9min
Drei Gymnasiastinnen, ein politischer Auftrag
Medienkritik
8 Minuten

Drei Gymnasiastinnen, ein politischer Auftrag

SRF/SRGGesellschaftMigration
schwerwiegend
Teilen

Zur SRF-Berichterstattung «Wie drei Gymnasiastinnen über Gewalt an Frauen denken»* von Matthias Baumer, Echo der Zeit, 3. Mai 2026*

Das Echo der Zeit ist die journalistische Flaggschiffsendung des Schweizer Radios. Sie läuft seit 1945, jeden Abend um 18 Uhr, und gilt als eines der ernsthaftesten Informationsformate des Landes. Wer hier Sendezeit bekommt, hat etwas zu sagen, das einer breiten Öffentlichkeit ernsthaft mitgeteilt werden soll.

Am 3. Mai 2026 bekommen drei Gymnasiastinnen aus Hofwil bei Bern viereinhalb Minuten Echo der Zeit. Sie heissen Ayda, Clio und Selina. Sie sprechen darüber, wie sie als junge Frauen über Gewalt an Frauen denken.

Schauen wir, was darin steckt.

Die Konstruktion

Drei junge Frauen werden als Zeuginnen ihrer Generation aufgerufen. Keine Statistik wird korrekt eingeordnet. Keine Fachperson analysiert strukturell. Keine Gegenposition stellt die Gewichtung infrage. Drei Mädchen am Gymnasium sprechen ins Mikrofon.

Das ist eine Wahl. Das Echo der Zeit hätte eine Soziologin einladen können. Eine Statistikerin des BFS. Eine Mitarbeiterin der Opferhilfe. Einen Kriminologen. Stattdessen wählt die Redaktion drei Schülerinnen, weil sie etwas leisten, was Fachleute nicht leisten würden: Sie sprechen unwidersprochen. Niemand verlangt von ihnen empirische Untermauerung. Sie sind Zeuginnen ihres Gefühls, und dieses Gefühl wird zur journalistischen Aussage erhoben.

Die ausgelassenen Zahlen

Der Beitrag liefert eine einzige Zahl: «34 Tötungsdelikte im vergangenen Jahr ereigneten sich im häuslichen Bereich – acht mehr als im Vorjahr.»

Das ist statistisch korrekt, aber selektiv. Die vollständige Lage gemäss der im März 2026 veröffentlichten Kriminalstatistik 2025 sieht so aus:

Die Gesamtzahl der Gewaltstraftaten stieg 2025 um 2,0 Prozent auf 49'915 Fälle.

Die schwere Gewalt nahm um 8,1 Prozent zu.

Die Zahl der vollendeten Tötungsdelikte stieg auf 55 Fälle, davon 34 im häuslichen Bereich.

Vergewaltigungen nahmen ebenfalls zu, teilweise erklärbar durch das revidierte Sexualstrafrecht.

Während die Gesamtkriminalität leicht sank — vor allem wegen rückläufiger Vermögensdelikte —, steigt die Gewalt, und sie wird schwerer. Das ist der Trend, den die offiziellen Zahlen ausweisen. Es ist kein Wahrnehmungsphänomen. Es ist statistisch erfasst.

Der Beitrag erwähnt von all dem nichts ausser den 34 Tötungsdelikten. Er zitiert die Zahl, ohne sie in den allgemeinen Trend einzuordnen, weil der allgemeine Trend Fragen aufwerfen würde, die der Beitrag nicht stellen will.

Die zentrale Operation

Hier kommt der Kern des Beitrags:

«Doch dass Männer aus bestimmten Weltgegenden gewalttätiger gegenüber Frauen seien als andere, ist für alle drei ein politisches Narrativ. ‹Ich achte nicht auf die Kultur›, sagt Ayda. ‹Bei jenen Malen, wo ich von Männern und Betrunkenen blöd angesprochen wurde, waren es immer Schweizer.›»

Das ist die eigentliche Botschaft. Alles andere ist Rahmung.

Schauen wir die Faktenlage an. Die Schweizer Kriminalstatistik weist seit Jahren aus, dass Tatverdächtige bei Gewaltdelikten überproportional aus bestimmten Herkunftsgruppen stammen. Die Tatverdächtigenrate pro 1'000 ständige Wohnbevölkerung liegt für Schweizer Bürger bei einem Wert; für Personen aus dem Westbalkan, aus Nordafrika, aus dem Nahen Osten und aus Subsahara-Afrika bei einem Vielfachen. Das gilt für Gewaltdelikte allgemein, und es gilt verschärft für bestimmte Deliktarten wie sexuelle Übergriffe.

Diese Zahlen sind öffentlich. Sie werden vom BFS jedes Jahr publiziert. Sie sind nicht ein «Narrativ». Sie sind die Daten, die der Staat selbst erhebt.

Wer das als «politisches Narrativ» bezeichnet, hat entweder die Zahlen nicht gelesen oder lehnt es ab, sie zur Kenntnis zu nehmen. Drei Achtzehnjährige sagen es, und das Echo der Zeit gibt es als Erkenntnis weiter. Es gibt keine Einordnung des Reporters. Keine Faktenprüfung. Stattdessen: «Bei jenen Malen, wo ich von Männern und Betrunkenen blöd angesprochen wurde, waren es immer Schweizer.»

Das ist der Beweis. Aydas persönliche Erfahrung mit «blöd angesprochen werden» auf der Strasse wird zur statistischen Aussage über häusliche Gewalt erhoben. Die zwei Phänomene haben miteinander wenig zu tun. Aber im Beitrag wird das eine als Beleg für das andere genommen, ohne dass jemand widerspricht.

Die journalistische Verantwortung

Was hätte das Echo der Zeit tun müssen?

Bei einer Aussage wie «Männer aus bestimmten Weltgegenden sind nicht gewalttätiger als andere» hätte der Journalismus die Pflicht zur Einordnung. Zwei Sätze hätten genügt: Die Aussage der Schülerin deckt sich nicht mit der Datenlage. Die Statistik zeigt erhebliche Unterschiede in der Tatverdächtigenrate nach Herkunftsregion. Diese Unterschiede sind soziologisch und kulturell zu erklären, nicht ethnisch, aber sie sind empirisch vorhanden.

Das Echo der Zeit verzichtet auf diese Einordnung. Stattdessen werden die Aussagen der Schülerinnen als Erkenntnis präsentiert. Das «politische Narrativ», gegen das sich die drei wehren, sei eben ein Narrativ. Punkt.

Das ist nicht Berichterstattung. Das ist eine programmatische Setzung, die mit Schülerinnenstimmen umrahmt wird, um sie als authentische Generationsstimme erscheinen zu lassen.

Die Auswahl der Stimmen

Drei Gymnasiastinnen aus dem Gymnasium Hofwil. Hofwil ist ein renommiertes Gymnasium im Kanton Bern, akademisch ambitioniert, sozial zusammengesetzt aus der gehobenen Mittel- und Oberschicht der Region. Wer dort zur Schule geht, gehört zu den oberen 20 Prozent des bildungsbürgerlichen Spektrums.

Die drei sprechen für ihre Generation, so die implizite Setzung. Sie sprechen aber nicht für die 18-jährige Verkäuferin in der Migros-Kasse, die in einem Stadtquartier aufwächst, in dem Gewaltdelikte häufiger sind. Sie sprechen nicht für die junge Frau, die eine Schule mit hohem Migrationsanteil besucht und dort möglicherweise andere Erfahrungen mit Geschlechterrollen macht. Sie sprechen nicht für die Lernende einer Berufsschule in Schlieren, deren Lebenswelt mit jener von Hofwil wenig Berührungspunkte hat.

Das Echo der Zeit hätte alternative Stimmen einholen können. Aber drei Gymnasiastinnen aus Hofwil liefern die Antworten, die offenbar gewünscht sind.

Das ehrliche Erlebnis

Bemerkenswert ist, was der Beitrag fast nebenbei selbst preisgibt: Ayda erzählt, dass ihre Mutter häusliche Gewalt erlebt habe und immer noch erlebe. «Vor allem verbale Gewalt.»

Das ist die einzige konkrete Gewalterfahrung, die im ganzen Beitrag erwähnt wird. Sie betrifft eine Erwachsene mit Migrationsbiografie — der Vorname Ayda hat türkisch-persische Wurzeln. Die Mutter erlebt Gewalt in einer bestehenden Beziehung. Vom eigenen Mann, ist anzunehmen.

Der Beitrag erzählt das, ohne die Frage zu stellen, in welchem Kontext das geschieht. Aydas Tochter sagt, kulturelle Faktoren seien ein politisches Narrativ. Aydas Mutter erlebt häusliche Gewalt. Der Beitrag verbindet die zwei Punkte nicht. Er fragt nicht. Er lässt es stehen.

Hier wäre journalistische Aufklärungsarbeit angezeigt gewesen. Welche Verleugnungsleistung steckt in einer Position, die die persönliche Realität der eigenen Familie in eine politische Aussage umwidmet, die diese Realität verschwinden lässt?

Die Funktion im grösseren Kontext

Warum sendet das Echo der Zeit am 3. Mai 2026 einen solchen Beitrag?

Die Schweiz hat im Frühjahr 2026 eine intensive Debatte über Migration und Sicherheit. Die SVP-Initiative gegen die «10-Millionen-Schweiz» läuft. Die Gewaltkriminalität steigt nachweisbar. Die Frage der Tätergruppen ist statistisch beantwortbar. Diese Antwort ist unbequem für eine Position, die kulturelle Faktoren bei Gewaltdelikten verharmlosen will.

In dieser Lage sendet das Echo der Zeit einen Beitrag, der drei junge Frauen sprechen lässt, die genau das tun: kulturelle Faktoren als «politisches Narrativ» abqualifizieren. Die Sendung produziert ihre eigene Realität. Sie nimmt die Erfahrung von drei privilegierten Bildungsbürgerinnen und macht daraus die Stimme der Generation. Sie erzeugt damit ein Bild, das den unbequemen Statistiken widerspricht.

Das ist Agenda-Journalismus. Es ist die Auswahl von Stimmen, die das Gewünschte sagen, und die Auslassung der Statistiken, die das Gewünschte stören würden.

Was eine ehrliche Sendung gewesen wäre

Eine ehrliche Sendung über Gewalt an Frauen hätte die Statistiken offen auf den Tisch gelegt. Sie hätte gesagt: Die Gewaltkriminalität in der Schweiz steigt. Schwere Gewalt steigt um 8,1 Prozent. 55 Tötungsdelikte 2025, 34 davon im häuslichen Bereich. Die Tatverdächtigenrate unterscheidet sich erheblich nach Herkunftsregion. Diese Unterschiede sind nicht ethnisch zu erklären, aber kulturell und sozioökonomisch. Sie sind in den Zahlen sichtbar und können nicht weginterpretiert werden.

Eine ehrliche Sendung hätte gefragt: Wenn die Schweizer Frau heute erhöhter Gewalt ausgesetzt ist, wer sind die Täter? Welche Profile haben sie? Welche Massnahmen würden konkret helfen? Sie hätte mit Fachleuten gesprochen, mit Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser, mit Kriminologen.

Stattdessen liefert das Echo der Zeit viereinhalb Minuten, in denen drei Schülerinnen unwidersprochen sagen, was politisch erwünscht ist.

Der Befund

Matthias Baumer hat einen Beitrag gemacht, der eine politische Botschaft transportiert, indem er sie in den Mund von drei jungen Frauen legt. Diese Konstruktion erlaubt es, die Botschaft als authentische Generationsstimme zu präsentieren, ohne die journalistische Verantwortung zu übernehmen, sie inhaltlich zu prüfen.

Die Botschaft lautet: Kulturelle Unterschiede bei der Gewalt gegen Frauen sind ein politisches Narrativ. Sie sind nicht real.

Diese Botschaft widerspricht den öffentlich verfügbaren Statistiken des Bundesamts für Statistik. Sie widerspricht den Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik 2025, die wenige Wochen vor der Sendung publiziert wurde. Sie widerspricht der Lagebeurteilung der Frauenhäuser, die seit Jahren auf die spezifische Tätergruppen-Zusammensetzung hinweisen.

Drei Stimmen, eine Botschaft, viereinhalb Minuten. Keine Fachperson. Keine Statistik, die nicht sofort wieder verworfen wird. Keine Gegenposition. Während die Gewalt in der Schweiz nachweislich steigt — schwere Gewalt um 8,1 Prozent in einem einzigen Jahr — sendet das Flaggschiff der SRF-Information eine Sendung, deren Hauptaussage darin besteht, dass eine ganze Erklärungsdimension nicht existieren dürfe.

Am Ende des Beitrags, in der dezent eingeblendeten Box, steht die Telefonnummer 142. Hilfe bei Gewalt. Anonym, kostenlos, schweizweit. Die Frauen, die diese Nummer wählen werden, in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten, werden in vielen Fällen Erfahrungen schildern, die das Echo der Zeit am 3. Mai 2026 für ein politisches Narrativ erklärt hat. Die Mitarbeiterinnen am anderen Ende der Leitung kennen die Realität. Aber sie kommen in der Sendung nicht vor.

Drei Gymnasiastinnen kommen vor. Vier Minuten achtunddreissig Sekunden. Mehr braucht es nicht, um eine Diskussion zu schliessen, bevor sie überhaupt offen geführt werden konnte.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.