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Millionäre aus dem Nichts
Medienkritik
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Millionäre aus dem Nichts

SRF/SRGWirtschaftGesellschaft
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Dieser kurze SRF-Wirtschaftsbeitrag meldet eine bemerkenswerte Zahl: Zwei Millionen neue Dollar-Millionäre weltweit innert eines Jahres, das Vermögen der Reichen so stark gewachsen wie nie. Der Beitrag referiert den Capgemini-Bericht sauber und ohne ideologische Schlagseite. Doch gerade in seiner Nüchternheit zeigt sich eine Leerstelle, die nach dem vorangegangenen Ungarn-Beitrag besonders ins Auge sticht: Der Bericht nennt die Mechanik des Reichtumswachstums in einem einzigen Halbsatz — und fragt nie, was dahintersteckt. Sehen wir genau hin, denn dieser harmlose Kurzbeitrag enthält, fast versehentlich, die Antwort auf die Frage, die der Ungarn-Beitrag verschwieg.

Zum SRF-Beitrag «Weltweit zwei Millionen Millionäre mehr innert eines Jahres», 03.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Sagen wir es klar: Als reine Nachrichtenmeldung ist das handwerklich sauber. Der Beitrag nennt die Quelle transparent — den «World Wealth Report» des Beratungsunternehmens Capgemini —, liefert konkrete, überprüfbare Zahlen und ordnet sie geografisch ein: 25.3 Millionen Dollar-Millionäre weltweit, plus 8.7 Prozent; die Schweiz mit knapp 502'000 Vermögenden; die USA als Spitzenreiter mit 8.7 Millionen. Er legt sogar die Methodik offen — die Studie basiert auf Umfragen unter 6510 Vermögenden, 144 Führungskräften und 1317 Kundenbetreuern — und definiert sauber, was als «anlagefähiges Vermögen» zählt. Das ist die Grundpflicht des Wirtschaftsjournalismus, und sie wird erfüllt. Niemand wird etikettiert, nichts wird skandalisiert.

Der entscheidende Halbsatz, der unkommentiert bleibt

Und doch enthält der Beitrag, fast beiläufig, die eigentliche Geschichte — und lässt sie liegen. Zwei Formulierungen tragen die ganze Erklärung des Phänomens, und beide werden ohne jede Vertiefung referiert. Erstens die Einleitung: «Boomende Aktienmärkte haben den Club der Dollar-Millionäre kräftig wachsen lassen.» Zweitens, für die Schweiz: «Treiber für den Vermögenszuwachs sind unter anderem die steigenden Immobilienpreise

Hier steht, fast versehentlich, die gesamte Mechanik der Vermögenskonzentration — und sie wird als blosse Beobachtung präsentiert, als hätten Aktien und Immobilien aus eigenem Antrieb «geboomt». Aber Aktien und Immobilien sind genau die beiden grossen Klassen von Vermögenswerten (Assets). Und wenn die Assets steigen, während Löhne und Ersparnisse real stagnieren, dann wird genau jener reicher, der bereits Assets besitzt — und genau jener bleibt zurück, der von Lohn und Sparbuch lebt. Der Beitrag meldet also das Symptom — die Reichen werden reicher — und zitiert sogar die unmittelbare Ursache — steigende Asset-Preise —, fragt aber mit keinem Wort nach der Ursache dieser Ursache: Warum boomen Aktien und Immobilien eigentlich so beständig?

Die Frage, die kein SRF Wirtschaftsbeitrag stellt

Diese Frage führt direkt zu dem, was der Ungarn-Beitrag unter dem Wort «Gerechtigkeit» begrub. Asset-Preise steigen nicht aus dem Nichts. Sie steigen, weil seit anderthalb Jahrzehnten beispiellose Mengen neu geschöpften Geldes ins System gepumpt wurden — über Niedrigzinsen, Anleihekäufe, quantitative Lockerung. Dieses Geld fliesst nicht gleichmässig in die Wirtschaft, es fliesst zuerst dorthin, wo es Rendite sucht: in Aktien, in Immobilien, in Beteiligungskapital. Genau jene drei Anlageklassen, die der Capgemini-Bericht ausdrücklich als Vermögensbestandteile zählt — «Aktien, Anleihen, alternative Investments wie privates Beteiligungskapital» —, sind die primären Auffangbecken der Geldflut. Wer sie hält, sieht sein Vermögen wachsen, ohne einen Finger zu rühren; wer sie nicht hält, findet die Lebenshaltungskosten gestiegen vor. Das ist der Cantillon-Effekt in seiner reinsten statistischen Gestalt — und der Capgemini-Bericht ist im Grunde seine jährliche Erfolgsbilanz.

Bezeichnend ist, dass die schnellste Wachstumsrate ausgerechnet bei den Allerreichsten auftritt: Die Gruppe mit mehr als 30 Millionen Dollar wuchs mit 9.4 Prozent am schnellsten — schneller als die «kleineren» Millionäre. Das ist kein Detail, das ist die Pointe: Je mehr Assets man bereits besitzt, desto stärker profitiert man von der Asset-Inflation. Die Schere geht nicht nur zwischen Arm und Reich auf, sondern auch innerhalb der Reichen, zugunsten der Allerreichsten. Ein Wirtschaftsjournalismus, der diese Zahl meldet, ohne nach ihrer Ursache zu fragen, beschreibt das Thermometer und schweigt über das Fieber.

Die Rekordzahl ohne Kontext

Auffällig ist auch, was nicht eingeordnet wird. «So stark zu wie nie innerhalb eines Jahres», «Rekord von 98'300 Milliarden Dollar» — diese Superlative werden gemeldet, aber nicht relativiert. In nominalen Dollar gemessen ist fast jedes Jahr ein «Rekord», solange die Geldmenge wächst und die Preise steigen. Die entscheidende Frage wäre: Wie viel dieses Zuwachses ist realer Wohlstandsgewinn — neue Fabriken, neue Produkte, neue Wertschöpfung — und wie viel ist blosse Aufblähung bestehender Vermögenswerte durch billiges Geld? Ein um 8.7 Prozent gestiegenes Aktien- und Immobilienvermögen bei gleichzeitig spürbarer Teuerung ist möglicherweise gar kein Wohlstandsgewinn, sondern eine Umverteilung in Buchwerten. Der Beitrag macht diese Unterscheidung nicht — er nimmt die nominale Rekordzahl für bare Münze.

Die stumme Verbindung zur Erbschaftssteuer

Interessant ist das eingebettete Archivvideo: «Angriff auf Superreiche: Reportage zur Erbschaftssteuer». Die redaktionelle Verknüpfung ist verräterisch. Der Beitrag stellt die wachsende Millionärszahl wortlos neben das Thema Umverteilung per Steuer — also genau die Reaktion, die auch der Ungarn-Beitrag feierte. Die unausgesprochene Logik lautet: Die Reichen werden reicher, also muss man sie besteuern. Was beide Beiträge nicht in Erwägung ziehen, ist die andere Lesart: Wenn die Reichen reicher werden, weil das staatliche Geldsystem die Assets aufbläht, dann ist die Steuer eine Behandlung des Symptoms durch dieselbe Instanz, die die Krankheit verursacht. Der Staat druckt das Geld, das die Vermögen aufbläht — und bietet sich dann als Heiler an, der die aufgeblähten Vermögen wieder einkassiert. Diese Ironie kommt in keinem der beiden Beiträge vor.

Der Fremdkörper, schon wieder

Und erneut sitzt mitten im Text der themenfremde Werbeblock: «Wählen Sie SRF als Ihre bevorzugte Quelle bei Google.» In einem Beitrag über die Konzentration von Reichtum bewirbt der Sender seine eigene Reichweiten-Maximierung. Das ist kein inhaltlicher Fehler, aber es ist dasselbe Symptom wie zuvor: Die Aufmerksamkeit gilt auch dem eigenen Geschäft, mitten in der Meldung. Dass dieser Block offenbar automatisiert in zahlreiche Beiträge eingestreut wird, macht ihn nicht weniger deplatziert — er unterbricht hier die Lektüre einer Vermögensstatistik mit einer Eigenwerbung.

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