Grünpopulistisch?
SRF berichtet über die Lokalwahlen in England: Reform UK und die Grünen haben gewonnen. Die «Rechtspopulisten» und die Grünen. Schon der Sprachgebrauch verrät die Asymmetrie. Reform UK bekommt das Label «Rechtspopulisten». Die Grünen bekommen kein Label. Beide sind Sieger. Beide sind Newcomer. Beide haben grosse Versprechen gemacht. Aber nur eine Seite wird politisch markiert. Die andere ist einfach «die Grünen» — als wäre das eine neutrale Beschreibung, keine politische Position.
Zum SRF Beitrag «Politologe: ‹Für Reform UK sind lokale Erfolge sehr wichtig›», 27.05.2026
Das Label
«Die Rechtspopulisten der Partei Reform UK rund um Nigel Farage und die Grünen haben bei den Wahlen stark zugelegt.»
Lesen Sie den Satz nochmal. «Die Rechtspopulisten» — und «die Grünen». Nicht «die Linkspopulisten der Grünen». Nicht «die Klimaaktivisten der Grünen». Nicht «die Öko-Sozialisten der Grünen». Einfach «die Grünen».
Das ist die Standardasymmetrie der europäischen Berichterstattung. Rechte Parteien bekommen ein Etikett, das ihre Position als ausserhalb des Konsenses markiert: «rechtspopulistisch», «rechtsradikal», «rechtsextrem», «hart rechts». Linke und grüne Parteien bekommen kein solches Etikett. Sie sind einfach «grün» oder «sozialdemokratisch» oder «progressiv» — als wäre das die natürliche Mitte.
Aber die Grünen sind nicht die Mitte. Sie sind eine Partei mit klaren politischen Positionen: Klimapolitik, Identitätspolitik, Migrationsoffenheit, Wirtschaftsskepsis. Das sind Positionen — keine Selbstverständlichkeiten.
SRF behandelt sie als Selbstverständlichkeiten. Reform UK wird als «populistisch» markiert. Die Grünen werden als normal markiert. Damit ist die politische Topographie schon vor dem ersten Argument festgelegt.
Die Parteiprogramme
In der Box «Gewählt mit grossen Versprechen» listet SRF die Programmpunkte beider Parteien auf. Schauen Sie genau hin.
Reform UK:
«Weniger Ausgaben für behördliche Programme, zum Beispiel bei der Diversität und Nachhaltigkeit»
«Einsatz für weniger Tempobeschränkungen für Autofahrer und gegen Asylunterkünfte vor Ort»
«Fokus auf Strassenunterhalt, Abfallentsorgung, Busse»
Grüne:
«Mehr bezahlbare Wohnungen, tiefere Mieten, bessere Lebensbedingungen»
«Nachhaltige Transportmöglichkeiten: Velo- und Fussgängerwege, bessere Infrastruktur für Elektro-Autos»
«Schutz von Parks, Bibliotheken, Grünflächen und lokalen Dienstleistungen»
Sehen Sie den Unterschied?
Bei Reform UK werden die Positionen so formuliert, dass sie negativ klingen: «weniger Ausgaben», «weniger Tempobeschränkungen», «gegen Asylunterkünfte». Drei Mal eine negative Formulierung. «Gegen» statt «für». «Weniger» statt «mehr».
Bei den Grünen werden die Positionen positiv formuliert: «mehr bezahlbare Wohnungen», «bessere Infrastruktur», «Schutz von Parks». Alles positive Wörter. Alles Wohlfühlbegriffe.
Aber: Auch die Grünen sind «gegen» etwas. Sie sind gegen Diesel-Autos. Gegen den Strassenausbau. Gegen Einfamilienhäuser auf der grünen Wiese. Gegen Wirtschaftswachstum, das die Klimaziele gefährdet. SRF formuliert das nicht so. SRF wählt die positiven Wörter für die Grünen und die negativen für Reform UK.
Das ist keine Berichterstattung. Das ist Framing.
Die Versprechen
Schauen Sie sich die Versprechen der Grünen an: «Mehr bezahlbare Wohnungen, tiefere Mieten, bessere Lebensbedingungen.»
Wie soll eine Gemeinde tiefere Mieten erzwingen? Mietregulierung? Enteignung? Subventionen? Das sind massive Eingriffe in den Markt, die — falls überhaupt — auf nationaler Ebene möglich sind. Auf kommunaler Ebene ist «tiefere Mieten» kein Programmpunkt. Es ist ein Versprechen, das nicht eingehalten werden kann.
Schauen Sie sich die Versprechen von Reform UK an: «Fokus auf Strassenunterhalt, Abfallentsorgung, Busse.»
Strassenunterhalt. Abfallentsorgung. Busse. Das sind exakt die Aufgaben einer Gemeinde. Das ist genau das, was kommunale Politik leisten kann. Das sind realistische, umsetzbare Programmpunkte.
Welche Partei ist näher an der kommunalen Realität? Reform UK. Welche Partei verspricht Dinge, die sie nicht halten kann? Die Grünen.
Aber wie rahmt SRF es? Reform UK wird als populistisch dargestellt. Die Grünen als seriös. Der Politologe wird gefragt: «Sind die Grünen und Reform UK überhaupt auf die neuen Aufgaben vorbereitet?»
Die Frage suggeriert, dass beide gleichermassen unvorbereitet seien. Aber die Programme zeigen das Gegenteil: Reform UK kennt das kommunale Aufgabenfeld. Die Grünen verwechseln Kommunalpolitik mit Bundespolitik.
Der Politologe
Colin Copus, emeritierter Professor für lokale Politik. SRF stellt ihm Fragen. Er antwortet.
Die zentrale Aussage: «Für Reform UK sind lokale Erfolge sehr wichtig. Jetzt werden sie versuchen, zu zeigen, dass sie nicht nur protestieren, sondern auch regieren können.»
«Nicht nur protestieren.» Das ist die Charakterisierung. Reform UK sei bisher eine Protestpartei gewesen. Jetzt müssten sie zeigen, dass sie auch regieren können.
Hat der Politologe das Gleiche über die Grünen gesagt? Die Grünen sind auch keine Regierungspartei in Grossbritannien. Sie sind seit Jahrzehnten in der Opposition oder bei lokalen Mandaten. Sie haben auf nationaler Ebene noch nie regiert.
Aber bei den Grünen heisst es nicht «nicht nur protestieren». Bei den Grünen heisst es «frischer Wind», «neue Perspektiven», «neue Ideen».
Die Sprache ist ungleich. Reform UK protestiert. Die Grünen bringen frischen Wind. Beide tun dasselbe — sie sind neu im Geschäft. Aber die eine Seite wird abgewertet, die andere aufgewertet.
Die Schlaglöcher
«Schlaglöcher: Für viele Britinnen und Briten ein grosser Ärgernis.» So die Bildunterschrift.
Reform UK hat im Wahlkampf auf Schlaglöcher gesetzt. Das wird hier als simpler Populismus dargestellt — als ob die Sorgen der Bürger über kaputte Strassen ein kleinliches Thema seien.
Aber Schlaglöcher sind die kommunale Realität. Es sind die Strassen, auf denen die Menschen täglich fahren. Es sind die Schäden, die an ihren Autos entstehen. Es sind die Steuern, die sie zahlen, ohne dass die Strassen unterhalten werden.
Wer die Sorgen der Bürger über kaputte Strassen ernst nimmt, ist nicht populistisch. Er ist demokratisch. Er hört zu. Er reagiert.
Wer die Sorgen der Bürger über kaputte Strassen verlacht — als hätten sie wichtigere Probleme verdient — ist nicht weniger populistisch. Er ist nur arroganter. Er weiss besser, was die Bürger zu denken haben.
SRF verlacht es nicht offen. Aber der Tonfall ist klar: Reform UK redet über Schlaglöcher. Die Grünen reden über Lebensbedingungen, Nachhaltigkeit, Schutz von Parks. Die einen sind kleinkariert. Die anderen visionär.
Die Asylunterkünfte
«Einsatz für weniger Tempobeschränkungen für Autofahrer und gegen Asylunterkünfte vor Ort.»
Ein Satz. Drei Wörter zu Asylunterkünften. Mehr nicht. Keine Erklärung, warum Reform UK gegen Asylunterkünfte vor Ort ist. Keine Erklärung, was die Bürger in diesen Gemeinden tatsächlich erleben. Keine Erklärung, wie viele Asylunterkünfte in welchen Gemeinden geplant sind. Keine Stimmen der Bürger, die davon betroffen sind.
Nur das Stichwort. Als wäre es selbstverständlich, dass eine Partei, die «gegen Asylunterkünfte» ist, problematisch sei.
Aber: Asylunterkünfte vor Ort sind eine reale kommunale Frage. Sie betreffen Wohnraum, Schulplätze, Sicherheit, Integration, kommunale Budgets. Die Bürger haben ein Recht, mitzureden, ob in ihrer Gemeinde eine Asylunterkunft errichtet wird oder nicht.
In Grossbritannien wurden in den letzten Jahren tausende Asylsuchende in Hotels untergebracht — auf Kosten des Steuerzahlers. In kleinen Gemeinden. Ohne Konsultation. Mit massiven sozialen Folgen.
Wenn eine Partei das ändern will, ist das nicht populistisch. Es ist demokratisch. Es ist das Aufgreifen einer realen Sorge.
SRF rahmt es als problematisch. «Gegen Asylunterkünfte» — Punkt. Keine weitere Erklärung nötig. Die Position spricht für sich. Sie ist eine moralische Verfehlung.
Das ist die Methode: Reale politische Positionen werden zu moralischen Verfehlungen verkürzt. Die Diskussion wird erstickt, bevor sie beginnt.
Die Frage, die nicht gestellt wird
Warum haben Reform UK und die Grünen gewonnen?
Der Beitrag erwähnt: «auf Kosten der etablierten Parteien: der regierenden Labour und den Konservativen.» Mehr nicht.
Aber: Warum haben die etablierten Parteien verloren? Was haben sie falsch gemacht? Was wollen die Wähler, das sie nicht bekommen?
SRF stellt diese Fragen nicht. Stattdessen fragt es: Sind die Sieger überhaupt fähig zu regieren? Werden sie die hohen Erwartungen enttäuschen?
Die Frage ist nicht: Was sagt der Erfolg von Reform UK und den Grünen über das Versagen der etablierten Parteien?
Die Frage ist: Wie werden die neuen Parteien scheitern?
Das ist die Grundannahme. Die etablierten Parteien werden nicht in Frage gestellt. Die neuen werden bereits vor ihrem Amtsantritt als Versager prognostiziert.
Die Symmetrie, die fehlt
Wenn SRF wirklich ausgewogen berichten würde, hätte es beide Sieger gleich behandelt:
Beide als «neue Kräfte» — oder beide mit ihrem politischen Etikett.
Beide Programme in derselben Sprache — entweder beide positiv oder beide negativ formuliert.
Beide mit derselben Skepsis befragt — sind sie regierungsfähig?
Beide mit denselben Wohlfühlbildern illustriert — oder beide mit den selben kritischen Bildern.
Stattdessen: Reform UK bekommt das Label, die negative Formulierung, die kritische Frage, das Schlagloch-Bild. Die Grünen bekommen keine Markierung, die positive Formulierung, die wohlwollende Frage, kein Bild.
Das ist nicht Berichterstattung. Das ist eine politische Botschaft, verkleidet als Berichterstattung. Die Botschaft lautet: Wenn Sie die Grünen wählen, ist das normal. Wenn Sie Reform UK wählen, ist das problematisch. Die Sorgen der einen Wähler sind legitim, die der anderen sind populistisch.
Der Beitrag von SRF berichtet korrekt über die Wahlergebnisse. Aber er rahmt die beiden Sieger systematisch ungleich. Reform UK bekommt das Etikett «Rechtspopulisten», die Grünen kein Etikett. Reform UK wird mit negativen Formulierungen beschrieben («weniger», «gegen»), die Grünen mit positiven («mehr», «besser», «Schutz»). Reform UK wird unterstellt, sie würden bisher nur «protestieren», die Grünen bringen «frischen Wind». Reform UK fokussiert auf Schlaglöcher — das wird belächelt. Die Grünen versprechen tiefere Mieten — das wird als visionär präsentiert, obwohl Mieten auf kommunaler Ebene nicht regulierbar sind. Die Sprache verrät, wer der bevorzugte Sieger ist. Das ist die Methode des öffentlich-rechtlichen Senders: Die politische Topographie wird durch Sprachwahl festgelegt. Was rechts ist, wird markiert. Was links oder grün ist, wird normalisiert. Die Folge: Wähler, die ihre Sorgen ernst nehmen — über Schlaglöcher, über Asylunterkünfte, über Verkehrsbeschränkungen — werden als populistisch, kleinkariert, problematisch dargestellt. Wähler, die abstrakte Visionen unterstützen — bessere Lebensbedingungen, Schutz der Natur, Nachhaltigkeit — werden als idealistisch, visionär, fortschrittlich dargestellt. Das ist keine Information. Das ist Erziehung. Und Erziehung gehört in Schulen, nicht in Nachrichtensendungen, die von Zwangsgebühren finanziert werden.
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