Tücher nach einer Woche wieder abgenommen werden sollen, rundet die Faktenlage sachlich ab. Das ist, rein handwerklich, keine schlechte Kurzmeldung.
Die geschluckte Selbstetikettierung: weder «Partei» noch zwingend «liberal»
Hier beginnt das Problem, und es liegt schon in einem einzigen Wort. Der Beitrag nennt Operation Libero eine «liberale Bewegung» — und übernimmt damit ungeprüft die Selbstbeschreibung des Akteurs, statt sie einzuordnen.
Erstens: Operation Libero ist keine politische Partei, sondern eine parteiungebundene Kampagnen- und Non-Profit-Organisation, die sich selbst als überparteiliche Bewegung versteht. Das ist mehr als eine Spitzfindigkeit. Eine Partei trägt ein Gesamtprogramm, stellt sich zur Wahl und steht damit in demokratischer Rechenschaft. Eine Kampagnenbewegung betreibt punktuelle Themen-Lobbyarbeit, ohne sich diesem Mechanismus zu stellen — sie wählt ihre Schlachtfelder und ihre Bilder selbst. Wenn ein solcher Akteur über eine Aktion eine gesetzgeberische Forderung in den öffentlichen Raum trägt, ist die journalistische Pflicht zur Einordnung eher grösser als kleiner.
Zweitens: Das Etikett «liberal» trägt bestenfalls die halbe Wahrheit. Operation Libero verortet sich selbst eher im sozialliberal-progressiven, proeuropäischen Spektrum und bekennt sich ausdrücklich zur lenkenden Rolle des Staates beim Setzen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Gerade die Vatertags-Forderung führt das vor: Wer staatliche Rahmenbedingungen verlangt, um Arbeits- und Betreuungszeit zwischen den Eltern «gerechter» umzuverteilen, vertritt — im klassisch- oder wirtschaftsliberalen Sinn des Wortes — gerade nicht eine liberale, sondern eine interventionistische Position. «Liberal» meint hier nicht Zurückhaltung des Staates, sondern dessen aktive Gestaltung. Der Beitrag übernimmt das Wort dennoch als wertneutrales Gütesiegel, obwohl die konkrete Forderung mehr Staat bedeutet, nicht weniger. Präzise wäre gewesen: eine sozialliberal-progressive, proeuropäische Kampagnenorganisation — nicht «liberale Bewegung» schlechthin.
Die Meldung spricht im Ton der Aktion
Dazu passt der Tonfall. Der Beitrag referiert die Aktion nicht aus Distanz, sondern in deren eigenem, verspieltem Register: Einstein «erscheint als ‹moderner Papi›», die Aktion sei «ein knalliges Zeichen». Über weite Strecken liest sich der Text wie die leicht gekürzte Pressemitteilung der Operation Libero selbst — die Formulierung «setzt die liberale Bewegung ein sichtbares Zeichen» ist als wörtliches Zitat übernommen und gibt zugleich die Tonlage des ganzen Stücks vor. Das ist das vertraute Muster: Ein Akteur liefert ein hübsches Bild und eine fertige Botschaft, und das Medium reicht beides in dessen Ton weiter. Bei einem unpolitischen Anlass wäre das gleichgültig — hier handelt es sich aber um eine politische Kampagne mit konkreter gesetzgeberischer Stossrichtung.
Die fehlende Gegenstimme zu einer politischen Forderung
Denn das ist der Kern: Die Aktion ist kein neutraler Gute-Laune-Stunt, sondern Lobbyarbeit. Die Forderung nach «besseren politischen Rahmenbedingungen» für die Aufteilung von Betreuungszeit ist eine Position in der laufenden, durchaus umstrittenen Debatte um Elternzeit, Vaterschaftsurlaub und staatliche Familienpolitik. Darüber lässt sich streiten: über die Kosten, über die Rolle des Staates, über die empirisch offene Frage, ob mehr Elternzeit der Gleichstellung nützt oder Frauen im Beruf eher schadet.
Im Beitrag kommt nur die fordernde Seite vor. Keine Gegenstimme, kein Hinweis, dass dies eine kontroverse Position ist, keine Einordnung, dass andere Akteure die geforderten «Rahmenbedingungen» anders sehen. Die Forderung steht da wie eine selbstverständliche Wohltat — wer wäre schon gegen «verantwortungsvolle Väter»? Genau darin liegt die rhetorische Eleganz der Aktion: Sie kleidet eine bestimmte familienpolitische Agenda in ein Bild, dem niemand widersprechen mag. Der Beitrag durchschaut diese Verpackung nicht, sondern reicht sie weiter.
Die «jüngere Geschichte» beim Namen nennen
Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit dem Kontext. Unter den «verwandten Artikeln» verlinkt SRF den Rücktritt von Sanija Ameti und Stefan Manser-Egli aus dem Co-Präsidium der Operation Libero (November 2025) — erwähnt aber im Text mit keiner Silbe, warum dieser Rücktritt erfolgte. Und das ist erheblich, weil es die Glaubwürdigkeit der Organisation als moralische Absenderin direkt berührt.
Der gesicherte Kern: Co-Präsidentin Ameti hatte im Herbst 2024 auf Social Media Aufnahmen geteilt, auf denen sie ein Bild der Maria mit dem Jesuskind als Schiessscheibe verwendete und darauf schoss. Der Vorgang löste breite öffentliche Empörung aus, Ameti entschuldigte sich, zog sich aus Führungsfunktionen zurück, und der Skandal wirkte bis in den späteren Rückzug aus dem Co-Präsidium der Operation Libero nach. (Weitergehende kursierende Details zu den Begleitumständen kann ich ohne Recherche nicht verifizieren und lasse sie deshalb bewusst weg.)
Die Pikanterie, die der harmlose Vatertags-Beitrag völlig ausblendet, liegt auf der Hand: Hier inszeniert eine Organisation, deren bisherige Galionsfigur ein Bild des heiligen Kindes als Zielscheibe missbrauchte, nun rührende Bilder von Statuen mit Puppen im Tragetuch — also mit symbolischen Babys. Man muss diese Ironie nicht ausschlachten. Aber ein Medium, das die Aktion in deren Wohlfühlton weiterreicht und den Kontext stillschweigend in einen unkommentierten Verwandt-Link auslagert, unterschlägt dem Publikum die Information, die zur Einordnung des Absenders nötig wäre. «Bewegte Geschichte» wäre schon zu zahm gewesen — der Text sagt dazu gar nichts.
Die grundsätzliche Frage: Ist das überhaupt eine Nachricht?
Bleibt der Punkt, der über diesen Einzelfall hinausweist. Was genau ist hier eigentlich «News»? Eine politische Kampagnenorganisation hat über Nacht öffentliche Denkmäler mit Werbematerial behängt, dazu eine Medienmitteilung und fertige Bilder geliefert — und der Service public übernimmt Aktion, Bilder, Vokabular und Botschaft. Damit wird der gebührenfinanzierte Sender zum kostenlosen Verstärker einer Lobby-Aktion: Die Organisation produziert das Ereignis eigens, um Berichterstattung zu erzeugen, und der Sender liefert sie wunschgemäss.
Das ist kein Vorwurf, über die Aktion überhaupt zu berichten — ein origineller Coup kann eine Meldung wert sein. Der Vorwurf ist, wie berichtet wird: ohne Distanz, ohne Gegenstimme, ohne den nötigen Kontext, im Ton der Urheber. Ein Service public, der die Aktivität einer politischen Bewegung weiterreicht, müsste mindestens dreierlei leisten — den Akteur korrekt einordnen statt sein Selbstbild zu übernehmen, die politische Forderung als umstritten kenntlich machen, und den relevanten Hintergrund nennen, statt ihn in einem Link zu verstecken. Geschieht das nicht, verschwimmt die Grenze zwischen Berichterstattung und Gratis-PR. Und diese Grenze zu wahren, wäre gerade beim öffentlich finanzierten Medium die Kernaufgabe.
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