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«Eine Studie zeigt»
Medienkritik
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«Eine Studie zeigt»

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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Dies ist keine Kritik an einem einzelnen Beitrag, sondern an einem Muster. Eine Suche im SRF-Archiv nach «eine Studie» liefert 32'720 Artikel. Das ist kein Zufallsbefund, sondern ein Genre: Die Studie ist zum journalistischen Universalrohstoff geworden, zu einer Formel, die fast jeder Aussage über Nacht den Stempel der Wissenschaftlichkeit verleiht. «Eine Studie zeigt» — und schon ist die Sache entschieden. Schauen wir uns an, was diese zwei Wörter leisten, was sie verschweigen, und warum gerade ihre Allgegenwart ein Problem ist.


Was an dem Befund fair sein muss

Vorab das Nötige: Über Studien zu berichten, ist nicht das Problem — es ist Aufgabe eines Service public. Vieles in der Liste ist legitimer, wertvoller Wissenschaftsjournalismus: die WSL-Studie zum Baumwachstum, die Planeten-Studie zu Uranus und Neptun, die Pest-Forschung aus Basel. Solche Beiträge übersetzen echte Forschung für ein breites Publikum, und das ist gut so.

Und fairerweise: SRF kann kritisch mit Studien umgehen. In genau dieser Liste finden sich zwei vorbildliche Gegenbeispiele. «Mikroplastik im Gehirn: Forschende zweifeln an Studienergebnissen» hinterfragt eine frühere Schlagzeile. Und bei der angeblichen Entdeckung Dunkler Materie lautet der Titel selbst: «Die Studie hält nicht, was die Schlagzeilen versprechen.» Das zeigt: Die Redaktion besitzt das Werkzeug der kritischen Distanz. Die Frage ist, warum sie es nur in einer verschwindenden Minderheit der 32'720 Fälle einsetzt.

Das Zauberwort «zeigt»

Das Herz des Problems steckt in einem einzigen Verb. Gehen wir die Titel durch: «Studie zeigt: KKL soll sich öffnen». «Studie zeigt: Britische Polizei kannte Schweizer Fankultur nicht». «Studie zeigt: Mehr Brände und Käfer». «Studie zeigt erstmals Stadt-Land-Unterschiede». Das Verb «zeigen» ist das meistgebrauchte Wort dieses Genres — und es ist fast immer falsch.

Denn «zeigen» behauptet Beweis. Eine Studie zeigt selten etwas; sie legt nahe, sie findet einen Zusammenhang, sie deutet hin auf, sie kommt zum Schluss. Der Unterschied ist nicht pedantisch, er ist fundamental. «Zeigen» suggeriert eine bewiesene Tatsache, wo in Wahrheit ein einzelnes Forschungsergebnis steht — mit Konfidenzintervallen, Einschränkungen, einer bestimmten Stichprobe und der ständigen Möglichkeit, durch die nächste Studie widerlegt zu werden. Indem der Journalismus das vorsichtige «eine Studie deutet an» durch das apodiktische «eine Studie zeigt» ersetzt, verwandelt er Wissenschaft in Verkündigung. Die Wissenschaft lebt vom Vorbehalt; die Schlagzeile tötet ihn.

Die fehlende Methodik

Das zweite, gravierendere Muster ist das Schweigen über das Wie. In der überwiegenden Mehrheit dieser Beiträge erfährt das Publikum nicht das, was über die Belastbarkeit eines Befunds entscheidet:

Wie gross war die Stichprobe? Eine Aussage aus 300 Befragten (wie im Periparto-Fall) hat ein anderes Gewicht als eine aus 30'000. Der Titel «Eine Studie zeigt» macht beide gleich gross.

Wer wurde befragt, und wie? Repräsentative Zufallsstichprobe oder selbstselektierte Online-Umfrage? «Repräsentative Studie: Autoscheinwerfer blenden jede dritte Person» — immerhin steht hier das Wort «repräsentativ». Bei den meisten anderen fehlt jede solche Angabe.

Wo ist die Studie? Fast nie wird die Originalpublikation verlinkt. Das Publikum kann das Referierte nicht überprüfen, nicht nachlesen, nicht einordnen. Es muss der SRF-Zusammenfassung einer Zusammenfassung glauben. Das ist das Gegenteil dessen, was Wissenschaft auszeichnet: Nachprüfbarkeit.

Peer-reviewed oder nicht? Ein Beitrag wie «Nature-Medicine-Studie» nennt immerhin ein hochrangiges Journal. Die meisten anderen lassen offen, ob es sich um begutachtete Forschung, ein Preprint, einen Verbandsbericht oder eine Beratungsfirmen-Auftragsarbeit handelt — Kategorien von völlig unterschiedlicher Beweiskraft, die unter dem einen Wort «Studie» verschwimmen.

Die unsichtbaren Auftraggeber

Hier liegt das politisch heikelste Muster. Eine «Studie» klingt nach neutraler Wissenschaft. Aber wer sie bezahlt hat, bestimmt oft, welche Frage gestellt — und damit, welche Antwort gefunden wird. Die Liste ist voller Studien mit handfesten Interessen dahinter, und der jeweilige Titel macht die Herkunft selten zum Thema:

Die Axpo-Studie zur Energiepolitik — vom Stromkonzern, der Kernkraftwerke betreibt. Die ZKB-Studie zum Referenzzinssatz — von einer Bank. Die H+-Studie, die «dringenden Reformbedarf in Spitälern» sieht — vom Spitalverband selbst. Die HSG-Studie gegen die OECD-Mindeststeuer — «im Auftrag» von jemandem, wie der Text immerhin andeutet. Die Avenir-Suisse-Studie zur Kita-Politik — von einer erklärtermassen «liberalen Denkfabrik». Die Militärakademie-Umfrage, die mehr Nato-Kooperation und eine «starke Armee» findet. Die Sucht-Schweiz-Studie zu Cannabis. Die FMH, die sich gegen eine Bürokratie-Studie wehrt — hier wird die Interessenlage ausnahmsweise zum Thema.

Keine dieser Studien ist deshalb automatisch falsch. Aber wenn ein Stromkonzern eine Studie zur Stromversorgung vorlegt, ein Spitalverband eine zum Spitalbedarf, eine liberale Denkfabrik eine zur Staatsaufgabe — dann ist die Auftraggeberschaft keine Fussnote, sondern Teil des Befunds. Ein Journalismus, der «eine Studie zeigt» titelt und die Interessenbindung in einen Nebensatz verschiebt oder ganz weglässt, lässt sich zum Verstärker fremder PR machen. Die Studie wird zum Instrument, mit dem ein Interesse die Aura der Objektivität kauft — und der Sender liefert sie gratis aus.

Die eine Studie als ganze Wahrheit

Ein weiteres Muster: Fast immer steht eine Studie für die Erkenntnis. «Neue Studie: Immer mehr Junge erkranken an Darmkrebs.» «Eine Studie zeigt: Orthodoxes Fasten ist mehrheitlich gesund.» «Studie: Höhere Krankenkassen-Kosten lohnen sich.»

So funktioniert Wissenschaft aber nicht. Erkenntnis entsteht nicht aus einer Studie, sondern aus einem Forschungsstand — aus vielen Studien, die sich widersprechen, replizieren, korrigieren. Eine einzelne Studie ist ein Datenpunkt, kein Schlussstrich. Indem der Journalismus jede neue Publikation als eigenständige «Erkenntnis» verkauft, erzeugt er das berüchtigte Schleudertrauma des Wissenschaftskonsumenten: Diese Woche ist Kaffee gesund, nächste Woche schädlich, weil jede Studie einzeln zur Schlagzeile wird. Das untergräbt langfristig genau das Vertrauen in Wissenschaft, das diese Beiträge zu stärken vorgeben. Wer ständig hört «eine Studie zeigt» und erlebt, dass die nächste das Gegenteil zeigt, schliesst irgendwann: Studien zeigen, was man will.

Warum es 32'720 sind

Die schiere Zahl verrät den eigentlichen Grund. Die «Studie» ist deshalb so allgegenwärtig, weil sie der billigste Content der Welt ist. Sie kommt als fertige Medienmitteilung — von einer Universität, einem Verband, einer Beratungsfirma —, geliefert mit Schlagzeile, Kernbotschaft und Zitat. Sie muss nur leicht umformuliert werden. Kein Reporter muss vor die Tür, niemand muss gegenrecherchieren, und das Resultat klingt seriös und faktisch.

Die «Studie» ist damit das perfekte Futter für einen Nachrichtenbetrieb unter Spardruck: Sie produziert den Anschein von Tiefe bei minimalem Aufwand. Genau deshalb entstehen 32'720 solcher Artikel — nicht weil so viel wichtige Forschung übersetzt werden müsste, sondern weil «eine Studie zeigt» die effizienteste Art ist, eine Seite zu füllen und dabei kompetent zu wirken. Der wissenschaftliche Anstrich kaschiert, dass hier oft nicht recherchiert, sondern abgeschrieben wird.

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