Die Theologie der Unschuldsvermutung
Wie SRF die WHO als technisches Opfer darstellt — und verschweigt, dass die Krise der Organisation nicht das Werk von Populisten ist, sondern die Konsequenz ihres eigenen politischen Handelns
Zum SRF-Beitrag «Wichtiger als je zuvor, aber arg geschwächt», 18. Mai 2026
Es ist eine Geschichte über eine Organisation, die gebraucht wird wie nie zuvor. Hantavirus, Ebola — die Gefahren sind real. Die Welt braucht die WHO. Und die WHO ist geschwächt. Weil die USA ausgetreten sind. Weil das Geld fehlt. Weil die Politik sich in die Gesundheit einmischt.
Es ist die Geschichte eines Opfers. Einer technischen Organisation, die eigentlich nur helfen will. Die wissenschaftliche Fakten liefert. Die warnt und koordiniert. Und die jetzt leidet unter den Launen der Politik, dem Populismus und der Feindseligkeit gegenüber der Wissenschaft.
Es ist die Geschichte, die SRF erzählt. Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Die andere Geschichte lautet: Die WHO ist nicht nur das Opfer der Politik. Sie ist auch ihr Akteur. Sie hat sich politisiert. Sie hat Vertrauen verspielt. Sie hat Fehler gemacht, die nicht Populisten erfunden haben, sondern die in der Realität der Pandemiebewältigung stattfanden.
SRF erzählt die eine Geschichte. Und erzeugt so eine Theologie der Unschuldsvermutung. Eine Theologie, die die WHO immunisiert gegen Kritik. Die sie heiligt zur Repräsentantin der Wissenschaft. Und die jeden, der sie kritisiert, zum Feind der Fakten macht.
Die Konstruktion des «Eigentlich»
SRF schreibt: «Eine eigentlich technische UNO-Organisation wird auf einmal nach der politischen Interessenlage und nach politischen Vorlieben und Abneigungen beurteilt und kritisiert.»
Das Wort «eigentlich» leistet hier ganze Arbeit. Es sagt: Die WHO ist im Kern technisch. Wissenschaftlich. Neutral. Die Politik ist ein Eindringling. Eine Störung. Ein Unfall.
Aber die WHO ist nicht «eigentlich technisch». Sie ist eine politische Organisation. Sie verhandelt Verträge — wie den umstrittenen Pandemievertrag. Sie entscheidet über globale Gesundheitsstrategien. Sie schliesst Staaten aus oder ein — wie Taiwan, das auf Druck Chinas nicht beobachten darf. Sie entsendet Delegationen, deren Berichte politische Konsequenzen haben — wie die Ursprungsermittlung von Covid-19, die von Peking beeinflusst wurde.
Das ist nicht «eigentlich technisch». Das ist per Definition politisch. Eine Organisation, die globale Normen setzt, ist eine politische Akteurin. Eine Organisation, die über Pandemien entscheidet, trifft Machtentscheidungen. Eine Organisation, die Mitglieder aufnimmt oder ausschliesst, betreibt Aussenpolitik.
Die Konstruktion des «Eigentlich» erlaubt es SRF, die Politisierung der WHO als äusseren Einfall darzustellen. Als wäre die WHO ein reines Labor, das von bösen Politikern gestürmt wird. Als hätte sie sich nicht selbst politisiert — durch ihren Umgang mit China, durch ihre zögerliche Alarmierung bei Covid, durch die Durchsetzung politischer Prioritäten in der Gesundheitspolitik.
Der Notstand als Disziplinierung
Hantavirus. Ebola. Die WHO wird «dringender gebraucht denn je». Das ist das Argument des Notstands. Es funktioniert so: Es gibt eine Gefahr. Die WHO ist nötig, um sie zu bekämpfen. Wer die WHO kritisiert, behindert die Bekämpfung. Wer die WHO schwächt, gefährdet Leben.
Das ist die Logik der Notstandsdisziplinierung. Sie verbietet Kritik, weil die Lage zu ernst ist. Sie fordert Solidarität mit der Institution, weil die Alternative Schlimmeres ist. Sie stellt die Frage nach dem Vertrauen zurück hinter die Frage nach der Nützlichkeit.
Aber die Frage nach dem Vertrauen ist gerade wegen der Nützlichkeit entscheidend. Eine Organisation, die im Notfall Leben retten soll, muss vertrauenswürdig sein. Und Vertrauenswürdigkeit entsteht nicht durch Immunität gegen Kritik, sondern durch Rechenschaft.
Die WHO hat bei Covid-19 Vertrauen verspielt. Nicht bei Populisten. Bei Bürgern, die sahen, wie die Organisation Desinformation wiederholte. Bei Wissenschaftlern, die eine unabhängige Ursprungsermittlung forderten und statt dessen ein von Peking genehmigtes Theater bekamen. Bei Regierungen, die erkannten, dass die WHO nicht unabhängig war, sondern zwischen den Interessen der Grossmächte lavte.
Das ist kein Populismus. Das ist die Konsequenz des eigenen Handelns. SRF verschweigt diese Konsequenz, indem es den Notstand beschwört. Es sagt: Wir brauchen die WHO. Es sagt nicht: Die WHO muss sich ändern, damit wir sie brauchen können.
Die Laune und das Warum
SRF schreibt, die USA seien unter Trump ausgetreten. Argentinien ebenfalls. Und dann zitiert es Tedros: Die Organisation sei abhängig «von den Launen und Prioritäten wichtiger Geldgeber».
«Launen». Das ist das Wort, das die Kritik entwertet. Es sagt: Der Austritt der USA war keine politische Entscheidung mit Gründen. Er war eine Laune. Eine Kaprice. Eine Willkür.
Aber der Austritt der USA war keine Laune. Er war — ob man ihn gutheisst oder nicht — das Ergebnis einer politischen Auseinandersetzung. Der Vorwurf der USA lautete: Die WHO ist zu nah an China. Sie hat die Pandemie verschleppt. Sie hat chinesische Desinformation verbreitet. Sie hat Taiwan ausgeschlossen.
Das sind Vorwürfe, die man entkräften kann. Das sind Vorwürfe, die man widerlegen kann. Aber es sind keine «Launen». Es sind politische Positionen in einer globalen Machtfrage.
Indem SRF die Gründe für den US-Austritt nicht nennt, sondern ihn als «Laune» darstellt, immunisiert es die WHO gegen die Substanz der Kritik. Es macht die Kritik irrational. Es macht die WHO zum Opfer irrationaler Akte. Und es verschweigt, dass die Kritik — auch wenn man ihre Form ablehnt — auf reale Versäumnisse der Organisation verweist.
Der blinde Fleck der Abhängigkeit
SRF erwähnt, dass die WHO zu drei Vierteln von freiwilligen Spendern abhängig ist. Es zitiert Tedros, der dies als Problem bezeichnet. Aber es fragt nicht, wer diese Spender sind.
Die grössten freiwilligen Spender der WHO sind nicht Staaten. Es sind private Organisationen. Die Bill & Melinda Gates Foundation. Gavi, die Impfallianz. Andere philanthropische Akteure.
Das bedeutet: Die WHO ist nicht nur von den «Launen» der USA abhängig. Sie ist von den Prioritäten privater Stiftungen abhängig. Stiftungen, die eigene Agenden haben. Die Impfstoffe fördern. Die bestimmte Krankheiten priorisieren. Die den globalen Gesundheitsdiskurs prägen.
Wenn die Abhängigkeit von Geldgebern ein Problem ist, dann ist die Abhängigkeit von privaten Spendern genauso ein Problem wie die Abhängigkeit von staatlichen. Vielleicht ein grösseres. Denn private Spender sind nicht demokratisch legitimiert. Sie sind niemandem verantwortlich. Sie können ihre Prioritäten setzen, ohne dass ein Parlament sie kontrolliert.
SRF erwähnt die private Abhängigkeit nicht. Es spricht von «freiwilligen Spendern» und «Launen», als wären es nur Staaten, die die WHO beeinflussen. Es verschweigt den strukturellen Einfluss privater Akteure auf eine öffentliche Organisation. Und es verschweigt, dass die Finanzkrise der WHO nicht nur ein Problem der Kürzungen ist, sondern ein Problem der Struktur.
Die Heiligsprechung durch Mia Mottley
Der Beitrag endet mit einem Zitat von Mia Mottley, der Premierministerin von Barbados: «Wissenschaft vor Verdächtigungen, Fakten vor Fiktion.»
Das ist die Heiligsprechung. Sie funktioniert so: Die WHO steht für die Wissenschaft. Wer die WHO kritisiert, stellt Verdächtigungen auf. Wer die WHO hinterfragt, verbreitet Fiktion.
Das ist eine gefährliche Gleichsetzung. Sie setzt eine Institution mit der Methode gleich, die sie anwenden sollte. Sie sagt: Die WHO ist die Wissenschaft. Wer die WHO kritisiert, ist gegen die Wissenschaft.
Aber die WHO ist nicht die Wissenschaft. Sie ist eine Organisation, die Wissenschaft anwendet — oder auch nicht. Sie ist eine Organisation, die wissenschaftliche Erkenntnisse kommuniziert — oder auch nicht. Sie ist eine Organisation, die politische Entscheidungen trifft — auf der Basis von Wissenschaft, aber nicht identisch mit ihr.
Die Kritik an der WHO ist keine Kritik an der Wissenschaft. Sie ist die Kritik an einer Institution, die den Anspruch erhebt, für die Wissenschaft zu sprechen, aber diesen Anspruch nicht immer einlöst. Wer das verschweigt, macht die Wissenschaft zum Dogma. Und die WHO zu seiner Kirche.
Die Frage, die SRF nicht stellt
Die Frage lautet nicht: Brauchen wir die WHO? Eine (gute) WHO zu haben ist nicht schlecht.
Die Frage lautet: Warum hat die WHO das Vertrauen verloren, das sie braucht, um ihre Aufgabe zu erfüllen?
Diese Frage stellt SRF nicht. Es stellt die Frage nach dem Geld. Nach dem Populismus. Nach der Feindseligkeit gegenüber der Wissenschaft. Aber es stellt nicht die Frage nach der eigenen Verantwortung der WHO. Nach den Fehlern bei Covid. Nach der Nähe zu China. Nach der Abhängigkeit von privaten Spendern. Nach der Politisierung einer Organisation, die behauptet, technisch zu sein.
Solange diese Frage nicht gestellt wird, bleibt die Krise der WHO eine Geschichte von aussen. Von bösen Politikern. Von geizigen Staaten. Von irrationalen Populisten. Nicht eine Geschichte von innen. Von Strukturfehlern. Von Versäumnissen. Von einer Organisation, die sich selbst politisiert hat und jetzt erntet, was sie gesät hat.
*«Eine eigentlich technische UNO-Organisation» — so nennt SRF die WHO. «Eigentlich technisch» bedeutet: Die Politik ist der Störfall. Die Kritik ist die Laune. Der Austritt der USA ist die Willkür. Und die WHO ist das Opfer. Was SRF verschweigt: Die WHO ist eine politische Organisation, die globale Normen setzt, Mitglieder ausschliesst und Verträge verhandelt. Sie hat bei Covid-19 Vertrauen verspielt — nicht wegen Populisten, sondern wegen des Umgangs mit China. Sie ist zu drei Vierteln von freiwilligen Spendern abhängig — nicht nur von Staaten, sondern auch von privaten Stiftungen mit eigenen Agenden. Wer die Krise der WHO verstehen will, muss fragen, warum sie das Vertrauen verloren hat. Nicht nur, wer ihr das Geld entzogen hat. SRF stellt diese Frage nicht. Es heiligt die WHO zur Repräsentantin der Wissenschaft. Und macht jeden, der sie kritisiert, zum Feind der Fakten. *
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