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Die Studie, die alles erklärt
Medienkritik
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Die Studie, die alles erklärt

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Zum SRF-Beitrag «Studie: Höhere Krankenkassen-Kosten lohnen sich», 12. Mai 2026

Was berichtet wird

Eine Studie des Lausanner Forschungszentrums Unisanté kommt zum Schluss, dass die in den letzten drei Jahren um 75 Prozent gestiegenen Psychotherapiekosten sich «für die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt» auszahlen. Die Forscher haben 138 Studien aus über 6'000 Publikationen ausgewertet — davon eine aus der Schweiz. In 78 Prozent der Fälle weise Psychotherapie ein günstiges Kosten-Wirkungs-Verhältnis auf, bei Angst- und Depressionsstörungen sogar 89 Prozent. Co-Studienleiter Mauricio Avendano argumentiert: Frühzeitige Investition verhindere Verschlimmerung, Hospitalisierungen, Arbeitsausfälle. FDP-Nationalrat Philippe Nantermod widerspricht: Trotz solcher Argumente steigen die Prämien.

Der vierte Beitrag des Tages

Es ist der vierte SRF-Beitrag desselben Tages mit Bezug zu Gesundheitskosten. Morgens: die Asylgesundheitskosten, von denen behauptet wurde, sie könnten durch bessere Verhandlung gesenkt werden. Mittags: die Comparis-Prognose mit weiterer Prämienerhöhung 2027. Nachmittags: die Spartipps für den überforderten Mittelstand. Jetzt: eine Studie, die erklärt, warum die jüngste grosse Kostentreiberin — die Psychotherapie-Reform — eigentlich gar keine Kostentreiberin ist, sondern eine Investition.

Diese Sequenz ist keine Zufall. Sie ist eine Komposition. Die Bevölkerung wird mit dem Problem konfrontiert (Mittagsmeldung), erhält Ratschläge zum Selbstmanagement (Nachmittagsmeldung) und bekommt am Ende des Tages erklärt, dass das Problem in Wahrheit eine Lösung ist (Abendmeldung). Wer den ganzen Newsstream konsumiert, durchläuft einen pädagogischen Bogen vom Schock zur Akzeptanz.

Die Studie

Der Beitrag stützt sich auf eine einzige Studie, deren Methode in einem entscheidenden Punkt bemerkenswert ist: Von den ausgewerteten 138 Studien stammt genau eine aus der Schweiz. Das wird im Beitrag erwähnt — und nicht weiter problematisiert. Es sollte aber problematisiert werden.

Eine Meta-Analyse, die das Schweizer Gesundheitssystem evaluiert, mit 137 ausländischen Studien aus völlig anderen Versorgungsstrukturen, ist methodisch fragwürdig. Das amerikanische Gesundheitssystem, das britische NHS, das deutsche Sozialversicherungssystem, die nordischen Modelle — sie alle haben andere Kostenstrukturen, andere Zugangsmodelle, andere Therapietraditionen. Ergebnisse aus einem System lassen sich nicht ohne weiteres auf ein anderes übertragen. Die Studie tut es trotzdem. SRF berichtet es ohne kritischen Vorbehalt.

Bemerkenswert ist auch die Wortwahl: «In 78 Prozent der Fälle weist Psychotherapie ein günstiges Kosten-Wirkungs-Verhältnis auf.» Was bedeutet «günstig»? Im Vergleich wozu? Mit welcher Schwelle? «Günstig» ist kein wissenschaftlicher Begriff. Es ist ein wertender Begriff, der eine Bewertung als objektiv präsentiert. In der medizinisch-ökonomischen Forschung gibt es etablierte Masszahlen — Kosten pro qualitätskorrigiertem Lebensjahr (QALY), Inkrementelle Kosten-Effektivitäts-Verhältnisse — die im Beitrag nicht erscheinen.

Die Logik der Investition

Avendano argumentiert: Wer in Psychotherapie investiert, spart später. Hospitalisierungen werden vermieden, Arbeitsfähigkeit bleibt erhalten, Folgekosten werden reduziert.

Diese Logik klingt überzeugend. Sie ist auch in einigen Fällen empirisch belegbar. Eine schwere Depression, die rechtzeitig behandelt wird, kann tatsächlich eine spätere Klinikeinweisung verhindern. Das ist nicht das Problem.

Das Problem ist die Verallgemeinerung. Die Studie behauptet nicht, dass jede Psychotherapie kostensparend ist. Sie behauptet, dass Psychotherapie in 78 Prozent der ausgewerteten Vergleichssituationen «günstig» abschneidet. Das ist eine durchschnittliche Aussage über heterogene Behandlungssituationen. Sie sagt nichts darüber, ob die spezifische Ausweitung der Schweizer Psychotherapie-Abrechnung — die Reform von 2022, die zur 75-Prozent-Kostensteigerung führte — kostensparend ist.

Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie ist zentral. Die Reform hat dazu geführt, dass psychologische Behandlungen, die früher entweder selbst bezahlt oder über Zusatzversicherungen gedeckt wurden, jetzt über die Grundversicherung laufen. Das verschiebt Kosten, ohne sie zwingend zu reduzieren. Wenn jemand, der früher 200 Franken pro Sitzung selbst bezahlte, jetzt 200 Franken über die Grundversicherung abrechnet, ist das keine Investitionsersparnis. Es ist eine Umverteilung der Last vom Individuum auf die Prämienzahler-Gemeinschaft.

Die Zahl, die fehlt

900 Millionen Franken hat die Grundversicherung 2024 für Psychotherapie übernommen. Im Beitrag wird das als «im Schnitt rund zehn Franken Mehrkosten pro Monat» pro Prämienzahler umgerechnet. Das ist ehrlich. 120 Franken pro Jahr pro Prämienzahler — für Psychotherapie allein.

Was im Beitrag fehlt: die Frage, wieviel von diesen 900 Millionen tatsächlich auf Behandlungen entfällt, die Folgekosten verhindern, und wieviel auf Behandlungen, die zusätzliche Versorgung darstellen. Wenn die Reform den Zugang erleichtert hat — was sie ausdrücklich zum Ziel hatte —, dann wurden viele neue Patienten in die Psychotherapie gebracht, die zuvor keine in Anspruch genommen haben. Diese neuen Patienten sind nicht zwingend Fälle, bei denen ohne Therapie eine teure Hospitalisierung gedroht hätte. Sie sind oft Fälle leichterer Belastungen, die früher anders verarbeitet worden wären.

Diese Differenzierung wäre für die Kostenfrage entscheidend. Sie kommt im Beitrag nicht vor. Stattdessen wird die Gesamtkostensteigerung mit dem Durchschnittsargument der Studie rechtfertigt: 78 Prozent sind günstig, also ist die Reform gerechtfertigt. Das ist ein logischer Kurzschluss.

Die Nantermod-Position

FDP-Nationalrat Philippe Nantermod kommt zu Wort. Er argumentiert: «Jedes Mal, wenn wir eine zusätzliche Leistung in die Grundversicherung aufgenommen haben, sind die Gesundheitskosten zulasten der Krankenkassenprämien deutlich gestiegen.» Das ist eine empirisch überprüfbare Aussage. Sie ist auch — soweit Daten verfügbar — weitgehend zutreffend. Die Geschichte der schweizerischen Krankenversicherung seit 1996 ist eine Geschichte der schrittweisen Leistungserweiterung und der parallelen Prämienexplosion.

Nantermods Position wird im Beitrag kurz wiedergegeben, dann sofort gekontert. «Unisanté hält dagegen.» Die Forschungsstelle erhält das letzte Wort: «Viele Betroffene nutzen die bestehende Versorgung nicht. Ein besserer Zugang sei notwendig.»

Diese Konstruktion ist asymmetrisch. Der Forscher wird mit seinem Argument ausführlich zitiert. Der Politiker wird in zwei kurzen Zitaten abgefertigt. Die Forschungsstelle kommt zum Schluss. Das ist nicht zwingend Manipulation — es ist die normale Struktur eines Beitrags, der eine Studie vorstellt. Aber sie hat eine Wirkung. Der Eindruck, der am Ende bleibt, ist: Die Wissenschaft sagt A, ein Politiker sagt B, und die Wissenschaft hat recht.

Was nicht im Beitrag vorkommt: andere Wissenschaftler, die andere Positionen vertreten. Andere Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. Methodische Kritiken an der Unisanté-Studie. Empirische Auswertungen der konkreten Schweizer Reform. All das gibt es. Es wird nicht zitiert.

Die strukturelle Pointe

Hier kommt eine tiefere Frage ins Spiel, die der Beitrag streift, ohne sie zu vertiefen. Avendano argumentiert: Bessere psychische Gesundheit führt zu höherer Produktivität und weniger Arbeitsausfällen. Das ist ökonomisch plausibel.

Die unausgesprochene Implikation: Die Krankenversicherung soll Investitionen finanzieren, die der Wirtschaft zugutekommen. Die Prämienzahler zahlen für Behandlungen, deren Nutzen in Form höherer Produktivität bei den Arbeitgebern entsteht. Das ist eine bemerkenswerte Verteilung. Die Arbeitgeber profitieren von gesünderen Arbeitnehmern, die durch die Solidargemeinschaft der Prämienzahler finanziert werden.

Diese Verteilungsfrage wird im Beitrag nicht gestellt. Sie würde aber zu einer anderen Schlussfolgerung führen. Wenn Psychotherapie eine Investition in die wirtschaftliche Produktivität ist, warum wird sie über die Krankenkassenprämien finanziert und nicht über die Sozialversicherung der Arbeitgeber oder über allgemeine Steuern? Die Krankenkassenprämien sind Kopfprämien, sie belasten den Mittelstand überproportional. Eine arbeitsmarktbezogene Finanzierung wäre einkommensabhängig — und würde die Last anders verteilen.

Das ist eine echte politische Frage. SRF stellt sie nicht. Stattdessen wird die Logik der Solidargemeinschaft als gegeben hingenommen, und die Studie wird als Rechtfertigung für die Lastenverteilung verwendet, die ohnehin schon besteht.

Die Funktion der Studie

Es gibt ein Muster in der Schweizer Gesundheitsberichterstattung, das hier in Reinform auftritt. Jede Kostensteigerung wird begleitet von einer Studie, die zeigt, dass die Steigerung gerechtfertigt sei. Die Spitex-Kosten steigen — eine Studie zeigt, dass ambulante Pflege günstiger ist als stationäre. Die Medikamentenkosten steigen — eine Studie zeigt, dass die neuen Therapien Folgekosten sparen. Die Psychotherapie-Kosten steigen — eine Studie zeigt, dass psychisch gesunde Arbeitnehmer produktiver sind.

Diese Studien sind nicht erfunden. Sie sind oft methodisch ordentlich. Aber sie haben eine erkennbare Funktion: Sie liefern wissenschaftliche Legitimation für politische Entscheidungen, die ohne diese Legitimation kritischer hinterfragt würden. Die Reform der Psychotherapie-Abrechnung war 2022 umstritten. Die Kostenprognosen wurden damals als alarmistisch zurückgewiesen. Vier Jahre später sind die Kosten genau so gestiegen, wie die Kritiker befürchteten. Statt dies einzugestehen, kommt jetzt eine Studie, die erklärt, dass die Kostensteigerung eigentlich gar keine Kostensteigerung sei — sondern eine kluge Investition.

Diese rhetorische Operation ist nicht spezifisch für Psychotherapie. Sie ist Standard. Wer aufmerksam liest, erkennt das Muster in fast jedem grösseren Reformbereich des schweizerischen Gesundheitswesens.

Der Befund

Der Beitrag ist kurz und auf den ersten Blick ausgewogen. Er bringt die Studie, er bringt die Kritik, er nennt die Zahl. Das ist mehr als Stenographie.

Was er nicht leistet: methodische Distanz zur Studie. Eine Meta-Analyse mit einer einzigen Schweizer Studie auf einen schweizerischen Reformkontext anzuwenden, hätte eine kritische Einordnung verdient. Auch die Frage, ob die Studie tatsächlich die spezifische Schweizer Reform evaluiert oder eine generelle Aussage über Psychotherapie macht, fehlt. Beides wäre wichtig für die Bewertung.

Was er auch nicht leistet: die Einordnung in die Tageskomposition. Der Bürger, der morgens die Asylgesundheits-Meldung gelesen hat, mittags die Prämienerhöhung, nachmittags die Spartipps, bekommt am Abend serviert: Eigentlich ist alles in Ordnung. Die Kosten steigen, aber sie sind eine Investition. Schluss der Sendung.

Diese Komposition mag nicht beabsichtigt sein. Sie ergibt sich vermutlich aus den jeweils verfügbaren Meldungen und der Auswahl der Redaktion. Aber die Wirkung ist real. Der Mittelstand, der unter der Last leidet, bekommt am Ende des Tages erklärt, dass die Last in Wahrheit ein Gewinn sei. Ihm wird nicht gesagt, wie er sich gegen die Last wehren könnte. Ihm wird gesagt, dass sein Empfinden, ausgepresst zu werden, von einer Studie widerlegt wird.

Es ist die letzte rhetorische Verschiebung in einem Tag der Verschiebungen. Aus dem Problem wird ein Spartipp, aus dem Spartipp wird eine Studie, aus der Studie wird die Versicherung, dass alles seine Ordnung hat. Wer mit Geld nicht auskommt, hat einfach nicht verstanden, wie effizient sein System eigentlich ist. Money Control für iPhone, und alles wird gut.

Nantermod wird in seinem Argument abgefertigt. Aber sein Argument ist empirisch stärker als das der Studie. Die Krankenkassenprämien sind seit der Reform von 2022 weiter gestiegen. Sie werden 2027 weiter steigen. Die Psychotherapie ist ein Faktor unter vielen. Die Behauptung, all diese Erweiterungen seien Investitionen, deren Nutzen die Kosten überschreite, müsste empirisch belegt werden — durch eine Gesamtrechnung der Schweizer Versorgung, nicht durch eine Meta-Analyse von 137 ausländischen Studien.

Diese Gesamtrechnung existiert nicht. Sie wird auch nicht eingefordert. SRF gibt Avendano das letzte Wort, lässt Nantermod als Spielverderber dastehen, und schliesst den Tag mit der beruhigenden Botschaft: Die Wissenschaft hat es im Griff.

In den kommenden Jahren werden weitere Reformen kommen. Es wird weitere Kostensteigerungen geben. Und es wird weitere Studien geben, die zeigen, dass die Steigerungen sich lohnen. Der Mittelstand wird weiter Apps installieren. Comparis wird weiter prognostizieren. SRF wird weiter berichten. Der Kreislauf schliesst sich täglich neu. Heute war wieder so ein Tag.

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