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Die Umfrage als politisches Instrument
Medienkritik
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Die Umfrage als politisches Instrument

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Zur SRF-Berichterstattung «1. SRG-Umfrage: Spannung bei ‹Keine 10-Mio-Schweiz› – Ja zum Zivildienstgesetz», 8. Mai 2026

Was berichtet wird

SRF veröffentlicht am 8. Mai 2026 die erste SRG-Umfrage zur Abstimmung vom 14. Juni 2026. Die Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz» steht bei 47 Prozent Ja zu 47 Prozent Nein. Das Zivildienstgesetz steht bei 52 Prozent Ja zu 40 Prozent Nein. Die Umfrage wurde von GFS Bern durchgeführt, im Auftrag der SRG.

Die Befunde werden eingeordnet. Bei der Initiative spiele sich der Kampf «zwischen den politischen Parteien» ab. SVP-Nähe korreliere mit Zustimmung, Linksparteien-Nähe mit Ablehnung. Männer und mittleres Alter tendierten zum Ja. Politikwissenschaftler Lukas Golder kommentiert: «Es ist kein Tabu mehr, kritisch zur Migration zu sein.»

Diese Berichterstattung folgt einer eingespielten Routine. Genau diese Routine verdient eine zweite Lektüre.

Die methodische Konstruktion

In der Methodenbox steht ein bemerkenswerter Satz: «Insgesamt wurden die Antworten von 19'728 stimmberechtigten Teilnehmenden für die Auswertung berücksichtigt.» Die Zahl klingt beeindruckend. Sie suggeriert eine Datengrundlage, die jeder normalen Umfrage weit überlegen ist.

Bei näherer Betrachtung zerfällt diese Zahl in drei sehr unterschiedliche Komponenten. 501 Personen wurden telefonisch befragt — das ist die klassische repräsentative Stichprobe. 18'721 Personen haben online über die SRG-Webportale teilgenommen — selbstrekrutiert. 506 Personen kamen über Social Media — ebenfalls selbstrekrutiert.

Das heisst: 97,5 Prozent der Befragten haben sich selbst gemeldet. Sie haben ein Online-Tool auf den SRG-Seiten geöffnet, weil sie politisch interessiert waren. Sie sind nicht zufällig ausgewählt, sondern selektiert durch Eigeninitiative. Wer regelmässig SRF-Nachrichten konsumiert und an politischen Umfragen teilnehmen will, repräsentiert nicht die Schweizer Stimmberechtigten — er repräsentiert das politisch hochinteressierte SRG-Publikum.

Die Methodenbox räumt das ein: «Da sich die Teilnehmenden der Umfrage selber rekrutieren (sogenanntes Opt-in-Verfahren), ist die Zusammensetzung der Stichprobe nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit.» Dann folgt die zentrale Wendung: «Diese Daten werden aber mittels Gewichtungen an die realen Verhältnisse der Stimmberechtigten angenähert.»

Hier liegt das methodische Kernproblem. Eine Online-Stichprobe, die sich aus dem SRG-Publikum selbst rekrutiert, ist strukturell verzerrt — und zwar nicht nur demografisch (mehr Männer, höher Gebildete, urbaner), sondern auch politisch. Wer SRF konsumiert, hat ein bestimmtes politisches Profil. Die Gewichtungen können demografische Verzerrungen einigermassen ausgleichen, aber die politisch-kulturelle Verzerrung der Selbstselektion lässt sich nicht durch Multiplikatoren beseitigen. Eine Person aus dem SRG-Publikum mit dem Alter X, dem Geschlecht Y und der Region Z ist nicht dieselbe wie eine zufällig ausgewählte Person mit demselben Alter, Geschlecht und derselben Region. Die politische Gewichtung «nach Parteipräferenz» gleicht das nur dann aus, wenn die Selbstdeklaration der Parteipräferenz korrekt erfolgt — was bei kontroversen Themen wie der Zuwanderung ein bekanntes Problem ist (soziale Erwünschtheit, Schamfaktor bei SVP-Wählern in linksdominierten Erhebungsumgebungen).

Das telefonische Restelement

Was bleibt, sind 501 telefonisch befragte Personen. Das ist die einzige Komponente, die methodisch als repräsentativ gelten kann. 501 Personen für eine Schweiz mit 5,5 Millionen Stimmberechtigten — das ist eine kleine, aber konventionelle Stichprobengrösse. Der statistische Fehlerbereich für eine solche Stichprobe liegt bei rund ±4,4 Prozentpunkten.

Die Methodenbox gibt einen Fehlerbereich von ±2,8 Prozentpunkten an. Dieser geringere Wert ergibt sich nur, wenn die Online-Komponenten als gleichwertig in die Berechnung eingehen. Das ist methodisch heikel: Der Fehlerbereich einer gemischten Stichprobe aus repräsentativer und selbstselektierter Befragung ist nicht einfach die mathematisch reduzierte Standardabweichung der Gesamtmenge. Er enthält eine systematische Verzerrungskomponente, die in der einfachen Fehlerangabe nicht abgebildet ist.

Konkret: Wenn die 501 telefonisch Befragten ein Ergebnis liefern, das von den 18'721 online Befragten substantiell abweicht, dann ist die Diskrepanz selbst ein Indikator. Sie wird in der publizierten Umfrage nicht ausgewiesen. Wir wissen nicht, ob die telefonische Stichprobe für oder gegen die Initiative höhere Werte zeigte als die Online-Stichprobe. Eine seriöse Methodendarstellung würde diese Aufschlüsselung anbieten.

Die Auftragsstruktur

Die Umfrage wurde von «GFS Bern im Auftrag der SRG SSR» durchgeführt. Diese Konstellation ist seit Jahren eingespielt und wird selten thematisiert. Sie verdient Beachtung.

GFS Bern ist nicht ein neutrales akademisches Institut, sondern ein kommerzielles Forschungsunternehmen, das einen erheblichen Teil seines Umsatzes mit politischen Umfragen macht. Es lebt davon, von der SRG, von Verbänden, von Parteien beauftragt zu werden. Lukas Golder, der zitierte Politikwissenschaftler, ist nicht ein externer Analytiker, sondern Co-Leiter genau dieses Instituts. Wenn er die Umfragebefunde kommentiert, kommentiert er die Arbeit seines eigenen Hauses.

Das ist nicht skandalös, aber es ist eine Konstellation. Eine Berichterstattung, die GFS-Befunde mit GFS-Kommentaren publiziert, schafft eine geschlossene Interpretationsschleife. Externe Stimmen — kritische Methodologen, alternative Demoskopen, akademische Wahlforscher — kommen nicht vor. Die Befunde werden mit der Autorität des Erhebers ausgestattet, der zugleich der Interpret ist.

Die SRG zahlt für diese Konstellation. Sie ist seit Jahren der Hauptauftraggeber von GFS für politische Umfragen. Es entsteht eine wechselseitige Abhängigkeit: GFS braucht die SRG-Aufträge, die SRG braucht die GFS-Daten als Material für ihre politische Berichterstattung. Diese Abhängigkeit lässt nicht Manipulation vermuten, aber sie lässt eine bestimmte Konformität der Wahrnehmung erwarten. Auffällige Abweichungen vom konventionellen demoskopischen Bild würden für beide Seiten Probleme schaffen — Methodenfragen für GFS, Glaubwürdigkeitsfragen für die SRG.

Die Sprache der Einordnung

Die Befunde werden von SRF in einer bestimmten Sprache eingeordnet. Bei der Initiative heisst es: «Während die Zustimmung im Umfeld der SVP sehr hoch ist und eine klare Mehrheit für die Initiative stimmen will, wird sie von den Anhängerinnen und Anhängern der linken Parteien deutlich abgelehnt.»

Diese Formulierung ist syntaktisch ausgewogen, semantisch aber nicht. Die Initiative wird in der SRF-Konstruktion zur «SVP-Initiative» — auch wenn 47 Prozent der Stimmberechtigten Ja sagen wollen, werden sie als «SVP-Umfeld» kodiert. Anhänger der SP, die die Initiative ablehnen, bleiben einfach «Anhänger linker Parteien» — ohne ähnliche Reduktion auf eine Partei-Identität.

Diese Asymmetrie ist nicht zufällig. Sie folgt einem etablierten Schema, in dem migrationskritische Positionen als Sektenposition einer einzelnen Partei dargestellt werden — auch dann, wenn die Umfragezahlen zeigen, dass diese Positionen weit über die SVP hinaus mehrheitsfähig sind. Die Hälfte der Stimmberechtigten, die Ja sagen wollen, kann nicht aus dem «SVP-Umfeld» stammen — die SVP hat einen Wähleranteil von rund 28 Prozent. Wer also bei 47 Prozent Ja-Stimmen das «SVP-Umfeld» als Hauptträger benennt, ignoriert systematisch jene 19 Prozentpunkte Zustimmung, die nicht aus diesem Umfeld kommen können.

Auch die Geschlechter- und Altersaufschlüsselung verdient Beachtung. «Männer tendieren eher zum Ja. Dies ist auch bei Personen im mittleren Alter so.» Diese Formulierung mag faktisch zutreffen, aber sie wird selektiv eingebracht. Bei der gleichzeitigen Zivildienst-Vorlage wird kein vergleichbarer Geschlechterhinweis gemacht — obwohl das Thema Wehrpflicht naturgemäss geschlechterspezifisch ist. Die Geschlechter-Codierung wird offenbar nur dort eingesetzt, wo sie das Initiativen-Lager als demografisch begrenzt erscheinen lässt.

Die psychologische Diagnose

Lukas Golder kommentiert: «Es ist kein Tabu mehr, kritisch zur Migration zu sein.» Diese Aussage ist bemerkenswert.

Sie unterstellt, dass die kritische Position zur Migration früher ein Tabu war — also eine Position, die man nicht öffentlich vertreten durfte. Sie unterstellt, dass diese Tabuisierung nun aufgehoben sei. Sie impliziert damit, dass die wachsende Zustimmung zur Initiative nicht primär durch die Migrationsrealität erklärt wird, sondern durch eine Erosion früherer Schamhürden.

Diese Lesart ist eine bestimmte. Sie verlegt die Erklärung von der Sache (Migration, ihre realen Folgen) auf die Diskursebene (Tabu, Tabubruch). Sie suggeriert, dass die migrationskritische Position eigentlich extremistisch sei und nur deshalb mehrheitsfähig werde, weil die Hemmschwellen sinken.

Eine andere Lesart wäre: Migrationskritische Positionen sind in den letzten Jahren mehrheitsfähig geworden, weil die Migrationsrealität (über 100'000 Nettozuwanderung pro Jahr in der Schweiz, Druck auf Wohnungsmarkt, Sozialsysteme, Infrastruktur) breite Bevölkerungsschichten betrifft. Die Position war nie extremistisch, sondern wurde von einem Teil der Eliten als extremistisch markiert — eine Markierung, die nun an Wirkung verliert, weil die Realität die Markierung widerlegt.

Diese alternative Lesart wird in der SRF-Berichterstattung nicht angeboten. Stattdessen wird die psychologische Erklärung («Tabu-Erosion») als selbstverständlich präsentiert.

Die Frage nach dem Effekt

Umfragen, die sieben Wochen vor einer Abstimmung publiziert werden, sind nicht neutrale Beobachtungen. Sie sind politische Akte. Sie beeinflussen die Stimmung, die Medienberichterstattung, die Kampagnenstrategien. Eine Umfrage, die ein knappes Patt zeigt, mobilisiert beide Lager. Eine Umfrage, die ein klares Resultat suggeriert, demobilisiert die unterlegene Seite (Bandwagon-Effekt) oder mobilisiert sie zum Trotz (Underdog-Effekt).

Bei einer Initiative, die laut Umfrage bei 47:47 steht, wird die Aufmerksamkeit auf die Mobilisierungsfrage gelenkt. Welche Seite kann ihre Anhänger besser an die Urne bringen? Diese Frage wird durch Geld, Organisation, Medienpräsenz entschieden. Wir haben in der vorhergehenden Berichterstattung gesehen, dass die Nein-Seite über 39 Prozent mehr Geld verfügt als die Ja-Seite. Wir wissen, dass die Mehrheit der grossen Medien — SRG, Tamedia, Ringier — auf der Nein-Seite kommunikativ stärker präsent ist.

In dieser Konstellation ist eine Umfrage, die ein knappes Patt zeigt, eine Aufforderung zur Mobilisierung der Nein-Seite. Sie sagt den Wirtschaftsverbänden, den linken Parteien, den Gewerkschaften: Eure 8,9 Millionen Franken sind nicht verschwendet, ihr könnt das Resultat noch beeinflussen, aber ihr müsst kämpfen. Dieselbe Umfrage könnte für die Ja-Seite Mobilisierung bedeuten — aber die Ja-Seite hat weniger Ressourcen, weniger Medienpräsenz, weniger institutionelle Unterstützung.

Die Frage, ob die Umfrage methodisch korrekt ist, ist nur ein Aspekt. Die andere Frage ist, welche politische Wirkung sie entfaltet. SRF thematisiert diese Wirkung nicht. SRF präsentiert die Umfrage als neutrale Information. Tatsächlich ist sie ein Akteur in der Auseinandersetzung, deren Verlauf sie zu beobachten vorgibt.

Das Zivildienst-Detail

Auch beim Zivildienstgesetz fällt eine Bemerkung auf: «Bemerkenswert ist, dass regierungskritische Personen die Vorlage stärker unterstützen als Personen, die der Regierung vertrauen. Dies widerspricht dem üblichen Muster für Behördenvorlagen.»

Diese Beobachtung ist tatsächlich interessant. Aber die SRF-Einordnung — «widerspricht dem üblichen Muster» — verbirgt eine Erklärung, die naheliegt: Die Zivildienstreform wird von SVP-Anhängern getragen (die der rot-grünen Bundesratsmehrheit kritisch gegenüberstehen) und von SP/Grünen-Anhängern abgelehnt (die der eigenen Bundesratsdelegation grundsätzlich vertrauen, aber in dieser Sache eine Wehrpflichtverschärfung ablehnen).

Das «übliche Muster» ist also nicht durchbrochen — es ist nur in seiner einfachen Form (Vertrauen in die Regierung = Ja zur Behördenvorlage) nicht anwendbar. Die SRF-Formulierung suggeriert demoskopische Anomalie, wo eigentlich politische Konstellation vorliegt.

Der Befund

Die SRG-Umfrage ist methodisch problematisch und interpretativ tendenziös. Sie kombiniert eine kleine repräsentative Stichprobe mit einer grossen selbstselektierten Online-Komponente. Sie wird von einem Institut durchgeführt, das wirtschaftlich von der SRG abhängt. Sie wird von einem Politikwissenschaftler kommentiert, der zugleich Co-Leiter dieses Instituts ist. Sie wird in einer Sprache eingeordnet, die migrationskritische Positionen systematisch als SVP-Phänomen kodiert und psychologisch als Tabu-Erosion erklärt.

Diese Konstellation ist nicht skandalös. Sie ist Routine. Genau das ist das Problem. Die Routine produziert seit Jahren ein konsistentes Bild der Schweizer Politik: Die «vernünftige Mitte» ist gegen migrationskritische Initiativen, die SVP steht alleine, das Mehrheitsprinzip muss gelegentlich gegen den «Populismus» verteidigt werden.

Die Realität ist anders. Die Realität ist, dass die Hälfte der Stimmberechtigten eine Initiative unterstützt, die in der Berichterstattung systematisch als extremistisch markiert wird. Diese Hälfte umfasst nicht nur SVP-Wähler, sondern erhebliche Teile der bürgerlichen Mitte und auch Teile der traditionellen sozialdemokratischen Wählerschaft, die in den letzten zehn Jahren ihre Partei verlassen haben. Es ist eine breite Strömung, die in der medialen Repräsentation systematisch verkleinert wird.

Eine substantielle Berichterstattung würde diese Diskrepanz thematisieren. Sie würde fragen, warum eine Position, die bei 47 Prozent der Stimmberechtigten Zustimmung findet, in den Medien als Randposition behandelt wird. Sie würde die methodischen Grenzen der Umfrage offenlegen, statt sie in einer Methodenbox zu verstecken, die kaum jemand liest. Sie würde die Auftragsstruktur der Umfrageforschung thematisieren, statt sie als selbstverständliche Routine zu behandeln. Sie würde die politische Wirkung der Umfrage als solche reflektieren, statt sie als neutrale Beobachtung zu präsentieren.

SRF macht das nicht. SRF liefert die Umfrage in der gewohnten Form, mit den gewohnten Einordnungen, mit den gewohnten Sprachregelungen. Wer ihr folgt, erhält ein Bild der Schweizer Politik, das die Mehrheitsverhältnisse strukturell verzerrt — eine Hälfte der Bevölkerung wird als Anhang einer einzigen Partei erzählt, während die andere Hälfte als breite vernünftige Allianz erscheint.

«47 zu 47» — so die Schlagzeile. Genauer wäre: Eine Schweiz, in der eine Hälfte der Stimmberechtigten eine Politik will, die in den Medien als Sekten-Politik dargestellt wird. Diese Diskrepanz ist die eigentliche Geschichte. Sie wird in der SRF-Berichterstattung nicht erzählt. Sie wird durch sie weiter zementiert.

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