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Es kommt auf den Kontext an, ausser beim eigenen
Medienkritik
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Es kommt auf den Kontext an, ausser beim eigenen

SRF/SRGSicherheitspolitikAbstimmungen
schwerwiegend
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Beide Experten geben dieselbe Antwort, in Variationen: Es kommt auf den Kontext an. Goetschel: «Es kommt auf den Kontext an.» Cederman: «Es kommt also immer auf die Intention der führenden Politikerinnen und Politiker an.» Der Beitrag zitiert beide und liefert dann eine Diskussion ohne einen einzigen Schweizer Kontext. Am selben Tag entschied der Ständerat über den Rüstungsfonds, der zwölf Milliarden für die Aufrüstung freigibt. Drei Tage zuvor adoptierte der Bundesrat die Sicherheitspolitische Strategie 2026, die einen bewaffneten Angriff einkalkuliert. In fünf Tagen stimmt das Volk über die Neutralitätsinitiative ab. Das Wort «Neutralität» kommt in einem Beitrag über die Aufrüstung der Schweizer Armee, fünf Tage vor der Abstimmung über die Schweizer Neutralität, mit keinem Wort vor. Die beiden Experten fordern den Kontext als Massstab und bekommen einen Diskurs ohne Schweizer Massstab. Das ist keine Auslassung unter vielen. Das ist die Konstruktion.

Zum SRF-Beitrag «Mehr Waffen, mehr Frieden? Zwei Experten im Gespräch», Rendez-vous, 22.09.2026


Was der Beitrag leistet: Er ist intellektuell redlicher als der Durchschnitt. Beide Experten verweigern einfache Antworten, die Frage «Bringt mehr Rüstung Frieden?» wird von beiden Seiten mit «es hängt davon ab» beantwortet, und das ist die ehrliche Antwort. Die historische Einordnung der neunziger Jahre stimmt, das Budapest-Argument ist konkret, die deutsch-französische Versöhnung als Beweis für die Möglichkeit von Vertrauen ist ein starker Punkt. Und Goetschels Bemerkung zur subjektiven Komponente von Sicherheit ist eine echte Kategorie, die in Rüstungsdebatten selten vorkommt. Als Prinzipiendiskussion trägt der Beitrag. Die Kritik gilt dem, was er mit den Prinzipien tut: Er hält sie von der Schweiz fern.

Der Kontext, den beide fordern

Der Kernsatz beider Experten, mehrfach wiederholt: Es kommt auf den Kontext an, auf die Intention, auf die Umstände. Der Beitrag nimmt den Massstab an und wendet ihn nirgends an. Auf welche Bedrohung rüstet die Schweiz auf? Welche Absicht unterstellt sie wem? Welches Szenario trägt die zwölf Milliarden? Der Armeechef sagte zwei Wochen zuvor in diesem Sender, die Schweiz sei «mehr als je zuvor Teil der westlichen Welt und damit ein potenzielles Ziel». Das ist eine Kontextaussage von grösster Tragweite: Sie verlagert die Schweizer Sicherheitslage von der Geografie zur Bündniszugehörigkeit. Der Beitrag über Aufrüstung und Abschreckung, der die Frage nach Intentionen und Wahrnehmung aufwirft, zitiert die einzige Person nicht, die diese Woche eine offizielle Intentionserklärung abgab. Der Massstab der Experten ist gut. Der Beitrag verweigert ihm das Material.

Die Abstimmung, die im Wort fehlt

In fünf Tagen stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab. Deren Kern: keine Sanktionen ohne UNO-Mandat, keine Kooperation mit Militärbündnissen ausser bei direktem Angriff. Die Experten diskutieren exakt diese Fragen: ob Abschreckung Bündnisse braucht, ob kooperative Sicherheit möglich ist, ob ein Land «gut platziert» ist für Friedenspolitik. Cederman sagt: «Da ist die Schweiz sehr gut platziert.» Platziert wie? Als neutrales Land? Als Vermittlerin? Als Westgebundene? Der Satz, der die einzige Schweizer Brücke des ganzen Gesprächs bauen könnte, bleibt unerklärt stehen. Und das Wort, um das es am 27. September geht, fällt im ganzen Gespräch nicht ein einziges Mal. Eine Diskussion über Schweizer Aufrüstung, fünf Tage vor der Abstimmung über die Grundlage schweizerischer Aussenpolitik, ohne das Wort Neutralität: Das ist keine Auslassung. Das ist eine Entscheidung. Der Hörer bekommt die Philosophie der Sicherheit, damit er die Politik der Sicherheit nicht bekommt.

Die Frage, die keiner stellt

Goetschel sagt von den neunziger Jahren: «Man sprach von ‹kooperativer Sicherheit›. Dafür braucht es ein minimales Vertrauen zwischen den Akteuren. Wir müssen wieder zu einem Umdenken finden, das die Sicherheitsbedürtnisse aller europäischen Staaten berücksichtigt.» Der Satz ist in der Formulierung vorsichtig und in der Sache eine Bombe: «aller europäischen Staaten» schliesst Russland ein. Die Frage, die darauf liegt und von niemandem gestellt wird: Was hat die kooperative Sicherheit der neunziger Jahre getötet? Cederman liefert die Antwort im Nebensatz: «das Auftreten revisionistischer Mächte». Aufgetreten, wie Wetter auftritt. Die NATO-Osterweiterung, die von mehreren amerikanischen Diplomaten jener Jahre als Fehlkalkulation gegenüber Moskau eingeschätzt wurde, die Auflösung des Rüstungskontrollregimes von beiden Seiten, die Frage, ob der Westen die Sicherheitsbedürfnisse, die Goetschel jetzt einfordert, in den zwei Jahrzehnten zuvor berücksichtigt hat: all das ist der Stoff, aus dem die Kontroverse besteht. Beide Experten bewegen sich im Rahmen «Russland wurde revisionistisch, Europa reagierte». Die Gegenthese, dass die Reihenfolge komplizierter war, ist in der internationalen Debatte präsent und in diesem Gespräch nicht existent. Zwei akademische Positionen, die sich in der Diagnose der neunziger Jahre nicht widersprechen, sondern ergänzen, ergeben keine Debatte. Sie ergeben einen Konsens mit zwei Stimmen.

Die Ukraine, die halbiert ist

Cedermans stärkstes Argument: «Putin hat der Ukraine nach deren Nuklearwaffenverzicht versprochen, sie nicht anzugreifen, und hat gelogen.» Das stimmt, und es ist das stärkste verfügbare Argument gegen die Verlässlichkeit von Zusicherungen an Autokraten. Aber das Budapest-Memorandum trägt eine zweite Lehre, die der Beitrag nicht zieht: Die Ukraine erhielt Sicherheitsgarantien von drei Atommächten, und keine davon hinderte den Angriff. Papier von Grossmächten war nichts wert. Das ist die schweizerischste Lektion des ganzen Materials: Ein Land, das seine Sicherheit auf die Zusicherung anderer stützt, hat keine Sicherheit. Sie trägt beide Seiten der Abstimmung, die Befürworter der Aufrüstung wie die Befürworter der strikten Neutralität, und der Beitrag zieht sie für keine. Stattdessen die halbierte Version: Der Angreifer log, also braucht es Stärke. Die zweite Hälfte, dass Garantien nichts galten, also zählt nur Selbstverteidigungsfähigkeit, bleibt liegen. Dabei wäre sie die Antwort auf die Frage gewesen, die der Titel stellt.

Die Quellen, die Richtung haben

Beide Experten sind ausgewiesen, beide Personenboxen sind ehrlich: Goetschel war Berater von Aussenministerin Calmy-Rey, Sozialdemokratin. Cederman ist Konfliktforscher an der ETH, in einem Feld, dessen Budgets mit der Bedrohungswahrnehmung wachsen, und Schwede, aus einem Land, das seine zweihundertjährige Bündnisfreiheit aufgab und der NATO beitrat. Keine dieser Perspektiven wird im Gespräch als Perspektive markiert. Beide treten als Wissenschaft auf. Was fehlt, ist jede Stimme, die nicht Wissenschaft ist: ein Militärpraktiker, der sagt, was zwölf Milliarden kaufen, ein Ökonom, der sagt, was sie kosten, ein Politiker der einen oder anderen Abstimmungsseite. Das Stück hat zwei Professoren und null Schweizer Akteure. Die Frage «Mehr Waffen, mehr Frieden?» wird von zwei Männern beantwortet, die nie eine Abstimmung verloren oder ein Bataillon geführt haben, über ein Land, das in fünf Tagen entscheidet. Die Abstraktion ist vollständig.


Das Muster ist die Philosophie als Politikvermeidung. Wenn konkrete Entscheide anstehen, liefert das Medium Prinzipiendiskussionen. Der Hörer erhält Ontologie statt Politik: ob Waffen im Allgemeinen Frieden schaffen, ob Abschreckung im Prinzip funktioniert, ob Vertrauen möglich ist. Alles richtig, alles prüfbar, alles folgenlos, weil der Bezugspunkt der eigenen Entscheide fehlt. Die Experten selbst liefern den Massstab, den Kontext, und der Beitrag verhindert seine Anwendung. So entsteht aus einer scheinbar offenen Debatte eine geschlossene: offen in den Prinzipien, geschlossen in den Adressaten. Der Hörer darf über die Welt nachdenken, solange er nicht über die Schweiz nachdenkt, die am Sonntag über sich nachdenken muss.

So funktioniert dieser Beitrag: Er fragt zwei Experten nach dem Kontext und liefert keinen. Der Rüstungsfonds, am selben Tag beschlossen, kommt nicht vor. Die Sicherheitsstrategie von vor drei Tagen kommt nicht vor. Der Armeechef, der die Intentionserklärung der Woche lieferte, kommt nicht vor. Die Abstimmung in fünf Tagen kommt nicht vor, und das Wort Neutralität fällt in einer Diskussion über Schweizer Aufrüstung nicht ein einziges Mal. Die Frage, was die kooperative Sicherheit der neunziger Jahre tötete, wird von niemandem gestellt, die NATO-Osterweiterung existiert nicht. Das Budapest-Memorandom wird zur Hälfte zitiert, die wertlose Garantie als zweite Lehre weggelassen. Und zwei akademische Stimmen ohne Schweizer politische Akteure ersetzen die Debatte, die das Land führt. Wer den Beitrag hört, weiss, dass es auf den Kontext ankommt und dass Abschreckung manchmal funktioniert. Was der Kontext der Schweiz ist, was am Sonntag auf dem Spiel steht und welche Lehre die Ukraine für ein Land zieht, das auf Zusicherungen baut, muss der Hörer selbst denken. Der Beitrag hat ihm die Philosophie gegeben und die Politik vorenthalten. Das ist keine Expertenbefragung. Das ist die Kontextforderung als Kontextverweigerung, fünf Tage vor dem Termin, an dem der Kontext entscheidet.

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