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Die Zirkusdirektorin, der Klimazirkus – und der böse Finanzmarkt
Medienkritik
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Die Zirkusdirektorin, der Klimazirkus – und der böse Finanzmarkt

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*Zur SRF-Sendung «Rendez-vous» vom 5. Mai 2026: *«‹Donut-Ökonomie› soll Gesellschaft radikal verändern»

Was berichtet wird

Klaus Ammann berichtet im SRF-«Rendez-vous» vom Auftritt der Oxford-Ökonomin Kate Raworth an der «ClimateWeek» in Zürich. Raworth präsentiert ihre Theorie der «Donut-Ökonomie» nicht in einem Vortrag, sondern in einer Zirkusshow. Sie tritt mit Zylinder und langem Mantel auf, ruft sich selbst zur Zirkusdirektorin aus, holt zwei Freiwillige auf die Bühne und verkleidet sie: «die gute Mutter Erde ganz in grünen Blättern und der böse Finanzmarkt im schwarzen Anzug mit Zylinder und Taschenrechner». Mit Schwimmnudeln aus Kunststoff formt Mutter Erde einen Kreis, der Finanzmarkt eine Wachstumskurve. Es folgt eine «Art Psychotherapie», in der das Publikum die Emotionen des Finanzmarkts — Gier, Angst, Macht — szenisch darstellt und zum Umdenken bewegen soll.

Das Modell selbst ist rasch beschrieben. Innerhalb des Donut-Rings liegt der Bereich, in dem die sozialen Grundbedürfnisse — Bildung, Nahrung, Geschlechtergerechtigkeit — gedeckt sind und zugleich die «planetaren Grenzen» (Klimawandel, Artenvielfalt, Versauerung der Ozeane) nicht überschritten werden. Im Loch fehlt das soziale Fundament. Ausserhalb wird die Natur überlastet. Ziel: auf dem Ring leben.

Ammann schliesst mit einer milden Einordnung. Der Vortrag sei «unterhaltsam und interaktiv», die Therapie-Inszenierung «ein bisschen zu einfach und klamaukig». Kritiker bemängelten, dass das Modell Wachstum kritisch sehe und keine klare Strategie zur Zielerreichung biete.

Was registriert werden kann

Erstens ist der Beitrag formatlich auffällig. SRF berichtet in einer ökonomischen Rubrik des «Rendez-vous» — einer Sendung mit Anspruch auf seriöse Tagesinformation — über eine Zirkusshow. Das ist nicht per se zu beanstanden; auch eine Zirkusshow kann Gegenstand eines journalistischen Beitrags sein. Auffällig ist die Tonlage. Die Inszenierung wird referiert, nicht analysiert. Die Verkleidungen — «die gute Mutter Erde», «der böse Finanzmarkt» — werden in der von Raworth verwendeten Wertung übernommen, ohne dass die Wertung als solche markiert wird. Der Bericht spielt mit, statt zu beschreiben.

Zweitens ist die Person Raworths in einer Weise eingeführt, die Spielraum eröffnet. Sie ist «Ökonomin an der Oxford-Universität». Diese Bezeichnung ist nicht falsch, aber unscharf. Raworth ist Senior Associate am Environmental Change Institute der Universität Oxford und Professor of Practice an der Universität Amsterdam. Ihre wissenschaftliche Verankerung in der ökonomischen Disziplin ist umstritten; ihr Buch Doughnut Economics (2017) ist im populärwissenschaftlichen, nicht im fachwissenschaftlichen Bereich erschienen. In der akademischen Volkswirtschaftslehre wird das Modell weder breit rezipiert noch in Standardlehrbüchern referenziert. Es ist primär ein Kommunikationsmodell für die Nachhaltigkeitsdebatte, nicht ein analytisches Modell in der ökonomischen Forschung. Der SRF-Beitrag suggeriert mit der Formel «Ökonomin an der Oxford-Universität» eine Autorität, die in der fachlichen Substanz weniger eindeutig ist, als die Formel nahelegt.

Drittens ist die Aussagestruktur des Modells im Beitrag nicht geprüft. Raworth sagt, «10 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 85 Prozent des Reichtums». Die Zahl ist diskutierbar — sie hängt von der Quelle (Credit Suisse Global Wealth Report, World Inequality Report, Oxfam) und von der Definition von Reichtum (Vermögen, Einkommen, netto, brutto) ab. Der World Inequality Report 2022 nennt für die obersten 10 Prozent einen Anteil von 76 Prozent am globalen Vermögen. Raworth nennt 85 Prozent. Eine journalistische Rückfrage zur Quelle wäre zu erwarten. Sie findet nicht statt. Die Zahl steht im Beitrag, als sei sie ein Faktum.

Auch die Aussage, die Artenvielfalt sei «in den letzten fünfzig Jahren um fast drei Viertel zurückgegangen», bezieht sich vermutlich auf den Living Planet Index des WWF, der einen Rückgang der überwachten Wirbeltierpopulationen — nicht der Artenvielfalt insgesamt — um rund 69 bis 73 Prozent zwischen 1970 und 2018 ausweist. Die Methodik dieses Index ist in der Fachliteratur kontrovers; mehrere Studien (etwa Leung et al., Nature 2020) haben gezeigt, dass der Wert stark von einer kleinen Zahl extrem schrumpfender Populationen getrieben wird. Der Beitrag referiert die Zahl ohne diese Einordnung.

Viertens ist die Inszenierung selbst eine Aussage. Wenn ein Wirtschaftsmodell durch eine Zirkusshow vermittelt wird, in der «Mutter Erde» grün und «der Finanzmarkt» schwarz gekleidet ist, dann ist das eine moralische Allegorie, keine ökonomische Analyse. Der Finanzmarkt erscheint als Person mit Charaktereigenschaften — gierig, angstgetrieben, machtversessen —, die in einer szenischen Psychotherapie zur Einsicht gebracht werden soll. Das ist eine Vermenschlichung eines Systems, die in der ökonomischen Theorie unüblich ist und in der politischen Rhetorik eine lange Geschichte hat. Sie reduziert systemische Fragen — Anreizstrukturen, Eigentumsrechte, Allokationsmechanismen, demokratische Steuerung — auf moralische Fragen über die Charakterbildung handelnder Individuen.

Eine ökonomische Kritik des Finanzmarkts kann mit guten Gründen geführt werden: über externe Effekte, über Marktversagen bei langfristigen Risiken, über die Diskontierung zukünftiger Schäden, über regulatorisches Versagen. Eine Allegorie über einen «bösen Finanzmarkt», der Therapie braucht, ersetzt diese Argumente nicht — sie umgeht sie.

Fünftens ist die journalistische Distanz im Beitrag schwach. Die einzige kritische Passage steht am Ende und lautet: Die Therapie-Inszenierung wirke «ein bisschen zu einfach und klamaukig», einige Ökonomen kritisierten das Wachstumsverständnis und das Fehlen einer Umsetzungsstrategie. Die Kritik ist namenlos («einige Ökonominnen und Ökonomen»), unspezifisch (welche Argumente?) und am Schluss platziert, nach einer ausführlichen, wohlwollenden Wiedergabe der Inszenierung.

Vor dieser abschliessenden Relativierung steht der Satz: «Der Wert der Arbeit von Kate Raworth und der ‹Donut-Ökonomie› liegt vor allem darin, dass diese eben eindrücklich klar macht, was alles zusammenhängt.» Dieser Satz steht in der Erklärungsbox, gekennzeichnet als Einordnung des Autors. Er bewertet das Modell positiv, bevor die kritischen Stimmen — undifferenziert und im Plural — am Schluss kurz erwähnt werden. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Wer den Beitrag liest, hat die Wertung «wertvoll» bereits aufgenommen, wenn er die Einschränkung «klamaukig» liest.

Der Befund

Was hier registrierbar ist, ist nicht, dass SRF über eine Zirkusshow zur «Donut-Ökonomie» berichtet. Das ist legitim. Was registrierbar ist, ist die Form des Berichts.

Erstens, dass die akademische Statur der Vortragenden in einer Weise dargestellt wird, die mehr Autorität suggeriert als die fachliche Einbettung des Modells trägt.

Zweitens, dass im Beitrag genannte Zahlen ohne Quellenprüfung übernommen werden.

Drittens, dass die moralisch aufgeladene Allegorie der Show — gute Erde, böser Finanzmarkt — vom Beitrag in der gleichen Tonlage wiedergegeben wird, in der sie auf der Bühne präsentiert wurde, ohne dass die Wertung als Wertung markiert wird.

Viertens, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Modell im Beitrag auf zwei nachgeschobene Sätze am Schluss reduziert ist, deren Quellen anonym bleiben.

Auffällig ist die Selbstverständlichkeit, mit der ein Format, das «Rendez-vous» heisst und Tagesinformation sein will, eine ideologisch klar positionierte Performance als ökonomischen Beitrag referiert. Eine Sendung, die einem österreichischen Schüler der Wiener Schule oder einem Anhänger der Chicagoer Tradition denselben Raum, denselben Tonfall und dieselbe wohlwollende Wiedergabe seiner Inszenierungen gewährte, ist im SRF-Programm nicht ohne weiteres aufzufinden. Das ist keine Anklage, aber eine Beobachtung über die Asymmetrie, mit der wirtschaftliche Denkschulen im öffentlich-rechtlichen Programm Resonanz finden.

Die «Donut-Ökonomie» ist nicht ein neutrales pädagogisches Werkzeug, sondern eine populäre Verpackung der Postwachstums- und Degrowth-Theorie, einer ökonomischen Schule mit ernstzunehmenden Vertretern und ernstzunehmenden Kritikern. SRF markiert diese Verortung nicht.

Wer die «Donut-Ökonomie» für ein wertvolles Kommunikationsmittel hält, wird durch den Beitrag bestätigt. Wer sie für eine moralische Vereinfachung hält, die ökonomische Komplexität in Allegorien auflöst, findet im Beitrag wenig, was diese Position berücksichtigt. Eine Sendung, die beide Lesarten ernst nimmt, sähe anders aus.

Originalbeitrag auf X →

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