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Lausanne und das Verschwiegene
Medienkritik
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Lausanne und das Verschwiegene

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Zum SRF-Beitrag «Polizeiaktion in Lausanne führt zu über 180 Strafverfolgungen», 12. Mai 2026

Was berichtet wird

Roman Fillinger berichtet über eine Grossoperation in Lausanne. An der Rue de Genève 85 — neun Stockwerke Beton, 80 kleine Wohnungen — hat die Waadtländer Polizei letztes Jahr 28 Einsätze durchgeführt. Beschlagnahmt wurden 16 Kilogramm Kokain und Marihuana. 144 Strafverfahren wegen Drogenhandels wurden eröffnet. Über 180 Personen wurden kontrolliert — «Nigerianer und Gambier», wie SRF schreibt. Der Hausbesitzer, der Hausverwalter und der Portier wurden wegen Geldwäscherei verklagt. Es geht um mehrere Millionen Franken. Zusätzlich kam ein Sozialversicherungsbetrug ans Licht: Mit Schein-Mietverträgen erschwindelten Sozialhilfebezüger — «die meisten aus Eritrea» — insgesamt rund 1.9 Millionen Franken.

Was bemerkenswert ist

Der Beitrag nennt Tatsachen, die in anderen Zusammenhängen oft unter dem Tisch bleiben. Die Herkunftsländer der Drogendealer werden benannt: Nigeria, Gambia. Die Herkunft der Sozialhilfebetrüger wird genannt: Eritrea. Das ist in der Schweizer Berichterstattung eher unüblich. Häufig wird in solchen Fällen anonymisiert — «Personen ausländischer Herkunft», «mutmassliche Täter aus dem Drogenmilieu», «mehrere Verdächtige». Hier nicht.

Dass SRF diese Information bringt, ist bemerkenswert. Es liegt vermutlich daran, dass die Waadtländer Behörden — Generalstaatsanwalt Kaltenrieder, Sicherheitsdirektor Hildbrand — die Herkunft an der Medienkonferenz selbst genannt haben. SRF gibt sie wieder. Das ist sachlich korrekt. Es ist auch ungewohnt.

Die strukturelle Pointe

Hinter dem Beitrag steht eine Geschichte, die SRF nicht vertieft. 1.9 Millionen Franken Sozialhilfebetrug an einer einzigen Adresse, mit Schein-Mietverträgen, organisiert über mehrere Jahre, mit einer Beteiligung von Hausbesitzer, Hausverwalter und Portier — das ist nicht ein Einzelfall vereinzelter Betrüger. Das ist ein eingespieltes System.

Diese Information sollte zu Folgefragen führen. Wie viele andere solche Systeme gibt es in der Schweiz? An welchen Adressen? In welchen Städten? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Welche Kontrollmechanismen versagen, wenn Schein-Mietverträge über Jahre nicht auffallen? Welche Verantwortung trifft die Sozialdienste, die offenbar nicht prüfen, ob Mietverhältnisse real sind?

Keine dieser Fragen wird im Beitrag gestellt. Die Geschichte wird als Lausanner Lokalereignis erzählt, das mit der Schliessung des Gebäudes ein Ende gefunden habe. «Das Gebäude steht inzwischen grösstenteils leer. Es ist wieder ein gewöhnlicher Betonblock.» Damit ist der Fall für SRF abgeschlossen.

Was nicht verbunden wird

Hier kommt eine grössere Geschichte ins Spiel, die in der Schweizer Berichterstattung bisher kaum vorkommt. In den Vereinigten Staaten — konkret in Minnesota und Kalifornien — sind in den letzten Jahren riesige Sozialbetrugsskandale aufgedeckt worden, an denen vor allem die somalische und teilweise die eritreische Diaspora beteiligt war.

Der Minnesota-Fall ist besonders dokumentiert. Über ein Programm namens «Feeding Our Future», das eigentlich Mahlzeiten für bedürftige Kinder während der Pandemie finanzieren sollte, wurden zwischen 2020 und 2022 rund 250 Millionen Dollar Bundesgelder unterschlagen. 70 Personen wurden angeklagt, die meisten somalischer Herkunft. Es handelte sich um eines der grössten Pandemiebetrugsverfahren in der amerikanischen Geschichte. Die Aufklärung dauert bis heute an, weitere Fälle sind aufgetaucht: «Housing Stabilization Services», «Medicaid Autismus-Programme», jeweils mit Hunderten von Millionen mutmasslich veruntreuter Gelder, jeweils mit Beteiligung organisierter Strukturen in der Diaspora.

In Kalifornien sind ähnliche Muster bei EBT-Karten (elektronische Sozialhilfekarten) dokumentiert worden. Skimming, organisierter Massenbetrug, vermutete Verbindungen zu Banden in den Herkunftsländern. Die FBI-Untersuchungen sind nicht abgeschlossen.

Diese Geschichten sind in den USA breit dokumentiert — vor allem in lokaler Berichterstattung in Minneapolis und Los Angeles, weniger in der nationalen Presse. In der Schweiz tauchen sie praktisch nicht auf. Das SRF hat nicht darüber berichtet, obwohl die Fälle für die Schweiz relevant wären. Sie zeigen, dass Sozialleistungssysteme in westlichen Demokratien systematisch durch organisierte Strukturen ausgenutzt werden können, und dass die Aufklärung schwierig ist, sobald die Strukturen einmal etabliert sind.

Warum die Verbindung relevant wäre

Der Lausanner Fall ist klein im Vergleich zu Minnesota. 1.9 Millionen Franken gegen 250 Millionen Dollar. Aber das Muster ist ähnlich. Eine Diaspora-Gemeinschaft, Schein-Identitäten oder Schein-Verträge, organisierte Strukturen mit Mitwissern in administrativen Funktionen, jahrelange Funktionsweise unter dem Radar der Kontrolle.

Wenn solche Strukturen in den USA in dieser Grössenordnung möglich sind, wenn sie in Lausanne in kleinerer Form sichtbar werden, dann stellt sich die Frage: Was geschieht in der übrigen Schweiz? Welche Adressen, welche Strukturen, welche Verbindungen existieren, die noch nicht aufgedeckt wurden? Die Frage ist nicht xenophob. Sie ist administrativ. Ein Sozialhilfesystem, das systematisch ausgenutzt werden kann, hat ein Kontrollproblem. Dieses Kontrollproblem zu benennen ist legitim. Es zu ignorieren ist Verantwortungslosigkeit.

SRF benennt das Kontrollproblem nicht. Der Beitrag bleibt bei der Lausanner Lokalgeschichte. Er fragt nicht, wie der Sozialhilfebetrug über Jahre möglich war. Er fragt nicht, wer in den Sozialdiensten die Schein-Mietverträge hätte erkennen müssen. Er fragt nicht, wie viele andere solche Strukturen es geben könnte. Er fragt nicht nach Parallelen im Ausland.

Die Selbstzensur

Die Auslassung der internationalen Parallelen ist nicht zufällig. Sie ist Teil einer redaktionellen Linie, die das Thema «Sozialbetrug durch organisierte Diaspora-Strukturen» systematisch unterbelichtet. Es gibt Gründe dafür. Die Sorge, dass solche Berichte rassistisch instrumentalisiert werden könnten. Die Sorge, ganze Gemeinschaften unter Generalverdacht zu stellen. Die Sorge, das politische Klima in Richtung Migrationsfeindlichkeit zu verschieben.

Diese Sorgen sind nicht unberechtigt. Aber sie führen zu einer Berichterstattung, die strukturelle Probleme verschweigt, um politische Konsequenzen zu vermeiden. Das ist eine Form von Bevormundung. Die Bevölkerung wird vor Informationen geschützt, von denen die Redaktion annimmt, dass sie die «falschen» Schlüsse ziehen könnte.

Das Problem dieser Strategie: Die Information existiert trotzdem. Sie zirkuliert in alternativen Medien, in sozialen Netzwerken, in englischsprachigen Berichten aus den USA. Wer sich informiert, findet sie. Wer sich nur auf SRF verlässt, findet sie nicht. Das Ergebnis ist nicht weniger Wissen über das Problem. Das Ergebnis ist eine Aufspaltung des Wissens: Die einen, die SRF konsumieren, hören eine sanitisierte Version. Die anderen, die anderswo suchen, finden ungefiltertere Berichte — oft auch aus weniger seriösen Quellen, mit weniger Einordnung, mit mehr ideologischer Aufladung.

Diese Aufspaltung ist gefährlicher als die offene Berichterstattung. Wenn die etablierten Medien das Thema meiden, überlassen sie es Akteuren, die es politisch instrumentalisieren wollen. Eine seriöse, faktenbasierte Berichterstattung über Minnesota, Kalifornien und vergleichbare Fälle — mit Einordnung, mit Verhältnismässigkeit, mit Kontext — würde das politische Klima eher stabilisieren als destabilisieren. Das Schweigen tut das Gegenteil.

Der Lausanner Sicherheitsdirektor

Hildbrand zieht eine bemerkenswerte Lektion aus dem Fall: «Man sollte frühzeitig das Umfeld rund um den Drogenhandel ins Visier nehmen. Und sich zum Beispiel fragen, ob auch der Hausbesitzer vom Verbrechen profitiert.»

Das ist die richtige Lektion für den konkreten Fall. Es ist auch eine Lektion, die weiter reicht. Wenn der Hausbesitzer in Lausanne profitiert hat, wer profitiert anderswo? Wenn Schein-Mietverträge über Jahre möglich waren, wer prüft die echten Mietverhältnisse in anderen Städten? Wenn der Sozialdienst die Schein-Identitäten nicht erkannt hat, was übersieht er sonst noch?

Diese Fragen würden in eine Diskussion über Kontrollmechanismen führen, über administrative Effizienz, über die Verteilung von Verantwortung zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden. Sie würden auch in eine Diskussion über die spezifischen Risiken von Sozialsystemen führen, die auf Vertrauen aufgebaut sind. Das Schweizer Sozialsystem geht davon aus, dass die Angaben der Bezüger im Wesentlichen stimmen. Stichprobenartige Kontrollen finden statt. Eine systematische Verifikation ist nicht vorgesehen. Das ist effizient, solange die Mehrheit der Bezüger ehrlich ist. Es ist anfällig, sobald organisierte Strukturen sich darauf einstellen.

Der Beitrag und das, was er nicht ist

Der SRF-Beitrag ist sauber gemacht. Er nennt Fakten, er zitiert Behörden, er bleibt nüchtern. Er ist kein xenophober Beitrag, aber auch kein sanitisierter. Er liegt in der Mitte: präzise im Konkreten, vage im Strukturellen.

Was er nicht ist: ein Versuch, das Ereignis in einen grösseren Kontext zu stellen. Er stellt keine Verbindung zur internationalen Dimension her. Er fragt nicht, was Lausanne über die Schweiz verrät. Er behandelt das Phänomen als lokales Problem, das mit der Räumung des Gebäudes gelöst sei.

«Es ist wieder ein gewöhnlicher Betonblock.» Dieser Schlusssatz ist verräterisch. Er suggeriert, das Problem sei mit der Schliessung der Adresse beendet. Tatsächlich sind die Strukturen, die das Gebäude möglich gemacht haben, nicht beendet. Die Hausbesitzer, die solche Geschäfte ermöglichen, gibt es weiterhin. Die Sozialdienste, die Schein-Mietverträge nicht erkennen, arbeiten weiter. Die Diaspora-Netzwerke, die solche Strukturen organisieren, existieren weiter. Das Gebäude an der Rue de Genève 85 ist leer. Andere Gebäude sind nicht leer.

Der Befund

Der Beitrag ist ein Beispiel für eine Berichterstattung, die das Sichtbare benennt und das Unsichtbare unbenannt lässt. Er nennt die Herkunftsländer — was bemerkenswert ist. Er nennt die Beträge — was korrekt ist. Er nennt die Verantwortlichen im konkreten Fall — was journalistisch sauber ist. Er nennt nicht die strukturellen Fragen, die der Fall aufwirft. Er nennt nicht die internationalen Parallelen, die das Phänomen einordnen würden.

Diese Auslassungen sind die Norm. SRF berichtet nicht über Minnesota. SRF berichtet nicht über Kalifornien. SRF berichtet nicht über die wachsende Literatur zu Diaspora-organisiertem Sozialbetrug in westlichen Demokratien. Diese Themen liegen ausserhalb der redaktionellen Linie — nicht weil sie irrelevant wären, sondern weil sie als politisch heikel gelten.

Die Konsequenz: Die Schweizer Bevölkerung erhält nur Bruchstücke. Ein Lausanner Fall hier, ein Berner Fall dort, ein Zürcher Fall im nächsten Jahr. Die Mustererkennung wird ihr selbst überlassen. Wer das Muster erkennt, gerät schnell in den Verdacht der Generalisierung. Wer es nicht erkennt, versteht die Geschichten nicht in ihrem Zusammenhang.

Diese Aufspaltung der Wahrnehmung ist die typische Folge einer Berichterstattung, die Einzelfälle akzeptiert und Aggregate vermeidet. Sie ist auch die typische Folge einer Redaktion, die mehr Angst vor falschen Schlüssen ihrer Leser hat als vor der Unvollständigkeit ihrer eigenen Information. Diese Angst ist erkennbar. Sie prägt jeden zweiten Beitrag zum Themenfeld Migration, Asyl, Integration. Sie ist auch die Quelle ihrer Wirkungslosigkeit. Eine Berichterstattung, die ihre Leser für unmündig hält, schafft keine mündige Öffentlichkeit. Sie schafft eine Öffentlichkeit, die ihren wichtigsten Informationsquellen misstraut — zu Recht.

Das Gebäude an der Rue de Genève 85 steht leer. Die Fragen, die es aufwirft, stehen offen. SRF wird sie morgen nicht beantworten, übermorgen nicht, im nächsten Jahr nicht. In Minnesota läuft die Aufklärung weiter. In Kalifornien auch. In der Schweiz wird in fünf Jahren ein anderes Gebäude leerstehen, ein anderer Generalstaatsanwalt eine Medienkonferenz geben, ein anderer SRF-Korrespondent einen ähnlichen Beitrag senden. Und am Ende wird stehen: Es ist wieder ein gewöhnlicher Betonblock. Bis zum nächsten Mal.

Originalbeitrag auf X →

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