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«Krawallmacher» und die Sprache, die sie schützt
Medienkritik
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«Krawallmacher» und die Sprache, die sie schützt

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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Zur SRF-Berichterstattung «Ausschreitungen in der Zürcher Innenstadt», 3. Mai 2026, 09:25 Uhr

Ein dreissig Zeilen kurzer Online-Artikel. Vier Bilder. Drei Aufzählungspunkte. Das ist die SRF-Berichterstattung über die Krawalle in der Nacht auf Sonntag in Zürich. Und genau in dieser Kürze liegt eine eigene Geschichte.

Das Wort

«Krawallmacher.» So nennt SRF die Personen, die mit Banner, Parolen, Rauchpetarden und Böllern durch die Zürcher Innenstadt zogen, Sachbeschädigungen anrichteten und Polizeifahrzeuge beschädigten. Das Wort ist bemerkenswert.

«Krawallmacher» ist die deutsche Variante eines pädagogischen Begriffs. Er klingt nach Bubenstreich. Nach pubertärer Energie, die sich entladen muss. Nach jemandem, der zu viel Lärm macht. Es ist ein Wort, das man verwendet, wenn ein Junge auf dem Pausenhof zu wild herumtollt.

Was tatsächlich passiert ist, lässt sich der eigenen Beschreibung des Beitrags entnehmen: vermummte Personen, Banner, Skandieren von Parolen, Rauchpetarden, Fackeln, Böller, Sachbeschädigungen, Angriffe auf Einsatzfahrzeuge der Polizei, Polizeieinsatz mit Wasserwerfer und Gummischrot. Das ist keine Bubenstreichkategorie. Das ist gewalttätige Sachbeschädigung mit politischem Hintergrund. Im juristischen Sprachgebrauch heisst das Landfriedensbruch, eventuell qualifizierter Landfriedensbruch, je nach Schwere der Schäden. Es heisst Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Es heisst Sachbeschädigung von erheblichem Ausmass.

Wer diese Vorgänge als «Krawall» bezeichnet, hat eine Entscheidung getroffen. Er hat das Geschehen in eine Sprachebene überführt, die seine politische Dimension verharmlost. Krawall ist Lärm, nicht politische Gewalt.

Der fehlende Akteur

Der Beitrag nennt das Banner: «Nach dem 1. Mai ist vor dem 1. Mai». Das ist eine eindeutige Selbstverortung. Es handelt sich um die linksradikale, autonome, antikapitalistische Szene Zürichs, die seit Jahrzehnten den 1. Mai-Komplex begleitet.

Das Wort «links» kommt im Beitrag nicht vor. Das Wort «autonom» nicht. Das Wort «linksextrem» schon gar nicht. «Antikapitalistisch», «antifaschistisch» — alle Begriffe, mit denen die Akteure sich selbst beschreiben, fehlen. Stattdessen sind es einfach «mehrere Dutzend mehrheitlich vermummte Personen».

Vergleichen wir das mit der Sprache, die SRF verwendet, wenn am Bahnhof Bern eine Kundgebung der Jungen SVP stattfindet. Oder wenn rechte Demonstranten in einem deutschen Bundesland aufmarschieren. Dort kommen die politischen Verortungen prompt: «rechtsextrem», «rechtsradikal», «national-konservativ». Keine Diskussion. Keine Zurückhaltung. Die Einordnung ist Teil der Berichterstattung.

Bei linksextremen Krawallen in Zürich verschwindet diese Einordnung. Aus politisch motivierter Gewalt von links wird «Krawall» von «Personen». Aus einer organisierten Szene mit Geschichte, Strukturen, Publikationen, Treffpunkten und politischer Programmatik werden «mehrere Dutzend Vermummte».

Diese Asymmetrie ist nicht zufällig. Sie ist konsistent. Sie zieht sich durch die SRF-Berichterstattung über Jahre.

Die Distanzierungstechnik

Schauen wir die einzelnen Sätze.

«Im Nachgang zum 1. Mai ist es in der Nacht auf Sonntag in der Stadt Zürich zu Auseinandersetzungen zwischen Krawallmachern und der Polizei gekommen.»

«Auseinandersetzungen» ist eine sprachliche Symmetrisierung. Es klingt, als hätten sich zwei Parteien gestritten. Tatsächlich aber gab es eine Seite, die durch die Stadt zog, vermummte sich, Sachschaden anrichtete und Polizeifahrzeuge angriff. Und eine Seite, die einschritt, weil das ihre gesetzliche Aufgabe ist. Das ist keine Auseinandersetzung. Das ist ein gewalttätiger Angriff, dem ein Polizeieinsatz folgte.

«Sie trugen ein Banner mit sich.» Reine Beschreibung. Kein Versuch, das Banner einzuordnen oder die Szene dahinter zu erläutern.

«Nach Mitternacht seien Rauchpetarden, Fackeln und Böller angezündet worden.» Passivkonstruktion. Die Pyrotechnik zündet sich quasi selbst.

«Die Stadtpolizei stand mit einem Grossaufgebot im Einsatz. Sie soll Wasserwerfer und Gummischrot eingesetzt haben.»

Das ist die rhetorisch interessanteste Stelle des ganzen Beitrags. Die Polizei «soll». Konjunktiv. Distanzierung. Vorbehalt.

Bei den Krawallmachern: «Nach Mitternacht seien Rauchpetarden, Fackeln und Böller angezündet worden.» Auch Konjunktiv, formal. Aber im Kontext beschreibend, fast neutral.

Bei der Polizei: «Sie soll Wasserwerfer und Gummischrot eingesetzt haben.» Das «soll» klingt anders. Es klingt nach unbestätigtem Vorwurf. Nach möglicherweise problematischem Vorgehen. Es legt nahe, dass der Einsatz dieser Mittel der Verifizierung bedarf, vielleicht der Rechtfertigung.

Ein einziges Wort. Aber es macht den ganzen Unterschied. Die Krawallmacher tun einfach Dinge. Die Polizei «soll» Dinge getan haben.

Die Bilder

Vier Bilder werden gezeigt. Bild 1: Polizisten von hinten. Bild 2: «Krawallmacher». Bild 3: ein beschädigtes Polizeiauto. Bild 4: Feuer auf Restaurant.

Video? Nur ein Archivvideo. SRF war wohl am schlafen.

Schon die Reihenfolge ist auffällig. Polizisten von hinten kommen zuerst. Dann die Krawallmacher. Dann die Schäden.

Polizisten von hinten ist eine spezifische Bildwahl. Es zeigt die Polizei in der Distanz, leicht anonym, fast etwas bedrohlich, weil man die Gesichter nicht sieht. Wer die Bildtradition kennt, weiss: Frontalaufnahmen von Polizisten zeigen Autorität. Rückenaufnahmen zeigen die Polizei als Menge, als Apparat. Es ist die Bildsprache, die in linker Bildberichterstattung über Polizeieinsätze die übliche ist.

Bild 4 zeigt Feuer auf einem Restaurant. Das ist ein erheblicher Sachschaden. Eine substanzielle Eigentumsverletzung. Möglicherweise mit Gefahr für anwesende Personen. Im Begleittext kommt dieses Bild praktisch nicht vor. Es wird nicht thematisiert, dass ein Restaurant in Brand gesetzt wurde. Es ist einfach ein weiteres Bild in der Galerie.

Wenn rechtsextreme Demonstranten ein Restaurant in Brand setzen würden, wäre das die Schlagzeile. «Rechte Krawalle: Restaurant in Brand gesteckt.» Mit Empörung, mit Einordnung, mit Stellungnahmen von Politikern, mit historischen Vergleichen zur Reichspogromnacht, mit allem, was dazugehört.

Bei linken Krawallmachern ist es Bild Nummer vier in einer Galerie. Ohne weitere Worte.

Der Vergleich

Erinnern wir uns an die SRF-Berichterstattung über die «Marsch fürs Läbe»-Aktion vergangener Jahre, wo christlich-konservative Demonstranten mit Schildern friedlich marschierten und von linken Gegendemonstranten attackiert wurden. Wer waren in den SRF-Beiträgen die problematischen Akteure? Selten die Angreifer. Häufig die Veranstalter, weil sie «provozierten», weil sie «religiös-fundamentalistische Positionen vertraten», weil sie «rechtskonservative Anliegen vorbrachten».

Erinnern wir uns an die Berichterstattung über jede Junge-SVP-Aktion in einem deutschsprachigen Universitätsstädte. Da werden die «Anliegen» der Veranstalter ausführlich kontextualisiert, häufig mit kritischer Distanz, und die Gegendemonstranten erscheinen als legitime Träger zivilen Widerstands.

Vergleichen wir das mit dieser Berichterstattung. Linksradikale ziehen nachts durch Zürich, vermummen sich, zünden Pyrotechnik, beschädigen fremdes Eigentum, greifen Polizeifahrzeuge an, setzen ein Restaurant in Brand. Die Berichterstattung: dreissig Zeilen, das Wort «Krawallmacher», keine politische Einordnung, ein konjunktivisches «soll» beim Polizeieinsatz.

Die Asymmetrie ist nicht subtil. Sie ist offen. Sie ist nicht zu übersehen, wenn man sie einmal gesehen hat.

Die strukturelle Erklärung

Warum berichtet ein gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Sender so über linke Gewalt? Die Erklärung ist nicht primär ideologisch. Sie ist soziologisch.

Die Redaktionen von SRF rekrutieren sich überwiegend aus den urbanen, akademischen Milieus von Zürich, Bern und Basel. Diese Milieus stehen politisch mehrheitlich links der Mitte. In ihrer sozialen Umgebung sind linksradikale Akteure nicht abstrakt; sie sind die ehemaligen Mitschüler, die Nachbarn aus dem Quartier, die Bekannten aus dem Studium. Es sind Menschen, mit denen man die Wohnungssuche teilt, die ähnliche Cafés besucht, die in den gleichen kulturellen Bezügen lebt.

Diese soziale Nähe erzeugt Verständnis. Verständnis für die Beweggründe, auch wenn man die Methoden ablehnt. Verständnis dafür, dass «die jungen Leute halt mal Dampf ablassen müssen». Verständnis, das sich in der Sprache niederschlägt. «Krawallmacher» statt «Linksextremisten». «Vermummte Personen» statt «Angehörige der autonomen Szene». «Auseinandersetzungen mit der Polizei» statt «Angriffe auf Polizeifahrzeuge».

Bei rechtsradikalen Akteuren existiert diese soziale Nähe nicht. Sie sind anders, fremd, kulturell distanziert. Ihre Sprache, ihre Codes, ihre sozialen Räume sind den Redaktionsmitgliedern fremd. Aus dieser Fremdheit folgt eine andere Berichterstattung: präziser, härter, einordnender, mit klar markierter politischer Verortung.

Das Resultat ist eine systematische Asymmetrie der Sprache, die nicht aus bösem Willen entsteht, sondern aus der homogenen Sozialstruktur der Redaktionen. Die wenigsten SRF-Journalisten haben enge Bekannte in der Jungen SVP oder in evangelikalen Kreisen. Viele haben Bekannte in den linken Szenen, deren Akteure sie auch jenseits der politischen Linie als Menschen kennen.

Was eine ehrliche Berichterstattung wäre

Ein redaktionell sauberer Beitrag über die gleichen Vorgänge sähe etwa so aus:

«In der Nacht auf Sonntag haben Angehörige der linksradikalen Szene Zürichs Sachbeschädigungen in der Innenstadt verübt. Vermummte zogen mit einem Banner durch die Stadt, zündeten Pyrotechnik, beschädigten Fahrzeuge der Stadtpolizei und setzten ein Restaurant in Brand. Die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Gummischrot. Die Aktion stand im Zusammenhang mit der seit Jahrzehnten in der Zürcher autonomen Szene gepflegten 1.-Mai-Tradition militanter Aktionen. Politisch eingeordnet werden solche Aktionen üblicherweise dem antikapitalistischen, antifaschistischen Spektrum.»

Das wäre kein hartes Urteil. Das wäre nur Beschreibung. Tatsachen. Politische Verortung.

Stattdessen bekommen wir «Krawallmacher».

Der Befund

Sprache ist nicht neutral. Wer in einer Berichterstattung das Wort «Krawallmacher» wählt, hat eine politische Entscheidung getroffen, auch wenn er sich dieser Entscheidung nicht bewusst ist. Er hat eine bestimmte Sicht auf die Vorgänge in seine Sprache eingebaut, eine Sicht, die das Geschehen verkleinert, entpolitisiert, verharmlost.

Wenn diese Sprachwahl konsistent in eine Richtung erfolgt — milde Begriffe für linke Gewalt, harte Begriffe für rechte Gewalt; ausführliche politische Einordnung bei rechten Akteuren, keine bei linken; konjunktivische Distanzierung beim Polizeieinsatz, beschreibende Direktheit bei den Tätern —, dann handelt es sich nicht mehr um zufällige redaktionelle Entscheidungen. Es handelt sich um ein Muster.

Dieses Muster hat Folgen. Es schafft eine Realitätsverzerrung beim Publikum. Es vermittelt den Eindruck, dass linke Gewalt weniger schwerwiegend, weniger politisch motiviert, weniger gefährlich sei als rechte Gewalt. Diese Wahrnehmung entspricht nicht der objektiven Lage. Linke politische Gewalt verursacht in der Schweiz seit Jahren erhebliche Sachschäden. Sie zielt regelmässig auf Polizeibeamte. Sie verletzt Menschen. Sie zerstört Eigentum. Sie kostet die Allgemeinheit Millionen.

Aber sie wird systematisch in einer Sprache erzählt, die das Geschehen verkleinert. «Krawallmacher.» «Auseinandersetzungen.» «Mehrere Dutzend Vermummte.»

Wer das einmal sieht, sieht es überall. Und wer es überall sieht, verliert das Vertrauen in den gebührenfinanzierten Sender. Nicht weil er die linke Politik ablehnt — die meisten Bürger sind politisch ohnehin gemischt eingestellt; sondern weil er die Asymmetrie der Sprache nicht mehr erträgt.

Das ist die Pointe dieser dreissig Zeilen Berichterstattung. Sie sind nicht harmlos. Sie sind nicht neutral. Sie sind ein kleines, aber präzises Stück der Erosion einer Institution, die einmal das Vertrauen einer Mehrheit der Bevölkerung hatte und es verliert, mit jedem «Krawallmacher», den sie nicht beim Namen nennt.

Drei Bilder, vier Sätze, ein Wort. Mehr braucht es nicht, um zu verstehen, warum die SRG-Initiativen nicht mehr nur eine Forderung der Rechten sind, sondern eine wachsende Bewegung quer durch die Bevölkerung. Wer so berichtet, finanziert seine eigene Abschaffung. Und er hat es nicht einmal gemerkt.

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