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Die Umfrage als Botschaft
Medienkritik
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Die Umfrage als Botschaft

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Dieser SRF-Beitrag fasst die zweite SRG-Umfrage von GFS Bern zu den Abstimmungen vom 14. Juni zusammen — zur SVP-Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz» und zum Zivildienstgesetz. Umfragejournalismus ist heikel, weil er nicht bloss berichtet, was die Leute denken, sondern selbst beeinflusst, was sie denken werden: Wer als «im Trend liegend» gilt, mobilisiert; wer als «chancenlos» dasteht, demobilisiert. Gerade deshalb lohnt der genaue Blick darauf, welche Zahl in den Vordergrund gerückt wird, welcher Vorbehalt in den Nebensatz wandert und wie die Methodik dargestellt wird.

Zum SRF-Beitrag «Nein-Trend bei 10-Mio-Schweiz – Nägelkauen beim Zivildienstgesetz», 03.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Beginnen wir mit dem Verdienst, denn er ist in einem Punkt beträchtlich: die Transparenz der Methodik. Der Eckwerte-Kasten legt offen, was viele Medien verschweigen. Er nennt die Stichprobengrösse, den Fehlerbereich von ±2.8 Prozentpunkten, und vor allem die heikle Konstruktion der Stichprobe: nur 514 telefonisch Befragte gegenüber 18'387 online rekrutierten Personen. Und er sagt klar, dass diese Online-Teilnehmer sich «selber rekrutieren» — ein Opt-in-Verfahren, das «nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit» ist und erst durch Gewichtung angenähert werde. Das ist ehrlich. Wer den Kasten liest, kann die Belastbarkeit der Zahlen selbst einschätzen.

Auch die Differenzierung nach Parteibindung ist sauber und informativ: geschlossene Zustimmung im SVP-Umfeld, klare Ablehnung bei Grünen, SP und GLP, bröckelnde Zustimmung in der Mitte und bei der FDP. Das ist die handwerkliche Pflicht, und sie wird erfüllt.

Der Vorbehalt, der in den Nebensatz wandert

Die aufschlussreichste Stelle des ganzen Beitrags ist ein einziger, beiläufig angehängter Halbsatz. Nachdem der «Nein-Trend» zur SVP-Initiative ausführlich ausgebreitet ist, heisst es:

«Allerdings betont Politikwissenschaftler Lukas Golder, dass die Erhebung noch vor dem Messerangriff von Winterthur erfolgt ist.»

Das ist enorm — und es steht da wie eine Fussnote. Bei einer Initiative, die im Kern von Zuwanderung und ihren Folgen handelt, ist ein gewalttätiger Messerangriff kurz vor dem Urnengang kein nebensächliches Detail, sondern potenziell der entscheidende Faktor. Genau solche Ereignisse können die Stimmung bei migrationsbezogenen Vorlagen innert Tagen verschieben, und zwar typischerweise zugunsten der restriktiveren Seite. Die ganze Schlagzeile — «Nein-Trend» — beruht also auf einer Momentaufnahme, die ein womöglich stimmungsprägendes Ereignis gar nicht enthält. Dieser Vorbehalt hätte die Überschrift relativieren müssen; stattdessen verschwindet er im letzten Satz des ersten Themenblocks, eingeleitet mit dem abschwächenden «Allerdings». Die Schlagzeile verkündet einen Trend, den die Erhebung selbst möglicherweise schon nicht mehr abbildet.

Die übergangene Diskrepanz: Wenn die Leute das Gegenteil erwarten

Bemerkenswert ist eine Zahl, die der Beitrag zwar nennt, aber sofort wieder fallenlässt. Während nur 45 Prozent die Initiative annehmen wollen, erwarten 55 Prozent der Befragten, dass sie angenommen wird — und diese Erwartung ist gegenüber der ersten Umfrage sogar noch gestiegen. Der Beitrag bezeichnet das als «diametral» und geht zur Tagesordnung über.

Das ist eine verpasste Gelegenheit, denn diese Diskrepanz ist hochinteressant. In der Wahlforschung gilt die sogenannte Erwartungsfrage («Was glauben Sie, wie es ausgeht?») bisweilen als der bessere Prädiktor als die Absichtsfrage — gerade weil die Befragten dabei unbewusst auch ihr Umfeld einbeziehen und weniger durch soziale Erwünschtheit verzerrt antworten. Wenn die Stimmbürger mehrheitlich ein Ja erwarten, während sie mehrheitlich ein Nein angeben, ist das nicht einfach ein Kuriosum — es ist ein mögliches Warnsignal, dass die geäusserte Ablehnung weniger fest ist, als die Schlagzeile suggeriert. Der Beitrag nennt die Zahl pflichtgemäss, nutzt sie aber nicht zur naheliegenden kritischen Frage an die eigene Schlagzeile. Die Erzählung «Nein-Trend» bleibt unangefochten, obwohl die Daten selbst einen Gegenindikator enthalten.

Die Methodik und ihre Richtung

Der Eckwerte-Kasten ist, wie gesagt, transparent — aber er benennt die Existenz der Verzerrung, nicht ihre Richtung. Die Online-Stichprobe wird «über die Webportale der SRG» rekrutiert. Das heisst: Es antwortet überproportional das SRG-Publikum. Und dieses Publikum ist nicht politisch neutral zusammengesetzt; das Stammpublikum des gebührenfinanzierten Senders neigt erfahrungsgemäss weniger der SVP zu, die ihrerseits die SRG seit Jahren bekämpft. Die Gewichtung soll das korrigieren — aber Gewichtung kann nur ausgleichen, was man messbar kennt (Alter, Geschlecht, Wohnort, frühere Stimmabgabe), nicht die feineren Einstellungsunterschiede zwischen jenen, die bei einer SRG-Umfrage mitmachen, und jenen, die es nicht tun.

Hinzu kommt ein in der Schweiz gut dokumentiertes Phänomen, das der Beitrag mit keinem Wort erwähnt: Bei migrationskritischen SVP-Vorlagen wird die Zustimmung in Vorumfragen systematisch unterschätzt. Ein Teil der Befürworter gibt seine Absicht aus sozialer Erwünschtheit nicht offen zu Protokoll — der «scheue» Ja-Stimmende. Wer also einen «Nein-Trend» bei genau einer solchen Vorlage vermeldet, müsste diesen historischen Bias zwingend dazusagen, weil er die Schlagzeile direkt in Frage stellt. Der Beitrag tut es nicht. Er behandelt die 52 Prozent Nein, als wären sie eine richtungsneutrale Messung, obwohl die methodischen Verzerrungen — SRG-Publikum plus Erwünschtheitseffekt — beide in dieselbe Richtung weisen: zuungunsten der Initiative.

Die «normaler Verlauf»-Erzählung

Schliesslich die Rahmung im Untertitel: Der Nein-Trend «entspricht bei Initiativen dem normalen Verlauf». Das ist nicht falsch — es ist eine reale politologische Regelmässigkeit, dass Initiativen über die Kampagne hinweg an Zustimmung verlieren. Aber diese Einordnung hat eine Nebenwirkung: Sie erklärt das Nein zum Naturgesetz, zur Erwartung, zum Normalfall. Damit wird der Ausgang gewissermassen vorweggenommen und normalisiert. Für die Befürworter wirkt eine solche Botschaft demobilisierend («ist ohnehin verloren, wie immer»), für die Gegner bestätigend. Dass die Umfrage selbst zum Faktor im Abstimmungskampf wird, ist die unvermeidliche Eigenschaft jeder veröffentlichten Erhebung — aber gerade deshalb wäre Zurückhaltung in der Trend-Dramatisierung geboten, statt die Erosion zur Gesetzmässigkeit zu erklären.

Beim Zivildienstgesetz: nur ein Argument bekommt einen Namen

Eine kleinere, aber konsistente Beobachtung betrifft den zweiten Block. Beim Zivildienstgesetz nennt der Beitrag von allen Kontra-Argumenten nur eines konkret: die Kritik, «wonach die Abschreckung vom Zivildienst der Gesellschaft schaden würde» — und vermerkt, dieses erhalte «am meisten Zustimmung». Die Pro-Argumente bekommen kein einziges benanntes Gesicht. So entsteht auch hier eine leichte Schieflage: Die Dynamik wird als «Nein-Trend» beschrieben und mit einem konkret zitierten Nein-Argument unterfüttert, während die Ja-Seite argumentativ stumm bleibt.

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