Die Super-App, die nur der Andere hat
SRF berichtet über Max, die russische Super-App: Bildschirmaufnahmen ohne Wissen der Nutzer, Zugriff auf Nachrichten und Zahlungsdaten, Handeln im Namen der Nutzer, Zwangsanwendung für Beamte, Studierende, Schüler. Die Recherche des «Guardian» wird sauber wiedergegeben, die Überwachung ist real, die Kritik berechtigt. Was der Beitrag nicht liefert: den Spiegel. In der Ukraine existiert Diia, eine staatliche Super-App mit digitalen Ausweisen, über 150 Regierungsdiensten und 23 Millionen Nutzern, die QR-Codes für Gebäudezugänge liefert und staatliche Leistungen bündelt. Und wer finanziert dieses «Vorbild»? Der Schweizer Steuerzahler, mit 88,2 Millionen Franken bis 2028. Währenddessen arbeitet Brüssel daran, die Chatkontrolle durchzudrücken, die das EU-Parlament zuvor mit 314 Stimmen gegen 276 abgelehnt hatte. Der Beitrag über russische Überwachungstechnologie erscheint, während europäische Überwachung gegen die Parlamentsmehrheit weiterverfolgt wird, und erwähnt beides mit keinem Wort.
Zum SRF-Beitrag «Russlands Super-App Max ermöglicht weitreichende Überwachung», RSI, 22.09.2026
Was der Beitrag leistet: Die Guardian-Recherche ist korrekt wiedergegeben, die technischen Befunde präzise benannt. Der Vergleich mit Wechat ist getroffen, und die historische Differenz, China brauchte 35 Jahre, Russland ein Jahrzehnt, ist eine echte analytische Kategorie. Die Elite-Beobachtung, dass Kreml-nahe Kreise weiter Telegram und Signal nutzen und sich Zweitgeräte anschaffen, ist der stärkste Fund des Stücks. Als Bericht über ein russisches Instrument trägt der Beitrag. Die Kritik gilt dem Rahmen. Der Rahmen hat ein Lager.
Die App, die man selbst mitfinanziert
Was ist Max? Eine Super-App, die Nachrichten, Zahlungen und staatliche Dienste bündelt, digital identifiziert, QR-Codes für Gebäude liefert, und deren Nutzung für Angehörige des öffentlichen Dienstes und Studierende faktisch erzwungen wird. Was ist Diia? Eine Super-App, die Nachrichten, Zahlungen und staatliche Dienste bündelt, digitale Ausweise liefert, deren QR-Codes etwa Universitätsgebäude öffnen, über 150 Regierungsdienste in einer Plattform vereint und von 23 Millionen Menschen genutzt wird. Ein Student in Russland braucht Max, um das Wohnheim zu betreten. Ein Student in der Ukraine braucht Diia, um Behördengänge zu erledigen. Die strukturelle Parallele ist vollständig, und sie wird nicht etwa von Kritikern gezogen, sondern von den Bewunderern selbst: Diia gilt als «Staat im Smartphone», als das, was Max auch sein will. Die Differenz, die der Beitrag hätte ziehen müssen: Wer die Technologie bewertet, muss das Regime bewerten, das sie einsetzt. Eine Diktatur mit Super-App ist eine Diktatur mit besseren Werkzeugen. Eine sogenannte Demokratie mit Super-App ist ein Experiment, dessen Ausgang offen ist. Aber der Beitrag zieht diese Differenz nicht. Er schweigt über Diia, und damit schweigt er über die 88,2 Millionen Franken, die die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit bis 2028 in ukrainische Digitalprojekte fliessen lässt, darunter Diia. Der Steuerzahler, der hier über russische Überwachung informiert wird, finanziert dort die ukrainische Schwester der Technologie, vor der er hier gewarnt wird. Das ist keine Randnotiz. Das ist die Schweizer Relevanz des Stücks, und sie fehlt vollständig.
Das Muster, das nur eine Richtung hat
Sogar die Positiv-Berichterstattung über Diia enthält den Warnhinweis, den der Max-Beitrag zum Alleinstellungsmerkmal erklärt: Die Situation werde problematisch, sobald eine Regierung ihre Bürger digital überwachen und ihnen Dienste nach Kriterien verweigern könne. Der Satz steht in einem lobenden Text, und er wird dort sofort mit der Versicherung abgeräumt, die Ukraine sei «gut geschützt». Genau diese Versicherung ist das Muster: Bei der App des Freundes ist die Überwachung ein Restrisiko, das versichert wird. Bei der App des Feinds ist sie das Wesen. Dabei liefert dieselbe Positiv-Literatur die Details, die bei Max als Gräuel gelten: Diia.AI ist ein KI-Assistent auf Basis von Googles Gemini, der Regierungsdienste «im Namen der Bürger» innerhalb eines Chats abschliesst. Der Max-Befund, die App könne «im Namen der Nutzer handeln, ohne dass diese davon wissen», ist die Kernbeschreibung der Überwachung. Das Diia-Pendant, ein Assistent, der Transaktionen anstelle des Bürgers ausführt, wird als Bequemlichkeit beschrieben. Dieselbe Funktion, zwei Etiketten. Wer die Funktion nur beim Feind benennt, hat nicht die Funktion kritisiert. Er hat den Feind gewählt.
Die Chatkontrolle, die das eigene Lager verfolgt
Während Moskau seine Bürger über eine App zur Totaltransparenz drängt, arbeitet Brüssel daran, die scannerbasierte Kontrolle europäischer Kommunikation durchzusetzen, ein Vorhaben, das das EU-Parlament zuvor mit 314 Stimmen gegen 276 abgelehnt hatte und das durch die Verlängerung einer Ausnahmeregelung wieder auf der Tagesordnung ist. Das ist der Kontext, in dem ein öffentlich-rechtlicher Sender über russische Messenger-Überwachung berichtet: Die Technologie der Massenüberwachung ist kein russisches Exportgut. Sie ist ein globales Projekt, an dem autoritäre und sogenannte demokratische Systeme gleichzeitig bauen, mit verschiedenen Begründungen und denselben Mitteln. Wer nur den russischen Zweig zeigt, macht die Überwachung zum Feindbild, statt sie zum Prüffeld zu machen. Die Frage, ob ein Staat private Kommunikation scannerbasiert durchleuchten darf, hat dieselbe Antwort in Moskau wie in Brüssel: Es kommt darauf an, wer die Scanner betreibt. Und diese Antwort ist keine Beruhigung.
Die Elite, die überall Zweitgeräte hat
Der beste Fund des Max-Beitrags: Kreml-nahe Kreise nutzen weiter Telegram und Signal, manche mit Zweit-Smartphones, auf denen nur Max läuft, damit die eigentliche Kommunikation unangetastet bleibt. Der Beitrag führt das als Beweis für die russische Doppelmoral. Was er nicht fragt: Wo ist das Schweizer Pendant? Ein Land, dessen Parlament in derselben Woche über die Aufhebung der NDB-Kompetenzen streitet, dessen Politiker verschlüsselte Messenger nutzen und dessen Behörden dieselbe Zwei-Klassen-Logik praktizieren können, ist keine Ausnahme von der Regel, die der Beitrag beim Feind entdeckt. Die Eliten jedes Systems halten sich Auswege offen. Das ist keine russische Erfindung, es ist eine Gesetzmässigkeit von Macht, und der Beitrag hat sie in der Hand, ohne sie bei sich selbst zu suchen. Die Frage, wie die Schweizer Elite kommuniziert, welche Messenger im Bundeshaus benutzt wird, ob dieselben Leute, die Überwachungsgesetze beschliessen, selbst Ende-zu-Ende-Verschlüsselung beanspruchen, wäre die Anwendung des eigenen Befunds auf das eigene Land. Sie unterbleibt.
Die Steuerdaten, die schon fliessen
Dazu der Datenteil, den der Beitrag ebenso wenig kennt: Seit dem 1. Januar 2025 tauscht die Ukraine Steuerdaten mit der Schweiz aus, nach CRS 2.0, einer erweiterten Version, die auch digitale Geldbörsen und elektronisches Geld erfasst, und zwar ohne Betragsschwellen. Die Schweizer Justiz hat in allen von Kiew angestrengten Verfahren zugunsten der ukrainischen Steuerbehörden entschieden. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist amtlicher Datentransfer zwischen Bern und dem korrupten Kiew, in beide Richtungen, auf Ebene der Kontobewegungen. Eine Berichterstattung, die die digitale Vernetzung des Feindes detailreich dokumentiert und die digitale Vernetzung des Freundes, die der Steuerzahler bezahlt und deren Datenströme längst laufen, mit keinem Wort erwähnt, hat nicht die Vernetzung kritisiert. Sie hat die Seiten gewählt.
Das Muster ist die Technologie als Lageranzeige. Dieselbe Architektur, eine App, die Identität, Zahlung, Kommunikation und Dienste bündelt und den Zugang zum öffentlichen Leben kontrolliert, heisst beim Feind Überwachung und beim Freund Digitalisierung. Die Warnung, die der Beitrag ausspricht, gilt der Funktion. Die Funktion existiert in Kiew wie in Moskau, in Brüssel wie in Bern, und die Frage, die jede dieser Instanzen verdiente, lautet gleich: Wer kontrolliert den, der die App kontrolliert? Der Beitrag beantwortet sie für Moskau mit der Guardian-Recherche und für alle anderen mit Schweigen. So entsteht aus einer berechtigten Warnung eine unberechtigte Entwarnung: Die Überwachung ist beim Feind, bei uns ist Fortschritt.
So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet die russische Überwachungs-App und verschweigt die ukrainische, die der Schweizer Steuerzahler mit 88,2 Millionen bis 2028 mitfinanziert. Er verschweigt die Chatkontrolle, die Brüssel nach der Parlamentsablehnung weiterverfolgt. Er nennt das Handeln-im-Namen-des-Nutzers bei Max Überwachung und verschweigt, dass Diia.AI dieselbe Fähigkeit als Feature bewirbt. Er dokumentiert die Zweitgeräte der Kreml-Elite als Beweis russischer Doppelmoral und fragt nicht, wie die eigene Elite kommuniziert. Und er kennt den Datentransfer nicht, der längst läuft: Steuerdaten zwischen der Schweiz und der Ukraine, ohne Schwellenwerte, mit digitalen Geldbörsen. Wer den Beitrag hört, weiss, dass Russland seine Bürger überwacht, und dass man das Know-how dazu angeblich nur im Osten findet. Wer wissen will, wer die ukrainische App bezahlt, was Brüssel gegen das Parlament weiterverfolgt, was die eigene Elite auf ihren Zweitgeräten macht und welche Daten schon zwischen Bern und Kiew fliessen, muss die Suchergebnisse selbst lesen. Der Beitrag hat den Spiegel weggelassen, den das Thema ihm frei Haus lieferte: Es gibt keine Super-App, die man nur beim anderen hat. Es gibt nur Apparate, und die Frage, wer sie führt. Die hat der Beitrag dem Feind gestellt und beim Freund nicht einmal angedeutet.
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