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Die Zeitenwende, die nur eine Wende ist
Medienkritik
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Die Zeitenwende, die nur eine Wende ist

SRF/SRGEU/AussenpolitikDemokratie
schwerwiegend
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SRF feiert die Abwahl von Viktor Orban als «Zeitenwende». Tanzende Menschen vor dem Parlament. Junge Frauen mit Fahnen. Optimismus, Aufbruch, Euphorie. Das ist die eine Seite. Die andere: Eine 73-jährige Grossmutter, die Orban verteidigt, wird als Beispiel für die Verblendeten präsentiert. Ihre Argumente werden als «Behauptungen der Orban-Regierung» abgetan. Die Hälfte des Landes, die Orban gewählt hat, bekommt eine einzige Stimme — und die wird als irregeleitet dargestellt. Das ist keine Berichterstattung. Das ist eine Siegerfeier.

Zum SRF Beitrag «Zeitenwende in Ungarn: Viel Euphorie und grosse Hürden», 27.05.2026


Die Bildsprache, die alles sagt

Vier Bilder einer «Aufbruchstimmung». Tanzende Menschen. Fahnen. Sonnenuntergang am Flussufer. Junge Frauen, die Fahnen schwenken.

Ein Bild von Erzsebet Antal? Keines. Sie wird im Text zitiert, aber nicht gezeigt. Ihre Welt — die Welt der älteren Ungarn, die Orban gewählt haben — existiert visuell nicht.

Das ist eine Entscheidung. Wer die Bilder auswählt, bestimmt, was real wirkt. Die tanzenden Jungen sind real. Die trauernde Grossmutter ist eine Anekdote.

SRF zeigt die Sieger. Es zeigt nicht die Verlierer. Und in einer Demokratie sind beide gleich wichtig — denn beide sind das Land.

Die Zahl, die fehlt

Wie hat Magyar gewonnen? Mit welcher Mehrheit? Wie viel Prozent hat Orban erhalten? Wie viel Prozent das Tisza-Lager?

Der Artikel sagt es nicht. Er erwähnt: «Zweidrittelmehrheit im Parlament». Aber das ist die Mandatsverteilung, nicht die Wählerstimme. In Ungarn — wie in vielen Ländern — kann eine Partei mit unter 50% der Stimmen eine Zweidrittelmehrheit der Sitze gewinnen, wenn das Wahlsystem es zulässt.

Orban hat das jahrelang ausgenutzt. Ein Wahlsystem, das ihm Zweidrittelmehrheiten verschaffte, obwohl er nie zwei Drittel der Stimmen hatte. SRF hat das damals zu Recht kritisiert.

Jetzt nutzt Magyar dasselbe System. Und SRF kritisiert es nicht mehr. Es feiert die «Zweidrittelmehrheit», als wäre sie ein Beweis für die Stärke des neuen Premiers.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie viele Ungarn haben tatsächlich Magyar gewählt? (44%) Und wie viele wurden durch ein verzerrtes Wahlsystem ausgeschlossen?

Die Grossmutter, die verblendet ist

Erzsebet Antal, 73, fünffache Grossmutter. Sie verteidigt Orban. Sie nennt Magyar eine «Marionette, gekauft von Brüssel und der Ukraine».

SRF kommentiert: «Sie wiederholt damit die Behauptungen der Orban-Regierung während des Wahlkampfs.»

Das ist die Methode. Die Frau wird nicht als Bürgerin mit eigener Meinung dargestellt, sondern als Empfängerin von Propaganda. Ihre Worte sind nicht ihre eigenen. Sie sind «Behauptungen der Orban-Regierung», die sie nachplappert.

Aber: Was ist mit den jungen Tanzenden vor dem Parlament? Wiederholen sie nicht auch «Behauptungen» — die der Magyar-Kampagne? Die der EU-freundlichen Medien? Die der westlichen Korrespondenten, die seit Jahren auf einen Sturz Orbans hinarbeiteten?

SRF stellt diese Frage nicht. Bei den Jungen ist es Überzeugung. Bei der Grossmutter ist es Manipulation. Bei den Jungen ist es Aufbruch. Bei der Grossmutter ist es Verblendung.

Das ist die Asymmetrie der Berichterstattung: Die Sieger haben Argumente. Die Verlierer haben Propaganda im Kopf.

Die EU, die nichts gekauft hat

Antals Vorwurf: Magyar sei «gekauft von Brüssel und der Ukraine». SRF tut diesen Vorwurf als «Behauptung» ab.

Aber was sind die Fakten?

Die EU hatte unter Orban Milliarden an Kohäsionsmitteln zurückgehalten. Diese Mittel waren an Rechtsstaatlichkeitsreformen geknüpft. Magyar hat versprochen, diese Reformen durchzuführen. Die EU-Mittel werden nun fliessen.

Das heisst nicht, dass Magyar «gekauft» wurde im plumpen Sinn. Aber es heisst: Es gab einen massiven finanziellen Anreiz, einen Regierungswechsel zu unterstützen. Die EU hat — durch das Zurückhalten der Mittel — die ungarische Wirtschaft unter Druck gesetzt. Der Druck wurde von der Bevölkerung als wirtschaftliche Krise wahrgenommen. Die Krise hat Orban geschadet. Magyar hat profitiert.

Das ist nicht «Kauf». Aber es ist auch nicht «freie demokratische Entscheidung». Es ist ein politischer Prozess, in dem externe Akteure massiven Einfluss hatten.

SRF nennt diesen Einfluss nicht. SRF nennt die Vorwürfe «Behauptungen». Und übergeht die Realität: Die EU hat eine Rolle gespielt. Ob sie legitim war oder nicht, ist eine Diskussion wert. SRF führt sie nicht.

Die Medienfreiheit, die immer einseitig ist

Der Artikel zitiert den Medienprofessor Gabor Polyak: Die Angestellten der öffentlich-rechtlichen Medien hätten unter Orban «ganz bewusst Propaganda verbreitet, gelogen, Existenzen zerstört».

Das ist eine schwere Anschuldigung. Sie mag zutreffen. Aber sie wird ohne Belege im Artikel präsentiert. Welche Lügen? Welche Existenzen? Welche Beweise?

Und vor allem: Welche Garantie gibt es, dass die neue Regierung nicht das Gleiche tut — nur mit umgekehrtem Vorzeichen?

Magyar hat eine Zweidrittelmehrheit. Er will Orban-treue Figuren «durch das Parlament absetzen lassen». Er plant ein neues Mediengesetz. Er will die öffentlich-rechtlichen Medien «reformieren».

Das ist genau das, was Orban 2010 tat. Mit Zweidrittelmehrheit. Mit einem neuen Mediengesetz. Mit der «Reform» der öffentlich-rechtlichen Medien.

Damals hat SRF kritisiert. Heute feiert SRF. Der Unterschied: Damals war es Orban. Heute ist es Magyar. Das ist die einzige relevante Veränderung.

Die Frage, die nicht gestellt wird

Magyar will die Amtszeit auf zwei Perioden beschränken. Das klingt demokratisch. Aber: Wer entscheidet, wer kandidieren darf? Wer entscheidet, was die Verfassung sagt? Wer entscheidet, wer welche Posten besetzt?

Magyar. Mit seiner Zweidrittelmehrheit.

Die Politologin Ellen Bos sagt: Es brauche «den Rücktritt der Orban-treuen Figuren an den Schaltstellen der Macht». Sollten sie nicht freiwillig zurücktreten, werde der Premier sie «durch das Parlament absetzen lassen».

Das ist Säuberung. Es mag gerechtfertigt sein. Aber es ist Säuberung. Und SRF nennt es nicht so. SRF nennt es «echte Gewaltenteilung wiederherstellen».

Eine echte Gewaltenteilung würde bedeuten: Unabhängige Gerichte. Unabhängige Beamte. Unabhängige Medien. Auch wenn sie der Regierung nicht passen.

Eine Säuberung bedeutet: Die der alten Regierung Loyalen werden ersetzt durch die der neuen Regierung Loyalen.

SRF macht keinen Unterschied. Es nennt beides «Wiederherstellung der Gewaltenteilung».

Die Politologin, die immer dieselbe ist

Ellen Bos vom «Zentrum für Demokratieforschung der Andrassy-Universität in Budapest». Sie wird zweimal zitiert. Beide Male unterstützt sie die neue Regierung.

Wer ist Ellen Bos? Welche politische Position vertritt sie? Hat sie sich zu Orban geäussert? Hat sie zu Magyar geäussert — vor der Wahl? Ist sie eine neutrale Expertin oder eine politisch positionierte Stimme?

SRF nennt nur die Institution. Nicht die Position. Das ist die Standardmethode: Die Expertin wird präsentiert, als wäre sie objektiv. Die Frage nach ihrer Voreingenommenheit wird nicht gestellt.

In Ungarn — wie überall — gibt es Politologen mit unterschiedlichen Positionen. SRF wählt eine aus. Und stellt sie als die Stimme der Wissenschaft dar.

Die Euphorie, die nicht hinterfragt wird

«Zeitenwende». «Aufbruchstimmung». «Riesige Erwartungen». «Erste ermutigende Zeichen». «Grosse Chance».

Das ist die Sprache des Artikels. Es ist keine Berichterstattung. Es ist eine Werbekampagne.

Der Artikel räumt am Ende ein: «Riesige Erwartungen, die auch enttäuscht werden können.» Aber das ist eine Floskel. Sie wird in zwei Worten erwähnt und sofort relativiert: «Doch der Start, so scheint es, ist geglückt.»

Es gibt keine kritische Stimme. Keine Warnung. Keine Frage. Nur Euphorie und eine Mini-Einschränkung.

Eine Berichterstattung, die ohne kritische Stimmen auskommt, ist keine Berichterstattung. Es ist eine Hofberichterstattung — nur dass der Hof diesmal in Brüssel und Budapest sitzt.


Der Beitrag von SRF ist nicht falsch in seinen Fakten. Magyar hat gewonnen. Es gibt Euphorie. Es gibt Aufbruch. Aber der Beitrag ist einseitig in seiner Auswahl: Die Sieger werden visuell und sprachlich gefeiert. Die Verlierer werden marginalisiert und psychologisiert. Die Methoden der neuen Regierung — Zweidrittelmehrheit, Säuberung von Beamten, neues Mediengesetz — werden als «Wiederherstellung der Demokratie» gerahmt. Die identischen Methoden unter Orban wurden zu Recht als «Aushöhlung der Demokratie» kritisiert. Der Unterschied liegt nicht in den Methoden, sondern in der politischen Ausrichtung. Das ist keine Berichterstattung. Das ist Parteinahme. Und Parteinahme ist nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders — egal, wie sympathisch die Partei ist, für die er Partei nimmt. Wer Orban kritisiert hat, weil er die Gewaltenteilung aushöhlte, muss Magyar kritisieren, wenn er es mit denselben Mitteln tut. Sonst ist die Kritik nicht Prinzip, sondern Geschmack.

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