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Die vereinfachte Gewaltformel
Medienkritik
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Die vereinfachte Gewaltformel

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Zur SRF-Meldung «Geldstopp mit Folgen: Wo USAID-Hilfe fehlt, steigt die Gewalt» über die Studie von Dominic Rohner, 15. Mai 2026

«Menschen, deren Perspektiven schlecht sind, greifen eher zu Gewalt. Wer ein gutes Leben und viel zu verlieren hat, eher nicht.»

Das sagt Dominic Rohner, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Lausanne. Es ist der Kernsatz des Beitrags. Es ist auch die Reduktion eines ganzen Kontinents auf eine einzige Variable.

Die Logik

Die Logik lautet: Entwicklungshilfe schafft Perspektiven. Perspektiven verhindern Gewalt. Wenn Entwicklungshilfe wegfällt, verschwinden die Perspektiven. Wenn die Perspektiven verschwinden, kommt die Gewalt.

Das ist eine ökonomische Theorie der Gewalt. Sie geht davon aus, dass Gewalt eine rationale Wahl ist: Wer nichts zu verlieren hat, wählt Gewalt. Wer viel zu verlieren hat, wählt Frieden. Gewalt ist ein Kalkül, kein Affekt. Keine Tradition, keine Institution, keine Geschichte. Ein Kalkül.

Das ist die Logik der Entwicklungsökonomie. Sie hat den Vorteil der Einfachheit. Sie hat den Nachteil, dass sie nur eine Hälfte der Theorie erzählt.

Was die Studie tatsächlich sagt

Die Studie von Rohner, Sunde, Vanden Eynde, Wright und Zeng ist am 14. Mai 2026 in Science erschienen. Das ist kein Journal für Randnotizen. Das ist eines der prestigeträchtigsten Journals der Welt. Die Methodik ist solide: Difference-in-Differences mit 870 subnationalen Regionen, Event-Study-Design zur Prüfung von Vortrends, Robustheitschecks mit alternativen Datenquellen, Clusterung auf verschiedenen Ebenen. Die Autoren kontrollieren für Land-Monat-Fixeffekte und Regions-Fixeffekte. Sie schliessen Hauptstädte aus, sie testen alternative Zeitpunkte, sie kontrollieren für andere Geber. Das ist ernsthafte Forschung.

Und die Ergebnisse sind klar: In Regionen, die historisch mehr USAID-Hilfe pro Kopf erhalten haben, stieg die Gewalt nach dem Abbruch stärker als in Regionen, die weniger Hilfe erhalten hatten. Die Effekte sind statistisch signifikant, sie erscheinen sofort und sie persistieren über Monate. Proteste und Unruhen reagieren unmittelbar, Schlachten intensivieren sich über die Zeit. Die Effekte sind in Ländern mit schwächeren Institutionen stärker.

Das ist das Ergebnis. Es ist ein brauchbares Ergebnis. Es ist kein schlechtes Papier.

Aber es ist auch nicht das, was der SRF-Beitrag daraus gemacht hat.

Die zwei Kräfte, die der Beitrag verschwiegen hat

Die Studie enthält eine theoretische Diskussion, die der SRF-Beitrag komplett unterschlagen hat. Und diese Diskussion ist entscheidend.

Die Autoren unterscheiden zwei Kräfte, die Hilfe auf Konflikt ausüben kann: den Opportunitätskosteneffekt und den Rapazitäts-Effekt.

Der Opportunitätskosteneffekt besagt: Hilfe verbessert die wirtschaftliche Lage, erhöht die Kosten von Gewalt, reduziert Konflikte. Wenn die Hilfe wegfällt, sinken die Opportunitätskosten, die Gewalt steigt. Das ist die Geschichte, die der SRF-Beitrag erzählt. Es ist die Geschichte von Rohners Zitat: Wer nichts zu verlieren hat, greift zur Gewalt.

Der Rapazitäts-Effekt besagt etwas anderes: Hilfe schafft Aneignungsrenten — Ressourcen, über die Gruppen kämpfen können. Hilfe kann Konflikte erzeugen, weil Gruppen um die Verteilung dieser Renten streiten. Nicht anders als Ressourcenflüche, die Konflikte befeuern, können auch Hilfsgelder zu Beute werden, um deretwillen gekämpft wird.

Die Autoren schreiben ausdrücklich: «A substantial body of evidence has found that aid increases the risk of armed conflict.» Sie zitieren eine ganze Literatur, die zeigt, dass Hilfe Konflikte befeuert. Sie erwähnen Studien, die gefunden haben, dass Hilfe gezielte politische Gewalt gegen lokale Autoritäten erhöht, besonders bei Wahlen und bei schwachen Institutionen.

Die Autoren schreiben weiter: «Some voices, including in this journal, have argued that cutting aid and reducing dependencies might ultimately be required to foster self-reliance.» Sie zitieren die Science-Perspektive, die argumentiert, dass die Reduktion von Abhängigkeiten langfristig Selbstständigkeit fördern könnte.

Und sie sagen ausdrücklich: «Our findings do not contradict earlier findings of aid contributing to recurrent conflict.» Ihre Ergebnisse widersprechen nicht der Literatur, die zeigt, dass Hilfe Konflikte erzeugt. Weil sie einen anderen Schock untersuchen: nicht das schrittweise Hinzufügen von Hilfe, sondern den abrupten Entzug.

Das alles fehlt im SRF-Beitrag. Die Studie ist nuanciert. Der Beitrag ist es nicht.

Die theoretische Pointe — und was sie bedeutet

Die Autoren bieten eine Erklärung für ihre Ergebnisse an, die genau die Abhängigkeitsproblematik bestätigt, die der Beitrag nicht thematisiert.

Sie argumentieren: Bei einem abrupten und massiven Hilfeentzug fallen die Opportunitätskosten schneller als die Renten verschwinden. Die wirtschaftlichen Perspektiven kollabieren sofort — die Jobs bei den Hilfsorganisationen, die Einkommen durch Hilfsprojekte, die Versorgung durch Krankenhäuser. Aber die Renten, die die Hilfe geschaffen hat — die Infrastruktur, die Fahrzeuge, die Gebäude, die Ausrüstung — bleiben vorerst bestehen. Das heisst: Die Kosten von Gewalt sinken rapide, aber die Beute, über die gekämpft werden kann, bleibt. Das ist ein Rezept für Konflikt.

Das ist eine Theorie über die Struktur der Abhängigkeit. Sie besagt: Die Hilfe hat zwei Dinge geschaffen — wirtschaftliche Perspektiven (die Opportunitätskosten) und appropriable Renten (die Beute). Wenn die Hilfe wegfällt, verschwinden die Perspektiven sofort, aber die Beute bleibt. Die Gewalt ist das Ergebnis.

Das bedeutet aber auch: Die Hilfe hat eine Struktur geschaffen, die bei Abbruch in Gewalt umschlägt. Das ist nicht ein Argument für die Fortsetzung der Hilfe. Es ist eine Diagnose der Abhängigkeit. Die Hilfe hat ein System geschaffen, das ohne sie nicht funktioniert. Das ist die Definition von Abhängigkeit.

Rohner sagt im Beitrag: «Diese Disruption ist wohl das, was zu Gewalt führt, nicht der Entzug von Hilfe an sich.» Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Sie besagt: Es geht nicht um die Hilfe. Es geht um den Abbruch. Wenn die Hilfe nie dagewesen wäre, gäbe es vielleicht weniger Gewalt. Wenn sie langsam ausgelaufen wäre, gäbe es vielleicht weniger Gewalt. Die Gewalt entsteht nicht durch das Fehlen von Hilfe, sondern durch den Schock des Abbruchs.

Das ist eine These über Entzugssymptome. Über eine Beziehung, die so eng geworden ist, dass ihr Abbruch Gewalt erzeugt. Der Beitrag zieht nicht die naheliegende Schlussfolgerung: Wenn der plötzliche Abbruch von Hilfe Gewalt erzeugt, dann hat die Hilfe eine Abhängigkeit geschaffen, die Gewalt begünstigt, wenn sie endet. Dann ist die Frage nicht nur, wie man den Abbruch verhindert, sondern wie man eine Abhängigkeit verhindert, die bei einem Abbruch in Gewalt umschlägt.

Die Schlagzeile lautet: «Wo USAID-Hilfe fehlt, steigt die Gewalt.» Das suggeriert: Die Hilfe verhindert Gewalt. Die Forschung sagt: Der Abbruch erzeugt Gewalt. Das ist nicht dasselbe. Eine Hilfe, die bei Abbruch Gewalt erzeugt, hat das Gewaltproblem nicht gelöst. Sie hat es aufgeschoben.

Der Institutionen-Befund — und was er wirklich bedeutet

Die Studie findet: «The impact of the reduction of aid from the United States is stronger in countries that have weaker executive constraints.» In Ländern mit schwächeren Institutionen ist der Effekt des Hilfeentzugs auf die Gewalt stärker.

Das ist ein zentrales Ergebnis. Der SRF-Beitrag erwähnt es nicht.

Warum sind die Institutionen schwach? Teilweise, weil die Hilfe sie schwach gehalten hat. Wenn internationale Geber die Gesundheits- und Bildungssysteme finanzieren, müssen die Regierungen nicht liefern. Wenn internationale Geber die Infrastruktur bauen, müssen die Regierungen nicht liefern. Wenn internationale Geber die Sicherheit garantieren, müssen die Regierungen nicht liefern. Die Hilfe hat die Notwendigkeit reduziert, starke Institutionen aufzubauen. Und jetzt, wo die Hilfe weg ist, zeigt sich: Die Institutionen sind nicht da, um den Schock aufzufangen.

Das ist ein Teufelskreis. Die Hilfe schwächt die Institutionen. Die schwachen Institutionen machen die Hilfe notwendiger. Der Abbruch der Hilfe führt zu Gewalt, weil die Institutionen zu schwach sind, um ihn aufzufangen. Also muss die Hilfe weiterlaufen, was die Institutionen weiter schwächt.

Die Autoren sehen das nicht so. Sie argumentieren, dass der Institutionen-Befund zeigt, dass man in Ländern mit schwachen Institutionen vorsichtiger sein muss mit Hilfeentzug. Aber man kann ihn auch umgekehrt lesen: In Ländern mit schwachen Institutionen ist die Hilfe besonders problematisch, weil sie die Institutionen schwächt. Und der Hilfeentzug ist besonders gefährlich, weil die Institutionen zu schwach sind, um ihn aufzufangen. Das ist ein Argument dafür, die Hilfe anders zu gestalten — nicht dafür, sie fortzusetzen.

Was die Studie nicht sagt — und der Beitrag verschweigt

Die Autoren sind ehrlich über ihre Limitationen. Der SRF-Beitrag hat keine einzige davon erwähnt.

Erstens: Die Studie misst nicht, was tatsächlich gekürzt wurde. Sie misst, welche Regionen historisch mehr Hilfe erhalten haben, und vergleicht die Gewaltentwicklung vor und nach dem Abbruch. Das ist ein Proxy, kein direkter Nachweis.

Zweitens: Die Studie sagt nichts über die langfristige Effizienz oder die Wohlfahrtseffekte der Hilfe aus. Die Autoren schreiben ausdrücklich: «The evidence of the current contribution does not imply a statement about the (multidimensional) efficiency or welfare effects of aid from the United States over past decades.» Sie untersuchen einen kurzfristigen Schock. Aber der SRF-Beitrag tut so, als wäre die Studie ein Urteil über die Hilfe insgesamt.

Drittens: Die Autoren können nichts über langfristige Effekte sagen. Sie schreiben: «In the very long run, one may typically expect adaptation. This could attenuate the estimated effect some years down the road.» Langfristig könnte es Anpassung geben. Die Gewalt könnte zurückgehen. Die Institutionen könnten sich aufbauen. Die Selbstständigkeit könnte wachsen. Die Studie sagt nichts darüber. Aber der SRF-Beitrag tut so, als wäre die kurzfristige Gewaltsteigerung das letzte Wort.

Viertens: Die Studie untersucht nur Afrika. Die Autoren geben selbst zu: «It is possible that the aid cuts in this paper had differing effects in other regions, where aid from the United States was more closely tied to military objectives or drug enforcement.» In anderen Regionen war die Hilfe enger mit militärischen Zielen verbunden. Das heisst: Die Studie untersucht den besten Fall von USAID — zivile Hilfe, Gesundheitsversorgung, Nahrungssicherheit. Und selbst dort führt der Abbruch zu Gewalt. Was passiert in den Regionen, wo die Hilfe ein Instrument der Militärpolitik war?

Die fehlende Geschichte von USAID

Der Beitrag erwähnt nicht, was USAID eigentlich ist. Er erwähnt nicht, dass USAID ein Instrument der Aussenpolitik der Vereinigten Staaten war. Dass die Hilfe immer an Bedingungen geknüpft war. Dass sie eingesetzt wurde, um Regierungen zu stützen oder zu destabilisieren. Dass sie in vielen Ländern eine Parallelstruktur geschaffen hat, die lokale Institutionen untergrub.

Er erwähnt nicht die Kritik an der Hilfe: Dass sie Abhängigkeit schafft. Dass sie lokale Märkte zerstört. Dass sie Regierungen entlastet, die sich nicht um ihre Bürger kümmern müssen, weil es ja die internationale Gemeinschaft tut. Dass sie Korruption begünstigt, weil grosse Geldströme in Ländern mit schwachen Institutionen immer Korruption begünstigen.

Er erwähnt nicht, dass die Debatte über Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten geführt wird. Dass es eine reiche Literatur gibt, die zeigt, dass Hilfe wirksam sein kann, aber oft nicht wirksam ist. Dass die Wirksamkeit davon abhängt, wie sie eingesetzt wird, von den Institutionen vor Ort, von der politischen Ökonomie des Empfängerlandes.

Er erwähnt nicht, dass der Abbruch der Hilfe auch eine Chance sein könnte. Dass afrikanische Länder, die sich auf ausländische Hilfe verlassen haben, vielleicht eine Gelegenheit haben, eigene Strukturen aufzubauen. Dass die Abhängigkeit von USAID ein Problem war, das jetzt sichtbar wird.

Keine dieser Perspektiven kommt vor. Der Beitrag ist eine Einbahnstrasse: Hilfe gut, Abbruch schlecht, Gewalt die Folge.

Das Sumpf-System

Was der Beitrag ebenfalls nicht erwähnt: Die Hilfe hat nicht nur Abhängigkeit geschaffen. Sie hat ein System ermöglicht, das ohne sie nicht existieren könnte.

Geld ist fungibel. Wenn USAID die Gesundheitssysteme eines Landes finanziert, muss der herrschende Diktator dafür kein eigenes Steuergeld aufwenden. Das freigewordene staatliche Budget kann er nutzen, um seinen Militärapparat auszubauen, strategische Waffen zu kaufen oder Überwachungstechnologie zu erwerben, um die eigene Bevölkerung zu unterdrücken. Die Hilfe finanziert nicht die Schulen. Sie finanziert die Repression, indem sie die Schulen bezahlt, damit der Diktator die Kasernen bezahlen kann.

Das ist kein Geheimnis. Es ist die Logik der Fungibilität. Jeder Ökonom kennt sie. Rohner erwähnt sie nicht.

Dann die Zweckentfremdung. Der USAID Office of Inspector General — die eigene Kontrollbehörde — hat wiederholt dokumentiert, wie Hilfsgüter und Gelder politisiert werden. Lokale Machthaber leiten Düngemittel, Nahrungsmittel oder Projektgelder gezielt in Regionen um, die für sie bei Wahlen strategisch wichtig sind. NGOs wurden gesperrt, weil Gelder nachweislich direkt in die Kassen nationaler politischer Parteien flossen, um Wahlkämpfe zu finanzieren. Oppositionspolitiker in Ländern wie Uganda kritisieren seit langem, dass Machthaber Staatsgelder stehlen und für Propagandazwecke missbrauchen. Die Hilfe wird zum Werkzeug der Macht. Nicht der Befreiung.

Und dann die Kapitalflucht. Laut Berichten der Vereinten Nationen (UNCTAD) verliert Afrika jährlich rund 88,6 Milliarden Dollar durch illegale Finanzströme, Geldwäsche und Korruption. Das ist weit mehr, als der Kontinent an Entwicklungshilfe erhält. Die Hilfe fliesst hinein. Ein Vielfaches fliesst heraus. Die Geberländer schauten oft weg, weil sie die Diktatoren als strategische Partner brauchten — im Kalten Krieg, im Kampf gegen den Terrorismus, im Wettbewerb um Rohstoffe. Die Hilfe war nie nur Hilfe. Sie war auch ein Instrument der Geopolitik.

Die sambische Ökonomin Dambisa Moyo hat das in ihrem Buch «Dead Aid» detailliert dokumentiert. Ihr Argument: Die Hilfe hat den Kontinent nicht entwickelt. Sie hat ihn im Sumpf gehalten. Sie hat korrupte Eliten gestützt, lokale Initiativen erstickt und eine Kultur der Verantwortungslosigkeit kultiviert. Moyo ist keine Randstimme. Sie ist eine der bekanntesten Ökonomen des Kontinents. Der Beitrag erwähnt sie nicht.

Der USAID-Stopp entzieht diesem System die Basis. Ohne die westlichen Milliarden können korrupte Eliten die Löcher in ihren Haushalten nicht mehr so leicht stopfen. Sie sind nun gezwungen, Rechenschaft über ihre eigenen Finanzen abzulegen, Steuersysteme zu reformieren, und können die Verantwortung für das Elend nicht mehr auf das Ausland abschieben. Das ist nicht nur eine Krise. Es ist auch eine Konfrontation mit der Wahrheit.

Die Stimmen, die nicht vorkommen

Es gibt sie, die Stimmen, die die Geschichte anders erzählen. Die nicht in Lausanne forschen, sondern in Afrika leben. Die nicht über Afrika sprechen, sondern als Afrikaner sprechen. Der Beitrag lässt sie alle weg.

Dr. Jean Kaseya ist der Generaldirektor von Africa CDC, der wichtigsten Gesundheitsinstitution des Kontinents. Er kennt die Lücken, die der USAID-Abbruch gerissen hat. Er weiss, dass Millionen Menschen von HIV-, Malaria- und Mutter-Kind-Versorgung abgeschnitten sind. Und doch sagt er:

«Es ist, als wärst du ein Kind. Du hattest einen wohlhabenden Vater. Eines Tages wachst du auf und sie sagen: 'Oh, dein Vater hatte einen Unfall. Er ist verstorben.' Dann musst du überleben. Du musst einen Weg finden, zu überleben.»

Das ist nicht die Stimme eines Mannes, der die Hilfe zurückwill. Das ist die Stimme eines Mannes, der erkannt hat, dass der «wohlhabende Vater» die Kindheit verlängert hat. Dass die Bequemlichkeit der Fürsorge die Notwendigkeit der Autonomie verhindert hat. Kaseya nutzt die Krise, um afrikanische Regierungen an Versprechen zu erinnern, die sie 2001 in Abuja gemacht haben: 15 Prozent des BIP für Gesundheit. Ein Versprechen, das jahrzehntelang ignoriert wurde, weil es ja USAID gab. Er treibt die Mobilisierung der 95 Milliarden Dollar aus der afrikanischen Diaspora voran. Er drängt auf den Aufbau einer eigenen pharmazeutischen Produktion.

Der «wohlhabende Vater» ist tot. Afrika hat keine Wahl, als erwachsen zu werden.

Nkem Khumbah, Professor an der African Academy of Sciences, geht noch weiter. Er spricht von einer «Befreiung» von einer asymmetrischen Partnerschaft. Er sagt, dass eine massive Demografie junger, gebildeter Afrikaner den Abzug von USAID begrüsst. Dass Jahrzehnte ausländischer Hilfe ein toxisches «Abhängigkeitssyndrom» geschaffen haben, das den lokalen Intellekt, die wissenschaftliche Eigenständigkeit und die politische Verantwortung erstickt hat. Wenn fremde Geber die Rechnung bezahlen, diktiert der Geber die Bedingungen, die Forschungsagenden, die Prioritäten.

January Makamba, tansanischer Politiker und Diplomat, sagt es noch direkter: «Wir sind nicht völlig traurig über die Entwicklungen.» Das ist die Stimme von Reformisten, die seit Jahrzehnten die geostrategischen Fäden der Geberländer loswerden wollen. Die die ideologische und geopolitische Konditionalität der Hilfe als Zwang empfinden. Die im Abzug von USAID eine Chance sehen, parlamentarische und fiskalische Strukturen zu reparieren, Steuereinnahmen zu mobilisieren, die Abhängigkeit von ausländischen Budgethilfen zu beenden.

Das sind keine Randstimmen. Das sind die Stimmen derer, die die Zukunft des Kontinents gestalten. Sie leugnen nicht die akuten Lücken in der Gesundheitsversorgung, der Ernährungssicherheit, der Bildung. Aber sie sagen: Das alte Modell des «Fischgebens» war eine Falle. Der raue Abzug von USAID ist die bittere Medizin, die nötig ist, um die eigenen Fischernetze zu knüpfen.

Der Beitrag erwähnt keine dieser Stimmen. Er erwähnt nur den Forscher aus Lausanne. Das ist keine Berichterstattung über Afrika. Das ist Berichterstattung über die Perspektive des Gebers.

Die Selbstreferenz

Rohner ist Wirtschaftswissenschaftler an einer Schweizer Universität. Er forscht über Entwicklungshilfe. Er ist Teil eines akademischen Feldes, das von der Existenz von Entwicklungshilfe lebt. Seine Karriere, seine Forschungsgelder, seine Publikationen — alles hängt davon ab, dass Entwicklungshilfe als relevant erachtet wird.

Das macht ihn nicht korrupt. Es macht ihn Teil eines Systems. Und Systeme neigen dazu, sich selbst zu reproduzieren. Eine Studie, die zeigt, dass Entwicklungshilfe Gewalt verhindert, ist eine Studie, die die Fortsetzung von Entwicklungshilfe rechtfertigt. Eine Studie, die zeigt, dass Entwicklungshilfe Abhängigkeit schafft, ist eine Studie, die die Abschaffung von Entwicklungshilfe rechtfertigt. Welche Studie wird eher finanziert? Welche Studie wird eher zitiert?

Der Beitrag erwähnt nicht, dass Rohner ein Interesse an dem Ergebnis hat, das er präsentiert. Er erwähnt nicht, dass die Entwicklungsökonomie ein Feld ist, in dem die Interessenlagen der Forscher und der Finanziers eng verflochten sind. Er erwähnt nicht, dass es eine Debatte über die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe gibt, die über die einfache Formel «Hilfe verhindert Gewalt» hinausgeht.

Die Banalität der Rezepte

Rohner sagt: «Wir wissen ziemlich genau, was positiv wirkt: Schulbildung, gute Gesundheitsversorgung und ein fairer Freihandel, helfen dabei, Gewalt zu vermeiden.»

Das ist richtig. Es ist auch banal. Jeder weiss das. Die Frage ist nicht, was wirkt. Die Frage ist, wie man dorthin kommt. Und die Frage ist, ob Entwicklungshilfe der beste Weg dorthin ist.

Schulbildung: Ja. Aber wer baut die Schulen? Wer bezahlt die Lehrer? Wer stellt sicher, dass die Lehrer unterrichten und nicht korrumpiert werden? Wenn die Antwort «die internationale Gemeinschaft» ist, dann haben wir ein Problem. Denn die internationale Gemeinschaft kann jederzeit abziehen. Wie USAID gezeigt hat.

Gute Gesundheitsversorgung: Ja. Aber wer baut die Krankenhäuser? Wer bezahlt die Ärzte? Wer stellt sicher, dass die Medikamente nicht auf dem Schwarzmarkt landen? Wenn die Antwort «die internationale Gemeinschaft» ist, dann haben wir dasselbe Problem.

Fairer Freihandel: Ja. Aber wer definiert «fair»? Die Länder, die die Handelsregeln setzen, sind dieselben Länder, die die Entwicklungshilfe finanzieren. Die Schweiz, die EU, die USA. Sie setzen die Regeln. Und sie setzen sie so, dass sie selbst profitieren. «Fairer Freihandel» ist ein schönes Ideal. In der Praxis heisst es oft: Öffnet eure Märkte für unsere Produkte, während wir eure Subventionen verbieten.

Die Rezepte sind banal, weil sie die eigentliche Frage nicht beantworten: Wie baut man Institutionen, die diese Dinge bereitstellen, ohne von aussen abhängig zu sein? Wie schafft man Souveränität statt Abhängigkeit?

Die anderen Kürzungen

«Weniger abrupt, aber im gleichen Zeitraum haben auch andere Länder – die Schweiz, Grossbritannien, Deutschland – ihre Entwicklungshilfe reduziert.»

Das wird am Rande erwähnt. Es ist aber der wichtigste Satz des Beitrags.

Warum kürzen alle? Die USA, die Schweiz, Grossbritannien, Deutschland? Ist das ein Zufall? Oder gibt es ein Muster?

Das Muster heisst: Die Geberländer haben erkannt, dass die Entwicklungshilfe nicht das gebracht hat, was sie bringen sollte. Oder sie haben andere Prioritäten. Oder sie haben Haushaltsprobleme. Oder sie haben das Vertrauen der Wähler verloren, die nicht mehr bereit sind, Geld im Ausland auszugeben, wenn es im Inland fehlt.

Der Beitrag fragt nicht, warum alle kürzen. Er stellt es als Problem dar, dass die Empfängerländer den Verlust nicht ausgleichen können. Aber er fragt nicht, ob der Verlust vielleicht auch eine Chance ist. Ob die Empfängerländer vielleicht besser dran wären, wenn sie sich nicht auf Geberländer verlassen müssten. Ob die Kürzungen vielleicht ein Anstoss sein könnten, eigene Strukturen aufzubauen.

Das ist keine Verteidigung der Kürzungen. Es ist die Frage, die der Beitrag nicht stellt.

Der Befund

SRF bringt eine Studie über die Folgen von USAID-Kürzungen. Die Studie ist besser als der Beitrag. Sie ist methodisch solider, theoretisch nuancierter, ehrlicher über ihre Limitationen. Sie enthält genau die Unterscheidungen, die der Beitrag unterschlagen hat: zwischen Opportunitätskosten und Rapazität, zwischen kurzfristigen Schocks und langfristigen Effekten, zwischen der Wirkung der Hilfe und der Wirkung ihres Abbruchs.

Der Beitrag hat aus einer Studie, die sagt: «Der abrupte Abbruch von Hilfe führt kurzfristig zu mehr Gewalt, besonders in Ländern mit schwachen Institutionen, aber wir können nichts über langfristige Effekte sagen, und unsere Ergebnisse widersprechen nicht der Literatur, die zeigt, dass Hilfe Konflikte erzeugt», eine Schlagzeile gemacht: «Wo USAID-Hilfe fehlt, steigt die Gewalt.»

Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die Wahrheit. Es ist eine halbe Wahrheit. Und halbe Wahrheiten sind gefährlicher als Lügen, weil sie auf Fakten basieren und deshalb glaubwürdig wirken.

Die Studie zeigt den Schmerz. Sie zeigt nicht, ob die Notwendigkeit dahinter liegt. Das zu beurteilen, wäre Journalismus gewesen.

Man könnte auch erzählen: Fünfzig Jahre Entwicklungshilfe haben eine Abhängigkeit geschaffen, die bei einem Abbruch in Gewalt umschlägt. Das ist nicht ein Argument gegen den Abbruch. Es ist ein Argument gegen die Abhängigkeit.

Man könnte erzählen: Die Hilfe hat Diktatoren finanziert, Wahlen manipuliert, Kapitalflucht ermöglicht. Der Sumpf, der jetzt trockenfällt, war nie eine Quelle der Entwicklung. Er war eine Quelle der Korruption.

Man könnte erzählen: Die Gewalt, die jetzt steigt, ist nicht nur die Folge des Abbruchs. Sie ist auch die Folge von fünfzig Jahren Hilfe, die lokale Institutionen untergraben hat. Die Regierungen entlastet hat. Die Bürger entmündigt hat. Die eine Parallelstruktur geschaffen hat, die zusammenbricht, wenn das Geld aufhört zu fliessen.

Man könnte erzählen: Die Frage ist nicht, wie man die Hilfe fortsetzt. Die Frage ist, wie man eine Abhängigkeit beendet, ohne dass es Gewalt gibt. Das ist eine schwierigere Frage. Aber es ist die richtige Frage.

Man könnte die Stimmen von Kaseya, Khumbah und Makamba zitieren. Die sagen: Der «wohlhabende Vater» ist tot. Wir müssen erwachsen werden. Es ist schmerzhaft. Aber es ist notwendig.

Der Beitrag stellt diese Frage nicht. Er zitiert einen Forscher, der eine Studie präsentiert, die die Fortsetzung der Hilfe rechtfertigt. Er fragt nicht, ob die Hilfe das Problem war, das sie zu lösen vorgab. Er fragt nicht, ob die Gewalt, die jetzt steigt, das Symptom einer tieferen Krankheit ist: der Abhängigkeit von einer Hilfe, die nie hätte so umfassend sein dürfen, dass ihr Abbruch Gewalt erzeugt.

«Menschen, deren Perspektiven schlecht sind, greifen eher zu Gewalt.» Das mag stimmen. Aber die Frage ist: Wer hat die Perspektiven zerstört? Nur der Abbruch der Hilfe? Oder auch die Hilfe selbst?

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