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Die Statistik und das Verschwiegene
Medienkritik
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Die Statistik und das Verschwiegene

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Zum SRF-Beitrag «Warum sind Schweizer Gefängnisse so ausgelastet?», 13. Mai 2026

Was berichtet wird

Ende Januar 2026 erreichte die Zahl der Inhaftierten in der Schweiz mit 7'119 Personen einen Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen vor rund vierzig Jahren. Die Auslastung der Haftplätze liegt bei 97 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden 111'962 Verurteilungen von Erwachsenen ins Strafregister eingetragen.

Strafvollzugsexperte Benjamin Brägger nennt vier Hauptgründe: Bevölkerungswachstum, kriminelle Aktivitäten bei Personen ohne Niederlassungsbewilligung, Straffälligkeit im Asylsystem, längere Freiheitsstrafen bei schweren Delikten.

Als Lösung schlägt er vor: gemeinnützige Arbeit statt Ersatzfreiheitsstrafen. Das spare Geld — 40 bis 50 Franken pro Tag statt 200 bis 300. Das Strafgesetzbuch müsse rasch geändert werden.

Was nicht gesagt wird

Im Beitrag findet sich keine einzige Zahl zur Nationalität der Inhaftierten. Keine einzige. Das ist bemerkenswert, weil diese Zahl bekannt ist, öffentlich zugänglich und in jedem Bundesamt-für-Statistik-Bericht der letzten Jahre dokumentiert.

Der Anteil ausländischer Staatsangehöriger im schweizerischen Strafvollzug liegt bei rund 72 Prozent. Knapp drei von vier Inhaftierten sind keine Schweizer. Bei der Untersuchungshaft ist der Anteil noch höher — über 75 Prozent. Bei bestimmten Delikten — Drogenhandel, organisierte Kriminalität, Einbruchdiebstahl in der Westschweiz — liegt der Anteil bei über 90 Prozent.

Diese Zahlen sind seit Jahren konstant. Sie sind nicht umstritten. Sie sind dokumentiert in den jährlichen Statistiken des Bundesamts für Statistik, in den Strafvollzugsstatistiken der Kantone, in den Berichten der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren.

SRF erwähnt diese Zahlen nicht. Brägger erwähnt sie indirekt, mit zwei vorsichtigen Umschreibungen: «kriminelle Aktivitäten bei Personen ohne rechtliche Niederlassungsbewilligung» und «Menschen im Schweizer Asylsystem». Damit deckt er zwei Untergruppen ab, ohne die Gesamtzahl zu nennen. Die Mehrheit der ausländischen Inhaftierten ist weder ohne Niederlassungsbewilligung noch im Asylsystem. Sie sind ständige ausländische Wohnbevölkerung — also Personen mit B- oder C-Bewilligung.

Diese Tatsache fehlt im Beitrag vollständig.

Die Architektur der Auslassung

Der Beitrag ist sorgfältig konstruiert. Brägger ist eine seriöse Quelle — promovierter Jurist, Direktor des Schweizerischen Instituts für Strafvollzugs- und Strafvollstreckungswissenschaften, Autor des Standardwerks zum schweizerischen Freiheitsentzug. Seine Aussagen sind fachlich fundiert. Seine vier Hauptgründe sind nicht falsch.

Aber sie sind unvollständig. Die vier Gründe ergeben nicht die ganze Geschichte. Sie ergeben die Geschichte, die erzählt werden darf. Die Geschichte, die nicht erzählt wird, lautet: Die Schweizer Gefängnisse sind voll, weil ein überproportionaler Teil der Inhaftierten ausländischer Herkunft ist — auch unter denjenigen mit Niederlassungsbewilligung. Das ist ein Faktum. Es ist nicht ausländerfeindlich, es zu nennen. Es ist analytisch notwendig.

Stattdessen lenkt der Beitrag die Aufmerksamkeit auf ein Nebenproblem: die Ersatzfreiheitsstrafen wegen unbezahlter Bussen. Brägger sagt, rund die Hälfte der Eintritte in den Strafvollzug geschehe aus diesem Grund. Das bindet 350 bis 400 Vollzugsplätze pro Jahr.

Hier wird interessant. 350 bis 400 Plätze — bei einem Gesamtbestand von 7'119 Inhaftierten. Das sind rund 5 Prozent. Die «Hälfte der Eintritte» entspricht also einem kleinen Bruchteil der tatsächlich belegten Plätze, weil Ersatzfreiheitsstrafen kurz sind. Die Massnahme, die Brägger vorschlägt — gemeinnützige Arbeit statt Ersatzfreiheitsstrafen — würde die Auslastung um wenige Prozentpunkte reduzieren. Es ist eine kosmetische Korrektur. Sie wird im Beitrag als wesentliche Lösung präsentiert.

Was wäre eine wesentliche Lösung? Eine konsequente Ausschaffung ausländischer Straftäter nach Verbüssung der Strafe. Die Schweiz kennt das Institut der Landesverweisung seit der Annahme der Ausschaffungsinitiative 2010. Die Umsetzung ist seit Jahren mangelhaft. Tausende ausländische Straftäter werden nicht ausgeschafft, obwohl die rechtlichen Grundlagen bestehen. Die Gründe sind vielfältig: fehlende Rückübernahmeabkommen, fehlende Reisepapiere, Härtefallregelungen, die extensiv ausgelegt werden. Das Resultat: ausländische Straftäter, die ihre Strafe in der Schweiz verbüssen, anschliessend in der Schweiz bleiben, neue Straftaten begehen, erneut inhaftiert werden.

Diese Realität wird im Beitrag nicht thematisiert. Brägger nennt sie indirekt — «Menschen, die kein Asyl erhalten haben und nicht ausgeschafft werden können» —, aber er macht daraus eine technische Frage der Rückführbarkeit, nicht eine politische Frage des Umgangs mit kriminellen Ausländern, die in der Schweiz bleiben.

Die abschreckende Wirkung

Bemerkenswert ist auch die letzte Frage des Interviews. SRF fragt, ob die Strafe nicht ihre abschreckende Wirkung verliere, wenn man statt Gefängnis gemeinnützige Arbeit leisten könne. Bräggers Antwort: «Die Annahme, dass Strafen eine abschreckende Wirkung haben, ist ein Wunschgedanke.»

Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Sie steht im Widerspruch zu jahrzehntelanger kriminologischer Forschung, die durchaus eine abschreckende Wirkung von Strafen nachweist — wenn auch in komplexer Weise. Brägger reduziert das Argument auf die Kontrollhäufigkeit. Das ist nicht falsch — die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist tatsächlich ein zentraler Faktor. Aber sie ist nicht der einzige. Die Schwere der Strafe spielt ebenfalls eine Rolle, besonders bei opportunistischer Kriminalität.

Die Aussage hat eine Funktion: Sie legitimiert die vorgeschlagene Lockerung. Wenn Strafen ohnehin nicht abschrecken, kann man sie ja durch gemeinnützige Arbeit ersetzen. Diese Argumentation ist nicht nur fachlich vereinfacht, sie ist auch politisch interessant. Sie unterstützt eine Liberalisierung des Strafvollzugs zu einem Zeitpunkt, an dem die Gefängnisse voll sind und die Politik unter Druck steht, Kapazitäten zu schaffen.

Was die Berichterstattung ausblendet

Eine vollständige Berichterstattung über die Rekordauslastung der Schweizer Gefängnisse müsste mindestens vier Dinge nennen, die im Beitrag fehlen:

Erstens: den Anteil ausländischer Staatsangehöriger an den Inhaftierten — 72 Prozent. Diese Zahl ist nicht versteckt. Sie steht auf der Webseite des Bundesamts für Statistik. Wer über die Belegung der Gefängnisse schreibt, ohne diese Zahl zu nennen, lässt das Wesentliche aus.

Zweitens: die Diskrepanz zwischen Verurteilungen und Ausschaffungen. Die Zahl der ausländischen Straftäter, die nach Verbüssung der Strafe in der Schweiz bleiben, statt ausgeschafft zu werden, ist erheblich. Sie wird im Beitrag nicht genannt.

Drittens: die Kosten. 200 bis 300 Franken pro Tag für einen Vollzugsplatz, bei 7'119 Inhaftierten, das sind 1.4 bis 2.1 Milliarden Franken pro Jahr — Tendenz steigend. Wer trägt diese Kosten? Die Steuerzahler. Welche Verteilung hat das auf die einzelnen Insassen-Kategorien? Diese Frage wird nicht gestellt.

Viertens: der Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik. Wenn das Bevölkerungswachstum als einer der vier Hauptgründe genannt wird, dann muss man auch nennen, wie dieses Wachstum zustande kommt. Es ist überwiegend Migrationswachstum. Die Schweizer Bevölkerung ohne Einwanderung würde stagnieren oder schrumpfen. Wer das Bevölkerungswachstum als Ursache nennt, ohne die Einwanderung zu nennen, beschönigt.

Die Logik des Verschweigens

Warum schweigt SRF über die 72 Prozent? Die Antwort ist nicht versteckt. Es ist dieselbe Logik, die im Aargauer Kindergartenbeitrag wirksam war. Wer die Nationalität der Inhaftierten nennt, riskiert, der SVP in die Hände zu spielen. Wer den Zusammenhang zwischen Einwanderung und Kriminalitätsstatistik benennt, gilt als ausländerfeindlich. Die Redaktion schützt sich vor diesem Vorwurf, indem sie die Zahlen weglässt.

Das Ergebnis: Die Bevölkerung erfährt aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht, wer in den Gefängnissen sitzt. Sie erfährt nur, dass die Gefängnisse voll sind und dass ein Experte gemeinnützige Arbeit empfiehlt. Wer mehr wissen will, muss anderswo suchen. Wer anderswo sucht, findet die Zahlen — oft in Quellen, die ideologisch zugespitzt sind, mit weniger Einordnung, mit mehr politischer Aufladung.

Diese Aufspaltung der Information ist gefährlicher als die nüchterne Berichterstattung über unangenehme Tatsachen. Wenn die etablierten Medien die Zahlen ausblenden, überlassen sie die Deutung der unangenehmen Realität denjenigen, die sie politisch nutzen wollen. Eine seriöse Berichterstattung, die die 72 Prozent nennt, sie einordnet, sie kontextualisiert, würde den politischen Diskurs stabilisieren. Das Schweigen tut das Gegenteil.

Die Brägger-Strategie

Brägger ist nicht naiv. Er weiss, dass die Zahlen existieren. Er weiss, dass die ausländische Bevölkerung in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert ist. Er nennt es nicht, weil er weiss, dass es im Rahmen eines SRF-Interviews nicht passt. Er verwendet stattdessen die zwei Codes — «ohne Niederlassungsbewilligung» und «im Asylsystem» —, die die Realität andeuten, ohne sie zu benennen.

Das ist die etablierte Sprache der Schweizer Verwaltung. Sie erlaubt, das Problem zu thematisieren, ohne es zu benennen. Sie erlaubt, Massnahmen zu fordern, ohne die zugrundeliegende Realität zu nennen. Sie schützt den Sprecher vor dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit, indem sie die Aussage so verschlüsselt, dass nur Eingeweihte verstehen, was gemeint ist.

Diese Codierung ist demokratiepolitisch problematisch. Sie führt dazu, dass die öffentliche Debatte auf zwei Ebenen läuft: die offizielle Ebene, auf der die Probleme verschlüsselt benannt werden, und die inoffizielle Ebene, auf der die unverblümten Zahlen zirkulieren. Die Bevölkerung, die nur die offizielle Ebene konsumiert, versteht die Probleme nur halb. Die Bevölkerung, die die inoffizielle Ebene sucht, gerät an Quellen, die weniger seriös sind, aber dafür offener.

Der Befund

7'119 Inhaftierte. 97 Prozent Auslastung. Höchststand seit vierzig Jahren. Diese Zahlen sind dramatisch. Sie verdienen eine ehrliche Analyse.

Was SRF liefert, ist eine halbe Analyse. Vier Hauptgründe, von denen drei korrekt benannt werden — Bevölkerungswachstum, schwere Delikte, längere Strafen — und einer verschlüsselt — die «Personen ohne Niederlassungsbewilligung» und «Menschen im Asylsystem». Was fehlt: der Hauptgrund, der die anderen drei in seinen Schatten stellt. Die Tatsache, dass die schweizerischen Gefängnisse zu drei Vierteln mit Ausländern belegt sind. Dass die schweizerische Kriminalitätsstatistik eine massive Überrepräsentation ausländischer Staatsangehöriger zeigt. Dass die Ausschaffungspraxis seit Jahren hinter den rechtlichen Möglichkeiten zurückbleibt.

Diese Tatsachen sind nicht ausländerfeindlich. Sie sind statistisch. Sie zu nennen ist nicht Rassismus, sondern Aufklärung. Sie zu verschweigen ist nicht Toleranz, sondern Bevormundung der eigenen Leser.

Brägger schlägt gemeinnützige Arbeit vor. Das ist eine vernünftige Massnahme für eine Untergruppe der Inhaftierten — die Randständigen, die ihre Bussen nicht zahlen können. Es ist keine Lösung für die Rekordauslastung. Die Lösung für die Rekordauslastung wäre eine konsequente Ausschaffungspraxis, kombiniert mit einer Einwanderungspolitik, die die Integrationskapazitäten berücksichtigt. Beides wird im Beitrag nicht erwähnt.

Was bleibt, ist die nächste Statistik im nächsten Jahr. 2027 werden die Gefängnisse wieder voller sein. Die Auslastung wird 98 oder 99 Prozent erreichen. Brägger wird wieder interviewt werden. Er wird wieder vier Gründe nennen. Er wird wieder gemeinnützige Arbeit vorschlagen. Die 72 Prozent werden wieder nicht erwähnt werden.

Das ist die Logik der schweizerischen Berichterstattung über sensible Themen. Die Zahlen ändern sich. Die Auslassungen bleiben gleich. Die Bevölkerung wird mit halbierten Informationen versorgt — und wundert sich dann, wenn sie bei Abstimmungen Entscheidungen trifft, die der Redaktion nicht passen. Die Erklärung für diese Entscheidungen wird dann wiederum geliefert: Es sei die Folge von Populismus, von Desinformation, von rechter Hetze. Dass die Bevölkerung möglicherweise nur das tut, was eine halbierte Berichterstattung erzwingt — nämlich die fehlenden Informationen aus anderen Quellen zu beziehen —, wird nicht thematisiert.

Drei von vier Inhaftierten sind Ausländer. Das ist die Realität, die im Beitrag fehlt.

Originalbeitrag auf X →

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