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Die Vermessung der Ungleichheit
Medienkritik
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Die Vermessung der Ungleichheit

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Wie SRF eine Erfolgsgeschichte als Krise rahmt, den sozialen Graben auf die Familie schiebt und nach dem Staat als Retter ruft – ohne zu fragen, ob der Graben überhaupt mit Schule zu schliessen ist

Zum SRF-Beitrag «Vor allem eine Schülergruppe fällt ab beim Lesen und Rechnen», 21. Mai 2026


Es ist eine Geschichte über einen Graben. Über Kinder, die zurückbleiben. Über soziale Ungleichheit, die sich schon in der zweiten Klasse zeigt. Über eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten nicht genug fördert.

Es ist die Geschichte, die SRF erzählt. Und sie ist nicht erfunden. Es gibt einen Graben. Es gibt Kinder, die die Grundkompetenzen nicht erreichen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischem Erfolg.

Aber die Geschichte ist unvollständig. Und was sie auslässt, verändert den Sinn komplett. Denn die Zahlen, die SRF als Krise präsentiert, sind eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Und der Graben, den es beklagt, ist nicht das Problem der Schule, sondern das Problem einer Gesellschaft, die die Schule missbraucht, um soziale Probleme zu lösen, die sie nicht lösen kann.

Die Erfolgsgeschichte, die keine sein darf

Hörverständnis: 90 Prozent erreichen die Grundkompetenzen. Lesen: 80 Prozent. Mathematik: 75 Prozent.

Das sind die Zahlen. Und sie sind bemerkenswert. In einem Land, das 25 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund hat. In einem Land, in dem viele Kinder zu Hause nicht die Schulsprache sprechen. In einem Land, in dem die soziale Ungleichheit real ist.

Drei Viertel bis neun Zehntel der Zweitklässler erreichen die Grundkompetenzen. Das ist kein Versagen. Das ist ein Erfolg.

Aber SRF erzählt die Geschichte nicht als Erfolg. Es erzählt sie als Krise. Die Schlagzeile lautet: «Vor allem eine Schülergruppe fällt ab.» Nicht: «Die meisten Schülerinnen und Schüler haben gute Kompetenzen.» Der Fokus liegt auf dem, was fehlt. Auf dem, was nicht funktioniert. Auf dem Graben.

Das Framing entscheidet darüber, welche Fragen gestellt werden und welche nicht.

Wenn die Geschichte ein Erfolg ist, lautet die Frage: Wie haben wir das geschafft? Was machen wir richtig? Wie können wir das noch besser machen?

Wenn die Geschichte eine Krise ist, lautet die Frage: Wer ist schuld? Was müssen wir ändern? Wie viel Geld brauchen wir?

SRF wählt die Krise. Weil die Krise den Staat ruft. Der Erfolg ruft den Staat nicht.

Der Graben, der nicht benannt wird

SRF schreibt: «Kinder aus sozial benachteiligten Familien erreichten die Grundkompetenzen weit weniger gut als privilegierte Kinder.»

«Sozial benachteiligt.» Das ist ein Code. Ein Code für etwas, das SRF nicht sagt. Denn «sozial benachteiligt» heisst in der Schweiz oft: Migrationshintergrund. Heisst: Zu Hause wird nicht die Schulsprache gesprochen. Heisst: Die Eltern können bei den Hausaufgaben nicht helfen. Heisst: Die kulturelle Distanz zur Schule ist gross.

Aber SRF sagt das nicht. Es sagt «sozial benachteiligt». Und es lässt den Leser raten. Oder es lässt den Leser denken: Arme Schweizer Kinder. Kinder aus armen Familien. Kinder, die keine Bücher haben.

Die Realität ist komplexer. Die Realität lautet: Der grösste Prädiktor für schulischen Misserfolg in der Schweiz ist nicht das Einkommen der Eltern. Es ist die Sprache, die zu Hause gesprochen wird. Es ist der Migrationshintergrund. Es ist die kulturelle Distanz zum Bildungssystem.

Das ist keine Wertung. Es ist eine Tatsache. Die PISA-Studien zeigen es seit 20 Jahren. Die ÜGK-Studie zeigt es jetzt für die Zweitklässler. Aber SRF nennt das Wort nicht. Es nennt nicht den Migrationshintergrund. Es nennt nicht die Sprache. Es nennt nur die «soziale Benachteiligung».

Warum? Weil die Nennung des Migrationshintergrunds die Frage aufwerfen würde, ob die Schule das Problem lösen kann. Ob mehr Frühförderung den Graben schliesst. Ob mehr Geld für benachteiligte Familien die kulturelle Distanz überwindet.

Die Antwort lautet: Wahrscheinlich nicht. Die internationale Forschung zeigt: Frühförderung hilft kurzfristig. Langfristig verschwindet der Effekt. Der Graben kehrt zurück. Weil die Ursache nicht im Kindergarten liegt, sondern im Elternhaus. Weil die Ursache nicht die fehlende Förderung ist, sondern die fehlende Integration. Weil die Ursache nicht das Geld ist, sondern die Kultur.

Aber das zu sagen, wäre politisch inkorrekt. Also sagt SRF «sozial benachteiligt» und ruft nach dem Staat.

Die Lösung, die keine ist

Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer fordert: «Sozial benachteiligte Familien müssten schon vor der obligatorischen Schule begleitet und unterstützt werden.»

Studienleiterin Andrea Erzinger sagt: «Frühförderung bei der Schulsprache sei für diese Kinder sicher sinnvoll.»

Regierungsrat Christoph Darballey sagt: «Wir müssen diese Kinder unbedingt speziell fördern.»

Alle fordern dasselbe: Mehr Frühförderung. Mehr Begleitung. Mehr Unterstützung. Mehr Staat.

Aber was heisst «Frühförderung» konkret? Es heisst: Kinder früher in staatliche Institutionen geben. Es heisst: Die Familie durch den Staat ersetzen. Es heisst: Das Kind dem Einfluss der Eltern entziehen und dem Einfluss der Pädagogen übergeben.

Das kann richtig sein, wenn die Familie versagt. Wenn die Eltern nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu fördern. Wenn das Kind zu Hause gefährdet ist.

Aber es kann auch falsch sein, wenn die Familie nicht versagt, sondern nur anders funktioniert. Wenn die Eltern ihre Kinder lieben, aber nicht die Schulsprache sprechen. Wenn die Eltern ihre Kinder fördern, aber auf ihre Art. Wenn die Eltern das Kind nicht dem Staat anvertrauen wollen, weil sie dem Staat nicht vertrauen.

Die Frage lautet nicht: Sollen wir Kinder fördern? Die Frage lautet: Wer fördert sie? Die Familie oder der Staat? Und: Was kostet es, wenn der Staat die Familie ersetzt? Nicht nur Geld, sondern auch Autonomie. Auch Vielfalt. Auch Freiheit.

SRF stellt diese Frage nicht. Es übernimmt die Forderung nach Frühförderung als selbstverständlich. Es fragt nicht, ob Frühförderung den Graben schliesst. Es fragt nicht, ob Frühförderung die Familie schwächt. Es fragt nicht, ob Frühförderung das Problem löst oder nur verschiebt.

Das Paradox der Chancengleichheit

SRF erwähnt stolz: «Keinen Graben gibt es laut der neuesten Schulbefragung bei den Geschlechtern.» Mädchen und Buben brächten die gleichen Voraussetzungen mit. «Offenbar wurde ihnen das in der frühkindlichen Bildung nicht beigebracht – das finde ich sehr schön», sagt Erzinger.

Das ist ein bemerkenswerter Satz. Er sagt: Die Abwesenheit eines Grabens ist ein Erfolg der frühkindlichen Bildung. Die Präsenz eines Grabens ist ein Versagen der frühkindlichen Bildung.

Aber was, wenn der Graben nicht das Versagen der Bildung ist, sondern das Versagen der Integration? Was, wenn Mädchen und Buben deshalb keine Lücke haben, weil sie dieselbe Sprache sprechen, dieselbe Kultur teilen, dieselben Eltern haben? Was, wenn der soziale Graben deshalb existiert, weil die Kinder nicht dieselbe Sprache sprechen, nicht dieselbe Kultur teilen, nicht dieselben Eltern haben?

Die Geschlechtergleichheit ist kein Beweis für die Wirksamkeit der Frühförderung. Sie ist ein Beweis dafür, dass der Graben dort nicht existiert, wo die Ausgangslage gleich ist. Und sie ist ein Beweis dafür, dass der Graben dort existiert, wo die Ausgangslage ungleich ist.

Das ist kein Versagen der Schule. Es ist ein Versagen der Integration. Aber das zu sagen, wäre politisch inkorrekt. Also feiert SRF die Geschlechtergleichheit und klagt die soziale Ungleichheit an – ohne den Zusammenhang zu benennen.

Die Frage, die SRF nicht stellt

Die Frage lautet nicht: Wie fördern wir benachteiligte Kinder?

Die Frage lautet: Warum sind die Kinder benachteiligt? Ist es das Einkommen? Ist es die Bildung der Eltern? Ist es die Sprache? Ist es die Kultur? Ist es die Integration?

Die Frage lautet: Kann die Schule den Graben schliessen? Oder ist die Schule der falsche Ort, um soziale Probleme zu lösen? Soll die Schule lehren oder ausgleichen? Soll sie Kompetenzen vermitteln oder Chancengleichheit herstellen?

Die Frage lautet: Was kostet es, wenn die Schule den Graben schliessen soll? Nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Auch Qualität. Auch Aufmerksamkeit für die Kinder, die den Graben nicht haben. Die Kinder, die bereits die Grundkompetenzen haben. Die Kinder, die unterfordert sind, weil die Schule sich um die anderen kümmert.

Die Frage lautet: Ist der Graben überhaupt ein Problem der Schule? Oder ist er ein Problem der Gesellschaft? Ein Problem der Migration? Ein Problem der Integration? Ein Problem der Sprache?

SRF stellt keine dieser Fragen. Es nennt den Graben. Es nennt die Forderung nach Frühförderung. Es nennt die Geschlechtergleichheit als Erfolg. Und es ruft nach dem Staat.

Das ist keine Berichterstattung über ein Problem. Das ist die Reproduktion einer Perspektive, die die Schule als Instrument der Sozialpolitik sieht – nicht als Ort des Lernens. Die den Staat als Retter sieht – nicht als Ursache. Die die Familie als Problem sieht – nicht als Lösung.


90 Prozent Hörverständnis. 80 Prozent Lesen. 75 Prozent Mathematik. SRF nennt die Zahlen, aber es feiert sie nicht. Es klagt den Graben an. Den Graben zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Kindern. Aber es nennt nicht die Ursache. Es nennt nicht den Migrationshintergrund. Es nennt nicht die Sprache. Es nennt nicht die kulturelle Distanz. Es nennt nur die «soziale Benachteiligung» – einen Code, der den Staat ruft, ohne das Problem zu benennen. Es fordert Frühförderung, ohne zu fragen, ob sie den Graben schliesst. Es feiert die Geschlechtergleichheit, ohne zu fragen, was sie beweist. Und es fragt nicht, ob die Schule der Ort ist, um soziale Probleme zu lösen, die nicht in der Schule entstehen. Das ist keine Berichterstattung über ein Problem. Das ist die Reproduktion einer Perspektive, die den Staat als Retter sieht und die Familie als Problem – ohne zu fragen, ob der Retter das Problem nicht vergrössert, das er lösen will.

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