Drei Geschichten, ein Mann
Zur Qualität der SRF-Berichterstattung über Fredy Künzler 2013, 2018, 2020 — und zu ihrer Abwesenheit 2026
Die drei SRF-Beiträge sind besser, als man bei laufender Lektüre erwartet. 10vor10 nennt 2013 das Problem präzise: Der Bund hat keine rechtliche Handhabe, die Provider zur Mitarbeit zu zwingen. Künzlers Position wird zitiert, ohne sie zu verzerren. Die Drohung des obersten Staatsanwalts wird wiedergegeben, ohne sie zu adoptieren. ECO zeigt 2018 eine Pluralität von Stimmen — Künzler, Sunrise-Chef Swantee, Swisscom-Chef Schäppi, Suissedigital, Mia Engiadina — die in einem zwölfminütigen Stück ein Bild der Marktverhältnisse zeichnet, das man so detailliert in der NZZ selten findet. 10vor10 bringt 2020 die technische Differenz zwischen Point-to-Point und Point-to-Multipoint in dreissig Sekunden so klar, dass auch Laien die Konsequenz verstehen.
Was die Beiträge nicht leisten, fällt erst beim Nebeneinanderlegen auf. Sie kennen kein Gedächtnis. 2013 ist Künzler der Provider, der die Abhöranlage verweigert. 2018 ist er der Geschäftsführer, der die FMG-Revision unterstützt. 2020 ist er der Kläger gegen die Swisscom-Architektur. Drei Auftritte, drei Rollen, drei Geschichten. Dass es sich um denselben Mann mit einer kohärenten Position handelt — dass die Verweigerung der Überwachungsinfrastruktur und die Anzeige gegen die Glasfaserarchitektur dieselbe Frage stellen, nämlich wer die Möglichkeitsräume der Infrastruktur kontrolliert —, kommt in keinem der drei Beiträge vor. SRF berichtet. SRF erinnert sich nicht.
Diese Fragmentierung hat eine Funktion. Wer nur das einzelne Stück sieht, sieht eine Episode: ein streitlustiger Provider, ein technischer Disput, ein Marktstreit. Wer die Stücke als Serie liest, sieht ein Muster: einen Mann, der dreizehn Jahre lang mit derselben Argumentation gegen dieselbe strukturelle Logik kämpft, allein gegen eine Branche, die ihre Infrastruktur als Verhandlungsmasse betrachtet. Die einzelne Episode lässt sich beschreiben. Das Muster wäre eine politische Aussage. SRF beschreibt. SRF macht keine politischen Aussagen.
Auch innerhalb der einzelnen Stücke gibt es eine Selbstbeschränkung. Der 10vor10-Beitrag von 2013 zitiert die Forderung nach gesetzlichem Zwang, ohne zu fragen, ob dieser Zwang verhältnismässig wäre. Der ECO-Beitrag von 2018 lässt Schäppi seine Investitionsdrohung formulieren, ohne sie als das zu benennen, was sie ist: eine Erpressung des Gesetzgebers durch ein staatlich kontrolliertes Unternehmen. Der 10vor10-Beitrag von 2020 endet mit Suissedigitals trockener Beobachtung, dass es nicht verboten sei und Swisscom mache, solange niemand bremse — eine Beobachtung, die unkommentiert bleibt.
Was bleibt, ist solides Handwerk in einem Format, das die Verbindungen scheut. Die Beiträge informieren. Sie kontextualisieren nicht. Sie nennen Akteure, ohne deren Geschichte zu kennen. Sie zeigen Konflikte, ohne deren Wiederkehr zu sehen.
Wenn dieselbe Geschichte zum vierten Mal erzählt werden muss, bevor jemand sie als Geschichte erkennt, dann liegt das Problem nicht bei der Erzählerin. Es liegt bei einem Format, das jede Episode für die letzte hält.
Die vierte Runde fehlt im SRF-Archiv.
Bis zum Mai 2026 ist keine Berichterstattung über den DNS-Fall, die Bussenverfügung, die Bundesgerichtsbeschwerde nachweisbar. Dass die Geschichte gerade jetzt, an dem Punkt, wo sie zum ersten Mal vor einem Gericht landet, nicht erzählt wird, hat nichts mit Zensur zu tun. Es hat mit einem Format zu tun, das einen Anlass braucht — eine Pressekonferenz, ein parlamentarisches Geschäft, einen Skandal mit Schlagzeile.
Ein Mann, der gegen eine Bussenverfügung Beschwerde führt, weil er Adressauflösung von Beschlagnahmung unterscheiden kann, liefert diesen Anlass nicht. Bis das Bundesgericht entscheidet, bleibt die Geschichte den Fachblogs und LinkedIn überlassen. Wenn das Urteil kommt, wird SRF berichten. Vermutlich in drei Minuten. Vermutlich ohne Bezug auf 2013, 2018, 2020.
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