Mut machen lassen
Zur SRF-Berichterstattung «Der kanadische Premierminister macht Europa Mut» von Charles Liebherr, Echo der Zeit, 4. Mai 2026
Es gibt journalistische Texte, die argumentieren. Es gibt journalistische Texte, die berichten. Und es gibt journalistische Texte, die einfach nur Stimmungsmusik sind. Der Beitrag von Charles Liebherr aus Eriwan gehört in die dritte Kategorie. Er ist kein Bericht. Er ist ein Begleittext zu einer Stimmung, die der Reporter selbst teilen möchte und in der er den Hörer mitnehmen will.
Schauen wir, wie diese Stimmung gebaut wird.
Der Titel als Programm
«Der kanadische Premierminister macht Europa Mut.» Das ist die Setzung. Bevor ein Wort fällt, weiss der Hörer, wie er den Inhalt einzuordnen hat. Mark Carney macht Mut. Europa braucht Mut. Carney spendet ihn.
Das ist keine Berichterstattung. Das ist eine Bühnenanweisung. Wer einen Politiker als Mutmacher einführt, hat journalistisch bereits Partei genommen. Eine neutrale Überschrift hätte gelautet: «Carney bekräftigt am EPG-Gipfel die kanadisch-europäische Partnerschaft.» Oder: «EPG-Treffen in Eriwan mit Carney als Gast.» Stattdessen wird das Echo der Zeit zur Plattform für eine emotionale Botschaft, deren Ton bereits feststeht.
Die ungeprüften Worte
Carney sagt: «Kanada und Europa sind verbunden durch die gleichen Werte: Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Pluralismus.»
Diese Aufzählung wird im Beitrag mehrfach wiederholt. Sie ist die Hymne, die der Reporter selbst gerne singt. Schauen wir die Werte einzeln an.
Frieden. Kanada ist Mitglied der NATO und beteiligt sich aktiv am Aufbau ukrainischer Streitkräfte. Europa rüstet auf, wie der Beitrag selbst feststellt: «Es fliessen Milliarden Euro in die Verteidigung.» Beide Räume erleben derzeit die grösste Militarisierung seit dem Kalten Krieg. Das Wort «Frieden» beschreibt eine Selbstwahrnehmung, nicht die tatsächliche Politik.
Rechtsstaatlichkeit. In Kanada wurden 2022 unter Justin Trudeau die Bankkonten von Demonstranten gegen die Covid-Mandate eingefroren — ohne richterlichen Beschluss, allein auf Verfügung der Regierung. In mehreren EU-Staaten — Deutschland, Frankreich, Grossbritannien — werden Bürger strafrechtlich verfolgt für Online-Posts, die in den USA durch den ersten Verfassungszusatz geschützt wären. In Rumänien wurde Ende 2024 ein Präsidentschaftskandidat nach gewonnener erster Wahlrunde durch die Verfassungsgerichte aus dem Rennen genommen. Das Wort «Rechtsstaatlichkeit» beschreibt eine Idealvorstellung, nicht die gegenwärtige Praxis.
Demokratie. Das Wort wird im Beitrag dreimal verwendet, ohne dass die Frage gestellt würde, was in Europa und Kanada gegenwärtig als demokratische Praxis durchgeht. Die EU-Kommission, deren Präsidentin im Beitrag prominent zitiert wird, ist nicht direkt gewählt. Ursula von der Leyen wurde 2019 ohne öffentliche Spitzenkandidatur und gegen den Mehrheitswillen des Europaparlaments installiert, und 2024 in einem ähnlich intransparenten Verfahren bestätigt. Sie spricht im Beitrag «kraft ihres Amtes», wie der Reporter formuliert. Das Amt selbst hat keine direkte demokratische Legitimation.
Pluralismus. Das ist das Wort, das im Beitrag am meisten Heuchelei trägt. Pluralismus bedeutet, unterschiedliche Meinungen, politische Positionen, kulturelle Strömungen nebeneinander bestehen zu lassen. In der medialen und politischen Praxis Europas wird derzeit das Gegenteil betrieben: Brandmauern gegen unliebsame Parteien, Ausschluss konservativer Stimmen aus dem Diskurs, Strafverfolgung von Meinungsäusserungen, Auflösung von Parteien (AfD-Verbotsdebatte in Deutschland), juristische Eliminierung von Wahlkandidaten (Rumänien, Frankreich mit Le Pen). Pluralismus als Selbstbeschreibung steht im offenen Widerspruch zur tatsächlichen Behandlung pluralistischer Realität.
Vier Begriffe. Vier sympathische Wörter. Keiner davon wird im Beitrag mit der Wirklichkeit konfrontiert. Sie werden ausgesprochen, wiederholt, hervorgehoben. Sie sollen den Hörer in das gewünschte emotionale Register versetzen. Das ist keine Berichterstattung. Das ist Stimmungsbild auf Bestellung.
Der ausgeblendete US-Bezug
Der Beitrag enthält einen subtilen, aber zentralen Mechanismus. Er positioniert Kanada als Gegenmodell zu den USA, ohne die USA explizit zu kritisieren.
«Solche Aufmunterungen hätten sich europäische Regierungen eigentlich vom südlichen Nachbarland Kanadas, von den USA, gewünscht. Diese Zeiten scheinen vorbei.»
Das ist die ganze Argumentation. Trump-Amerika ist abwesend. Carneys Kanada ist anwesend. Daraus folgt, dass Carneys Kanada den moralischen Platz einnimmt, den Trumps USA verlassen haben.
Diese Konstruktion verdient Beachtung. Sie reduziert die Beziehung zwischen Europa und den USA auf eine Frage des Tonfalls. Wer die richtigen Worte sagt — «Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Pluralismus» — gehört dazu. Wer sie nicht sagt, gehört nicht dazu. Substantielle Fragen — Handelspolitik, Sicherheitsstrukturen, Energiepolitik, Technologietransfer — kommen nicht vor.
Es kommt auch nicht vor, dass Mark Carney genau zur Sorte Politiker gehört, die in Europa derzeit Probleme macht: ein Banker (ehemaliger Gouverneur der Bank of England, ehemaliger Gouverneur der Bank of Canada), ein WEF-Liebling, ein Vertreter genau jener globalistischen Klasse, gegen die in fast allen westlichen Demokratien gegenwärtig gewählt wird. Carney ist die letzte intakte Figur dieser Klasse, weil er erst kürzlich gewählt wurde und sein Mandat noch frisch ist. Aber seine politische DNA ist die der Davos-Klasse, die in Europa und den USA gerade an Boden verliert.
Der Beitrag erwähnt Carneys WEF-Rede vom Januar 2026 als Lob: «Carneys Sinn für treffende Formulierungen ist weltweit unbestritten.» Wem das WEF-Publikum sympathisch ist, wird den Satz lesen wie geschrieben. Wer kritisch zum WEF steht, hört eine andere Botschaft. Aber der Reporter macht diese Differenz nicht auf. Er setzt voraus, dass Davos = Qualität.
Die «neue Weltordnung»
Carney sagt: «Es ist meine persönliche Überzeugung, dass diese neue Weltordnung aus Europa heraus aufgebaut wird.»
Der Begriff «neue Weltordnung» wird seit den 1990er Jahren von Politikern verwendet, ohne dass je geklärt würde, was darunter konkret zu verstehen ist. Im Mund eines kanadischen Banker-Premiers, der vor europäischem Publikum spricht, hat der Begriff eine bestimmte Resonanz. Er deutet auf eine Architektur, die jenseits der nationalen Demokratien gebaut werden soll, durch transnationale Eliten, in transnationalen Institutionen.
Wer diese Resonanz hört, fragt zurück: Wer baut diese Ordnung? Wen fragt er? Welches demokratische Mandat hat er?
Der Beitrag stellt diese Fragen nicht. Er nimmt den Satz als selbstverständlich hin und gibt ihn als Mutmacher weiter. Was aussenstehend mit Skepsis betrachtet werden müsste — eine globalistische Vision, von einem ungewählten Internationalen vorgetragen, vor einem teilweise nicht direkt gewählten Gremium — wird im Beitrag zur Bestätigung europäischer Selbstvergewisserung umgewidmet.
Die Verletzlichkeit als Tugend
Ursula von der Leyen wird zitiert: «Die letzten vier Jahre hätten gezeigt, was das Problem sei: zu viele Abhängigkeiten. Das macht Europa so verletzlich.»
Vier Jahre. Das ist ein interessanter Zeithorizont. Was war vor vier Jahren? Anfang 2022, der Beginn des Ukraine-Kriegs. Davor war Europa offenbar nicht verletzlich. Davor waren die Abhängigkeiten kein Problem.
Wer hatte diese Abhängigkeiten geschaffen? Welche Politik hatte Europa russisches Gas, chinesische Komponenten, amerikanische Technologie und globale Lieferketten gleichzeitig zu Pfeilern der eigenen Wirtschaft gemacht? Es war die Politik, die Ursula von der Leyen und ihre Vorgänger seit 25 Jahren betrieben haben. Es war die Politik, gegen die in Europa konservative und souveränistische Stimmen seit Jahrzehnten warnen — und die im selben Atemzug als «populistisch» abgetan wurden.
Heute steht diese Politik vor den Trümmern ihrer Folgen. Die «Verletzlichkeit», von der von der Leyen spricht, ist die Quittung für eine politische Linie, deren Architektin sie selbst ist. Im Beitrag wird sie nicht als Verantwortliche zitiert, sondern als Diagnostikerin. Die Frau, die das Haus gebaut hat, das jetzt einstürzt, erklärt den Bewohnern, warum es nicht stabil ist.
Der Reporter folgt dieser Inszenierung mit. Er übernimmt von der Leyen als kompetente Stimme und nicht als verantwortliche Politikerin. Das ist die rhetorische Hauptoperation des Beitrags: Diejenigen, die Europa in die Lage gebracht haben, in der es jetzt steckt, dürfen die Lage analysieren, ohne ihre eigene Rolle reflektieren zu müssen.
Der ausgeblendete Subtext: Selenski
Eine Bildunterschrift erwähnt: «Auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski nahm am Treffen in Eriwan teil.»
Das ist die einzige Erwähnung. Sie ist beiläufig, fast als Höflichkeit eingestreut.
Aber Selenskis Anwesenheit in Eriwan ist alles andere als beiläufig. Sie ist im Mai 2026 hochpolitisch. Selenskis Verfassungsmandat ist seit Mai 2024 abgelaufen. Wahlen wurden unter Berufung auf das Kriegsrecht nicht abgehalten. Aus westlicher Sicht ist das verständlich. Aus rechtlicher Sicht ist Selenski seit zwei Jahren ohne demokratisches Mandat im Amt.
In einem Beitrag, der vier Mal die «Demokratie» beschwört und «Rechtsstaatlichkeit» als verbindenden Wert hervorhebt, ist Selenskis Präsenz die unausgesprochene Spannung. Aber der Reporter spricht sie nicht aus. Er erwähnt Selenski in einer Bildunterschrift und geht weiter.
Hinzu kommt der Beitrag-Hinweis am Ende: «Russland und Ukraine stellen Waffenruhe in Aussicht». Im Mai 2026 zeichnet sich offenbar eine Verhandlungslösung ab. Diese Lösung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Gebietsverluste der Ukraine beinhalten. Sie wird in Europa als Niederlage empfunden werden — als Niederlage einer Strategie, die seit vier Jahren den «Sieg» versprach. Auch das taucht im Beitrag nicht auf. Stattdessen: Mut, Werte, neue Weltordnung aus Europa.
Die Selbstinszenierung des Formats
Der Beitrag schliesst mit einer Hymne auf das Format selbst. Die EPG sei vor vier Jahren von Macron erfunden worden. Es habe Zweifel gegeben, ob das Format Bestand haben würde. «In Armenien zeigte sich nun dessen Nutzen: Das halbjährliche Treffen kann Europa Mut machen.»
Das ist die Apotheose. Ein Diskussionsforum, das Mut macht. Eine institutionelle Anordnung, deren Wert darin besteht, dass die Teilnehmer sich gegenseitig erzählen, wie wichtig sie sind. Macron hat es erfunden, Macron darf es loben, der Reporter darf das Lob bestätigen.
Was tut die EPG eigentlich? Sie hat keine Beschlusskompetenz. Keine Verträge. Keine Massnahmen. Sie ist ein halbjährlicher Gruppenfoto-Termin mit Diskussionen, die nirgendwohin führen. Die wirklichen Entscheidungen werden anderswo gefällt: in der EU-Kommission, im Europäischen Rat, in nationalen Hauptstädten, in Washington, in Peking, in Moskau.
Eriwan ist ein Bühnenbild. Der Beitrag aus Eriwan ist die Theaterkritik, die das Stück lobt, ohne zu fragen, ob es überhaupt eine Handlung hat.
Der Befund
Charles Liebherrs Beitrag ist nicht das Produkt böser Absicht. Er ist das Produkt einer bestimmten Haltung, die in der SRF-Aussenredaktion und in vielen europäischen Mainstream-Medien vorherrscht: Die Annahme, dass die Erzählung von «Europa der Werte» nicht hinterfragt werden muss, dass die Selbstvergewisserung der politischen Klasse mit der Realität identisch ist, dass Mut machen ein journalistischer Auftrag sei.
Das ist nicht der Auftrag des Journalismus. Der Auftrag wäre, zu fragen, warum der Mut so dringend nötig ist. Wer hat Europa in den Zustand gebracht, in dem es Mut von kanadischen Bankern braucht? Welche Politik wurde gemacht, deren Folgen jetzt als «Verletzlichkeit» beklagt werden? Welche demokratische Legitimität haben die Sprecher, die hier Europas neue Rolle deklarieren? Welche Werte werden tatsächlich gelebt, und welche sind nur Etiketten?
Diese Fragen fehlen. An ihrer Stelle stehen vier Wörter, die wie Beruhigungsmittel wiederholt werden: Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Pluralismus. Sie werden gesprochen wie Mantras. Sie werden vom Reporter mitgesummt. Sie sollen den Hörer einlullen, nicht aufwecken.
Das Echo der Zeit liefert in vier Minuten zwanzig Sekunden eine geschlossene emotionale Welt. In dieser Welt gibt es ein verletzliches Europa, einen mutigen Kanadier, eine besonnene Kommissionspräsidentin und einen visionären französischen Präsidenten. Die Realität — Inflation, Deindustrialisierung, Energiekrise, Migrationsdruck, Vertrauensverlust der Bürger in die Institutionen, Wahlerfolge der Opposition gegen genau diese politische Klasse — kommt nicht vor.
Wer das Echo der Zeit hört und nichts anderes liest, hat am Abend des 4. Mai 2026 das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der die richtigen Werte gerade in Eriwan beschworen werden und Europa auf einem guten Weg ist. Diese Welt existiert nur in der Sendung. Die Welt vor der Tür sieht anders aus.
Das ist die zentrale Operation dieses Beitrags. Er ersetzt Realität durch Stimmung, Analyse durch Wiederholung, Kritik durch Aufmunterung. Charles Liebherr hat einen Begleittext zu einer Stimmung geschrieben. Aber Stimmungen sind keine Berichterstattung. Sie sind das, was Berichterstattung ersetzt, wenn sie nicht mehr stattfindet.
Vier Werte, viermal beschworen. Vier Minuten zwanzig Sekunden. Mehr braucht es nicht, um eine ganze Sendung in Mantra-Sprache aufzulösen — und das Publikum mit dem Gefühl zu entlassen, soeben informiert worden zu sein.
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