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Die Spermien sinken, die Frage bleibt im Kühlschrank
Medienkritik
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Die Spermien sinken, die Frage bleibt im Kühlschrank

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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Zum SRF-Beitrag «Neuer Anlauf zur Ergründung abnehmender Spermienqualität» vom 30. April 2026

Es ist ein freundlicher, sachlicher, gut geschriebener Beitrag. Er informiert über eine politische Initiative im Kanton Bern, zitiert eine Forscherin, listet bekannte Einflussfaktoren auf, erwähnt regionale Unterschiede zwischen Bern und Thun. Routine.

Und gerade weil er so routiniert ist, lohnt es sich zu schauen, was in dieser Routine systematisch nicht vorkommt.

Die Liste der möglichen Ursachen

Der Beitrag listet, in der Infobox und im Fliesstext, mehrere Einflussfaktoren auf die Spermaqualität auf:

Pestizide aus der Landwirtschaft

Lebensstil: Rauchen, Alkohol

Genetische Faktoren

Einflüsse im Mutterleib

Schwermetalle im Dünger

Hormone von Milchkühen

Elektromagnetische Strahlung durch Handys

Cannabis

Krebsbehandlungen

Eine bemerkenswert breite Liste. Sie umfasst Pestizide, Schwermetalle, Kuhhormone, Handystrahlung und Cannabis. Sie umfasst sogar pränatale Einflüsse, die also Jahrzehnte zurückliegen können.

Was sie nicht umfasst: Die Covid-Impfung. Die Covid-Erkrankung selbst. Die mRNA-Technologie, die zwischen 2021 und 2023 in mehreren Pflichtdurchläufen an praktisch jedem jungen Schweizer Mann verabreicht wurde.

Das ist bemerkenswert, weil 2025 eine Schweizer Studie zur Spermaqualität bei Rekruten neu ausgewertet wurde — also bei genau jener Kohorte, die zwischen 2021 und 2023 die Impfung erhalten hat — und der Beitrag diese zeitliche Korrelation nicht einmal als Hypothese erwähnt.

Sie wird nicht widerlegt. Sie wird nicht bestätigt. Sie wird nicht einmal als Möglichkeit benannt, die zu prüfen wäre.

Was die Forschungslage tatsächlich sagt

Es gibt inzwischen eine substantielle internationale Studienlage zur Frage, ob die Covid-Impfung — insbesondere die mRNA-Vakzine — Auswirkungen auf die Spermaqualität hat.

Eine vielzitierte israelische Studie von Gat et al. (2022, Andrology) wies bei Spendern temporäre Rückgänge der Spermienkonzentration und -motilität nach der dritten Pfizer-Impfung nach. Die Autoren sprachen von einer signifikanten, wenn auch reversiblen Verschlechterung.

Andere Studien wiesen ähnliche transiente Effekte nach, manche fanden keine Effekte. Die Lage ist nicht eindeutig — aber sie ist auch nicht leer. Und sie ist mit Sicherheit erwähnenswert in einem Beitrag, der sich der Frage widmet, warum die Spermaqualität sinkt.

Hinzu kommt: Die Covid-Erkrankung selbst hat dokumentierte Auswirkungen auf das männliche Reproduktionssystem. Studien aus den Jahren 2020 bis 2023 zeigten Hodenentzündungen, vorübergehende Spermienverschlechterungen, Hormonveränderungen nach SARS-CoV-2-Infektion. Auch das ist erwähnenswert.

Hinzu kommt drittens: Die spezifische Kohorte der Schweizer Rekruten, deren Daten 2025 neu ausgewertet wurden, ist eine Kohorte, die zwischen 2019 und 2023 erfasst wurde. Mit anderen Worten: Sie umspannt genau den Zeitraum vor, während und nach der Pandemie und der Impfkampagne. Wer eine Veränderung der Spermaqualität in dieser Kohorte feststellt, hat eine fast experimentelle Anordnung — und die wissenschaftliche Pflicht, alle plausiblen Variablen zu prüfen.

Der SRF-Beitrag erwähnt regionale Unterschiede (Bern–Thun versus Stadt). Er deutet auf Pestizide. Er erwähnt Mobiltelefone. Er erwähnt Cannabis.

Er erwähnt nicht das medizinische Grossexperiment, das genau in dieser Population in genau diesem Zeitraum durchgeführt wurde.

Die «Sperma-soll-besser-werden»-Episode

Der Leser erinnert sich vielleicht. 2021 erschien eine Studie von Gonzalez et al. in JAMA, die zu dem Schluss kam, dass die mRNA-Impfung keinen negativen Effekt auf die Spermaqualität habe. Die Studie wurde in der Schweizer und deutschen Medienlandschaft euphorisch verbreitet — manche Beiträge gingen so weit, zu suggerieren, die Impfung könne die Spermaqualität sogar verbessern, weil in der Studie die Probanden nach der Impfung leicht höhere Werte aufwiesen als davor.

Diese Lesart war damals schon methodisch fragwürdig. Die Studie hatte 45 Probanden. Die «Verbesserung» lag innerhalb der natürlichen Variabilität. Die Nachbeobachtungszeit war kurz. Aber die Botschaft passte: Die Impfung ist nicht nur sicher, sie ist sogar gut für die Spermien.

Diese Botschaft wurde 2021 und 2022 breit verteilt. Sie war Teil der allgemeinen Beruhigungsoffensive, mit der Bedenken junger Männer vor der Impfung adressiert werden sollten.

Drei Jahre später ist die Spermaqualität in derselben Kohorte gesunken. Und die Frage, ob das eine etwas mit dem anderen zu tun haben könnte, wird in einem SRF-Beitrag, der explizit nach den Ursachen fragt, nicht einmal als Frage gestellt.

Das ist nicht Zufall. Das ist Methode. Bestimmte Kausalketten dürfen gedacht werden, andere nicht. Pestizide ja. Kuhhormone ja. Handystrahlung ja. Cannabis ja. mRNA-Spritzen, die einer halben Generation in den Oberarm gesetzt wurden — nein.

Der Mechanismus der Auslassung

Wie funktioniert eine solche Auslassung redaktionell? Sie funktioniert nicht über aktive Zensur. Sie funktioniert über Selbstverständlichkeiten. Der Redaktor, der den Beitrag schreibt, hat die Liste der akzeptablen Hypothesen im Kopf. Pestizide ja, das ist Standard. Mobiltelefone ja, das ist auch Standard. mRNA-Impfung — das wäre Verschwörungstheorie, das schreibe ich nicht.

Die Forscherin, die zitiert wird, hat dieselbe Liste im Kopf. Sie kennt die internationale Studienlage. Sie weiss, dass die Frage diskutiert wird. Aber sie weiss auch, dass sie ihre Forschungsförderung nicht aufs Spiel setzen will, indem sie öffentlich eine Hypothese formuliert, die in der wissenschaftlichen und politischen Landschaft als heikel gilt.

Das BAG, das im Beitrag zu Wort kommt, hat dieselbe Liste im Kopf. Es spricht von «besorgniserregend» und «öffentlicher Gesundheit». Es nennt keine Ursachen, die seine eigene Impfempfehlung tangieren würden.

Das Resultat ist ein Beitrag, der ehrlich aussieht. Er zitiert mehrere Stimmen. Er listet Faktoren auf. Er fordert mehr Forschung. Er macht alles richtig, was ein Wissenschaftsbeitrag zu machen hat — ausser eine Frage zu stellen, deren Antwort möglicherweise unbequem wäre.

Die zirkuläre Forschung

Besonders bemerkenswert ist die Liste der laufenden Forschungsprojekte von Rita Rahban, die der Beitrag in einer Infobox ausweist:

Auswirkungen von elektromagnetischer Strahlung durch Mobiltelefone

Auswirkungen von Cannabis

Fertilitätsfolgestudie der Rekruten

Auswirkungen von Krebsbehandlungen

Vier Forschungsprojekte. Handystrahlung, Cannabis, Krebsbehandlungen, allgemeine Folgestudie. Keines davon untersucht die Variable, die in der Kohorte der Rekruten zwischen 2021 und 2023 die einzige neue, breitflächige, systematische Intervention war.

Das ist kein Zufall der Auswahl. Das ist die Forschungslandschaft, wie sie nach drei Jahren Pandemie aussieht. Die Forschung darf alles untersuchen — ausser das, was für die Pharma-Industrie und die Gesundheitsbehörden zum Reputationsrisiko werden könnte.

Wer eine Forschungsfinanzierung sucht, um die Auswirkung von mRNA-Vakzinen auf die männliche Fertilität zu untersuchen, wird in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich kaum eine Stelle finden, die den Antrag bewilligt. Wer eine Finanzierung sucht, um Pestizide oder Handystrahlung zu untersuchen, hat es leichter. Das ist nicht Wissenschaft im idealen Sinn. Das ist die Forschungspolitik einer Zeit, in der bestimmte Fragen nicht gestellt werden dürfen, weil bestimmte Antworten nicht gegeben werden dürfen.

Die SRF-Pflicht zur Vollständigkeit

Ein öffentlich-rechtlicher Sender hat die Aufgabe, dem Souverän das Wissen zur Verfügung zu stellen, das er für seine demokratische Urteilsbildung benötigt. Wenn die Spermaqualität junger Schweizer sinkt, ist das eine Frage von erheblicher öffentlicher Bedeutung. Sie betrifft die nächste Generation, die demografische Zukunft, die Gesundheitspolitik.

Ein vollständiger Beitrag zu diesem Thema müsste die ganze Bandbreite der diskutierten Ursachen darstellen. Nicht weil jede Hypothese gleich wahrscheinlich ist. Sondern weil der Bürger das Recht hat, die Frage selbst zu beurteilen.

Der SRF-Beitrag liefert diese Vollständigkeit nicht. Er filtert die Hypothesen-Liste so, dass eine politisch heikle Variable systematisch ausgespart bleibt. Er tut das, ohne den Filter sichtbar zu machen. Der Leser bekommt den Eindruck, die wissenschaftliche Debatte sei vollständig referiert. Tatsächlich ist sie zensiert — durch Auslassung, nicht durch Streichung.

Das ist die elegantere Form der Manipulation. Niemand sagt etwas Falsches. Es wird nur etwas Wahres nicht gesagt. Und der Leser, der das Fehlende nicht kennt, bemerkt das Fehlen nicht.

Der Befund

Der Beitrag ist freundlich, sachlich, sauber gemacht. Er erfüllt die formalen Anforderungen an Wissenschaftsjournalismus. Er hat nur einen Mangel — und der ist verheerend, weil er das Thema gerade an seinem entscheidenden Punkt verfehlt.

Wenn die Spermaqualität in einer spezifischen Kohorte zwischen 2019 und 2025 messbar zurückgegangen ist, und wenn diese Kohorte zwischen 2021 und 2023 einer flächendeckenden, einmaligen, neuartigen medizinischen Intervention unterzogen wurde, dann ist die wissenschaftliche und journalistische Pflicht, diese Korrelation zu benennen — sei es, um sie zu bestätigen, sei es, um sie auszuschliessen.

Der Beitrag tut weder das eine noch das andere. Er tut so, als gäbe es die Variable nicht.

Das ist die Form, in der die offizielle Schweiz mit der Aufarbeitung der Coronazeit umgeht. Nicht durch Leugnung. Durch Schweigen. Durch das Übergehen mit anderem Beschäftigtsein. Durch das fleissige Erforschen aller Variablen ausser jener, deren Erforschung Konsequenzen haben könnte.

Strebel, der NZZ-Kommentator vom Tages-Anzeiger zur Fischer-Affäre, hat in seinem Schlussplädoyer die «Aufarbeitung der Coronapolitik» gefordert. Wenn er sehen will, wie diese Aufarbeitung in der Realität nicht stattfindet, kann er den SRF-Beitrag von heute lesen. Hier wird nicht aufgearbeitet. Hier wird zugedeckt. Mit Pestiziden, Handystrahlung und Kuhhormonen — und mit der Vermeidung der einen Frage, deren Beantwortung die ganze Debatte verändern würde.

Die Spermien der jungen Schweizer sinken. Die Frage, warum, wird gestellt. Aber sie wird gestellt mit einem Filter, der das wahrscheinlich Naheliegende systematisch ausschliesst. Und der öffentlich-rechtliche Sender, dessen Aufgabe es wäre, diesen Filter sichtbar zu machen, betreibt ihn stattdessen mit.

So sieht Aufarbeitung in der Schweiz des Jahres 2026 aus. Sehr gründlich, sehr sachlich — und systematisch am Thema vorbei.

Originalbeitrag auf X →

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