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Die Uhren der Gleichgültigkeit
Medienkritik
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Die Uhren der Gleichgültigkeit

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Was SRF zeigt, wenn es schweigt — und wie es spricht, wenn es nicht mehr schweigen kann

Zum SRF-Beitrag «Neue Swatch-Uhr: Fans stehen teils 24 Stunden Schlange», 16. Mai 2026, und zum SRF-Beitrag in der Tagesschau über die Londoner Proteste, 16. Mai 2026

In Genf stehen über tausend Menschen Schlange. Vor einem Swatch-Geschäft. Wegen einer Uhr. Die «Royal Pop» heisst sie, eine Kollaboration zwischen Swatch und Audemars Piguet. Eine Taschenuhr. Bunt. Limitiert. Statussymbol für Leute, die sich fragen, wie sie 400 Franken am Handgelenk tragen sollen — oder, bei der Originalversion von AP, 80'000.

SRF berichtet. Ausführlich. Mit Bildern. Mit Zitaten von Fans, die 24 Stunden im Kaltstand ausharren. «Es war lang, es war hart, es war kalt. Aber einmal im Leben lohnt es sich», sagt eine junge Frau in Biel, die am Freitag um 22 Uhr angereist ist. SRF lässt sie sprechen. Gibt ihr eine Stimme. Macht ihre Geschichte zur Geschichte des Tages.

Gleichzeitig passiert etwas in Grossbritannien. Nicht Kleines. Etwa 80'000 Menschen sind in London auf die Strasse gegangen. In zwei massiven, gegeneinander gerichteten Demonstrationen. Die Metropolitan Police hat 4'000 Beamte eingesetzt, Live-Gesichtserkennung aktiviert, Panzerfahrzeuge in Bereitschaft gestellt — einer der grössten Polizeieinsätze für öffentliche Ordnung seit Jahren.

Auf der einen Seite: Zehntausende Demonstranten bei «Unite the Kingdom». Organisiert von Tommy Robinson. Sie protestieren gegen die Masseneinwanderung, gegen den Islamismus, gegen die Regierung von Premierminister Keir Starmer. Sie rufen nach Starmers Rücktritt. Sie fordern «Remigration».

Auf der anderen Seite: Zehntausende «propalästinensische und antirassistische» Demonstranten. Sie gedenken des Nakba-Tags, dem 78. Jahrestag der Vertreibung der Palästinenser 1948. Sie fordern einen Waffenstillstand. Sie werfen der britischen Regierung Komplizenschaft vor. Sie treten gleichzeitig als Gegenprotest auf.

43 Festnahmen. Getrennte Marschrouten. Eine «sterile zone» zwischen den Lagern. Die Proteste fallen mit dem FA-Cup-Finale in Wembley zusammen. Der Verkehr kollabiert. Das Zentrum von London steht still.

SRF berichtet nicht darüber. Zumindest nicht online. Nicht als eigene Geschichte. Nicht als Analyse. Nicht als das, was es ist: ein europäisches Ereignis, das auch die Schweiz betrifft.

Eine neue Uhr: ja. Ein Land, das sich selbst verhandelt: nein.

Dann die Tagesschau

Am selben Tag. In der Tagesschau. Zwischen Parmelin-Interview und Wetterbericht. Ein kurzer Beitrag. Aber immerhin.

Aber wie.

«Der eine von Rechtsextremen organisiert», sagt der Sprecher. «Der andere von Pro-Palästina-Aktivisten.»

Fünfzigtausend Menschen bei «Unite the Kingdom»: «Rechtsextreme». Ein einzelner Organisator — Tommy Robinson — definiert das Etikett für alle. Wer dort steht, ist rechtsextrem. Keine Differenzierung. Keine Nuance. Keine Frage, ob vielleicht auch Menschen dabei sind, die einfach besorgt sind über die Einwanderung. Die das Gefühl haben, dass ihre Kultur verschwindet. Die nicht mehr gehört werden. Nein. Rechtsextrem. Fertig.

Dreissigtausend Menschen bei der Gegenkundgebung: «Aktivisten». Pro-Palästina-Aktivisten. Antifaschistische Gruppen. Das klingt neutral. Engagiert. Ehrenwert. Als würden Menschen für eine gute Sache auf die Strasse gehen. Kein Wort über die Rufe, die bei solchen Demos üblich sind. Kein Wort über den Antisemitismus, der sich in diese Bewegung eingeschlichen hat.

«Rechtsextreme» auf der einen Seite. «Aktivisten» auf der anderen. Das ist keine Beschreibung. Das ist eine Wertung. Und sie ist asymmetrisch.

Die Grammatik der Aufmerksamkeit

Journalismus ist Auswahl. Jeden Tag treffen Redaktionen Entscheidungen darüber, was sie berichten und was nicht. Was sie zeigen und was sie verschweigen. Wem sie eine Stimme geben und wem nicht. Diese Entscheidungen sind nicht neutral. Sie bilden eine Grammatik der Aufmerksamkeit. Sie sagen: Das ist wichtig. Das ist es nicht. Das ist eine Geschichte, die du kennen musst. Das ist eine Geschichte, die dich nichts angeht.

Die Grammatik von SRF an diesem Tag lautet: Eine Uhr, die tausend Menschen Schlange stehen lässt, ist eine Geschichte, die du kennen musst. 80'000 Menschen auf den Strassen einer europäischen Hauptstadt, die sich in zwei feindliche Lager aufteilen, sind eine Geschichte für die Tagesschau — aber nur, wenn man sie richtig etikettiert.

Das ist keine inhaltliche Entscheidung. Es ist eine formale. Uhren sind Konsum. Konsum ist Lifestyle. Lifestyle ist harmlos. Proteste sind Politik. Politik ist kontrovers. Kontrovers ist riskant. Also berichtet SRF über die Uhr — und wenn es über die Proteste berichtet, dann mit Etiketten, die klarstellen, wer gut ist und wer böse.

Die Grammatik der Aufmerksamkeit ist auch eine Grammatik der Entpolitisierung. Sie verschiebt den Fokus vom Politischen zum Privaten. Vom Gemeinsamen zum Individuellen. Vom Konflikt zum Konsum. Sie macht die Welt überschaubarer. Harmloser. Gleichgültiger.

Und wenn der Konflikt nicht verschwiegen werden kann, dann wird er etikettiert. So, dass er nicht mehr herausfordert. So, dass er die eigenen Prämissen nicht infrage stellt.

Die Grammatik der Etikettierung

Etikettierung ist nicht neutral. Sie bestimmt, wie wir Menschen wahrnehmen. Wie wir sie beurteilen. Ob wir ihnen zuhören oder sie abweisen.

Wer «rechtsextrem» genannt wird, ist diskreditiert. Alles, was er sagt, ist verdächtig. Jede Sorge, die er äussert, ist rechtsextrem. Jede Kritik an der Einwanderung ist rechtsextrem. Jede Frage an die Regierung ist rechtsextrem. Das Etikett ersetzt das Argument.

Wer «Aktivist» genannt wird, ist legitimiert. Alles, was er sagt, ist Engagement. Jede Kritik an Israel ist legitime Kritik. Jeder Ruf nach einem Waffenstillstand ist friedensbewegt. Das Etikett ersetzt auch hier das Argument.

Die Grammatik der Etikettierung funktioniert so: Sie teilt die Welt in Gute und Böse. In die, die recht haben, und die, die unrecht haben. In die, die man anhören muss, und die, die man abweisen kann. Sie macht die Debatte einfacher. Aber sie macht sie auch falsch.

Was SRF nicht sagt

SRF sagt: Die «Rechtsextremen» demonstrieren gegen Immigration und gegen eine «vermeintliche Auslöschung der britisch-christlichen Kultur».

«Vermeintliche». Das ist ein kleines Wort. Aber es macht einen grossen Unterschied. Es sagt: Die Sorge ist nicht echt. Sie ist eingebildet. Sie ist irrational. Die Menschen, die auf die Strasse gehen, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Kultur verschwindet, haben sich das nur ausgedacht.

Man kann darüber streiten, ob die Sorge berechtigt ist. Man kann darüber streiten, ob die Einwanderung die britische Kultur bedroht. Man kann darüber streiten, ob die Massnahmen, die die Demonstranten fordern, angemessen sind.

Aber man sollte nicht bestreiten, dass die Sorge echt ist. Dass die Menschen sie fühlen. Dass sie sie auf die Strasse treibt. Das Wort «vermeintlich» bestreitet das. Es sagt den Menschen: Eure Sorge ist nicht echt. Ihr bildet euch das nur ein.

Das ist nicht Journalismus. Das ist Bevormundung.

Was SRF verschweigt

SRF erwähnt nicht, was bei den «Aktivisten»-Demos üblicherweise gerufen wird. Kein Wort über die Rufe, welche die Vernichtung Israels fordern. Kein Wort über den Antisemitismus, der sich in der propalästinensischen Bewegung breitgemacht hat. Kein Wort über die Angriffe auf jüdische Einrichtungen, die seit dem 7. Oktober 2023 in ganz Europa zugenommen haben.

Stattdessen: «Sie gedenken der Nakba.» Das klingt friedlich. Gedenken ist harmlos. Erinnerung ist wichtig. Aber das Gedenken der Nakba ist nicht nur Erinnerung. Es ist auch eine politische Aussage. Es ist die Aussage, dass die Staatsgründung Israels ein Unrecht war. Dass Israel auf unrechtmässigem Land gegründet wurde. Dass es nicht existieren sollte.

Das kann man so sehen. Aber man sollte es auch so nennen. Und man sollte die Konsequenzen benennen. Die Konsequenz dieser Sichtweise ist die Delegitimierung Israels. Und die Delegitimierung Israels führt zu dem, was wir seit dem 7. Oktober sehen: einer Radikalisierung, die sich nicht mehr auf den Nahen Osten beschränkt, sondern die Strassen von London, Paris und Berlin erreicht hat.

SRF nennt das «Aktivismus». Das ist verharmlost.

Die Asymmetrie der Sorge

50'000 Menschen gehen auf die Strasse, weil sie sich um ihr Land sorgen. Um ihre Kultur. Um ihre Identität. SRF nennt sie «Rechtsextreme» und ihre Sorge «vermeintlich».

30'000 Menschen gehen auf die Strasse, um eines Unrechts zu gedenken, das 78 Jahre zurückliegt, und um eine Regierung zu kritisieren, die sie für kompliziert halten. SRF nennt sie «Aktivisten» und ihr Anliegen legitim.

Die Asymmetrie ist offensichtlich. Die Sorge der einen wird pathologisiert. Die Sorge der anderen wird nobilitiert. Die einen sind rechtsextrem. Die anderen sind aktivistisch. Die einen sind das Problem. Die anderen sind die Lösung.

Das ist nicht die Realität. Die Realität ist komplexer. In beiden Gruppen gibt es Menschen, die echte Sorgen haben. In beiden Gruppen gibt es Menschen, die radikale Positionen vertreten. In beiden Gruppen gibt es Menschen, die instrumentalisiert werden.

Aber SRF zeigt nur eine Seite der Asymmetrie. Die Seite, die ins Narrativ passt.

Was SRF verschweigt, wenn es verschweigt

Man könnte einwenden: Grossbritannien ist nicht die Schweiz. Was dort passiert, ist nicht direkt relevant für hiesige Verhältnisse. SRF hat eine Pflicht, über die Schweiz zu berichten, nicht über jedes Land, in dem es Proteste gibt.

Das stimmt — teilweise. Aber es stimmt nur, wenn man die Geschichte in London als britische Geschichte liest. Als isoliertes Ereignis. Als etwas, das mit uns nichts zu tun hat.

Die Geschichte in London ist aber keine britische Geschichte. Es ist eine europäische Geschichte. Eine Geschichte über das, was passiert, wenn Regierungen die Realität ignorieren. Wenn Eliten den Kontakt zum Volk verlieren. Wenn die Einwanderungspolitik die soziale Kohäsion zerstört. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass die Demokratie sie nicht mehr hört.

Das sind keine britischen Probleme. Das sind europäische Probleme. Und Schweizer Probleme.

Die Schweiz hat 2000 der Personenfreizügigkeit zugestimmt — unter dem Versprechen, die Zuwanderung werde begrenzt. Das Versprechen wurde nicht gehalten. 2014 hat das Volk die Masseneinwanderungsinitiative angenommen. Die Initiative wurde nicht umgesetzt. Jetzt, 2026, stimmt die Schweiz über die 10-Millionen-Initiative ab — weil alles andere gescheitert ist.

Die Frustration, die in London auf die Strasse führt, ist dieselbe Frustration, die in der Schweiz Initiativen hervorbringt. Dieselbe Entfremdung. Dasselbe Gefühl, dass die Politik nicht mehr hört. Dass die Eliten nicht mehr repräsentieren. Dass die Demokratie nicht mehr funktioniert.

SRF will diese Verbindung nicht herstellen. Also berichtet es nicht darüber — oder, wenn es darüber berichtet, dann mit Etiketten, die die Verbindung unsichtbar machen.

Die Gleichgültigkeit als Methode

Gleichgültigkeit ist nicht das Gegenteil von Anteilnahme. Gleichgültigkeit ist eine Methode. Eine Methode, die Welt so darzustellen, dass sie keine Fragen aufwirft. Die keine Widersprüche zeigt. Die keine Konflikte benennt. Die die Menschen nicht herausfordert, sondern beruhigt.

Die Uhr-Geschichte beruhigt. Sie sagt: Schau, wie glücklich diese Menschen sind. Schau, wie sie sich für etwas begeistern. Schau, wie sie gemeinsam Schlange stehen. Das ist die Schweiz, die SRF zeigen will. Eine Schweiz, die konsumiert. Die sich freut. Die sich nicht aufregt.

Die Geschichte aus London würde aufregen. Sie würde zeigen, dass Menschen in Europa auf die Strasse gehen, weil sie von ihren Regierungen ignoriert werden. Dass die Demokratie unter Druck ist. Dass die Eliten die Realität verloren haben. Dass das soziale Gefüge zerbricht.

Das ist eine Geschichte, die Fragen aufwirft. Auch für die Schweiz.

SRF will diese Fragen nicht aufwerfen. Also berichtet es nicht darüber — oder es etikettiert diejenigen, die sie aufwerfen, als «rechtsextrem».

Die Frage, die SRF nicht stellt

Die Frage lautet: Warum gehen 50'000 Menschen auf die Strasse, um gegen Einwanderung zu protestieren? Warum fühlen sie sich von ihrer Regierung nicht vertreten? Warum haben sie das Gefühl, dass ihre Kultur verschwindet?

Das sind Fragen, die eine Demokratie stellen müsste. Die eine Regierung stellen müsste. Die Medien stellen müssten.

SRF stellt sie nicht. Es etikettiert die Menschen, die diese Fragen aufwerfen, als «rechtsextrem». Und damit erledigt sich die Frage. Wer rechtsextrem ist, hat keine legitimen Sorgen. Wer rechtsextrem ist, hat nur Vorurteile. Wer rechtsextrem ist, muss nicht ernst genommen werden.

Das ist bequem. Für die Regierung. Für die Eliten. Für die Medien, die sie begleiten.

Aber es ist nicht demokratisch. Denn eine Demokratie, die die Sorgen ihrer Bürger nicht ernst nimmt, wird irgendwann von den Bürgern abgewählt. Oder von den Umständen überrollt.

Die Uhren der Gleichgültigkeit

Die Menschen, die in Genf für eine Uhr Schlange stehen, sind nicht das Problem. Sie tun, was sie wollen. Sie geben ihr Geld aus, wie sie es für richtig halten. Das ist ihr Recht.

Das Problem ist ein Medienwesen, das diese Menschen für berichtenswert hält — und 80'000 Menschen auf den Strassen einer europäischen Hauptstadt nur dann erwähnt, wenn es sie richtig etikettieren kann. Das die Begeisterung für eine Uhr für wichtiger hält als die Verzweiflung eines Volkes. Das Konsum für relevanter hält als Demokratie. Das schweigt, wenn es schweigen kann — und das etikettiert, wenn es nicht mehr schweigen kann.

Die Uhren der Gleichgültigkeit ticken. Sie zeigen nicht die Zeit an. Sie zeigen an, was für berichtenswert gehalten wird. Was für wichtig gehalten wird. Was für echt gehalten wird.

Und sie zeigen, was nicht berichtenswert ist. Nicht wichtig. Nicht echt — ausser man versieht es mit dem richtigen Etikett.

Das ist die Grammatik der Aufmerksamkeit. Sie bestimmt, was wir sehen. Was wir wissen. Was wir für möglich halten.

Sie bestimmt auch, was wir nicht sehen. Nicht wissen. Nicht für möglich halten.

Das ist die eigentliche Macht der Medien. Nicht das, was sie sagen. Sondern das, was sie verschweigen. Und nicht, wie sie berichten. Sondern wie sie etikettieren.


In Genf standen über tausend Menschen Schlange. In London stand ein Volk auf. SRF berichtete über die einen. Die anderen existieren nur als Etikett — rechtsextrem, vermeintlich, erledigt.

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