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Liebe NZZ, willst du wirklich werden wie eine Kampagnenpostille?
Medienkritik
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Liebe NZZ, willst du wirklich werden wie eine Kampagnenpostille?

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Zum NZZaS-Artikel «Liebe Schweiz, willst du wirklich werden wie Japan?», 10. Mai 2026

Felix Lill berichtet aus Japan über die Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung. Die ostasiatische Nation hat seit 2008 mehr als 5 Millionen Einwohner verloren, allein 2024 fast 900'000. Über 700 Gemeinden gelten als «vom Aussterben bedroht». Der Küstenort Ito, einst Sehnsuchtsort der 1970er Jahre mit Marilyn Monroe als Flitterwochengast, verliert kontinuierlich Einwohner. Geschäfte stehen leer, Hotels bröckeln, die Steuereinnahmen sinken.

Der Artikel präsentiert eine zentrale These: Japans Stagnation sei Folge seiner restriktiven Immigrationspolitik. Mit einem Ausländeranteil von drei Prozent habe sich das Land zu lange einer «homogenen Gesellschaft» verschrieben. Die japanische Volkswirtschaft sei heute etwa so gross wie Mitte der 1990er Jahre, während die Schweiz, deren Bevölkerung um 30 Prozent gewachsen sei, ihre Wirtschaftsleistung «fast verdreifacht» habe.

Als Kronzeuge tritt Toshihiro Menju auf, Autor eines Buches mit dem Titel «Eine Ära mit zehn Millionen Ausländern im Land». Er warnt: Ohne rasche Zunahme von Immigration werde Japans Gesellschaft «dysfunktional». Supermärkte müssten schliessen, Krankenhäuser stottern, Restaurants kein Essen mehr zubereiten. Rechtspopulistische Kräfte verwiesen auf ein «angebliches Immigrationschaos in Europa», ohne den Nutzen zu erwähnen. Der Artikel schliesst mit einem hoffnungsvollen Bild: In Ito beleben Amerikaner, Inder und Briten den Ort — eine Craft-Beer-Brauerei als internationaler Treffpunkt, eine indische Nachbarschaftsinitiative, eine britische Pflegerin für 90-jährige Nachbarn.

Der implizite Adressat steht in der Überschrift: die Schweiz, die am 14. Juni 2026 über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative abstimmt.

Das Framing

Der Titel ist kein Titel. Er ist ein Drohbild. «Liebe Schweiz, willst du wirklich werden wie Japan?» Die Frage suggeriert eine Wahl zwischen zwei Optionen: weitere Migration oder japanische Verödung. Die rhetorische Operation ist klassisch: Eine komplexe Debatte wird auf eine binäre Wahl reduziert, und die unerwünschte Option wird durch ein abschreckendes Beispiel illustriert.

Diese Operation hat Methode. Im Vorfeld einer Volksabstimmung produziert die NZZ einen Artikel, der das Schweizer Stimmvolk vor einer bestimmten Entscheidung warnen soll. Er kommt im Gewand der Auslandsreportage daher, mit melancholischen Bildern bröckelnder Fassaden und freundlichen Lokalpolitikern. Tatsächlich ist er ein Stück Abstimmungsjournalismus, der seine Funktion nicht offenlegt. Eine Reportage, die im Titel direkt das Schweizer Stimmvolk anspricht und die im selben Monat eine direktdemokratische Entscheidung herbeiführt, ist kein Auslandsstück. Sie ist eine Intervention.

Die Kausalitätsbehauptung

Das zentrale Argument des Artikels ist eine Kausalitätsbehauptung: Japans wirtschaftliche Stagnation sei Folge seiner Immigrationspolitik. Der Artikel formuliert dies vorsichtig — «Besteht ein Zusammenhang?» —, aber die Antwort ist vorgegeben. Toshihiro Menju nickt «mit Nachdruck». Die Demografie wird zur monokausalen Erklärung erhoben.

Diese Behauptung ist ökonomisch nicht haltbar. Japans wirtschaftliche Probleme seit den 1990er Jahren sind ein Standardfall der Wirtschaftswissenschaften und werden seit drei Jahrzehnten erforscht. Die wesentlichen Faktoren: das Platzen der Immobilien- und Aktienblase 1990, die anschliessende Bilanzrezession mit zwei verlorenen Jahrzehnten, die deflationäre Geldpolitik, die strukturellen Schwächen des Bankensektors, die Dominanz von Zombie-Unternehmen, die Resistenz gegen Restrukturierung, die Genderlücke am Arbeitsmarkt, die spezifische Form des japanischen Kapitalismus mit lebenslanger Anstellung und seniorenbasierter Lohnstruktur. Die Demografie ist ein Faktor unter mehreren — und sie ist Konsequenz wie Ursache.

Der Artikel erwähnt keinen dieser Faktoren. Er reduziert drei Jahrzehnte japanischer Wirtschaftsgeschichte auf die Variable Migration. Wer die ökonomische Forschung kennt, weiss, dass diese Reduktion absurd ist. Wer sie nicht kennt, erhält ein Bild, in dem der Zusammenhang zwischen Migration und Wirtschaftsleistung als selbstevident erscheint.

Dazu kommt der direkte Vergleich mit der Schweiz: Während Japans Wirtschaft seit den 1990ern stagniere, habe sich die Schweizer Wirtschaft «fast verdreifacht». Der Vergleich ist methodisch grob. Er vergleicht zwei Volkswirtschaften unterschiedlicher Grösse, Struktur, Währung, Geldpolitik, Industriebasis und geopolitischer Lage. Die Schweiz ist ein Finanzplatz mit Pharma-, Maschinen- und Präzisionsindustrie. Japan ist die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt mit einer komplexen Industriestruktur, die andere Herausforderungen kennt. Die Behauptung, der Unterschied erkläre sich primär aus Migration, ignoriert alle anderen Variablen.

Der einzige Experte

Die zentrale analytische Stimme des Artikels ist Toshihiro Menju. Er ist «älterer Herr», sass dem «Japanischen Zentrum für internationalen Austausch» vor, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel «Eine Ära mit zehn Millionen Ausländern im Land». Sein Buch propagiert genau jene Position, die der Artikel transportiert. Menju ist nicht ein Experte unter mehreren. Er ist die einzige Stimme, die im gesamten Artikel als analytische Autorität auftritt.

Diese Konstruktion ist journalistisch problematisch. Wer eine Kausalbehauptung über die Wirtschaftsentwicklung eines G7-Landes aufstellt, müsste sie durch mehrere unabhängige Quellen absichern. Im Idealfall durch Ökonomen verschiedener Schulen, durch Wirtschaftshistoriker, durch demografische Forschung mit Gegenpositionen. Lill zitiert keinen einzigen davon. Er zitiert Menju, dessen berufliche Identität in der Förderung internationalen Austauschs besteht und der ein Buch verkaufen will, das exakt die Position vertritt, die der Artikel verbreitet.

Das ist keine Recherche. Das ist eine Quellenstrategie, in der eine vorgefasste These durch eine einzige passende Stimme bestätigt wird.

Die ausgelassene Forschung

Was im Artikel komplett fehlt, ist die internationale Forschung zu Migration und Wirtschaftswachstum. Diese Forschung ist umfangreich, methodisch ausdifferenziert und in ihren Schlussfolgerungen alles andere als einheitlich. Studien des IWF, der OECD, der Weltbank zeigen je nach Untersuchungsdesign und Migrationstyp unterschiedliche Effekte. Hochqualifizierte Migration hat andere Wirkungen als Niedrigqualifizierten-Migration. Die Effekte auf Lohnniveaus, Sozialsysteme, Wohnungsmärkte, Infrastruktur und Produktivität variieren erheblich.

Die Schweizer Debatte hat dazu eine eigene Empirie. Die SECO-Studien zur Personenfreizügigkeit zeigen positive Effekte auf BIP-Wachstum, aber auch Druck auf Löhne im Niedriglohnsegment, auf Mietpreise und auf bestimmte Infrastrukturen. Die ETH-Studien zum Bevölkerungswachstum zeigen Bodenpreissteigerungen, Verdichtung, Verkehrsbelastung. Diese Forschung ist verfügbar, sie ist im Schweizer Kontext direkt relevant — und sie kommt im Artikel nicht vor.

Stattdessen wird eine Schwarz-Weiss-Erzählung produziert: Migration gleich Prosperität, keine Migration gleich Verödung. Die Differenzierung, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema kennt, fehlt vollständig.

Die Inszenierung

Das narrative Verfahren des Artikels ist Inszenierung durch Bilder. Die Reportage beginnt mit «heruntergelassenen Ladengittern», «leeren Restaurants», abblätternder Farbe an den Fassaden. Es folgt der wehmütige Lokalpolitiker an der «bröckelnden Promenade». Die Schlussszene zeigt die multikulturelle Bar, die Craft-Beer-Brauerei, die internationale Nachbarschaftsinitiative, die britische Hilfe für 90-jährige Nachbarn.

Diese Bilder funktionieren rhetorisch wie Werbung. Sie produzieren ein Vorher-Nachher-Schema: ohne Migration tot, mit Migration lebendig. Dass dieses Schema in der konkreten Realität von Ito empirisch fragwürdig ist — eine Handvoll ausländischer Zuzügler kann eine Stadt mit 60'000 Einwohnern, die seit Jahrzehnten schrumpft, nicht «beleben» —, fällt in der erzählerischen Konstruktion nicht auf. Die Anekdote ersetzt die Statistik.

Auch der Verweis auf die «Japan Times», die geschrieben habe, «Bewohner aus dem Ausland hauchen einstigem Luxusferienort neues Leben ein», ist eine Inszenierung. Eine einzige Schlagzeile in einer englischsprachigen japanischen Zeitung wird zur empirischen Basis für eine generelle These. Was die quantitative Bedeutung dieser Zuzügler für Itos Demografie tatsächlich ist, wird nicht beziffert.

Die Schweizer Dimension

Was den Artikel zu einem politischen Dokument macht, ist sein Bezug zur Schweizer Abstimmung. Der Titel adressiert das Schweizer Stimmvolk direkt. Die Erscheinungszeit liegt fünf Wochen vor der Abstimmung. Die NZZaS publiziert in einer Phase, in der die Initiative laut Umfragen knapp vor der Annahme stehen könnte oder zumindest knapp scheitern würde. Eine wirtschaftsliberale, gegen die Initiative gerichtete Zeitung produziert in diesem Moment einen Artikel, der suggeriert, eine Annahme der Initiative führe in den japanischen Verfall.

Diese Funktion wird im Artikel nicht offengelegt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es sich um einen abstimmungspolitischen Beitrag handelt. Es gibt keine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Argumenten der Initiative — etwa der Frage, ob das aktuelle Wachstumstempo nachhaltig ist, ob die Infrastruktur Schritt hält, ob die Bodenpreissteigerungen für die Mittelschicht tragbar sind. Die Initiative wird im Artikel nicht einmal erwähnt. Sie ist nur als implizite Drohkulisse präsent.

Das ist eine Form des Kommentarjournalismus, die ihre eigene Natur verbirgt. Wäre der Artikel als Kommentar gekennzeichnet, wäre seine politische Position transparent. Als Auslandsreportage suggeriert er Objektivität — die er nicht einlöst.

Die methodische Lücke

Selbst wenn man den Vergleich Japan-Schweiz akzeptiert, fehlt im Artikel die methodisch entscheidende Frage: Was wäre die Alternative für Japan gewesen? Hätte mehr Migration tatsächlich die wirtschaftliche Stagnation verhindert? Welche Länder mit hoher Migration haben in derselben Periode welche Wachstumsraten erzielt? Wie hat sich Italien entwickelt, wie Spanien, wie Deutschland — Länder mit höherer Migration, aber teils ähnlichen demografischen und wirtschaftlichen Problemen?

Deutschland hat einen Ausländeranteil von etwa 14 Prozent — mehr als das Vierfache Japans. Die deutsche Wirtschaft ist seit Jahren in einer Wachstumsschwäche, die Industrie verliert Marktanteile, die Demografie ist trotz Zuwanderung in vielen Regionen problematisch. Italien hat einen Ausländeranteil von etwa 9 Prozent und befindet sich seit zwei Jahrzehnten in wirtschaftlicher Stagnation. Wenn Migration die Variable wäre, die Stagnation verhindert, müssten diese Länder andere Verläufe zeigen. Sie tun es nicht.

Diese Vergleiche kommen im Artikel nicht vor. Sie würden die These untergraben. Sie zeigen, dass das Verhältnis von Migration und Wirtschaftsdynamik komplexer ist als die binäre Wahl, die der Artikel suggeriert.

Der Befund

Der Artikel ist ein Lehrstück monokausaler Erzählung im Dienst einer abstimmungspolitischen Position. Er reduziert drei Jahrzehnte japanischer Wirtschaftsgeschichte auf eine Variable, zitiert eine einzige Stimme als Autorität, ignoriert die einschlägige internationale Forschung, ersetzt Statistik durch Anekdote und tarnt seine politische Funktion als Reportage. Der Titel adressiert das Schweizer Stimmvolk direkt; der Inhalt liefert die Drohkulisse.

Was an dem Stück professionell ist, ist die handwerkliche Qualität. Die Bildsprache funktioniert, die Anekdoten sind erzählerisch geschickt platziert, die menschlichen Stimmen wirken authentisch. Die Reportage ist gut geschrieben. Sie ist auch gut zugeschnitten — auf einen Adressaten, der eine bestimmte Entscheidung treffen soll.

Was an dem Stück journalistisch problematisch ist, ist der vollständige Verzicht auf jene methodische Sorgfalt, die ein Wirtschaftsthema dieser Dimension verlangt. Wer behauptet, dass Migration über das Wirtschaftswachstum eines Landes entscheidet, müsste die Gegenbeispiele kennen. Wer den Vergleich Japan-Schweiz zieht, müsste die strukturellen Unterschiede beider Volkswirtschaften benennen. Wer eine Kausalkette aufbaut, müsste die alternativen Erklärungen prüfen. Lill tut nichts davon.

Übrig bleibt ein Text, der seine eigene Funktion verschleiert. Er soll nicht informieren, sondern überzeugen. Er soll nicht erklären, sondern warnen. Er produziert ein Bild — von Verfall hier, Belebung dort —, das mit der ökonomischen Realität wenig zu tun hat. Die Schweizer Stimmberechtigte, die am 14. Juni entscheiden, verdienen eine Auseinandersetzung mit den realen Folgen unterschiedlicher Migrationsregime. Sie erhalten stattdessen eine Auslandsreportage, die ihnen vorschreibt, was sie nicht wollen sollen, und ihnen vorenthält, was sie wissen müssten.

Liebe NZZ, willst du wirklich werden wie eine Kampagnenpostille? Vermutlich nicht. Dieser Artikel deutet in eine andere Richtung.

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