Eine Milliarde Dollar, null Fragen
Derselbe Sender, dieselbe Woche.
Am Dienstag zerstört SRF die Karriere eines Eishockeytrainers, weil er vor vier Jahren ein Covid-Zertifikat gefälscht hat. Strafbefehl angefordert, Sponsoren kontaktiert, Druckkaskade ausgelöst, im eigenen Studio die eigene Recherche gefeiert. Investigativjournalismus, sagte man.
Am Mittwoch veröffentlicht das BAG die ungeschwärzten Verträge zur Beschaffung der Covid-Impfstoffe. Knapp eine Milliarde Dollar allein für Moderna. 31 Millionen Dosen für ein Land mit 8,8 Millionen Einwohnern. 32 Dollar pro Dosis. Dazu eine Million Dosen Novavax für 20 Millionen Dollar. Die Verträge, die das BAG jahrelang unter Verschluss hielt, gegen deren Offenlegung es sich bis vor Bundesverwaltungsgericht wehrte, deren Veröffentlichung Privatpersonen erklagen mussten, weil das Bundesamt die Gesuche Ende 2023 abwies.
SRF berichtet. Pflichtbewusst, korrekt, vollständig im engsten Sinne des Wortes. Und stellt keine einzige Frage.
31 Millionen Dosen. 3,5 Dosen pro Einwohner. War das angemessen? Was geschah mit den nicht verwendeten Dosen? Was steht in den Verträgen über Haftung, über Rückgabe, über Stornierung? Welche Konditionen hat die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern erhalten? Die EU hat eigene Transparenzverfahren durchlaufen. Es gibt Vergleichswerte. SRF nennt keinen einzigen.
32 Dollar pro Dosis Moderna. Ist das viel? Ist das wenig? Andere Länder haben andere Preise bezahlt. Israel, das als erstes Land Massenimpfungen durchführte, zahlte laut veröffentlichten Berichten deutlich mehr und lieferte dafür Gesundheitsdaten an Pfizer. Grossbritannien verhandelte früh und günstig. Die EU zahlte unterschiedliche Preise je nach Vertragszeitpunkt. Ein einziger Vergleichssatz hätte dem Schweizer Bürger erlaubt, die Zahl einzuordnen. SRF liefert die Zahl nackt, ohne Kontext, ohne Massstab.
Das BAG hatte jahrelang argumentiert, die Veröffentlichung würde die Verhandlungsposition des Bundes in einer künftigen Pandemie schwächen. Das Bundesverwaltungsgericht wies das zurück: Die Pandemie sei bewältigt, die Umstände einer zukünftigen Pandemie seien ungewiss. SRF zitiert beide Positionen und lässt sie stehen. Aber die eigentliche Frage ist eine andere: Wenn das BAG bereit war, bis vor Gericht zu gehen, um diese Zahlen geheim zu halten, was befürchtete es konkret? Dass die Preise im internationalen Vergleich schlecht abschneiden? Dass die Mengen unverhältnismässig waren? Dass die Vertragsbedingungen Fragen aufwerfen würden?
Jetzt liegen die Verträge vor. Die Antworten stehen drin. SRF hat sie. Und berichtet, was das BAG mitteilt.
Die Woche nebeneinander.
Ein Eishockeytrainer fälscht ein Covid-Zertifikat. SRF fordert Akten an, konfrontiert, kontaktiert Sponsoren, löst eine Kettenreaktion aus, die in einer Freistellung endet. Dann berichtet SRF im eigenen Studio über die eigene Wirkung. Aufwand: beträchtlich. Ertrag: ein zerstörter Ruf.
Das BAG gibt Verträge über eine Milliarde Dollar frei, die es jahrelang unter Verschluss hielt. SRF übernimmt die Medienmitteilung, nennt die Zahlen, stellt null Fragen. Aufwand: minimal. Ertrag: null Erkenntnis.
Fischer hat ein Dokument umgangen, das es nicht mehr gibt. Die Verträge haben ein System finanziert, das Fischers Zertifikat überhaupt erst nötig machte. SRF jagt den Mann und transkribiert das System.
Unerbittlich nach unten. Höflich nach oben.
Immer dasselbe Muster.
Ähnliche Beiträge
Kein Artikel verpassen.
