Nachtrag: Die Ironie der Schulwahl
*Ergänzung zum Artikel *«Drei Gymnasiastinnen, ein politischer Auftrag» zu «Wie drei Gymnasiastinnen über Gewalt an Frauen denken» vom Echo der Zeit, 3. Mai 2026
Ein Detail verdient eine eigene Betrachtung, weil es die Konstruktion des SRF-Beitrags noch deutlicher macht: Das Gymnasium Hofwil ist nicht irgendeine Schule. Es ist eine der selektivsten Bildungsinstitutionen des Kantons Bern.
Hofwil, gelegen in einer ehemaligen Schlossanlage in Münchenbuchsee, hat rund 550 Schülerinnen und Schüler. Die Aufnahmeprüfung gilt als anspruchsvoll. Die Klassen sind klein. Die Lehrkräfte sind hochqualifiziert. Die soziale Zusammensetzung ist homogen bildungsbürgerlich. Wer hier zur Schule geht, gehört zu einer schmalen, sorgfältig ausgewählten Schicht.
Mit anderen Worten: Hofwil ist das exakte Gegenteil dessen, was die meisten Schweizer Jugendlichen täglich erleben.
Die offizielle Statistik
Schauen wir die Zahlen an. In den Volksschulen der Stadt Zürich liegt der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund je nach Quartier zwischen 50 und 75 Prozent. In manchen Schulhäusern in Schwamendingen, in Aussersihl, in Altstetten sind 80 oder 90 Prozent der Kinder fremdsprachig oder mehrsprachig. In Basel und Genf sieht es ähnlich aus. In Lausanne ebenfalls.
Der Ausländeranteil an der Schweizer Wohnbevölkerung liegt bei rund 27 Prozent — einer der höchsten Werte in Europa. Vor zwanzig Jahren lag er bei knapp 21 Prozent. In zwei Jahrzehnten ist die Schweiz um sechs Prozentpunkte verändert worden, durch eine Migrationspolitik, die kontinuierlich auf Wachstum gesetzt hat. In den Klassenzimmern der Stadtquartiere ist diese Veränderung längst Alltag. In Hofwil ist sie es nicht.
Hofwil rekrutiert seine Schülerinnen aus Familien, die akademisch ambitioniert sind, die finanziell stabil sind, die ihre Kinder durch das Aufnahmeverfahren bringen können. Der Migrationsanteil an einem solchen Gymnasium ist nicht null — Ayda zeigt das, ihre Familie hat eine Migrationsbiografie — aber er ist nicht repräsentativ für die Realität in den Schweizer Schulhäusern, schon gar nicht in den urbanen Zentren.
Die Doppelbotschaft
Hier wird die Konstruktion des Beitrags doppelt interessant. SRF wählt drei junge Frauen aus einer der selektivsten und am wenigsten von Migration betroffenen Bildungsumgebungen des Landes, um die Botschaft zu transportieren, dass kulturelle Faktoren bei der Gewalt gegen Frauen ein «politisches Narrativ» seien. Die Sprecherinnen erleben in ihrem Schulalltag einen Mikrokosmos, der mit der gesamtschweizerischen Realität wenig zu tun hat. Aber sie sprechen, im Echo der Zeit, als wären ihre Erfahrungen die der ganzen Generation.
Die Ironie geht weiter. Im selben politischen Frühling, in dem dieser Beitrag entsteht, läuft die Debatte um die SVP-Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz. Die Gegner der Initiative argumentieren, dass die Schweiz die Zuwanderung in der bisherigen Höhe weiter ermöglichen müsse — Wirtschaftswachstum, Fachkräftemangel, demografische Notwendigkeit. Die Befürworter argumentieren, dass die Folgen der Zuwanderung in Wohnungsmarkt, Schule, Sicherheit, Infrastruktur längst spürbar seien und nicht weiter ignoriert werden könnten.
In dieser Debatte sendet SRF einen Beitrag, in dem drei Schülerinnen aus einer kleinen, selektiven, weitgehend von den Folgen der Massenmigration verschonten Bildungsinstitution erklären, dass kulturelle Unterschiede bei Gewalt nicht existieren. Die Schule, die sie besuchen, ist gewissermassen eine Insel — eine bildungsbürgerliche Insel, deren Bestand durch Aufnahmeprüfungen geschützt ist, während die umliegenden Schulen längst andere Realitäten abbilden müssen.
Diese drei Stimmen werden dann verwendet, um eine Politik zu legitimieren, die genau jene Migration fortsetzen will, deren Folgen Hofwil nicht spürt, deren Folgen aber die Volksschulen in Schwamendingen, Aussersihl, im Tessin und in der Romandie täglich bewältigen müssen.
Die Asymmetrie der Lebenswelten
Wenn das Echo der Zeit drei Schülerinnen aus einer Volksschule in Schwamendingen oder im Berner Westen — Bümpliz, Bethlehem — eingeladen hätte, wäre der Beitrag anders ausgefallen. Diese Mädchen erleben einen anderen Alltag. Sie kennen Klassenkameradinnen, die mit zwölf Jahren in arrangierte Verlobungen gedrängt werden. Sie kennen Mitschüler, die ihre Schwestern überwachen. Sie kennen Lehrkräfte, die mit Vätern reden müssen, weil die Mütter nicht ans Telefon dürfen. Sie kennen die Realitäten, von denen die Frauenhäuser seit Jahren berichten.
Diese Mädchen würden andere Sätze ins Mikrofon sprechen. Sätze, die nicht ins gewünschte Narrativ passen. Sätze, die unbequem wären für eine Berichterstattung, die kulturelle Faktoren als «Narrativ» abtun will.
Deshalb werden sie nicht eingeladen. Stattdessen werden Ayda, Clio und Selina aus Hofwil ausgewählt. Ihre Lebenswelt schützt sie vor den Erfahrungen, die ihre Aussagen widerlegen würden. Ihre Schule ist eine soziale Filterblase — und genau diese Filterblase wird zur Stimme der Schweizer Jugend erklärt.
Die politische Pointe
Das ist die unausgesprochene Botschaft des Beitrags: Wenn die privilegiertesten und am besten geschützten Schweizer Jugendlichen erklären, dass kulturelle Faktoren keine Rolle spielen, soll das für alle gelten. Auch für jene, die in Schulhäusern lernen, in denen 60 oder 70 Prozent der Mitschülerinnen einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Auch für jene, deren Lehrerinnen nicht über kulturelle Unterschiede schreiben dürfen, weil das Disziplinarverfahren droht. Auch für jene, deren Eltern aus Quartieren wegziehen wollen, weil die Schule zur Belastung geworden ist, aber die Mieten in den «besseren» Quartieren — siehe der andere Artikel — unbezahlbar sind.
Die Schweiz, die SRF in seinen Beiträgen produziert, ist die Schweiz von Hofwil. Eine Schweiz mit guten Schulen, sicheren Strassen, kultivierten Diskussionen, in der drei höfliche junge Frauen über Probleme sprechen, die sie aus zweiter Hand kennen. Diese Schweiz existiert. Aber sie ist nicht die ganze Schweiz. Sie ist eine kleine, geschützte, selektierte Schweiz, deren Bewohner in Mikrofone sprechen dürfen, während die andere Schweiz schweigt — weil sie nicht eingeladen wird.
Wenn man eine Botschaft transportieren will, die der Realität widerspricht, sucht man Sprecher, deren Lebenswelt die Realität nicht abbildet. Hofwil mit seinen 550 Schülerinnen und Schülern ist genau die richtige Adresse. Es ist klein genug, um homogen zu sein. Selektiv genug, um die Probleme draussen zu halten. Renommiert genug, um seriös zu klingen. Bildungsbürgerlich genug, um die richtigen Antworten zu liefern.
Drei Schülerinnen aus 550. Eine Auswahl aus einer Auswahl aus einer Auswahl. Vier Minuten achtunddreissig Sekunden Sendezeit, die einer Realität widersprechen, der die Sprecherinnen selbst nie ausgesetzt waren — und deren Fortsetzung sie mit ihren Worten unbeabsichtigt stützen.
Das ist die zusätzliche Pointe dieses Beitrags. Nicht nur die Auswahl der Stimmen ist tendenziös. Die Auswahl des Ortes ist es ebenso. Die Schule, die das Echo der Zeit gewählt hat, ist exakt das Gegenteil dessen, was die Politik produziert, die der Beitrag mitstützt. Hofwil ist klein, ausgewählt, geschützt. Die Schweiz, in die hunderttausend Menschen pro Jahr einwandern, ist es nicht.
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