Die Schlagseite der SRF Regie, 2014
*Eine erweiterte Inhaltsanalyse von 29 SRF-Beiträgen zur Masseneinwanderungsinitiative, Februar 2014 – Dezember *2016
I. Methodischer Rahmen
1.1 Was hier untersucht wird — und was nicht
Diese Analyse trennt strikt zwischen drei Ebenen, die in der populären Medienkritik regelmässig ineinanderfallen:
Die Faktenebene — Stimmen die Zahlen, sind die Zitate echt, werden Ereignisse korrekt wiedergegeben? Auf dieser Ebene ist der untersuchte Sender, soweit das vorliegende Material ohne externe Verifikation erkennen lässt, sauber. Es findet sich keine erfundene Statistik, kein verfälschtes Zitat, kein frei behaupteter Vorgang. Wo Zahlen interessengeleitet sind (Credit Suisse in A13), werden sie als solche markiert.
Die Selektionsebene — Wer kommt vor, wer fehlt, welche Frage wird gestellt und welche nicht? Hier zeigt das Korpus erste Asymmetrien: bestimmte Akteurstypen werden konfrontiert, andere durchgewunken; bestimmte naheliegende Rückfragen unterbleiben systematisch.
Die Inszenierungsebene — In welchem Vokabular, in welcher Reihenfolge, mit welchen Verben und Etiketten, in welcher Cluster-Umgebung wird das faktisch Korrekte präsentiert? Hier, und fast nur hier, wohnt die eigentliche Schlagseite dieses Senders.
Die zentrale These dieser Arbeit lautet: Die Tendenz dieses Korpus ist eine Tendenz der dritten Ebene. Sie ist deshalb so schwer fassbar — und so wirksam —, weil sie sich auf der ersten Ebene nie angreifbar macht. Man kann dem Sender keine Lüge nachweisen. Man kann ihm nur die Regie nachweisen.
1.2 Der Massstab pro Gattung
Ein methodisch entscheidender Punkt, der in naiver Medienkritik fehlt: Nicht jede Textsorte trägt dieselbe Last. Eine zwölfzeilige Agentur-Drahtmeldung (A16, A19) kann strukturell nicht leisten, was ein 5'000-Zeichen-Hintergrund (A11) leisten muss. Eine Satireglosse (A27) ist nicht an der Elle der Tagesschau zu messen. Ein Streitgespräch-Protokoll (A21) garantiert durch das Format die Parität der Anwesenheit, weshalb seine Schlagseite ausschliesslich in der Nacherzählung zu suchen ist, nie in der Gästeauswahl.
Diese Differenzierung ist nicht Nachsicht, sondern Präzision. Wer eine Drahtmeldung dafür tadelt, dass sie keine Gegenstimme einholt, hat das Genre nicht verstanden. Wer einem Hintergrundstück durchgehen lässt, dass es eine zentrale Gegeninstanz unterschlägt, ebenso wenig. Der Massstab muss mit der Gattung wandern — und genau das macht den am Ende stärksten Befund dieser Analyse erst sichtbar: dass die Schlagseite mit der Gattung korreliert.
1.3 Der Korpus
29 Texte, Februar 2014 bis Dezember 2016. A1–A7 liegen mir nur über spätere Verweise vor und sind als rekonstruiert gekennzeichnet; A8–A29 im Volltext. Die Gattungsverteilung: Agentur-/Drahtmeldungen (A16, A19, A29), Behörden-/Regionalberichte (A25, A24), Presseschauen (A7, A8), Wirtschafts-/Konzern-Interviews (A10, A13, A14, A22), Erklärstücke (A15), Hintergrund-/Analysereportagen (A5, A11, A12, A26), Kontroversen-Berichte (A18), Streitgespräch-Protokolle (A21), Q&A mit Hausexperten (A28), Satire (A27), Stubs/Foren (A6, A9, A23).
II. Was den Sender entlastet — sechs Beweisstücke
Bevor die Anklage formuliert wird, muss die Entlastung stehen, und sie ist gewichtig.
2.1 Prüfen nach oben gegen das eigene Lager (A14, A22)
Der entscheidende Test für jede Schlagseiten-These lautet: Verschont der Sender die Akteure, deren Position ihm milieumässig naheliegt? Die Antwort ist mehrfach und deutlich nein.
In A14 sitzt mit Heinz Karrer der Präsident von Economiesuisse im Studio — die Stimme der grossen Wirtschaft, deren Europa-freundliche, wachstumsbejahende Grundhaltung dem redaktionellen Selbstverständnis nahesteht. Statt ihn als Kronzeugen der eigenen Sorge zu hofieren, konfrontiert ihn der Bericht mit der demografischen Schlagseite seines eigenen Verbands (Überalterung, Männerlastigkeit) und hält fest, wie Karrer dem ausweicht. Der einzige Makel des Stücks läuft sogar gegen die Wirtschaft: das Redaktionswort «Debakel», das Karrer im selben Text relativiert.
In A22 geschieht das Schärfste der ganzen Serie auf der Wirtschaftsseite. Migros-Chef Bolliger klagt über die drohende Grenzgänger-Bürokratie und erklärt, Grenzgänger in die Kontingente einzurechnen sei «sicher kein Thema». Der Bericht stellt ihm wortwörtlich den Initiativtext entgegen: Grenzgänger seien ausdrücklich «einzubeziehen». Dann legt er die Migrolino-Tieflöhne offen — also exakt jenen Lohndruck, den die Klosterser Wählerin in A12 als Ja-Grund nannte — und hält Bolligers Ausweichen («Franchise-System», «selbstverständlich keine Verantwortung») fest. Schliesslich erinnert er an dessen verfehlte Geschäftsziele (513 statt 700 Millionen). Drei dokumentarische Gegeninstanzen gegen einen mächtigen Konzernchef: Das ist kein willfähriger Journalismus.
2.2 Prognosen als Prognosen (A13)
In A13 stellt der Sender der Credit-Suisse-Modellrechnung («bis zu 80'000 Stellen weniger») Schneider-Ammanns ausdrückliche Distanzierung gegenüber — «Ich spekuliere nicht, ich habe keine Modellrechnungen» — und lässt sie stehen. Eine interessengeleitete Maximalzahl wird so entwertet, statt als Tatsache durchgereicht. Das ist die Disziplin, die A2 (die ungeprüfte «Mittelstand»-Zahl) noch fehlte — ein Beleg, dass der Sender es kann, wenn die Gattung (ruhiges Studio-Interview) es zulässt.
2.3 Primärquelle und offene Deutung (A15)
A15, das Erklärstück zur Rechtslage der Aufenthaltsbewilligungen, ist das methodische Vorbild des Korpus. Es trennt Gesichertes von Strittigem, zitiert den Initiativtext im Wortlaut und stellt drei Instanzen gleichberechtigt nebeneinander: Bundesamt, SVP-Nationalrat Stamm und Europarechtlerin Epiney. Stamm tritt nicht als Reizfigur, sondern als sachkundiger Auskunftgeber auf; Epineys Satz «Auslegung ist nicht das Monopol der Initianten» hält die Deutungsfrage ehrlich offen, statt sie zu entscheiden.
2.4 Die eigene These scheitern lassen (A11, A17)
In A11 (Basel) entwickelt der Autor die intuitive These «höherer Ausländeranteil, höhere Ablehnung» — und widerlegt sie sofort am Gegenbeispiel Birsfelden. Das ist intellektuelle Redlichkeit: Der Reporter lässt die Empirie gegen die eigene Eingangsvermutung gewinnen.
In A17 lässt er den Landschaftsschützer Rodewald selbst eingestehen, es sei «etwas zynisch», den ökologischen Wachstumsverzicht an die SVP-Initiative zu knüpfen — und behält dieses Selbst-Eingeständnis bei, statt es im Schnitt zu tilgen.
2.5 Selbst-Entdramatisierung (A25)
A25 (Zuger Unternehmen) ist das Gegengift zur Untergangsrhetorik. Der Bericht referiert nüchtern, die Firmen liefen «noch nicht davon», es gebe «keine konkreten Wegzugspläne», und differenziert sogar selbst, weshalb kaum eine Firma den Wegzug am 9. Februar festmachen werde. Wo A7 und A10 das Katastrophenregister bedienen, kühlt A25 ab.
2.6 Ausgewogene Presseschau (A8)
A8 versammelt die volle Bandbreite der Inlandpresse und gibt der «Augenmass»-Lesart des Ja explizites Gewicht. Im direkten Vergleich mit der ins Angst-Register kippenden Auslandschau (A7) zeigt sich: Der Sender hat das ausgewogene Register im Repertoire — er greift nur nicht immer danach.
Zwischenfazit: Sechs Beweisstücke, quer durch die Gattungen, widerlegen die plumpe Propaganda-These zwingend. Wer sie erhebt, hat das Material nicht gelesen.
III. Eine Typologie der Mechanismen
Und doch verschiebt sich etwas im Klangkörper. Die Schlagseite arbeitet in fünf unterscheidbaren Mechanismen, die ich hier systematisiere, weil ihre Trennung das eigentliche analytische Werkzeug ist.
Mechanismus 1: Das Affektlexikon
Das Ja wird bevorzugt im Vokabular des Irrationalen erzählt. Eine Wortfeld-Spur durch das Korpus: «Angst» (A7, A11), «Bauch statt Kopf» (A3 rekonstr.), «Was man nicht kennt, macht Angst» (Cluster A11), «latente Angst» (Brutschin, A11), «Schönfärberei» (als zugeschriebener Vorwurf, A21), «wie Gift» (A26). Demgegenüber steht das rationale Lexikon der Ja-Begründung — «Lohndumping», «Platzmangel im Zug» (A12), «Portemonnaie» (A11), Steuerungswunsch, Dichte —, das ebenfalls vorkommt, aber stets als das Erkämpfte, nicht als das Geschenkte.
Der entscheidende Test ist die Symmetrieprobe: Wird die Nein-Seite je im Affektregister erzählt? Kaum. Die Verlierer sind «besorgt» (A12: Spitäler), «ratlos» (A12: Hoteliers), «nachdenklich» (A5: Leuba) — durchweg sympathische, vernunftnahe Emotionen. Angst haben die Sieger; Sorge haben die Verlierer. Das ist die feinste, durchgehendste Asymmetrie des Lexikons.
Mechanismus 2: Die Dramaturgie des letzten Wortes
Wer zuletzt spricht, besitzt das Echo. Zwei Paradefälle:
A18 (Blocher/«Welsche») baut die Architektur Provokation → Verteidigung → Verurteilung. Blochers Reizsatz steht im Aufmacher; Brunners erläuternde Verteidigung klemmt in der Mitte; das Schlusswort gehört der staatstragenden Zurechtweisung durch Bundespräsident Burkhalter. Verstärkend: Die Verurteilung spricht nicht mit der Stimme einer Gegenpartei, sondern mit der des Staates, bei offiziellem Anlass. Die Verteidigung ringt mit Parteigewicht, die Anklage mit Staatsgewicht.
A21 (Arena) inszeniert einen regelrechten Knockout. Das Protokoll markiert Brunners Vorschlag (Kurzaufenthalter ohne Familiennachzug) ausdrücklich als Eigentor — «damit hatte Brunner bei Levrat einen wunden Punkt getroffen» —, woraufhin Levrats moralischer Höhepunkt (Glencore-Rohstoffhändler vs. Bündner Kellner, «keine Menschen erster und zweiter Klasse») breit und ungeteilt ausgespielt wird. Brunner erhält keine ausgespielte Replik; der Treffer steht. Das Format sicherte allen vier Präsidenten den Platz — der Protokollant entschied den Schlagabtausch.
Mechanismus 3: Die Würde-Verteilung durch Verben und Etiketten
Regie-Verben und Adjektive sind nie neutral. In A21: Müller ist «emotionslos, dafür aber lösungsorientiert», die SVP setzt «Duftmarken», Levrat «kontert», Brunner liefert «Steilvorlagen». In A12: die Hoteliers «ratlos», die Mehrheit hat «andere Gründe». In A5: der «nachdenkliche» Leuba gegen den «jubilierenden» Freysinger.
Die Probe: Wer bekommt das Substantiv der Vernunft («Lösung», «Augenmass», «Bedacht») und wer das der blossen Markierung («Duftmarke», «Reizthema», «Polemik»)? Die Verteilung folgt nicht der Argumentqualität, sondern der Milieunähe.
Mechanismus 4: Das Framing-Wort
Einzelne Partikel tragen ganze Perspektiven. Das «trotz» in A12 (Ja trotz Tourismus) unterstellt ein Paradox, wo aus Wählersicht ein «weil» stünde — die Initiative wegen, nicht trotz der wirtschaftlichen Erfahrung. Das «Debakel» in A14 ist Katastrophenvokabular der Redaktion, vom eigenen Kronzeugen widerlegt. Das «Gift» in A26 hebt das schärfste O-Wort dreier Betroffener in die Schlagzeile. Keines ist eine Lüge; jedes ist eine Setzung, die dem Leser eine Wertung vorab serviert.
Mechanismus 5: Die Cluster-Architektur
Der subtilste, weil niemand ihn «entscheidet». Die «Mehr zum Thema»-Verkettungen verstärken regelmässig genau die Richtung, die der sorgfältige Einzeltext gerade differenziert hatte. A11 differenziert das Stadt-Land-Muster — der Cluster reiht «Europa ist not amused» und «Was man nicht kennt, macht Angst». A17 zeigt eine lagersprengende Stimme — der Cluster führt brav die Verdichtungslinie weiter. Der einzelne Autor differenziert; die Architektur des Hauses re-homogenisiert. Das ist Bias durch Struktur, nicht durch Absicht — und vielleicht der unheimlichste, weil er ohne Urheber auskommt.
IV. Die Achse hinter der Achse: kein Links-Rechts-Bias
Der eigentliche Ertrag der Analyse liegt in der Einsicht, dass die Schlagseite nicht der Parteilinie folgt. Sie folgt drei anderen Achsen, die ich nun einzeln prüfe.
4.1 Bias nach Akteurstyp
Die unterlassene kritische Nachfrage trifft beide politischen Seiten — solange der Sprecher eine institutionelle Autorität ist, die ins redaktionelle Vertrauen passt. Eine Ja-stützende Verbandszahl (A2, «Mittelstand unter Druck») läuft ungeprüft durch; aber ebenso die Nein-stützenden Verbandsklagen in A10 (Gewerbe, Spitäler: «jeder zweite Arbeitsplatz hängt an Europa») und die Forscher-Klage in A26. Spricht eine vertraute Autorität, wird durchgewunken; stört sie (A14, A22, A28), wird geprüft. Der Trennstrich verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen vertrauter Institution und störender Macht.
4.2 Bias nach Milieu-Anschlussfähigkeit
Der entlarvendste Einzelbefund ist A17. Rodewalds weitreichende These — «weniger Reichtum ist wünschbar», bewusste Wachstumsdämpfung als Gut — steht vollkommen unwidersprochen. Niemand hält dagegen: kein Ökonom, kein Gewerkschafter (Wachstumsverzicht trifft zuerst die unteren Löhne). Die Gegenprobe ist eindeutig: Käme derselbe Satz aus konservativem Mund, wäre die Gegenstimme gewiss beigegeben worden. Die These passiert nicht, weil sie «links» ist, sondern weil sie ans ökologische Selbstverständnis des Hauses anschliesst. Bias ist hier nicht Parteinahme, sondern das Fehlen von Reibung gegenüber dem Vertrauten. Selbst die Satire (A27, Leuenberger) verortet ihre Pointe wie selbstverständlich aufseiten der Skeptiker — der Witz funktioniert nur, wenn das Publikum die Initiative bereits als überzogen empfindet.
4.3 Bias nach Textsorte — die belastbarste Korrelation
Dies ist der stärkste, weil systematischste Befund. Die Schlagseite variiert nicht zufällig, sondern regelhaft mit der Gattung:
GattungBeispieleVerhaltenDrahtmeldungA16, A19, A29diszipliniert, attribuiert, entdramatisiert teils selbstBehörden-/RegionalberichtA24, A25nüchtern, faktenchronikalischStudio-/Konzern-InterviewA13, A14, A22prüft nach oben, markiert PrognosenErklärstückA15Primärquelle, offene Deutung — VorbildInland-PresseschauA8ausgewogen, volle BandbreiteAuslands-PresseschauA7kippt ins AffektregisterHintergrund-ReportageA5, A11, A12, A26analytisch reich, aber subtil gerahmtKontroversen-BerichtA18Sandwich-DramaturgieStreitgespräch-ProtokollA21Regie-Bias in der Nacherzählung
Das Muster ist deutlich: Wo Zeit, Handwerk und Distanz herrschen (Drahtmeldung, Interview, Erklärstück), siegt die Fairness. Wo Tempo, Affekt und Dramaturgie regieren (Schnellschuss, Presseschau-Schlagzeile, Protokoll), siegt das vertraute Narrativ. Die Schlagseite wohnt nicht im Kopf eines tendenziösen Redaktors. Sie wohnt in der Hektik und Konvention der Form.
V. Das Kapitel des Abwesenden
Die schwierigste Ebene jeder Medienanalyse ist die Leerstelle — das, was nicht gefragt wird. Vier systematisch ungestellte Fragen ziehen sich durchs Korpus:
Die Fachkräfte-Differenzierung. In A10, A20, A22 wird der Satz «wir brauchen weiterhin ausländische Fachkräfte» als Faktum gesetzt — ohne die naheliegende Wendung, dass Kontingente für nachgewiesenen Bedarf ja gerade offenbleiben könnten. Die Initiative verbietet nicht Fachkräfte; sie verlangt ihre Steuerung. Diese Unterscheidung unterbleibt fast durchgängig auf der Wirtschaftsseite — eine strukturelle Leerstelle zugunsten der Klage.
Die Horizon-Kausalität (A26). Hängt die Forschungs-Assoziierung rechtlich an der Personenfreizügigkeit, oder ist sie ein separates politisches Faustpfand, das Brüssel als Druckmittel wählte? A26 reicht die Gleichung «Initiative = Forschungsschaden» durch, ohne die Zwischenglieder zu prüfen. Die Klage dreier Forscher wird zur Kausalkette geadelt.
Die empirische Substanz hinter der Provokation (A18). Hinter Blochers herabwürdigender Formulierung steckt eine messbare Tatsache: Die Romandie stimmt in Europafragen seit Jahrzehnten anders. Der Bericht verengt den Vorgang auf die moralische Achse (darf man das sagen?) und lässt die analytische (warum stimmt die Romandie anders?) liegen — obwohl A5 und A11 sie andernorts beherrschten.
Die Gegenstimme zum Wachstumsverzicht (A17). Siehe 4.2 — die grösste inhaltliche Leerstelle, weil hier eine weitreichende politische These ohne jede Reibung passiert.
Das Abwesende ist kein Zufall. Es folgt demselben Gesetz wie das Anwesende: Geprüft wird das Störende, durchgewunken das Vertraute.
VI. Der Bogen — was die Zeitachse korrigiert
Hätte das Korpus im Februar 2014 geendet, wäre das Urteil «dramaturgisch parteiisch gegen die Mehrheit» berechtigt. Aber es endet nicht dort — und der Zeithorizont dreht den Befund.
Über zweieinhalb Jahre wandert die Geschichte von «der schockierende Entscheid» zu «die institutionelle Umsetzung» — und mit ihr wandert die kritische Stossrichtung. Der Schlüsseltext ist A28, das Q&A vom Dezember 2016 mit dem hauseigenen Bundeshausredaktor. Dort steht, eigens als Blockzitat herausgehoben, der schärfste Satz der ganzen Serie: «Das Parlament würde bewusst gegen die Bundesverfassung verstossen.» Und im Schluss, in der Redaktionsstimme: Das «Modell Müller» erfülle den Volksauftrag «ganz klar nicht»; das Parlament umgehe die Verfassung «aus Angst, das Abkommen mit der EU zu gefährden».
Das ist eine unmissverständliche Parteinahme — für die Integrität des Mehrheitsentscheids, gegen dessen elegante Verwässerung durch die Elite. Kein SVP-Politiker hätte es schärfer formulieren können. Und die Feinheit verdient höchste Beachtung: Burkhardt schreibt der Parlamentsmehrheit ein Motiv zu — «aus Angst» vor Brüssel —, also genau jene rationale Abwägung, die in der Frühphase den Ja-Wählern als blosses Bauchgefühl ausgelegt wurde. Das Affektlexikon wechselt den Adressaten. Was 2014 der Mehrheit als Affekt angelastet wurde, wird 2016 den Umsetzern als kühles Kalkül attestiert. Die Angst wandert vom Stimmvolk zur politischen Klasse.
Damit fügt sich ein Bild, das differenzierter ist als links oder rechts. Der rote Faden ist eine Haltung zur Macht und zum Vertrauten: Geprüft wird am schärfsten dort, wo eine Autorität etwas wegverhandelt oder beschönigt — der Konzernchef (A22), der Verband (A14), das Parlament (A28). Verschont wird dort, wo eine Stimme aus dem eigenen Wertemilieu spricht — die Forschung (A26), die Ökologie (A17), die urbane Wirtschaft (A20). Die Schlagseite ist keine Parteilinie. Sie ist die ungleiche Verteilung der journalistischen Reibung: viel Widerstand gegen das Ferne und Mächtige, wenig gegen das Nahe und Vertraute.
Bilanz der Verteilung: Von 24 inhaltlich beurteilbaren Texten sind 9 sauber bis vorbildlich (A8, A13, A15, A16, A19, A22, A25, A29 sowie das prüfende A14), 4 ausdrücklich starke Gegenbelege zur Bias-These (A13, A15, A22, A28), und rund 8 tragen eine erkennbare Schlagseite der dritten Ebene (A5, A7, A10, A18, A21, A26 deutlich; A11, A12 nur in Nuancen). Kein einziger trägt eine Schlagseite der ersten Ebene.
VII. Schlussurteil
Wie also lautet das Verdikt über diese 29 Texte?
Nicht: «Der Sender hat gelogen.» Das ist falsch und durch sechs Beweisstücke widerlegt. Er hat keine Zahl gefälscht, keine Gegenstimme erstickt, mehrfach mutig nach oben geprüft — gegen Konzernchefs, gegen den mächtigsten Wirtschaftsverband, am Ende gegen das Parlament selbst.
Sondern: «Der Sender hat die Fakten respektiert und die Regie geführt.» Durch Affektlexikon, Dramaturgie, Würde-Verteilung, Framing-Wort und Cluster-Architektur gab er — in der Frühphase — dem unterlegenen, urban-europafreundlichen, dem eigenen Milieu nahen Selbstverständnis das wärmere Licht, das letzte Wort und den geringeren Widerstand. Die Mehrheit kam zu Wort, aber öfter als Objekt der Erklärung denn als Subjekt mit eigenem Recht; öfter im Register der Angst denn der Vernunft; und fast immer mit der Gegenrede im Nacken, während das vertraute Lager sie seltener zu fürchten hatte.
Über die volle Zeitachse aber erweist sich dieser Sender als das, was man von einem öffentlich-rechtlichen Apparat im besten Fall erhoffen darf. Handwerklich ist er fair: Fakten stimmen, Primärquellen werden zitiert, Prognosen als Prognosen markiert, Autoritäten konfrontiert. Atmosphärisch ist er parteiisch — nicht für eine Partei, sondern für ein Weltbild: für Offenheit, Wachstum, Europa, die Vernunft der Experten — und gegen die Affekte, die er der Mehrheit zunächst unterstellt, ehe er, Jahre später, dieselbe Mehrheit gegen ihre Verwässerer verteidigt.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, im Adverb — und sie liegt jetzt auch in der Zeitachse. Wer nur die erste Februarwoche 2014 liest, sieht einen Sender, der mit der Mehrheit fremdelt. Wer bis Dezember 2016 liest, sieht einen Sender, der sich schützend vor ihren Entscheid stellt. Die Schlagseite war real — aber sie war eine Schlagseite des Moments, der Form und des Milieus, nicht des Charakters.
Das ist das mildeste und zugleich genaueste Urteil, das dieses Korpus zulässt:
Kein Propagandist, kein neutraler Spiegel, sondern ein Akteur mit Werten, dessen Fairness mit der Sorgfalt der Gattung wächst und mit der Nähe zum eigenen Milieu schrumpft — und dessen kritischer Blick sich, wenn man ihm nur genug Zeit lässt, am Ende gegen jede Macht wendet, auch die genehme.
Es ist keine Verzerrung der Fakten. Es ist die feinere Schlagseite der Regie — und sie ist genau deshalb so wirksam, weil sie sich nie an einer einzelnen Lüge festmachen lässt, sondern erst im Klang der Summe hörbar wird. Wer dem Sender Propaganda vorwirft, überschätzt ihn. Wer ihm völlige Neutralität bescheinigt, hat nur die Einzeltexte gelesen und nicht den Chor gehört.
Quellen
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