Die Villa in Kiew - das SRF Muster
*Zur SRF-Berichterstattung über Korruption in der Ukraine, mit besonderer Berücksichtigung des *Beitrags von Judith Huber vom 15. Mai 2026
Sucht man auf srf.ch nach «Ukraine Korruption», findet man 338 Artikel. Das ist viel. Das ist auch ein Problem. Denn wer diese Artikel liest, erkennt ein Muster. Und das Muster ist nicht die Korruption. Das Muster ist die Erzählung über die Korruption.
Die Erzählung
Sie lautet: Korruption ist ein Problem in der Ukraine. Aber die Ukraine kämpft dagegen. Der Krieg hat den Willen, sie zu bekämpfen, nur verstärkt. Die Anti-Korruptionsbehörden ermitteln. Die Zivilgesellschaft protestiert. Die Regierung reagiert. Es gibt Rückschläge, aber die Richtung ist klar: vorwärts.
Diese Erzählung ist nicht erfunden. Es gibt Behörden, Ermittlungen, Rücktritte, Proteste. Die Fakten stimmen. Aber sie sind eine Auswahl. Und die Auswahl hat eine Richtung.
Die Chronologie
29. August 2019, Echo der Zeit. David Nauer über Selenski, gut 100 Tage im Amt: «Er benimmt sich allmählich wie ein Patron. Er hat in den letzten Wochen zum Teil Beamte richtiggehend angeherrscht und davongejagt. Er tritt als knallharter Boss auf, der mit den korrupten Beamten aufräumt. Für meinen Geschmack ist das kein angemessener Umgangston für einen Präsidenten, aber viele Ukrainer gefällt genau dieser Ton.»
Patron. Nicht Präsident. Nicht Reformer. Ein Wort, das Macht und Willkür bezeichnet. Es steht am Anfang der Berichterstattung. Es wird nicht zur Grundlage von ihr.
25. September 2019. Das Trump-Telefonat. Selenski «überschüttet den Amerikaner mit Lob und ist richtig beflissen, ihm zu gefallen». Der Befund: «Das Bild der neutralen Ukraine hat Kratzer bekommen.» Nauer berichtet, zieht aber keine Konsequenz. Sie wäre gewesen: Wer beflissen gegenüber Trump ist, wird auch beflissen gegenüber anderen mächtigen Interessen sein.
20. Juli 2020. Sommaruga besucht Kiew. Im Begleittext zitiert SRF den Politologen Olexi Haran: «Er versucht, mehr Macht an sich zu ziehen. So mussten der Generalstaatsanwalt sowie der Chef der Nationalbank gehen – beide mutmasslich auf Druck von oben. Es geht darum, überall eigene Leute hinzusetzen. Das Problem ist, dass Selenski nicht mit Kritik umgehen kann.»
Die Diagnose von 2020 steht: populistische Versprechen, Machtkonzentration, Loyalisten in Schlüsselpositionen, Unfähigkeit zur Kritik. Es ist dieselbe Diagnose, die drei Jahre später wieder gestellt werden wird. Und sechs Jahre später.
21. November 2022. «Korruption im Krieg: Kommt das Geld dort an, wo es hin soll?» Die Frage wird gestellt. Die Antwort bleibt offen.
16. Mai 2023. Der oberste Richter wird bei der Annahme von Bestechungsgeldern in Millionenhöhe in flagranti erwischt. Der Titel lautet nicht: «Korruption erschüttert oberstes Gericht.» Er lautet: «Ukraine hat bei Korruptionsbekämpfung grosse Schritte geleistet.» Der Skandal wird zum Beweis, dass die Bekämpfung funktioniert.
Im gleichen Beitrag sagt Susan Stewart: «Wenn sich dieser Fall bestätigen sollte, ist dies ein Zeichen dafür, dass die grosse Korruption in der Ukraine weiterhin vorhanden ist – und dass sie systemischen Charakter hat.» Und: «Obwohl es Anschuldigungen von Korruptionsfällen in Bezug auf die Leute in seinem Präsidialbüro gegeben hatte, wurde denen zu wenig nachgegangen. Selenski hat zudem wie andere ukrainische Präsidenten vor ihm Leute in Positionen gehievt, welche er kannte und bei welchen er dachte, dass sie ihm gegenüber loyal sind.»
Dieselbe Diagnose wie Haran 2020. Drei Jahre später. Anderer Experte, gleicher Inhalt.
3. Februar 2025. «Ukraine: Fahnenflucht, Korruption und unfähige Kommandanten.» Die Korruption untergräbt die Kriegsführung. Die Richtung ist nicht vorwärts. Die Richtung ist abwärts.
15. Juli 2025. Premierministerin Swyrydenko wird nominiert. SRF nennt sie eine «loyale Erfüllungsgehilfin», die Personalie eine «beunruhigende Tendenz in Kiews Innenpolitik». Die Diagnose wird zum dritten Mal bestätigt – diesmal von SRF selbst, ohne externen Experten.
23. Juli 2025. Proteste gegen ein Gesetz, das die Anti-Korruptionsbehörden unter Regierungskontrolle stellt. Das ist nicht der Kampf gegen Korruption. Das ist der Kampf gegen den Kampf gegen Korruption.
25. Juli 2025. Selenski zieht das Gesetz nach Kritik zurück. SRF schreibt, er «krebst». Das ist nicht Stärke. Das ist Schadensbegrenzung.
12. November 2025. «Grosser Skandal: Warum wird die Ukraine die Korruption nicht los?» Die Frage wird gestellt. Die Antwort fehlt – obwohl sie in den eigenen Artikeln von 2019, 2020 und 2023 bereits liegt.
28. November 2025. Stabschef Andrij Jermak tritt zurück. «Viele störte die Machtfülle von Andrij Jermak.» Stewart hatte 2023 gesagt: Anschuldigungen gegen Leute im Präsidialbüro wurde «zu wenig nachgegangen». Jetzt wird nachgegangen. Zwei Jahre später.
15. Mai 2026. Judith Huber, Echo der Zeit: «Ukrainische Korruptionsaffäre wirft dunklen Schatten auf Selenski.» Jermak sitzt im Gefängnis. Vier Villen, neun Millionen Euro, finanziert aus dem Atomenergiesektor. Die vierte Villa soll Selenski gehören. Der Präsident schweigt. Der Präsident ist immun gegen Strafverfolgung.
Das Muster
Diagnose – Vergessen – Bestätigung. Drei Schritte, die sich seit 2019 wiederholen.
Die Diagnose wird gestellt: Selenski konzentriert die Macht, hievt Loyalisten in Schlüsselpositionen, kann nicht mit Kritik umgehen, die Korruption ist systemisch. Sie wird veröffentlicht. Sie wird vergessen. Bis der nächste Skandal sie bestätigt. Dann wird sie neu gestellt – von anderen Experten, mit anderen Worten, mit demselben Inhalt. Und wieder vergessen.
Das ist nicht Berichterstattung über ein System. Das ist die Verwaltung einer Diagnose, die nie zur Grundlage der weiteren Berichterstattung wird. Jeder Skandal wird als Einzelereignis behandelt. Als wäre er neu. Als wäre er überraschend. Als wäre er nicht bereits 2019 vorhersagbar gewesen.
Die Immunität
Huber schreibt, der Präsident sei immun gegen Strafverfolgung. Sie schreibt es als Fakt. Sie fragt nicht, was das bedeutet in einem Land, dessen Präsident im Verdacht steht, eine Villa aus korrupten Geldern zu besitzen.
2019 wollte Selenski die parlamentarische Immunität der Abgeordneten aufheben. Das Signal war: Die Privilegien der Eliten werden beschnitten. Sieben Jahre später ist die parlamentarische Immunität aufgehoben – aber der Präsident ist immun. Die Absetzung wäre verfassungsrechtlich möglich, ist aber faktisch ausgeschlossen, solange er im Amt ist. Und er bleibt im Amt, weil Wahlen, wie Huber schreibt, «zu risikoreich» seien.
Der Mann, der die Privilegien der Eliten abschaffen wollte, hat das grösste Privileg für sich selbst bewahrt.
Die westlichen Gelder
Huber erwähnt sie nicht. Sie erwähnt nicht, dass die Schweiz allein zwischen 2022 und 2026 mehrere Milliarden an die Ukraine überwiesen hat. Sie erwähnt nicht, dass Schweizer Steuerzahler ein Interesse daran haben, dass ihr Geld nicht in Villen im teuersten Vorort von Kiew fliesst.
SRF hatte die Frage am 21. November 2022 gestellt: «Kommt das Geld dort an, wo es hin soll?» Vier Jahre später liegt die Antwort vor. Ein Teil kommt in Villen an. Bei den Vertrauten des Präsidenten. Während Zivilisten sterben.
Diese Antwort gibt SRF nicht. Obwohl die Frage gestellt wurde. Obwohl die Fakten vorliegen. Obwohl die Chronologie sie erzählt.
Die Zeitbombe
Huber zitiert einen ukrainischen Politologen, der die Affäre als «Zeitbombe» bezeichnet: Nach dem Krieg werde aufgearbeitet. Versprochen.
Die Metapher ist beruhigend. Sie suggeriert: Die Bombe tickt, ist aber noch nicht explodiert. Wir haben Zeit.
Sie ist längst explodiert. Jede Woche. Mit jedem Skandal, jedem Rücktritt, jedem Gesetz, das die Anti-Korruptionsbehörden schwächt, jeder Villa, die gebaut wird. Die eigentliche Zeitbombe ist die Illusion, dass ein System, das Korruption ermöglicht, die Korruption nach dem Krieg selbst abschaffen wird. Dass die Männer, die Villen bauen, während andere sterben, danach das Gemeinwohl über das Eigene stellen werden.
Diese Illusion vertagt die Lösung auf einen Zeitpunkt, der vielleicht nie kommt. Und sie rechtfertigt die Fortsetzung eines Systems, das die Lösung verhindert.
Der Befund
338 Artikel. Sie erzählen alle dieselbe Geschichte: Korruption ist ein Problem, aber die Ukraine kämpft dagegen. Skandale gibt es, aber auch Ermittlungen. Rücktritte gibt es, aber auch Reformen. Die Richtung ist vorwärts.
Die Fakten erzählen eine andere Geschichte. Sie erzählen von einem System, das die Korruption nicht bekämpft, sondern verwaltet. Das die Anti-Korruptionsbehörden kontrollieren will. Das den Präsidenten immun macht. Das die Premierministerin zur Erfüllungsgehilfin macht. Das die Vertrauten des Präsidenten Villen bauen lässt, während Zivilisten sterben.
Die Antwort auf die Frage vom 12. November 2025 – «Warum wird die Ukraine die Korruption nicht los?» – liegt in den eigenen Artikeln von SRF. In Nauers Patron-Diagnose von 2019. In Harans Loyalisten-Diagnose von 2020. In Stewarts System-Diagnose von 2023. Die Antwort lautet: weil das System, das die Korruption ermöglicht, intakt bleibt. Weil der Patron immun ist. Weil die westlichen Gelder fliessen, ohne dass Rechenschaft verlangt wird. Weil die Diagnosen veröffentlicht und dann vergessen werden.
Sie steht nicht in den 338 Artikeln. Sie steht zwischen ihnen. Und sie stand bereits am 29. August 2019, in den Worten eines Korrespondenten, der erkannte, dass sich der Präsident «wie ein Patron» benimmt.
SRF hat es veröffentlicht. Und dann hat es vergessen.
Trotz allem.
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