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Die Sprache und das Schweigen
Medienkritik
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Zum SRF-Beitrag «Mehr als ein Drittel der Aargauer Kinder spricht schlecht Deutsch», 13. Mai 2026

Was berichtet wird

37.6 Prozent der Aargauer Kinder im Alter von drei bis vier Jahren benötigen Unterstützung in Deutsch. Sie sprechen schlecht oder gar kein Deutsch. Das zeigt ein Bericht der Universität Basel, der in 84 Aargauer Gemeinden erhoben wurde. Bildungsdirektorin Martina Bircher (SVP) ist alarmiert: «Den Rückstand, den manche Kinder bereits beim Eintritt in den Kindergarten haben, können sie kaum aufholen.» Sie berichtet von Kindern, die mit Windeln in den Kindergarten kämen oder noch nie eine Schere in der Hand gehabt hätten.

Die Lösung, die der Beitrag nennt: frühe Sprachförderung, Kindertagesstätten, Spielgruppen. Ab nächstem Jahr wird die Sprachstandserhebung im gesamten Kanton Aargau obligatorisch. Die Gemeinden sind selbst verantwortlich, Angebote aufzubauen. Der Kanton unterstützt mit 400 Franken pro Kind, das schlecht Deutsch spricht.

Was nicht gesagt wird

Der Beitrag nennt die Zahl. Er nennt die Lösung. Er nennt nicht die Ursache.

Warum sprechen 37.6 Prozent der Aargauer Vorschulkinder schlecht oder gar kein Deutsch? Die Antwort ist einfach, aber sie fällt im Beitrag nicht: Weil in ihren Familien nicht Deutsch gesprochen wird. Weil ihre Eltern aus Ländern stammen, in denen eine andere Sprache gesprochen wird. Weil die Einwanderung in die Schweiz in den letzten zwei Jahrzehnten ein Ausmass erreicht hat, das zu einer demografischen Verschiebung führt, die jetzt in den Kindergärten sichtbar wird.

Das ist keine Wertung. Es ist eine Beschreibung. Wer den Bericht der Uni Basel liest, findet den Hinweis: «Der deutschen Sprache kommt bei rund zwei Fünfteln der Kinder keine vorrangige Bedeutung zu.» Das ist eine akademische Umschreibung für: In ihren Familien wird eine andere Sprache gesprochen. Deutsch ist nicht die Sprache der Eltern, nicht die Sprache des Alltags, nicht die Sprache, in der die Kinder aufwachsen.

SRF zitiert diesen Satz, ohne seine Implikation zu benennen. Die Ursache bleibt unsichtbar. Die Zahl wird genannt, die Lösung wird präsentiert, die Ursache wird verschwiegen.

Die Vorgeschichte

Der verlinkte Artikel vom 28. Mai 2020 zeigt: Das Problem ist nicht neu. «Jedes 3. Kind in der Deutschschweiz hat eine andere Muttersprache als Deutsch», hiess es damals. Basel-Stadt führt seit 2013 ein obligatorisches Frühförderprogramm. 700 Kinder in 40 Spielgruppen, Kostenpunkt 1.8 Millionen Franken pro Jahr. Der damalige Bildungsdirektor Christoph Eymann forderte ein schweizweites Obligatorium.

Das war 2020. Sechs Jahre später ist die Situation nicht besser, sondern schlechter. 37.6 Prozent im Aargau — das ist mehr als jedes dritte Kind. Und der Aargau ist kein Sonderfall. Der Beitrag selbst nennt 15 Kantone und über 350 Gemeinden, die denselben Fragebogen der Uni Basel verwenden. Das Problem ist flächendeckend.

Sechs Jahre nach dem Appell von Eymann gibt es im Aargau immer noch kein Obligatorium. Die Sprachstandserhebung wird erst nächstes Jahr obligatorisch. Die Frühförderung bleibt freiwillig. Die Gemeinden können Angebote aufbauen — oder es lassen. 400 Franken pro Kind, das schlecht Deutsch spricht, sind ein Beitrag, keine Lösung.

Die Frage der Zeit

Hier kommt der Zusammenhang mit der Migrationsdebatte, den SRF nicht herstellt. Es geht nicht darum, ob Ausländer gut oder schlecht sind. Es geht um eine Frage der Zeit und der Menge.

Wenn in kurzer Zeit viele Menschen aus anderen Sprachräumen in ein Land einwandern, entsteht ein Integrationsproblem, das nicht durch Freiwilligkeit und 400-Franken-Beiträge gelöst wird. Die Kinder dieser Familien brauchen Sprachförderung. Das ist anerkannt. Aber die Förderung kommt nicht mit. Sie kommt zu spät. Sie kommt nicht flächendeckend. Sie kommt nicht obligatorisch.

Das ist kein Versagen der Kinder. Es ist kein Versagen der Eltern — die können ihre Muttersprache nicht ändern, und es ist nicht falsch, zu Hause die eigene Sprache zu sprechen. Es ist ein Versagen der Politik, die die Einwanderungszahlen nicht mit den Integrationskapazitäten abstimmt.

Die 10-Millionen-Initiative wurde mit dem Argument bekämpft, sie sei ausländerfeindlich. Das war die dominante Rahmung in der Berichterstattung. Was nicht gefragt wurde: Was passiert, wenn die Einwanderung schneller geht als die Integration? Was passiert mit den Kindern, die in einen Kindergarten kommen, in dem jedes dritte Kind nicht Deutsch spricht? Was passiert mit den Lehrkräften, die nicht mehr unterrichten, sondern Sprachförderung betreiben? Was passiert mit den einheimischen Kindern, deren Unterricht verlangsamt wird, weil ein Drittel der Klasse die Sprache nicht beherrscht?

Diese Fragen wurden nicht gestellt. Sie werden auch heute nicht gestellt. SRF berichtet über die Symptome — 37.6 Prozent schlechtes Deutsch — ohne die Ursache zu benennen. Es berichtet über die Lösungen — Spielgruppen, Kitas, 400 Franken — ohne zu fragen, ob diese Lösungen ausreichen. Es berichtet über die Besorgnis der Bildungsdirektorin — ohne den politischen Kontext zu nennen, der diese Besorgnis erst verständlich macht.

Die Asymmetrie der Aufmerksamkeit

SRF berichtet gerne über die Schwierigkeiten von Migranten. Über Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Über fehlende Anerkennung von Qualifikationen. Über den Druck, sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden. Das ist legitim. Diese Schwierigkeiten existieren.

SRF berichtet seltener über die Schwierigkeiten, die Migration für die Aufnahmegesellschaft verursacht. Über Kindergärten, in denen Deutsch zur Minderheitensprache wird. Über Quartiere, in denen sich die soziale Zusammensetzung so schnell verändert, dass die Infrastruktur nicht nachkommt. Über Schulen, die zu Integrationszentren werden, während der eigentliche Bildungsauftrag zurücktritt.

Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Sie folgt einer redaktionellen Logik, die die Perspektive der Migranten als schützenswert betrachtet und die Perspektive der Aufnahmegesellschaft als potenziell ausländerfeindlich einstuft. Wer über die Belastung der Schulen durch Sprachdefizite spricht, muss befürchten, in die Nähe der SVP gerückt zu werden. Wer über die Notwendigkeit von Einwanderungsbeschränkungen spricht, gilt als Hardliner.

Das Ergebnis: Ein Problem, das seit über einem Jahrzehnt bekannt ist, wird in der Berichterstattung immer noch als Überraschung präsentiert. Die Bildungsdirektorin ist «alarmiert» — aber das Problem ist nicht neu. Es ist gewachsen. Und es ist gewachsen, weil die Politik die Einwanderung nicht an den Integrationskapazitäten ausgerichtet hat.

Die verpasste Verbindung

Der Aargauer Bericht zeigt: Fast 40 Prozent der Vorschulkinder haben ein Sprachproblem. Das hat Konsequenzen. Für die Kinder, die einen Nachteil haben, den sie kaum aufholen können. Für die Lehrkräfte, die einen erhöhten Förderbedarf bedienen müssen. Für die Schulen, die mehr Ressourcen für Sprachförderung aufwenden müssen und weniger für eigentliche Bildung. Für die Gesellschaft, die die Kosten trägt — 400 Franken pro Kind sind ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn man die tatsächlichen Kosten der Sprachförderung, der Nachhilfe, der sonderpädagogischen Massnahmen hochrechnet.

Diese Konsequenzen sind nicht das Ergebnis von Ausländerfeindlichkeit. Sie sind das Ergebnis einer Einwanderungspolitik, die quantitative Ziele verfolgt, ohne die qualitativen Folgen zu berücksichtigen. Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte. Das Rentensystem braucht Beitragszahler. Die Immobilienbranche braucht Mieter. All das ist richtig. Aber die Folgen für das Bildungssystem, für die soziale Kohäsion, für die sprachliche Integration werden nicht einkalkuliert. Sie werden der nächsten Generation überlassen — den Lehrkräften, den Sozialarbeitern, den Gemeinden, die mit den Problemen fertig werden müssen, die die Politik nicht verhindert hat.

SRF berichtet über die Folgen, ohne die Ursache zu benennen. Es berichtet über die Sprachstandserhebung, ohne den demografischen Kontext zu nennen. Es berichtet über die Besorgnis der Bildungsdirektorin, ohne die politische Verantwortung zu thematisieren. Es berichtet über die Lösungen, ohne zu fragen, ob sie ausreichen.

Der Befund

Der Beitrag ist sachlich korrekt. Er nennt die Zahl. Er nennt die Lösung. Er nennt die Besorgnis. Was er nicht nennt: die Ursache. Die Ursache heisst: In den Familien dieser Kinder wird nicht Deutsch gesprochen. Die Ursache heisst: Die Einwanderung hat ein Ausmass erreicht, bei dem die Integration nicht mehr Schritt hält. Die Ursache heisst: Die Politik hat die Quantität der Einwanderung nicht an der Qualität der Integration ausgerichtet.

Diese Ursachen zu benennen ist nicht ausländerfeindlich. Es ist analytisch ehrlich. Die Kinder, die jetzt schlecht Deutsch sprechen, sind nicht schuld. Ihre Eltern sind nicht schuld — sie sprechen die Sprache, die sie kennen. Die Lehrkräfte sind nicht schuld — sie tun, was sie können. Die Gemeinden sind nicht schuld — sie kämpfen mit begrenzten Mitteln.

Schuld ist eine Politik, die die Einwanderung nicht steuert. Schuld ist eine Berichterstattung, die die Ursachen verschweigt, weil sie fürchtet, instrumentalisiert zu werden. Schuld ist ein Diskurs, der die Frage nach der Menge und dem Tempo der Einwanderung als ausländerfeindlich disqualifiziert, anstatt sie als notwendige Steuerungsfrage zu behandeln.

37.6 Prozent. Jedes dritte Kind. Im Aargau. Und in 15 anderen Kantonen. Seit mindestens 2013, als Basel-Stadt das erste Obligatorium einführte. Seit mindestens 2020, als SRF über «jedes dritte Kind mit anderer Muttersprache» berichtete. Seit mindestens 2026, als die Bildungsdirektorin «alarmiert» war.

Nächste Jahr wird die Sprachstandserhebung obligatorisch. Die Frühförderung bleibt freiwillig. Die Einwanderung geht weiter. Die Kinder kommen in den Kindergarten. Manche mit Windeln. Manche ohne Schere. Manche ohne Deutsch.

Originalbeitrag auf X →

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